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Historisch-kritische Theologie u. Bibel PDF Drucken E-Mail

 Eta Linnemann

Original oder Fälschung

Historisch-kritische Theologie im Licht der Bibel

 

Anmerkungen zum Studium

Der Glaube
der Theologie
der historisch-kritischen Theologie
und die Theologie des Glaubens

Die Denkweise der historisch-kritischen Theologie

Exkurs: Verführungen

Die Bibel und der moderne Mensch

Gottes Wort

Einleitung

»Warum sagen Sie NEIN zur historisch-kritischen Theolo­gie?« Diese Frage wurde mir gestellt und ich möchte vorab auf sie antworten: Mein NEIN zur historisch-kritischen Theo­logie entspringt dem JA zu meinem wunderbaren Herrn und Heiland Jesus Christus und zu der herrlichen Erlösung, die Er auf Golgatha auch für mich vollbracht hat.

Als Schülerin von Rudolf Bultmann und von Ernst Fuchs, von Friedrich Gogarten und Gerhard Ebeling habe ich die besten Lehrer gehabt, welche die historisch-kritische Theologie mir bieten konnte. Auch sonst war ich keineswegs zu kurz ge­kommen: Mein erstes Buch erwies sich als ein Bestseller. Ich wurde ordentliche Professorin für Theologie und Methodik des Religionsunterrichtes an der Technischen Universität in Braunschweig. Aufgrund meiner Habilitation ernannte man mich zur Honorarprofessorin für Neues Testament an der theologischen Fakultät der Philipps-Universität in Marburg und nahm mich als Mitglied in die Society for New Testament Studies auf. Ich durfte mich der zunehmenden Anerkennung durch meine Kollegen erfreuen.

Geistig beheimatet in der historisch-kritischen Theologie, war ich fest davon überzeugt, mit meiner theologischen Arbeit Gott einen Dienst zu tun und einen Beitrag zu leisten zur Verkündigung des Evangeliums. Dann aber mußte ich – aufgrund von Einzelbeobachtungen und -informationen ebenso wie aus Selbsterkenntnis – einsehen, dass bei dieser »wissenschaftlichen Arbeit am Bibeltext« unter dem Strich keine Wahrheit herauskommen kann und dass diese Arbeit der Verkündigung des Evangeliums nicht dient.

Damals war das nur eine praktische Erkenntnis, aus Erfahrun­gen gewachsen, die ich nicht länger wegzuleugnen vermochte. Inzwischen hat mir Gott durch Seine Gnade und Sein Wort auch theoretische Einsicht gegeben in den Charakter dieser Theologie: Anstatt im Worte Gottes gegründet zu sein, hat sie Philosophien zu ihrem Fundament gemacht, welche sich entschieden haben, Wahrheit so zu definieren, dass Got­tes Wort als Quelle der Wahrheit ausgeschlossen und der Gott der Bibel, der Schöpfer Himmels und der Erde und Vater unseres Heilandes und Herrn Jesus Christus auf der Grund­lage dieser Voraussetzung nicht denkbar ist.

Heute darf ich erkennen, dass sich in dem Monopolcharakter und der weltweiten Verbreitung der historisch-kritischen Theologie Gottes Gericht vollzieht (Röm 1,18 ff.). Gott hat es in Seinem Wort vorhergesagt: »… es wird eine Zeit sein, da sie gesunde Lehre nicht ertragen können, sondern nach ihren eigenen Lüsten selbst Lehrer aufhäufen, weil es ihnen in den Ohren kitzelt« (2Tim 4,3). Er hat auch verheißen, dass er »eine wirksame Kraft des Irrwahns« sendet, »dass sie der Lüge glauben« (2Thes 2,11).

Gott ist nicht tot; Er hat auch nicht abgedankt, sondern Er regiert und Er vollzieht bereits das Gericht an denen, die Ihn für tot erklären oder als einen Götzen deklarieren, der weder Gutes noch Böses tut.

Heute weiß ich, dass ich jene anfänglichen Einsichten der vor­laufenden Gnade Gottes verdanke. Zunächst aber führten sie mich in eine tiefe Frustration, auf die ich mit Abgleiten in Süchte reagiert habe. Ich versuchte, mich zu betäuben; ich wurde ein Sklave des Fernsehens und geriet in zunehmende Abhängigkeit vom Alkohol.

Als ich vor dem Hintergrund eigener bitterer Erfahrung die Wahrheit des Bibelwortes erkennen konnte: »Wer sein Leben gewinnen will, der wird es verlieren« (Mt 10,39), führte Gott mich zu lebendigen Christen, die Jesus persönlich als ihren Herrn und Heiland kennen. Ich durfte ihre Zeugnisse hören, in denen sie berichteten, was Gott in ihrem Leben getan hat. Schließlich sprach Gott selber durch das Wort eines Bruders zu meinem Herzen und durch Seine große Gnade und Liebe habe ich mein Leben Jesus übergeben.

Er hat es sogleich in Seine Heilandshände genommen und damit angefangen, es radikal zu verändern. Ich wurde frei von der Sucht, war hungrig und durstig nach Seinem Wort und nach Gemeinschaft mit Christen und ich durfte Sünde klar als Sünde erkennen, für die ich bisher nur Entschuldigun­gen gehabt hatte. Ich kann mich noch an die herrliche Freude erinnern, als zum ersten Mal Schwarz wieder Schwarz und Weiß wieder Weiß für mich wurde und aufhörte, zu einem unterschiedslosen Grau ineinanderzufließen.

Etwa einen Monat nachdem ich mein Leben Jesus übergeben hatte, wurde ich von Gott überführt, dass Seine Verheißungen Realität sind. Ich hörte den Bericht eines Wycliff-Missionars, der in Nepal diente. Er teilte mit, dass sein Sprachhelfer während seiner Abwesenheit ins Gefängnis gekommen war, weil es in Nepal verboten ist, Christ zu werden und was dieser junge Christ bei der Gerichtsverhandlung gesagt hatte. Auf­grund von früheren Berichten, in denen ich von diesem Sprachhelfer gehört hatte, war mir augenblicklich klar, dass er diese Antwort niemals aus seinem eigenen Vermögen hätte geben können. Markus 13,9-11 drängte sich in mein Bewußtsein – ein Wort, das ich bisher nur mit akademischem Interesse zur Kenntnis genommen hatte – und ich konnte nicht umhin, zuzugeben, dass diese Verheißung hier erfüllt war.

Schlagartig wurde ich davon überführt, dass Gottes Ver­heißungen Realität sind, dass Gott ein lebendiger Gott ist und dass Er regiert. »Denn so er spricht, so geschieht’s; so er gebeut, so steht’s da« (Ps 33,9). Alles, was ich in den Mona­ten vorher an Zeugnissen gehört hatte, fügte sich in diesem Augenblick wie Puzzle-Stücke ineinander und mir wurde meine Torheit bewußt, angesichts dessen, was Gott heute tut, zu behaupten, die Wunder, welche im Neuen Testament berichtet werden, seien »nicht passiert«. Schlagartig wurde mir klar, dass ich für meine Studenten ein blinder Blinden­leiter gewesen war und ich tat Buße darüber.

Etwa einen Monat danach stand ich – ohne Zutun von Men­schen, allein in meinem Kämmerlein – vor der Entscheidung, entweder die Bibel weiter durch meinen Verstand zu kontrol­lieren oder mein Denken durch den Heiligen Geist verwan­deln zu lassen.

An Johannes 3,16 wurde mir diese Entscheidung klar, denn ich hatte inzwischen die Wahrheit dieses Wortes erfahren. Es machte jetzt mein Leben aus, was Gott für mich und für die ganze Welt getan hat – seinen lieben Sohn dahinzugeben. Das konnte ich nicht mehr als ein unverbindliches Theologu­menon eines – mehr oder weniger – von der Gnosis beeinflußten theologischen Schriftstellers beiseite schieben. Auf Gottes verbindlicher Zusage kann der Glaube ruhen. Theolo­gische Sätze sind nur von akademischem Interesse.

Durch Gottes Gnade durfte ich dann Jesus als den erfahren, dessen Name über alle Namen ist. Ich durfte erkennen, dass Jesus Gottes Sohn ist, von der Jungfrau geboren, dass Er der Messias und Menschensohn ist und Ihm solche Titel nicht durch menschliche Überlegungen beigelegt wurden. Ich durfte die Inspiration der Heiligen Schrift zunächst erkennen und dann auch lebendig erfahren.

Ich habe – nicht durch Reden von Menschen, sondern durch Zeugnis des Heiligen Geistes im Herzen – klare Erkenntnis, dass mein verkehrtes Lehren Sünde war und bin froh und dankbar, dass mir diese Sünde vergeben wurde, weil JESUS sie ans Kreuz getragen hat. Deshalb sage ich NEIN zur historisch-kritischen Theologie.

Nach wie vor erachte ich alles, was ich gelehrt und geschrie­ben habe, bevor ich Jesus mein Leben übergab, für einen Dreck. Ich möchte die Gelegenheit benutzen, um darauf hin­zuweisen, dass ich meine beiden Bücher »Gleichnisse Jesu …« und »Studien zur Passionsgeschichte« samt meinen Beiträgen in Zeitschriften, Sammelbänden und Festschriften verworfen habe. Was sich davon in meiner Wohnung befand, habe ich 1978 eigenhändig in den Müll getan und bitte Sie herzlich, mit dem, was sich davon etwa noch auf Ihrem Bücherbord findet, das Gleiche zu tun.

Dr. Eta Linnemann, Prof. i.R. -  5. Juli 1985

 

Anmerkungen zum Studium der historisch-kritischen Theologie

Vorbemerkung: An der Formulierung des Themas wurde An­stoß genommen. Man hat gesagt, es müsse heißen: Anmerkungen zum Studium der historisch-kritischen Methode.

Dazu ließe sich manches sagen; ich möchte mich jedoch auf zwei Bemerkungen beschränken:

1. Die Formulierung »historisch-kritische Theologie« hält sich durchaus im Rahmen des allgemeinen Sprachgebrauchs.

Wenn jemand zum Beispiel erzählt, dass er zu einer Kneippkur fährt, dann weiß man, was er dort verordnet bekommt: Was­sertreten, Kniegüsse und Ähnliches mehr. Exakt müßte es frei­lich heißen: Er fährt zu einer Kur, in der er nach den weiland von Pfarrer Kneipp gefundenen Methoden behandelt wird. Jeder weiß, dass eine Kneippkur nach diesen Methoden er­folgt und sich gerade darin von anderen Kuren unterscheidet.

Ebenso ist es in der Theologie. Die Theologie, wie sie heute rings um den Erdball an den meisten Universitäten gelehrt wird und die ganz gewiß in Deutschland an den staatlichen Universitä­ten das Monopol hat und den Alleinvertretungsanspruch erhebt, basiert auf der historisch-kritischen Methode. Diese ist nicht nur Grundlage in den exegetischen Disziplinen. Sie entscheidet auch darüber, was der Systematiker sagen kann und was man ihm abnimmt und wie man in Katechetik, Homiletik und Ethik vorzugehen pflegt. Vielleicht ist das denen, die darin leben, gar nicht so bewußt. Das Historisch-kritische hat wirklich – wie ein Sauerteig den Teig – die gesamte Universitätstheologie durchdrungen. Wenn man aber ständig mit Sauerteig arbeiten muß, nimmt man den Geruch wahrscheinlich gar nicht mehr wahr.

2. Meine früheren Kollegen, mit denen ich bei den Meetings der Society for New Testament Studies Gemeinschaft hatte, würden sich streng dagegen verwahren, wenn man sie als historisch-kritische Methodiker einstufen würde anstatt als Theologen. Denn sie selber verstehen sich als Theologen und wollen als solche ernst genommen werden. Dann ist es aber doch wohl nicht verkehrt, ihre Arbeit als historisch-kritische Theologie anzusprechen und nicht bloß von historisch-kritischer Methode zu reden.

Es ließe sich gewiß noch mehr dazu sagen. Aber lassen wir es dabei bewenden und kommen zur Sache.

 

A. Der Grundansatz der Theologie als Wissenschaft

1. Es wird geforscht, ut si Deus non daretur, d.h. die Realität Gottes wird von vornherein theoretisch ausgeklammert, auch wenn die Forscher einräumen, dass er sich in seinem Wort bezeugen könne.

2. Der Maßstab, an dem alles gemessen wird, ist nicht Gottes Wort, sondern das Prinzip der Wissenschaftlichkeit. Aus der Schrift entnommene Angaben über Ort und Zeit, Handlungs­abläufe und Personen werden nur soweit akzeptiert, wie sie sich mit den anerkannten Unterstellungen und Theorien in Einklang bringen lassen. Alles übrige wird als »unwissen­schaftlich« abgewiesen. Die Wissenschaftlichkeit ist zum Götzen geworden.

3. Voraussetzung der wissenschaftlichen Theologie ist die Einordnung der Bibel

und des christlichen Glaubens in die Vergleichsebene mit anderen Religionen und ihren heiligen Schriften. Auch da, wo man das Besondere des Christentums betont, ist die allgemeine religionswissenschaftliche Einord­nung die Grundvoraussetzung. Diese Vergleichsebene ist aber keine Tatsache, keine Gegebenheit, sondern sie ist eine Abstraktion, ein Kunstgebilde, das man gewonnen hat auf­grund der Abwendung vom lebendigen Gott. (Wer Theologie studiert, wird zwangsläufig mit seinem Denken auf den Boden dieser lügenhaften Unterstellung versetzt.)

4. Der Begriff »Heilige Schrift« wird religionsgeschichtlich relativiert:

Da auch andere Religionen ihre heiligen Schriften hätten, könne man nicht von vornherein davon ausgehen, dass die Bibel die Heilige Schrift sei. Deshalb wird mit ihr umgegangen wie mit jedem anderen Buch. Man macht kei­nen Unterschied in der Untersuchung der Bibel und der Untersuchung der Odyssee, wenngleich man in solcher Untersuchung Unterschiede zwischen beiden feststellt.

Gerade im Feststellen solcher Unterschiede meint man der Verkündigung des Evangeliums einen Dienst zu tun. Man übersieht dabei, dass man in solchem Vergleichen das Wort Gottes zu religiösen Vorstellungen und theologischen Be­griffen reduziert und dadurch aus dem lebendigen Wort einen toten Buchstaben macht. Erst auf der Kanzel wird das offenbar, wenn der Prediger sich vergeblich darum bemüht, diesen toten Buchstaben zum Reden zu bringen und schließ­lich versucht, ihm mit Hilfe von Psychologie, Soziologie, So­zialismus und anderen -ismen Leben einzuhauchen.

5. Man geht mit der Bibel nicht so um, dass man sie als Got­tes Wort respektiert.

a) Es wird unterstellt, dass Bibelwort und Gotteswort nicht identisch sind. Das, was zwischen den beiden Buchdeckeln des Bibelbuches an Gedrucktem stehe, sei an und für sich noch nicht Gottes Wort. Gottes Wort sei es lediglich dann, wenn es sich je und dann beim Lesen oder im Hören der Pre­digt als solches erweise.

b) Man spielt das Neue Testament gegen das Alte aus, bis hin zu der Unterstellung, dass der Gott des Neuen Testaments nicht derselbe sei, denn Jesus habe einen neuen Gottesbegriff gebracht. Paulus wird gegen Jakobus ausgespielt. Es wird auch behauptet, der Paulus der Apostelgeschichte sei nicht vereinbar mit dem Paulus, der die Briefe an die Römer, Korinther, Galater usw. geschrieben habe. Der Apostelge­schichte wird vielfach nur literarischer Wert zuerkannt. Als Berichterstatter wird Lukas ebensowenig ernst genommen wie als Theologe; ja, seine »Theologie«, die man anstelle einer treuen Wiedergabe des Geschehenen in jedem Satz ver­mutet, wird geradezu als negatives Paradebeispiel herausge­stellt. Mit grotesken literarkritischen Methoden, die sich sofort ad absurdum führen ließen, wenn man sich nur einmal daran machte, sie auf das biografisch überschaubare Werk eines Dichters oder eines Theologen – sagen wir Johann Wolfgang von Goethe oder Karl Barth – anzuwenden, wur­den für die Pastoralbriefe und für den Epheser- und Kolosser­brief Behauptungen der Unechtheit aufgestellt und werden unbesehen von einer Theologengeneration an die nächste überliefert. Unterschiede zwischen einzelnen Büchern der Heiligen Schrift werden aufgebauscht und als Unvereinbar­keiten hochgespielt.

c) Da man nicht an die Inspiration der Schrift glaubt, kann man nicht annehmen, dass die einzelnen Bücher der Schrift sich ergänzen. Man findet durch dieses Vorgehen in der Bibel nur noch ein paar Hände voll unverbundener schriftstelleri­scher Erzeugnisse. Man räumt zwar ein, dass sich in ihnen der Glaube ihrer Verfasser bezeugt, aber man will nicht sehen, dass sich in ihnen der bezeugt, an den diese Verfasser glau­ben. Anders gesagt, man läßt sie nicht als Offenbarung gel­ten. Sie werden nur als schriftstellerische und theologische Erzeugnisse betrachtet. Als solche – zwei- bis dreitausend Jahre alt, von antiken Verfassern für antike Leser geschrieben, in Verhältnissen, die nach historisch-kritischer Untersuchung angeblich völlig anders als die unsern sind, bescheinigt man ihnen, alles andere als aktuell zu sein.

d) Um dem Anspruch der Verbindlichkeit gerecht zu werden, den der Kanon für die Kirche hat und natürlich auch zur eige­nen Orientierung, sucht man nach dem »Kanon im Kanon«.

Für einige bleibt nicht viel mehr übrig als Römer 7, der barm­herzige Samariter, Lukas 10 und das »Gleichnis vom Weltge­richt«, Matthäus 25. Bei anderen fällt dieser »Kanon im Kanon« breiter aus. An diesem Maßstab wird dann die ganze Bibel gemessen und es wird – ausgesprochen oder unausge­sprochen – Sachkritik getrieben. Mit dem Römerbrief wird der Jakobusbrief abgewertet; vom paulinischen Glaubensver­ständnis wird 1. Korinther 15,5-8 kritisiert: Paulus sei hier nicht auf der Höhe seiner Theologie, da er von der Auferste­hung Jesu wie von einer historischen Tatsache rede.

e) Da man in den biblischen Büchern nur Erzeugnisse theolo­gischer Schriftsteller sieht, wird das einzelne Bibelwort zu einem unverbindlichen »Theologomenon«. Johannes 3,16 zum Beispiel ist demnach nur eine theologische Aussage eines urchristlichen Theologen, der gegen Ende des 1. Jahrhun­derts sein Evangelium geschrieben hat und der entweder Gnostiker (d.h. ein Häretiker) war oder die Gnosis mit Hilfe ihres Vokabulars bekämpfte oder nur mehr oder weniger von der Gnosis – einer antichristlichen, teilweise auch pseudo­christlichen Heilslehre – beeinflußt wurde. Anders gesagt: Für die historisch-kritische Theologie ist Johannes 3,16 keine verbindliche Heilszusage Gottes, sondern nur eine unver­bindliche Menschenmeinung.

In gleicher Weise verfährt man mit sämtlichen Gottesver­heißungen in der Bibel, obwohl sie doch nach Gottes Wort »Ja« und »Amen« in Jesus Christus sind (2Kor 1,20).

6. Die Heilige Schrift wird als »Text« verstanden, welcher der Auslegung bedarf.

Der unmittelbare Zugang zur Schrift wird zwar nicht bestrit­ten, aber er wird in Frage gestellt als subjektive, nur für den Auslegenden selbst verbindliche »existentielle Interpreta­tion« und ohne einen vorherigen Durchgang durch die historisch-kritische Interpretation allein im Privatgebrauch für zulässig erklärt.

Verantwortliche Auslegung für andere, z.B. in Predigt und Unterricht habe »methodisch«, nach Regeln, zu erfolgen, damit sie kontrollierbar sei. Der Heilige Geist, der weht, wo er will, wird beiseitegestellt, »weil kein Mensch jederzeit garan­tieren könne, dass er ihn hat« (so Rudolf Bultmann). An seine Stelle wird die Auslegungsmethode gesetzt, welche die Objektivität der Auslegung und ihre Angemessenheit an den Bibeltext garantieren soll.

Doch, der im Himmel sitzt, spottet ihrer. Abgesehen von eini­gen Grundannahmen und der Übereinstimmung in den Methoden kann man sicher sein, dass da, wo sich zwei Theo­logen über Ergebnisse ihrer Arbeit austauschen, in der Regel zwei verschiedene Meinungen zutage treten. Wo dagegen Bibellehrer, die Gottes Wort wörtlich nehmen, im Vertrauen auf den Heiligen Geist mitteilen, was sie empfangen haben, wird man immer wieder die Einheit im Geist und die Überein­stimmung in der Lehre feststellen können – quer durch Kon­fessionen, Kontinente und Zeitalter.

7. Der nicht erklärte, aber praktizierte Grundsatz alttesta­mentlicher und neutestamentlicher Wissenschaft ist: So, wie es dasteht, kann es auf keinen Fall gewesen sein. Der Exeget ist darauf eingestellt, »Schwierigkeiten« im »Bibeltext« zu entdecken und zu lösen. Je besser der Ausleger ist, umso größer wird seine Findigkeit darin sein. Denn wenn er als Pro­fessor etwas taugen will, muß er sich »einen Namen machen«. Dazu ist er verpflichtet, wenn er nicht ein Dieb sein will, der sein Professorengehalt umsonst bezieht. Er ist in der Zwangslage: Er muß nach Menschenehre trachten, auch wenn er charakterlich alles andere als ehrsüchtig ist. Dem Charakter nach sind die meisten meiner früheren Kollegen weithin eher demütig und bescheiden, wie ich ihnen gerne bescheinige. Aber durch das System der Universitätstheolo­gie stehen sie unter dem Zwang, sich einen Namen zu machen und nach Menschenehre trachten zu müssen.

Unser Herr Jesus aber sagt: »Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander nehmt und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, nicht sucht?« (Joh 5,44).

Ein Theologiestudent, der dem Bedürfnis nach Anerkennung durch Menschen noch nicht gestorben ist, steht unter dem gleichen Druck. Kein Wunder, dass viele gläubige Theologie­studenten bald ernsthafte Glaubensschwierigkeiten haben. Oft ist es auch so, dass sie vom Glauben abdriften, ohne es selber wahrzunehmen. Es bleibt so einiges hängen von dem, was sie gelernt haben – wie sollte es anders sein? Dazu stu­dieren sie ja doch. Es werden Abstriche gemacht an Gottes Wort. Es wird ihm nicht mehr alles abgenommen, was er sagt und deshalb wird auch seine Kraft nicht mehr so erfahren. »Die Pastoralbriefe sind nicht von Paulus«, hat man gelernt; »der Verfasser des Johannesevangeliums ist natürlich nicht der Zebedaide Johannes«, »die 5 Bücher Mose sind nicht von ihm, sondern aus verschiedenen Quellen zusammengeschrie­ben«. Wer das im 6. Semester noch nicht gelernt hat, gilt als »bescheuert« und so wird der Weinberg von den kleinen Füchsen verwüstet. Das sieht alles so harmlos aus: Das sind doch alles nur Kleinigkeiten, nicht entscheidend für den Glau­ben, was hängt schon daran. Aber die Autorität des Wortes Gottes wird dadurch in Frage gestellt. Es verliert an Verbind­lichkeit und das macht sich bald dort bemerkbar, wo es uns unbequem wird. Lassen wir uns nicht beirren. Selbst ein Mau­seloch kann einen Deich gefährden. Wenn eine Sturmflut kommt, wird das offenbar.

8. Der kritische Verstand entscheidet in der historisch-kritischen Theologie darüber, was in der Bibel Realität ist und was es nicht sein kann und zwar aufgrund der alltäglichen, jedermann zugänglichen Erfahrung. Nur das wird als Tatsa­che genommen, was allgemein für möglich gehalten wird. Geistliches wird fleischlich beurteilt. Erfahrungen von Got­teskindern werden völlig ignoriert.

Es kommt aufgrund der Voraussetzungen, von denen man ausgeht, gar nicht in den Blick, dass der Herr, unser Gott, der Allmächtige, regiert. Man ist offensichtlich nicht einmal in der Lage, Wunder, die heute geschehen, zur Kenntnis zu neh­men, selbst wenn sie glaubhaft bezeugt und medizinisch nachgewiesen sind. Zumeist bekommt man sie gar nicht erst in den Blick, weil die Bücher, die solches zur Ehre des Herrn berichten, nur in Verlagen erscheinen können, deren Veröf­fentlichungen für den historisch-kritischen Theologen von vornherein und unbesehen »unter dem Strich« sind und als »Erbauungsliteratur« abgewertet werden.

9. Nach ihrem eigenen Selbstverständnis will die historisch­-kritische Theologie Hilfe zur Verkündigung des Evangeliums leisten durch eine Bibelauslegung, die wissenschaftlich zu­verlässig und objektiv ist. Es besteht jedoch ein ungeheuer­licher Widerspruch zwischen diesem Selbstverständnis und der Realität.

Dass die Verkündigung des Evangeliums durch einen solchen Umgang mit Gottes Wort nicht gefördert, sondern behindert

– wenn nicht gar verhindert – wird, das sollte nach dem Vor­angegangenen offenbar sein. Aber auch die Objektivität und wissenschaftliche Zuverlässigkeit der Schriftauslegung, die man unterstellt, ist keineswegs gegeben. Es stimmt nicht, dass anstelle subjektiver Eindrücke eine gegründete Wahr­heitsfindung durch Abwägen von Argumenten getreten sei.

a) Der Widerspruch von Theorie und Praxis, von Ideal und Wirklichkeit zeigt sich bereits im Umgang mit der einschlägi­gen Literatur. Der Theorie nach müßten alle einschlägigen, historisch-kritischen Veröffentlichungen zum Thema berück­sichtigt werden. In der Praxis erweist sich das angesichts der ständig wachsenden Literaturflut als unmöglich.

– Auf der Zeitlinie ist man deshalb zu einer mehr oder weni­ger willkürlichen Beschneidung genötigt. Der Schnitt wird entweder in das Jahr 1900 oder in das Jahr 1945 gelegt. Aus der Zeit von 1900 bis 1945 werden nur ausgewählte Klassiker der historisch-kritischen Theologie benutzt, aus der Zeit vor 1900 nur einige wenige Werke.

– Obwohl heute in allen Ländern und Erdteilen historisch­kritische Theologie betrieben wird, bleiben die Veröffent­lichungen dieser Theologen oft allein aus dem Grunde unberücksichtigt, weil sie in einer Sprache abgefaßt sind, die ihre Kollegen nicht beherrschen. Bereits das Französische stellt für viele angelsächsische und deutsche Forscher eine Sprachbarriere dar, die zu übersteigen eine Mühe macht, die man nur bei wichtigen Klassikern auf sich nimmt. Wer aber macht sich schon daran, die Sprachen zu lernen, um die Bücher neugriechischer, spanischer oder japanischer Kollegen zu studieren, um nur einige Beispiele zu nennen. Solche sprachlich nicht zugängliche Literatur bleibt für die Wahr­heitsfindung von vornherein unberücksichtigt.

– Vielfach gibt es obendrein noch Schwierigkeiten bei der Beschaffung der bekannten und sprachlich zugänglichen Literatur. Wartezeiten bei der Fernleihe können ein Viertel­jahr und länger sein. Ausdrücklich oder stillschweigend beschränkt man sich deshalb »auf die mir zugängliche Literatur«.

– Ein in jüngerer Zeit zunehmend angewandtes Hilfsmittel, um die Literaturflut einzudämmen, das besonders von Lin­guisten gerne gebraucht wird, ist die grundsätzliche Aus­klammerung der einschlägigen Literatur, welche nicht die gleichen Spezialmethoden verwendet.

– Mehr und mehr setzt sich die fragwürdige Technik durch, sich Literatur, deren intensive Bearbeitung eindeutig vom Thema her erforderlich wäre, dadurch vom Halse zu schaffen, dass man ein solches Buch in einer einzigen Anmerkung nennt und nach einer verzerrten Kurzdarstellung von weni­gen Zeilen so abfällig beurteilt, dass man damit eine weitere Bearbeitung ausschließt. Auf diese Weise erspart man sich eine Mühe, welche die eigene Veröffentlichung um Jahre ver­zögern würde. Angesichts der bestehenden Verhältnisse kann man das als Notwehr gelten lassen. Allerdings wird bei die­sem Verfahren übersehen, dass dadurch Bücher, welche von namhaften theologischen Fakultäten als Dissertationen oder Habilitationsschriften angenommen und somit gutgeheißen wurden, als indiskutabel hingestellt werden – ein Sachver­halt, der bisher anscheinend niemandem aufgegangen ist.

Als Ergebnis ist festzustellen, dass bereits die Praktiken der Literaturbenutzung die behauptete Objektivität der historisch-kritischen Theologie in Frage stellen.

b) Dass Wahrheitsfindung aufgrund von kritischen Argumen­ten stattfindet, ist eine Selbsttäuschung:

– Für entgegenstehende Hypothesen lassen sich in der Regel gleichgewichtige Argumente finden, wenn auch nicht beim selben Forscher. Entsprechend der Blickrichtung auf Figur oder Grund springt jedem das ins Auge, was seine eigene Unterstel­lung bestätigt. Werden gegnerische Argumente im eigenen Bezugsrahmen geprüft, erweisen sie sich zwangsläufig als schief. Eine solche Überprüfung führt deshalb in der Regel zur Erhärtung und Stabilisierung der eigenen These.

Die grundsätzliche Bereitschaft in der historisch-kritischen Bibelauslegung, die eigenen Thesen für überholbar zu halten und zur Diskussion zu stellen, bedeutet deshalb keineswegs, dass auf diesem Weg Wahrheit ermittelt würde.

Wo im Einzelfall eine Ansicht geändert wird – was besonders bei Forschern von Rang nicht allzu häufig vorkommt, werden sofort genauso gute Argumente für die neue Ansicht gefun­den, denn die Vernunft ist nun einmal eine Hure.

– In der Praxis des Umgangs der Forscher miteinander, abge­sehen von den Veröffentlichungen, herrscht das Beharren auf einmal gewonnenen Positionen vor. Auf die Zusendung von Sonderdrucken wird gerne geantwortet: »Ihre Ausführungen finde ich sehr interessant, aber ich kann mich ihnen nicht anschließen.« Gründe werden dafür nicht genannt. Das ist kein Charakterfehler, sondern in der Sachlage begründet: Der Professor muß in der Lehre ein verhältnismäßig breites Gebiet repräsentieren und soll in der Lage sein, aus dem Gesamtbereich alttestamentlicher oder neutestamentlicher Forschung Informationen aufzunehmen. Aber nur auf dem kleinen Spezialgebiet, das er zur Zeit bearbeitet, kann er sol­chen Fragen wirklich nachgehen. Aber selbst dort ist er durch frühere Forschungen bereits stark festgelegt, so dass die Auf­nahme neuer Gedanken ein unverhältnismäßig großes Maß an Neubearbeitung erfordern würde, das sich oft im Rahmen der übrigen Pflichten: Lehre, Verwaltungsarbeit, Betreuen von Examensarbeiten und Dissertationen, Arbeit an der Fer­tigstellung eigener Publikationen oder als Herausgeber von Zeitschriften u.a. gar nicht aufbringen läßt.

Die Aufnahme von neueren Forschungsergebnissen durch Forscher, welche sich bereits in einem breiten Bereich eine Meinung gebildet haben, wird dadurch zwangsläufig willkür­lich. Der »Name« des Verfassers einer Veröffentlichung und die »Schule«, welcher derselbe angehört, entscheiden viel­fach darüber, wie dieselben aufgenommen werden.

Unter diesen Voraussetzungen kann die behauptete Objekti­vität historisch-kritischer Bibelauslegung von vornherein unmöglich zustande kommen.

10. Unter der nachwachsenden Forschergeneration breitet sich vielfach Resignation in Bezug auf Wahrheit aus. Sie wird ausgemünzt in Theorien der Subjektivität. Eigentlich müßte sie das Ende wissenschaftlicher Arbeit in der Theologie mar­kieren, wird aber in dieser Weise nicht ernstgenommen. Man muß sich fragen, ob hier Wissenschaft als Selbstverwirkli­chung getrieben wird. Man darf aber auch nicht übersehen, dass das Verhältnis von Angebot und Nachfrage, das besteht, solange die Kirchen den Zugang zum Pfarramt in der Regel nur über das Studium an diesen theologischen Fakultäten freigeben, diesen Fakultäten so, wie sie sind, ein gutes Gewis­sen bei ihrer Arbeit gibt.

11. In zunehmendem Maße ist bei der jüngeren Theologen­generation eine sozialistische Unterwanderung festzustellen.

An die Stelle des Heilsplanes Gottes und die ewige Erlösung in Jesus Christus sind menschliche Ziele der Weltverbesserung getreten. Sie werden verbrämt mit willkürlich ausgewählten Worten des sogenannten »historischen Jesus«, der je nach Spielart als Sozialreformer oder als Revolutionär gedeutet wird. Vorzugs»texte« sind: die Gleichnisse vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37) und vom Weltgericht (Mt 25,31-46), ferner Jesu Wort über den Sabbath (Mk 2,27-28), wobei das Wort »Menschensohn« in Vers 28 einfach als »Mensch« interpretiert wird, was sprachlich möglich ist. Jesu Tischge­meinschaft mit Zöllnern und Sündern (Mk 2,15-17) wird als Beweis genommen, dass er ungerechte soziale Strukturen verändert hat und wir es ihm darin gleichtun sollen.

Kennzeichnend ist die Theorie vom »Überbau«, mit der das Alte Testament weitgehend beiseite geschoben wird als etwas, das uns nichts angeht. Es wird verstanden – ganz oder in Teilen – als eine geistige Konstruktion, die Ausfluss damali­ger patriarchalischer Gesellschaftsstrukturen und bäuerlicher Produktionsverhältnisse ist und die Funktion hatte, dieselben zu rechtfertigen und zu stabilisieren. Aufgrund dieser Theorie sind selbst die Zehn Gebote für uns nicht mehr verbindlich. Jesus habe sie im Liebesgebot aufgehoben. Was aber unter Liebe zu verstehen ist, wird nicht an Gottes Wort abgelesen, sondern fleischlich beurteilt.

Die Propheten werden als Sozialreformer eingestuft, wofür Amos als Alibi herhalten muß.

 

B. Die Praxis der historisch-kritischen Theologie

 1. Wie jede Wissenschaft ist auch die Theologie angewiesen auf Hypothesen. Eine Hypothese ist eine Unterstellung, dass etwas sich so verhält.

In den Naturwissenschaften werden aufgrund von Erfahrun­gen Gesetzmäßigkeiten unterstellt und durch Experimente nachgeprüft. In den Geisteswissenschaften dagegen haben Hypothesen keineswegs die gleichen Funktionen und kön­nen auch nicht auf dieselbe Weise geprüft werden.

Die alttestamentliche und die neutestamentliche Wissen­schaft haben sich u.a. die Fragestellungen der Geschichts­wissenschaft und der Literarkritik zu eigen gemacht.

a) In der Geschichtswissenschaft benutzt man vorliegende Sachfunde und sprachliche Zeugnisse als Quellen für Infor­mationen über eine vergangene Epoche, in welche man diese Funde und Zeugnisse datiert. Bei solcher Datierung setzt bereits das Unterstellen ein; sie ist ein wichtiger Komplex der Hypothesenbildung.

Zwei Beispiele sollen das verdeutlichen:

– Wenn man unterstellt, dass das Gleichnis von den zehn Jungfrauen (Mt 25,1-13) nicht von Jesus selbst gesprochen ist, sondern erst in der Urgemeinde entstand, dann ordnet man es in einen anderen Zusammenhang ein. Man entnimmt ihm dann keine Informationen über Jesus, sondern über die Urgemeinde. Man zieht zu seinem Verständnis auch nicht das heran, was man über Jesus weiß, sondern dasjenige, was einem über die Urgemeinde bekannt ist.

– Unterstellt man aufgrund der Unterschiede zwischen dem Johannesevangelium und den drei übrigen Evangelien, dass der Verfasser dieses Evangeliums nicht Johannes, der Jünger Jesu ist, dann zieht diese Unterstellung eine Kette von weite­ren nach sich: In diesem Fall konnte der Verfasser das, was er mitteilt, nicht von Jesu selbst erfahren. Also mußte er Vorla­gen benutzen. Sofort erhebt sich die weitere Frage, welcher Art die Vorlagen gewesen sind. Daraus folgt die Frage, wie diese Vorlagen von dem eigenen Beitrag des Evangeliums abzugrenzen sind. Das setzt weitere Unterstellungen in Bezug auf dessen Theologie, Tendenz und Gruppenzu­gehörigkeit in Gang. Dabei taucht die Frage nach dem religi­onsgeschichtlichen Hintergrund auf (wobei zwischen dem Evangelisten und seinen Vorlagen zu unterscheiden ist): Wel­che Einflüsse haben auf den Verfasser des Johannesevangeli­ums eingewirkt? Gnosis? Qumran? Gnostizierendes Juden­tum? Oder orientiert er sich wirklich nur am Alten Testament? Und wenn Gnosis, wie ist seine Beziehung dazu: polemisch? positiv? oder kritisch?

b) In der Literarkritik hat die Hypothesenbildung eine andere Funktion. Es wird Antwort auf die Frage nach Struktur und Überlieferung des »Textes« gesucht. Unter anderem spielen folgende Fragen eine Rolle: Mündlich geprägt oder von vorn­herein schriftlich fixiert? Mündlich oder/und schriftlich über­liefert? Literarisch einheitlich oder nicht? Wurden Quellen benutzt oder Traditionszusammenhänge oder Einzelüberlie­ferungen? Liegt literarische Abhängigkeit vor? Ist mit einer späteren Bearbeitung zu rechnen oder gar mit mehreren? Lassen sich Gesetzmäßigkeiten in der Formbildung erkennen, die den Aufbau charakterisieren?

Diese Fragen sind herausgegriffen ohne Zusammenhang und ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Auf jede solcher Fragen wird durch Unterstellungen Antwort gegeben. Diese Ant­worten lassen sich samt und sonders nicht überprüfen. Sie sind lediglich ausgewiesen durch Plausibilität und durch die Kunst des Forschers, seine Unterstellungen mit Argumenten zu begründen. Sie werden dadurch für andere Forscher annehmbar, dass sie sich in die Komplexe der bereits mehr oder weniger allgemein angenommenen Unterstellungen gut einfügen, d.h. durch einen sorgfältigen Rückbezug auf die bisherige Forschung. Anders gesagt: Die Hypothesenbildung in der alt- und neutestamentlichen Wissenschaft ist ein sich selbst stabilisierendes System.

Es ist ein müßiges Spielen mit Gottes Wort, das nicht nach Gott fragt, auch wenn der einzelne Forscher in dem Glauben sein kann, damit Gott einen Dienst zu tun. Sehr viel Arbeit und Entbehrung wird darin investiert – eine 60-Stunden-Woche ist für solche Forscher durchaus normal – und das ein ganzes Leben lang, bis die geistigen und körperlichen Kräfte verfallen.

Soll diese Lebensarbeit nicht vergebens sein, dann ist der Alt­oder Neutestamentler darauf angewiesen, dass seine Hypo­thesen Anerkennung finden. Er muss danach trachten, Ehre von den Menschen zu nehmen. Allein durch dieses wechsel­seitige Ehre-Geben und -Nehmen gewinnt diese Arbeit, wel­che unter so viel Einsatz und Entbehrung geschieht, den Schein der Realität.

c) Aufgrund seiner Arbeit gewinnt der Theologieprofessor zwangsläufig die feste Überzeugung, dass man Gottes Wort nicht verstehen kann, ohne sich die Hypothesengebilde alt­ und neutestamentlicher Wissenschaft zu eigen gemacht zu haben. Er ist wirklich überzeugt davon und deshalb in der Lage, diese Überzeugung auch seinen Hörern zu übermitteln.

Da die Studenten sich nie im gleichen Umfang die in lebens­langer Arbeit erworbenen »Ergebnisse der Forschung« zu eigen machen können, werden sie unsicher und geraten in Abhängigkeit. Anstatt den Heiligen Geist nicht nur formal zu bitten, sondern wirklich von ihm zu erwarten, dass er ihnen sein Wort aufschließt, greifen sie nach einem »Kommentar«, einem Werk, das ein Buch der Bibel Vers für Vers historisch­kritisch »erklärt«. Sie werden durch das Studium so darauf getrimmt, »Schwierigkeiten« im »Text« zu entdecken, dass sie gar nicht mehr damit rechnen können, ohne Hilfe eines Kommentars mit dem »Text« zurechtzukommen.

Da jede Unterstellung eine Kette von weiteren Unterstellun­gen nach sich zieht, genügt es überdies, dass zu einem Bibel­wort eine der gelernten Hypothesen ins Gedächtnis kommt, um das Bedürfnis, »nachzuschlagen« zu wecken.

Der studierte Theologe ist meistens unfähig, Gottes Reden in Seinem Wort zu vernehmen. Deshalb gibt er die ihm eingeimpfte Überzeugung, dass allein durch die historisch-kritische Theologie die Heilige Schrift erschlossen werden könne, an seine Gemeinde weiter und lehrt sie unter Abstrichen, was er selber an der Hochschule gelernt hat. Je mehr Mühe ihn der Erwerb dieses Wissens gekostet hat, je kostbarer ist es ihm geworden. Überdies bringt es ihm die Ehre ein, als »Sachverständiger« vor seinen Schülern oder Gemeindegliedern zu stehen. Der schlichte Umgang mit Got­tes Wort, der darauf abzielt, ein Täter des Wortes zu werden, verschafft ihm solche Ehre nicht. Denn dabei teilt der Heilige Geist zu, wem Er will und das muss keineswegs der »Herr Pfarrer« sein.

Überwältigt durch den »Sachverstand« des Theologen ver­liert der Schüler, der Konfirmand oder das Gemeindeglied das Zutrauen, er könne selber Gottes Wort verstehen und zumeist auch die Freude am Umgang damit.

2. Nirgendwo wird so viel »geglaubt« wie im wissenschaftlichen Studium, zumindest im Studium der Theologie.

a) Den einzelnen Hypothesen liegen zwar Argumente zu­grunde, aber der durchschnittliche, ja selbst der sorgfältigere Student nimmt 80-90 % der Hypothesen auf, ohne in der Lage zu sein, die Argumente abzuschätzen und zu wägen und etwa 40-50 %, vielleicht sogar mehr, ohne die Argu­mente auch nur zu kennen. Denn die Argumente werden in den Lehrveranstaltungen im Allgemeinen nur soweit in den Blick gebracht, wie Thesen vertreten werden, die relativ neu und noch nicht allgemein anerkannt sind oder soweit die Ausführungen des Lehrenden auf Widerspruch stoßen. Ein sorgfältiges Einarbeiten in die Lehre kommt im Einzelfall zwar vor, ist aber nicht die Regel und kann es auch nicht sein. Denn das Gebäude der Wissenschaft besteht aus einer Vielzahl von Hypothesen, von denen jede einzelne zu ihrer Unterstützung zahlreicher Argumente bedarf.

b) Eine Reihe von Grundannahmen, die den Charakter eines Consensus Communis haben, d.h. betreffs deren eine allge­meine Übereinstimmung unter den Forschern besteht, bilden einen Raster, ohne den es überhaupt nicht möglich ist, in Vorlesungen und Seminaren Informationen aufzunehmen oder zu verarbeiten.

Diese Grundannahmen werden zwar nicht in der Theorie, wohl aber im praktischen Umgang Tatsachen gleichgesetzt, d.h. man geht mit ihnen um, als ob es Tatsachen wären. Wer sie solchermaßen in sein Denken einbezieht, wird durch sie geprägt und verändert.

Das Risiko des Theologiestudiums ist deshalb sehr groß, denn diese Veränderungen geschehen zwangsläufig und unbemerkt. Man atmet eine Atmosphäre ein, die tödlich ist wie Kohlenmonoxid und von demjenigen, der sich darin auf­hält, ebensowenig wie dieses wahrgenommen wird, wenn nicht Gottes Gnade in besonderer Weise helfend eingreift.

c) Objektivität wissenschaftlicher Arbeit ist weithin Schein. In der Praxis spielen außerwissenschaftliche Elemente eine erhebliche Rolle: z.B. Gruppenbildung, personale Vertretung, der »Name« des Wissenschaftlers (der in verschiedenen theologischen Lagern unterschiedliche Bedeutung haben kann), Schlüsselstellungen als Inhaber eines Lehrstuhles oder Leiter eines Institutes, vor allem aber Herausgeber von Zeit­schriften oder Fachberater von Verlagen für die Publikation von Reihen.

d) Scheinbar ist der Student in der Lage, sich ein objektives Urteil zu bilden. In Wirklichkeit ist seine Informationsauf­nahme vorgefiltert. Dieser Filter wird gebildet

– durch seine Lehrer. Die »Wahl« des Hochschulortes, oft nach völlig anderen Kriterien als der an der Hochschule vor­herrschenden Richtung getroffen, kann für die theologische Prägung des Studenten entscheidend sein.

– Gleichermaßen wird der Filter gebildet durch die Begren­zung seiner Möglichkeiten zum Buchstudium in der begrenz­ten Studienzeit. Der Student kann nur eine Auswahl verar­beiten und hält sich deshalb zunächst an das, was ihm emp­fohlen wird in den besuchten Lehrveranstaltungen. Aber auch da, wo er unabhängig wählt, bekommt er nur einen Ausschnitt in den Blick. Die Literatur, welche ihm in den Seminarbüchereien und der Universitätsbibliothek zur Ver­fügung steht, ist vorgefiltert. Christliche Literatur von bibel­treuen Verfassern ist weithin tabu. Die Erzeugnisse mancher Verlage gelten von vornherein als indiskutabel und können im Literaturverzeichnis einer wissenschaftlichen Arbeit nicht angeführt werden, wenn man sich keine Minuspunkte ein­handeln will. Der Professor kennt sie auch nicht und man setzt ihn unter Druck, wenn man sie in seiner Arbeit anführt. Er müßte sie erst einmal anschaffen, sie lesen und sich damit auseinandersetzen. Da er aber ohnehin unter Zeitdruck steht und von vornherein von der Fragwürdigkeit dieser Druck­erzeugnisse überzeugt ist, wird er sie in der Regel abweisen.

– Heutzutage bietet man den Studenten im Seminar sogar die Möglichkeit an, »sich an der Forschung zu beteiligen«.

Genau gesehen handelt es sich dabei aber entweder um die Übernahme von zeitaufwendigen Routineaufgaben, die der Professor in einem von ihm zuvorbedachten Arbeitsvorhaben erledigt haben möchte oder aber um eine Arbeit mit vorge­fertigten Materialien. Sie verläuft dann ähnlich, wie Kinder mit Lego-Spezialkästen ein bestimmtes Haus oder Fahrzeug zusammenbauen. Natürlich sind Abweichungen möglich, aber sie erweisen sich gegenüber dem vorgeplanten Modell als nicht optimal, was der Professor oder selbst der ältere Stu­dent mit Leichtigkeit demonstrieren kann. Durch das Mate­rial wird das erwartete Ergebnis sichergestellt; doch schein­bar hat sich der Student »selbst überzeugt«. Auf diese Weise werden Rebellen ins System eingebunden. Die Ehre, als »Forscher« ernstgenommen zu werden, tut das ihrige hinzu.

3. Der Studienverlauf hat den Charakter einer sekundären Sozialisation. Der Student erfährt eine starke Prägung. Er kommt als homo novus in das Studium hinein, als einer, der nichts weiß und nichts kann und die Gepflogenheiten und Spielregeln nicht kennt. Um akzeptiert zu werden, muss er sich diese Regeln und Gepflogenheiten zu eigen machen und dasjenige Können und Wissen erwerben, das in seinem Stu­dium zählt.

a) Der Student steht unter dem Druck eines gewaltigen Infor­mationsgefälles, das nicht durch pädagogische Staustufen abgemildert ist. Der Professor breitet in Vorlesungen und Seminaren die Ergebnisse seiner Lebensarbeit aus, die auf der Arbeit von Forschergenerationen vor ihm beruht, während die Studenten noch Mühe haben, die Methoden zu erfassen, nach denen diese Ergebnisse erarbeitet wurden.

Angesichts dieses Informationsdruckes ist es schwer, an mit­gebrachten Einsichten aus Gottes Wort festzuhalten, wenn diese als »unwissenschaftlich« disqualifiziert werden. Von seiten der Lehrenden begegnet dem gläubigen Studenten vielfach Widerstand in folgenden Spielarten:

Herablassung: »Sie werden es schon noch lernen!«

Versuchung: »Stellen Sie sich doch wenigstens theoretisch auf diesen Standpunkt.«

Verführung: »Ist denn Ihr Glaube so schwach und trauen Sie Gott so wenig zu, dass Sie sich auf diese Gedanken nicht ein­lassen wollen?«

So wird er dazu gebracht, sich Gedanken zu eigen zu machen, die dem, was er im Worte Gottes gelernt hat, wider­streiten.

b) Der Studierende steht zugleich unter einem starken Grup­pendruck. Die Kommilitonen, besonders diejenigen aus den höheren Semestern oder solche, die sich durch besondere Begabung auszeichnen, sind »Miterzieher«, die entscheiden­den Mit-träger dieser Sozialisation. Ein gläubiger Student, der auf Grund seiner anderen Einstellung zu Gottes Wort nicht bereit ist, bestimmte Methoden oder Ergebnisse der historisch-kritischen Theologie zu akzeptieren, wird meistens dis­kriminiert. Er wird belächelt, verspottet und – bei allem heim­lichen Respekt – als Außenseiter behandelt. Wenn er seine Ansichten geschickt zu vertreten weiß, kann er vielleicht hier und da auch einen Achtungserfolg erringen. Mit einer Aner­kennung seiner Ansichten als gleichberechtigt darf er höchs­tens in Einzelheiten rechnen, mit denen er sich nicht zu weit vom Traditionszusammenhang der in Frage stehenden wis­senschaftlichen Disziplin entfernt.

c) In dem Maße, wie der Student zunehmend in die historisch-kritischen Gedankengänge eingeweiht wird, wird er den Menschen entfremdet, mit denen er zuvor im Glauben verbunden war. Sie können jetzt »nicht mehr mitreden« und es wird ihm schwer, auf sie zu hören. Er versteht sie nicht mehr und wird von ihnen nicht mehr verstanden. Er wird iso­liert und steht in der Gefahr, sich zu überheben. Um so anfäl­liger wird er für den Gruppendruck durch die Lehrenden und durch die Mitstudenten.

d) Der Student hat Arbeiten vorzulegen, in denen er nach­weisen muss, dass er sich die Arbeitsweise der historisch-kritischen Theologie hinreichend zu eigen gemacht hat. Er steht unter dem Zwang, selber historisch-kritisch zu denken, zu reden und zu schreiben. Ohne besondere Gnade Gottes führt das zu einer schwerwiegenden Veränderung in seinem Den­ken und in seinem Glauben. Er ist nicht mehr derselbe. Sein Umgang mit Gottes Wort wird grundlegend verändert, auch dann, wenn er es zu seiner eigenen Erbauung lesen will. Das im Studium Gelernte schiebt sich vor das Wort und verstellt ihm den Zugang.

4. In der Praxis des Umgangs mit der christlichen Überliefe­rung geschieht in der historisch-kritischen Theologie das, was man in der Gnosisforschung mit dem Begriff Pseudomor­phose belegt hat. Pseudomorphose besagt, dass Begriffe ihres ursprünglichen Sinnes entleert und mit einem neuen Inhalt gefüllt werden, der mit dem ursprünglichen Sinn nicht viel mehr als nur den Namen gemein hat. Diese Sinnvertau­schung ist eine Erscheinung, die in der theologischen Wissen­schaft auf Schritt und Tritt vorkommt. Die biblischen Begriffe wie Rechtfertigung aus Glauben, Stellvertretung, Gnade, Erlösung, Befreiung, Erbsünde, Glaube, Gebet, Gottessohn­schaft Jesu werden zwar weiterhin gebraucht, aber so, dass diesen Begriffen ein anderer Sinn unterlegt ist.

Dass Jesus Gottes Sohn ist, wird z.B. vielfach nicht so verstan­den, dass er »Gott von Gott, Licht von Licht, wahrhaftiger Gott aus wahrhaftigem Gott« ist, sondern lediglich als eine Chiffre, die aussagen soll, dass am »historischen Jesus« etwas Besonderes ist, wodurch er sich von anderen Großen der Geschichte unterscheidet und dass wir es in ihm – irgendwie – mit Gott zu tun bekommen. In diesem Zusammenhang be­gegnet die Aussage, dass jede Epoche ihr eigenes Geschick habe und ihre eigene Christologie hervorbringen müsse. Diese Formel kenne ich seit 30 Jahren. Ich habe sie früher selbst verbreitet und allen Ernstes auf eine solche Christologie gewartet – vergeblich. Es erwies sich, dass diese Formel ledig­lich ein Freibrief war, um das, was uns Gottes Wort von unse­rem Herrn und Retter Jesus sagt, als unverbindlich beiseite zu schieben als »Christologie« einer vergangenen Epoche.

Man pflegt zu sagen: Messias sei nur ein Würdetitel, Gottes­sohn ebenso, Retter desgleichen, den verschiedene Gruppen des Urchristentums Jesus angehängt hätten, um seine »Bedeutsamkeit« denjenigen klarzumachen, welche mit die­sen Titeln Heilserwartungen verbanden. Man scheut sich heutzutage nicht zu sagen, Jesus sei durch solche Titel »von seinen Anhängern hochgejubelt worden«. Wer sich auf diese Denkweise einläßt, der verläßt den einfältigen Glauben an Gottes Wort und wird Schaden leiden. »Glaubst du, so hast du«, sagt Luther mit Recht. Wenn ich Gottes Wort keinen oder nur halben Glauben schenke in dem, was es über Jesus sagt, dann werde ich Mangel haben an dem, was Er für mich ist. Ich werde Jesus nur erfahren entsprechend meinem Glau­ben und ich werde bei solcher Einstellung Mangel haben an Seinem Segen und an Gemeinschaft mit Ihm. Lassen wir uns nicht davon abbringen, dass Jesus der Messias, der Gottes­sohn, der Retter ist, auch wenn man uns deswegen den Gebrauch einer überholten und unzulänglichen Philosophie unterstellt, weil wir nach ihrer Ansicht bloße Worte für Tatsa­chen nehmen.

Nur einen Heilsbegriff aus der Heiligen Schrift kenne ich, der von dieser Sinnvertauschung nicht erfaßt worden ist: das Blut Jesu. Diesen Begriff schiebt man beiseite mit der Behauptung, die Rede vom Blut sei ein fragwürdiges Überbleibsel aus einer Epoche, in der bei Juden und Heiden blutige Opfer an der Tagesordnung waren.

Nur der Heilige Geist kann uns Licht geben, dass wir diese Sinnvertauschungen durchschauen. Wir dürfen Gott dafür um Weisheit bitten. Es sind Lügengewebe vom Feind, so fein gesponnen und gewebt, dass man ihnen nur mit Hilfe des Heiligen Geistes beikommen kann. Wir sollten uns nicht täu­schen – die Theologieprofessoren glauben, was sie sagen. Sie sind selber in diesen Lügennetzen gefangen, bis Gott sie aus Gnade herausholt und versetzt aus der Verfügungsgewalt der Finsternis in das Reich Seines lieben Sohnes (Kol 1,13f.).

Es wird gesagt, die alten Begriffe seien so, wie sie einmal ursprünglich gebraucht wurden, den modernen Menschen nicht mehr zugänglich und man müsse deshalb das, was sie meinen, in die heutige Situation übertragen. Es wird aufge­fordert in Gottes Wort zwischen Gesagtem und Gemeintem zu unterscheiden. Dagegen ist geltend zu machen: »Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig zugerüstet« (2Tim 3,16-18).

Man sagt, die Heilige Schrift sei Gotteswort und Menschen­wort, wie unser Herr Jesus Gott und Mensch ist nach dem Bekenntnis der Kirche. Aber in dem gleichen Bekenntnis heißt es: unvermischt und ungeschieden. Deshalb ist es nicht zuläs­sig und auch nicht möglich, zeitbedingtes Menschenwort und ewig gültiges Gotteswort auseinanderzuklauben. In einer Mischung von Eisenfeilspänen und Sägemehl kann ich das Eisen mit einem Magneten aussortieren. Aber Gottes Wort ist keine Mischung von gültigem Gotteswort und zeitbedingtem Menschenwort, die sich auseinandersortieren ließe.

 

C. Konsequenzen

Diese Zeilen sind nicht zu dem Zweck geschrieben, Men­schen zu verurteilen, für die doch unser Herr Jesus ans Kreuz gegangen ist. Vielmehr soll das System der historisch-kritischen Theologie in seiner Gefährlichkeit gekennzeichnet werden, so, wie man auf eine Giftflasche ein entsprechendes Etikett aufklebt, damit niemand aus Versehen daraus trinkt und meint, er würde sich etwas Gutes einverleiben.

Wenn man weiß, was man im Theologiestudium zu erwarten hat, dann wird man nicht mehr ohne weiteres den Schluß ziehen, dass jemand, der vom Herrn berufen ist, Apostel, Missionar, Evangelist, Hirte oder Lehrer zu werden, selbstver­ständlich Theologie studieren müsse.

In der Welt muss man – wenn möglich – studieren, um ein gutes Einkommen zu erringen und »etwas aus seinem Leben zu machen«. Wir sind aber nicht in der Welt zu Hause, sondern unser Bürgerrecht ist im Himmel (Phil 3,20). Wir werden aufgefordert, uns nicht der Welt gleichzustellen (Röm 12,2). Wir dürfen nicht vergessen, dass die Welt uns haßt (Joh 15,19; 1Jo 3,13). Wir sind Soldaten Jesu Christi und kein Soldat bewegt sich ohne Marschbefehl, schon gar nicht in Feindesland. Sollte er es aber doch tun, dann zieht er sich Schwierigkeiten zu.

Ein junger Mensch, der vor der Frage steht, ob er diese Theo­logie studieren soll, der sollte mit lauterem Herzen, bereit die eigenen Pläne dranzugeben, Gott fragen, ob das Sein Wille ist. Er sollte Klarheit gewinnen, ob er vom Herrn dazu beru­fen ist, nicht nur dazu, »ein Gelenk des Dienstes« (Eph 4,16) zu werden, sondern ausdrücklich auch zu solchem Studium der Theologie.

Wen der Herr dazu beruft, der begebe sich fröhlich – und getrost an die Theologische Fakultät. Er ist ein Gesandter sei­nes Königs und der wird ihn auch an diesem Ort zu bewahren wissen. Nur muss er sich mit aller Vorsicht dort bewegen, wie das ein Soldat in Feindesland tut.

Wer zu diesem Theologiestudium keinen Ruf hat, der sollte wissen, dass unser Vater im Himmel über viele Möglichkei­ten verfügt, einen Menschen zum Dienst vorzubereiten:

Josef wurde nicht an der königlichen Verwaltungsakademie ausgebildet, der zweite im Reich des Pharao zu sein, sondern im königlichen Gefängnis.

Mose war zwar, da er als Sohn der Tochter des Pharao galt, in allen Wissenschaften und Künsten der Ägypter unterwiesen. Aber er wurde zubereitet, sein Volk aus Ägypten bis zum ver­heißenen Land zu führen, in einer vierzigjährigen Ausbildung als Schafhirte seines Schwiegervaters Jethro in der Wüste Midian.

Josua hat seine Zubereitung durch eine jahrzehntelange Tätigkeit als Diener Moses erhalten.

Gott spricht: »Gib mir, mein Sohn, dein Herz und laß deine Augen Gefallen haben an meinen Wegen« (Spr 23,26). 

 

Der Glaube der Theologie und die Theologie des Glaubens

I. Vorbemerkungen zum wissenschaftlichen Studium

A. Wissenschaftliches Studium ist zunächst einmal eine Disziplinierung des Denkens.

1. Der Vollzug des Denkens wird von der persönlichen Betroffenheit gelöst. Die das Herz bewegenden, den Ver­stand beschäftigenden und den Menschen umtreibenden, antwortheischenden Fragen werden verworfen zugunsten »wissenschaftlicher Fragestellungen«. Eine Weile mag der Student meinen, in der Wissenschaft Antworten auf seine mitgebrachten Fragen zu erhalten. Mit der Zeit muss er begreifen, dass es für »vorwissenschaftliche« Fragen keine wissenschaftlichen Antworten gibt. Sie sind im Bereich der Wissenschaft auch gar nicht relevant.

2. Die Verstandestätigkeiten werden geschult und geläufig gemacht.

Der Student übt sich im: Beobachten, Benennen, Vergleichen, Unterscheiden, Zuord­nen, Einordnen, Voraussetzen, Schließen u.a.m.
Das Ergebnis solcher – anfangs oft mühseligen – Übung erfährt er als persönlichen Gewinn: Er hat etwas gelernt, er kann etwas und er unterscheidet sich dadurch von anderen, denen dieses Können abgeht.

3. Der Student lernt es, sich Einzelinformationen zu besorgen und so in vorgegebene Raster einzufügen, dass ihm allmäh­lich größere Zusammenhänge geläufig werden. Aufgrund der notwendig aufzuwendenden Mühe wird dieses Ergebnis natürlicherweise als erhebliche Bereicherung erfahren. Der Student hat den Eindruck, Durchblick zu gewinnen, wo er sich in den ersten Semestern wie durch einen Nebel hindurch­tasten mußte und bekommt dadurch automatisch ein Über­legenheitsgefühl solchen gegenüber, die diesen Durchblick (noch) nicht besitzen. Was er erworben hat, ist ihm wert und teuer, denn er hat zuvor unter der Situation gelitten, zumeist nur Glocken läuten zu hören, von denen er nicht wissen konnte, wo sie hingen.

4. In den höheren Semestern lernt der Student, angesichts der Vielzahl abweichender Meinungen Stellung zu beziehen und eine durch Argumente gestützte Position zu gewinnen, die ihm von sich selbst den Eindruck geistiger Eigenständigkeit vermittelt. Das ist ein großer Lustgewinn, der für manche Mühe vorangegangener Monate und Jahre entschädigt.

5. Ein Teil der Studierten erreicht in der Disziplinierung des Denkens die Stufe der disziplinierten Kreativität, die zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen führt.* Das wird von einer gar nicht so kleinen Zahl von Menschen als ein sinn­volles Lebensziel und ein so tiefes Glückserlebnis erfahren, dass sie dafür bereit sind, ein wahrhaft asketisches Leben mit 60 Wochenarbeitsstunden über Jahre und Jahrzehnte zu führen und den Großteil ihrer Finanzen in Arbeitsmittel zu investieren.

 

B. Wissenschaftliches Studium ist nicht nur eine Disziplinierung, sondern auch eine
     Reglementierung des Denkens.

Jede Wissenschaftsdisziplin stellt einen Traditionszusam­menhang dar, der durch die im Zeitverlauf gesehenen Pro­bleme des Fachbereichs, die angebotenen Lösungsversuche, ihre Annahme und Abstoßung unter dem Einfluß wissen­schaftlicher Gesichtspunkte und außerwissenschaftlicher Fak­toren gebildet wird. Auch wenn diese Geschichte der Diszi­plin gar nicht bewußt im Blick und den Vertretern der Fachrichtung möglicherweise nicht einmal hinreichend bekannt ist, reglementiert dieser Traditionszusammenhang dennoch die gesamte wissenschaftliche Arbeit innerhalb der Disziplin.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse können nur in Anbin­dung an den Traditionszusammenhang zur Geltung gebracht werden.

Die fachwissenschaftliche Reglementierung des Denkens ist ein Lernprozeß, der von der Fremdbegrenzung zur Selbstbe­grenzung führt. Die Reglementierung des Denkens ist an sich keineswegs negativ zu sehen, sondern ist eine Notwendig­keit, wenn Denken kommunizierbar sein soll. Ich kann mir über vieles meine Gedanken machen, aber es bleibt fruchtlos, wenn es nicht auf einer Ebene geschieht, die anderen ermög­licht, daran teilzuhaben und darauf hinzuweisen.

Der Theorie nach ist wissenschaftliches Denken frei und erkennt keine Begrenzung an. »Freiheit der Wissenschaft«. »Lehr- und Lernfreiheit« sind allgemein als berechtigt aner­kannte Forderungen. In der Praxis gibt es diese Freiheit nur innerhalb des Traditionszusammenhanges der verschiedenen Fachrichtungen und Disziplinen. Für diesen Tatbestand be­steht weithin Betriebsblindheit, auch wenn der einzelne Wis­senschaftler mehr oder weniger schmerzliche Erfahrungen damit macht. In wissenschaftlichen Darstellungen kommt der Tatbestand manchmal in den Blick, wenn es heißt, die Zeit sei noch nicht reif gewesen für eine bestimmte Erkenntnis. De facto war jedoch ihre Einbindung in den Traditionszusam­menhang nicht zufriedenstellend vollzogen. So entstehen Außenseiterpositionen – teils im Abseits verschwindend, teils vom Lavafluss des Traditionsstromes eingeholt, mitunter auch, wenn durch Gruppenbildung eine Außenseiterposition sehr stark besetzt wird, in bewußtem Brückenschlag allmäh­lich einholt.

Wissenschaftliche Fragestellungen ergeben sich in der Regel nicht (oder nicht primär) aus dem untersuchten Gegenstand, sondern aus den jeweiligen Gegebenheiten des Traditionszu­sammenhanges. Eine freie Wissenschaft in dem Sinne, dass sie nur den Gesetzmäßigkeiten eines disziplinierten Denkens unterworfen und dem Gegenstand, den sie erforscht, ver­pflichtet sei, gibt es nicht, zumindest nicht im Sinne der Frei­heit des einzelnen Forschers. Die Entstehung eines separaten Zusammenhanges ist möglich und, soweit ich sehe, teilweise auch schon verwirklicht worden. In solchem Fall ist einerseits mit weitgehender Diskriminierung und Negierung der Neu­bildung zu rechnen. Auf der anderen Seite werden in dem Fall, dass sich die Neubildung als lebensfähig erweist, Integrationsbemühungen kaum ausbleiben, die Umklammerungs­tendenzen haben.

 

C. Wissenschaftliches Studium verändert den Studierenden

Aus dem Vorangegangenen sollte deutlich geworden sein, dass wissenschaftliches Studium nicht lediglich ein Sammeln nützlicher Erkenntnisse oder das Einholen von Antworten auf wichtige Fragen ist. Es ist nicht nur eine Ausbildung, in der Fähigkeiten geschult und Fertigkeiten gewonnen werden.

Wissenschaftliches Studium bewirkt vielmehr eine tiefgrei­fende Veränderung in der Person des Studierenden. Die Dis­ziplinierung des Denkens bedeutet eine starke Prägung, die vom Studierenden ungeachtet aller möglichen Neben­wirkungen notwendig als Gewinn verbucht wird. Auch der Reglementierung des Denkens kann er sich nicht entziehen, wenn er sein Studium erfolgreich zum Abschluß bringen will. Er kann sie nicht nur übungsweise über sich ergehen lassen, sondern er ist zwangsläufig genötigt, sich dieselbe weitge­hend zu eigen zu machen. Ihm werden ja weniger die Ant­worten diktiert, als vielmehr die Fragestellungen vorgegeben, durch welche die Antworten bereits vorprogrammiert sind, auch wenn sie von ihm relativ eigenständig gewonnen wer­den sollen.

Diese Einsichten müssen wir im Blick behalten, wenn wir im Folgenden die wissenschaftliche Theologie, wie sie an unse­ren Universitäten gelehrt wird, ins Auge fassen wollen.

 

II. Der Glaube der Theologie

1. Der Studierende wird genötigt, »vorurteilslos« an das theologische Studium heranzugehen, »radikal und rückhaltlos nach der Wahrheit zu fragen«. Es wird von ihm erwartet, das, was er bisher aus Gottes Wort gelernt hat und was er im Glauben erfahren durfte, beiseite zu stellen zugunsten des­sen, was er im Studium zu lernen hat.

Der Studierende ist ja an die Hochschule gekommen, um zu lernen und er geht von der Voraussetzung aus, er werde im Verlauf seines Studiums tiefer eindringen in die Erkenntnis der Wahrheit. Deshalb scheint ihm diese Zumutung tragbar, selbst wenn sie ihn vielleicht schmerzlich anmuten mag. Er strebt ja der Wahrheit nach und Wahrheit wird ihm versprochen.

Was ihm verschwiegen wird, ist die Tatsache, dass die Wis­senschaft selber, auch und besonders die theologische Wis­senschaft, keineswegs vorurteilsfrei und voraussetzungslos ist. Die Voraussetzungen, die den Arbeitsvollzug jeder ihrer Disziplinen bestimmen, walten im Verborgenen und werden nicht offen dargelegt.

Die grundlegende Voraussetzung der gesamten wissen­schaftlichen Theologie, wie sie an unseren Universitäten gelehrt wird, besteht darin, dass der disziplinierte, fachmäßig reglementierte kritische Verstand die letzte Instanz in der Frage der Wahrheit ist. D.h.: Der Verstand wird der Heiligen Schrift übergeordnet. Der Verstand entscheidet, was in der Schrift wahr und was wirklich ist. Der Verstand entscheidet, was sicher, wahrscheinlich, wenig wahrscheinlich oder gar nicht geschehen ist, geschieht oder geschehen wird. Der Ver­stand entscheidet, ob Gott als handelndes und redendes Sub­jekt anzusehen ist oder ob man es nur mit menschlichen Gottesvorstellungen und Gottesbegriffen zu tun hat.

Der Verstand bedient sich dabei seiner ihm innewohnenden Möglichkeiten des Erkennens: Singuläres Geschehen entzieht sich dem Verstand; also muss er die grundsätzliche Gleichartigkeit allen Geschehens vor­aussetzend behaupten.

Erkenntnis ist dem Verstand nur möglich durch Vergleichen und Unterscheiden. Also muss er da, wo er erkennen möchte, zunächst einmal Vergleichsebenen entwerfen. Offenbarung ist dem Verstand nicht faßbar; er geht aus von zu jeder Zeit von jedermann machbaren Erfahrungen. Er urteilt fleischlich und ist von sich aus völlig außerstande, Geistliches zu beurtei­len, das geistlich beurteilt werden muss. Es wird für ihn zum bloßen Begriff und zu einer Vorstellung ohne Realitätsgehalt.

2. Machen wir uns das an einem Beispiel klar: Für den Glau­benden ist Johannes 3,16 Realität: »Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einziggeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verlorengehen, sondern das ewige Leben haben.« Er dankt Gott dafür.

Von dieser Realität soll er als Student in der theologischen Arbeit Abstand nehmen und stattdessen zusehen, wie ein solches Wort auf das Prokrustesbett des religionsgeschicht­lichen Vergleichs geschnallt wird: Der religionsgeschichtliche Vergleich sieht völlig ab von Realität und Wahrheit. Das zu Vergleichende wird von vornherein reduziert auf Gedanken, Vorstellungen und Begriffe. Gedanken, Vorstellungen und Begriffe aus verschiedenen Religionen werden miteinander verglichen, wobei immer auch die Frage der Korrelation gestellt ist. Läßt sich das eine aus dem anderen ableiten oder besteht eine wechselseitige Beeinflussung?

Für Johannes 3,16 kann das – grobschlächtig dargestellt – etwa folgendermaßen aussehen:

Da das Judentum keinen Sohn Gottes von Herkunft kennt, sondern nur von Adoption und die heidnischen Göttersöhne keine Offenbarergestalten sind, kommen als Vergleichsmate­rial nur gnostische, speziell mandäische Schriften in Frage. Dafür scheint zu sprechen, dass mandäische Offenbarerge­stalten darin in Begriffen reden, die im Johannesevangelium Jesus gebraucht (Licht/Finsternis; Leben/Tod; u.a.m.). An­sonsten kann von Parallelität kaum die Rede sein. Der »Lo­gos« des Johannesevangeliums ist Weltschöpfer, die mandä­ischen Offenbarergestalten sind es nicht. Von einer Erlösung am Kreuz ist bei ihnen schon gar keine Rede. Die zeitliche Bezugslinie stimmt ebenfalls nicht: Die mandäischen Schrif­ten sind Jahrhunderte jünger und man sieht sich deshalb genötigt, ein Urmandäertum zu konstruieren. Diese Pro­bleme werden zwar gesehen, aber man betrachtet sie nicht als Infragestellung des religionsgeschichtlichen Vergleichs. Man zieht sie lediglich als ausgedehntes Arbeitsfeld für Hypo­thesenbildung in Betracht, d.h. für Kartenhäuser von Unter­stellungen, bei denen die eine die andere stützen muss.

Wird der religionsgeschichtliche Bezugspunkt nicht im Man­däertum, sondern stattdessen in den Schriften von Qumran gesehen, ergeben sich gradweise Unterschiede und gewisse Verschiebungen. Es liegt aber genauso die Anschauung zu­grunde, dass das Bibelwort seine Entstehung mehr oder weniger solcher Beziehung zu außerchristlichen antiken Religionen verdankt, sei es in Aufnahme ihrer These, sei es in völliger oder teilweiser Antithese. Das original Christliche wird lediglich als Abweichung vom vorgegebenen Muster konstatiert.

Welcher Art auch die religionsgeschichtlichen Beziehungen sind, die man unterstellt, immer ist man auf dieser Basis genötigt, ein Kartenhaus von Hypothesen aufzubauen. Im Ergebnis bleiben dann Vermutungen übrig, die mehr oder weniger durch Argumente plausibel gemacht werden.

Das Nebenprodukt ist natürlich eine erhebliche seelische Be­friedigung im Selbstbeweis des Intellekts. Es hat Mühe gekos­tet, einander widersprechende Vermutungen und Lösungs­versuche aufzuarbeiten und miteinander auszugleichen. Man hat den Eindruck der Überlegenheit, da es einem gelungen ist, vorliegende Erklärungen, die vom eigenen Blickwinkel aus offensichtlich Mängel zeigten, in einer neuen, umfassenderen Erklärung aufzuheben. Man ist zutiefst überzeugt, damit der Wahrheit einen Dienst erwiesen und einen Beitrag zur Ver­kündigung des Evangeliums geleistet zu haben.

Solche Überzeugung ist unbestreitbar ehrlich, aber mit der Wahrheit, dem Weg und dem Leben hat solches Unterfangen nichts zu tun. Durch derartige intellektuelle Anstrengungen wird ein Bibelwort wie Johannes 3,16 zu einem Bündel reli­giöser Vorstellungen und theologischer Begriffe erklärt und hört auf, Gottes Wort zu sein, das Menschen zur Rettung führt. Die Voraussetzung, unter der man angetreten ist – zu forschen, als ob es Gott nicht gäbe –, legt die Ergebnisse im vorhinein fest.

3. Es ist Vorurteil, dass nur geschehen sein kann, was je­dermann zu jeder Zeit in ähnlicher Weise widerfährt. Auf dieser Basis wird – um ein Beispiel zu nennen – Markus 13,2 für ein »vaticinium ex eventu« erklärt: Weil genau das geschehen ist, was das Wort sagt, kann es nach Ermessen der Forschung keine echte Weissagung sein. Denn die historisch­kritische Theologie erkennt wohl menschliche Vorahnung und Vorausschau an, so dass man z.B. Jesus zubilligt, er habe seine Tötung vorausgesehen. Eine von Gott gegebene Er­kenntnis zukünftiger Dinge läßt sie jedoch nicht gelten.

Welche Kartenhäuser die Forschung baut, mag man auch daran sehen, dass jene Stelle, Markus 13,2, nachdem sie zuvor willkürlich zum vaticinium ex eventu erklärt wurde, die Beweislast dafür tragen muss, dass das Markusevangelium »nach 70« entstanden sei. Diese Unterstellung wird dann als Eckdatum der Datierung der übrigen Evangelien und der Apostelgeschichte zugrundegelegt.

Wahrlich, die historisch-kritische Methode ist ein Koloss, der auf sehr gebrechlichen tönernen Füßen steht!

4. Es ist Vorurteil – nicht Ergebnis wissenschaftlicher Unter­suchung –, dass man nach der historisch-kritischen Methode die Wundergeschichten im Neuen Testament nicht als Berichte von geschehenen Wundern lesen darf. Ich selber habe oft genug gelehrt – wie ich es Jahrzehnte vorher gelernt hatte – dass man, selbstverständlich, nicht annehmen dürfe, diese Wunder seien so passiert. Nachdem ich durch die Gnade Gottes überführt worden war, dass Gott heute noch dieselben Wunder tut, fing ich an nachzudenken, welche Argumente für diese Behauptung zur Verfügung stehen und mußte beschämt feststellen: keine. Denn das Vorhandensein religionsgeschichtlicher Parallelen ist wirklich kein Beweis. Dass im Alten Testament Speisungswunder, Totenaufer­weckungen u.a. berichtet werden, ist doch kein Argument, es sei denn, man setzt voraus, was zu beweisen wäre, dass die neutestamentlichen Berichte von den alttestamentlichen literarisch abzuleiten seien. Von den bei Weinreich gesam­melten antiken Heilungswundern wird der größte Teil von Personen erzählt, die weit später gelebt haben, als die Evan­gelien nach der Ansetzung der historisch-kritischen Methode geschrieben worden sind. Ohne Vorurteil würde man sie eher als Beweis dafür nehmen, dass hier das Neue Testament ein­gewirkt hat, anstatt der umgekehrten Annahme Raum zu geben. Dass für antike Heilorte wie Epidaurus Wunder berichtet werden, trifft zu. Auch das ist aber kein Beweis dafür, dass die neutestamentlichen Wundergeschichten se­kundäre literarische Gebilde sind. Eine literarische Abteilung ist schon vom Befund her nicht möglich. Und im Übrigen gibt es den negativen Teil der unsichtbaren Welt, mit dessen Wir­ken an derartigen Plätzen zu rechnen ist.

5. Dies sind nur einige Andeutungen. Eine genauere Untersu­chung würde zeigen, dass der Arbeitsweise der historisch­kritischen Methode eine Reihe von Vor-Urteilen zugrunde liegen, die selber nicht Ergebnis wissenschaftlicher Untersu­chung sind, sondern dogmata, Glaubenssätze, deren Grund­lage die Absolutsetzung der menschlichen Vernunft als Kon­trollorgan ist.

Soweit auf dieser Grundlage von Gott und von Jesus Christus die Rede ist, haben wir es demnach offensichtlich mit einem Synkretismus zu tun – eine These, für die der Beweis im Ein­zelnen noch angetreten werden muss.


 III. Die Theologie des Glaubens

Die Verneinung einer Theologie, deren Grundlage der Ver­nunftglaube ist, bedeutet keineswegs die Verneinung von Theologie überhaupt noch eine Verneinung des Verstandes im Bereich der Theologie.

1. Der Heilige Geist weht, wo er will und ist nicht auf die Vor­aussetzung eines akademisch disziplinierten Verstandes angewiesen. Er kann Köche, Bäcker, Schuster und Fabrik­arbeiter zu vollmächtigen Predigern des Evangeliums machen. Die akademische Ausbildung ist kein Anrechtschein für Bevollmächtigung durch den Heiligen Geist. Aber der dis­ziplinierte Verstand kann durch den Heiligen Geist benutzt und in seiner Hand ein Präzisionswerkzeug werden, wann und wo Gott es will.

2. Die notwendige Reglementierung des Denkens muss in der Theologie des Glaubens geschehen durch die Heilige Schrift. Sie kontrolliert das Denken. Es hat sich dem Wort Gottes unterzuordnen. Wenn Schwierigkeiten auftauchen, zweifelt es nicht an Gottes Wort, sondern an der eigenen Weisheit. Es bittet Gott um Weisheit in der Erwartung, zu empfangen, worum es gebeten hat und in demütigem War­ten auf Gottes Stunde. Es setzt die Wahrheit und Einheit des Wortes Gottes voraus und ist darum auch in der Lage, sie ganz real zu erkennen und zu erfahren. Es glaubt der Schrift, die von sich selber sagt, dass sie von Gott eingegeben ist. Es ist dessen eingedenk, dass Jesus Christus uns zur Weisheit gemacht ist und weiß darum, dass göttliche Weisheit und »irdische, sinnliche, teuflische« (Jak 3,15) unterschieden wer­den müssen.

Ein Denken, das sich durch die Heilige Schrift reglementieren läßt, enthält sich der müßigen Streitfragen und der intellek­tuellen Neugier. Es gibt seine Gedanken gefangen unter Got­tes Wort und spielt nicht herum: Was wäre aber, wenn? Kann man aber nicht auch …? usw. usw. Die Heilige Schrift ist ja Vaters Wort an uns. Wie wir mit ihr umgehen, so begegnen wir unserem Vater im Himmel.

Fragen werden auf den Knien gelöst, nicht durch das Wälzen von Kommentaren. Gott kann das Werk der Brüder, die Kom­mentare geschrieben haben, benutzen zu unserer Belehrung und wir dürfen dankbar dafür sein. In Gottes Regie ist es Hilfe; in unserer Hand bedeutet es, dass wir uns auf Fleisch verlassen.

3. Die Frucht eines Studiums der Theologie des Glaubens sollte sein:

a) Grammatischer und lexikalischer Durchblick; die Fähig­keit, mit Gewinn Gottes Wort in den Ursprachen zu lesen und Übersetzungen prüfen zu können.

b) Der Erwerb von Hintergrundinformationen und die Fähig­keit, solche Informationen zu prüfen und einzuordnen, z.B. über Völker und Könige, die im Alten und Neuen Testament erwähnt werden, über kulturgeschichtliche Besonderheiten, über Geographie und Klima, Rechtsverhältnisse u.a.m.

c) Einen breiten Überblick über Gottes Heilsplan zu haben und in der Lage zu sein, den ganzen Ratschluß Gottes mitzu­teilen. Fähig zu sein, Gottes Wort in gerader Richtung zu schneiden (1Tim 1,15), an dem der Lehre gemäßen, zuverlässi­gen Wort festzuhalten und dadurch imstande zu sein, sowohl mit der gesunden Lehre zu ermahnen, als auch die Wider­sprechenden zu überführen (Tit 1,9) und für den ein für alle­mal den Heiligen überlieferten Glauben zu kämpfen (Jud 3).

d) Es sollte Erkenntnis von Beziehungen und Zusammenhän­gen in Gottes Wort gewonnen worden sein; z.B. wie die Opfergesetze das Heilswerk Jesu vorschatten oder wie das, was in der Offenbarung mitgeteilt wird, stückweise bereits von den Propheten vorhergesagt worden ist.

e) Es sollte die Erfahrung gemacht worden sein, dass es in Gottes Wort durch demütiges Bitten verborgene Schätze zu heben gibt, z.B. Jesus in der Stiftshütte, der Lobpreis Gottes in den Geschlechtsregistern.

f) Es sollte aber auch die Fähigkeit gewonnen sein, solche Schätze von eigenen Fündlein bei sich und anderen zu unter­scheiden. Das intellektuelle Vergnügen ist nun einmal da. Gott kann es gebrauchen, aber wenn das Fleisch es in die Fin­ger bekommt – und das Biest kann wirklich schwimmen! –, dann werden keine verborgenen Schätze aus Gottes Wort gehoben, vom Urheber des Wortes aufgezeigt, sondern es werden intellektuelle Fündlein gemacht und auf Nebensätzen in der Bibel ganze Theologien aufgebaut. Das Schlimme ist, dass der Autor ehrlicherweise meinen kann, das, was er von sich gibt, durch den Heiligen Geist empfangen zu haben. So sind wir, deshalb brauchen wir brüderliche Korrektur. Wer etwa meint, er wolle sich lieber gleich auf seinen Intellekt ver­lassen, ist deswegen auch nicht besser dran. »Wir irren alle mannigfaltig« (Jak 3,2).

Solide Kenntnis des gesamten Wortes Gottes, wie sie oben beschrieben wurde, kann von Gott gebraucht werden, solche Fündlein und Nebensatz-Theologien zu entlarven. Aber, wohlgemerkt, von Gott. Der Theologe sitzt nicht kraft seines akademischen Studiums auf einem Richterstuhl. Gott allein hat recht.

Wenn wir meinen, recht zu haben, kann es uns ergehen, wie es in Richter 20,12-28 beschrieben wird: Wegen einer scheußlichen Greueltat, die in Gibea verübt worden war, zogen elf Stämme Israels gegen den zwölften, den Stamm Benjamin, aus, weil dieser nicht bereit gewesen war, die Urheber des Verbrechens auszuliefern. Die Sache, für die sie zu Felde zogen, war wirklich gerecht und sie hatten auch den Herrn gefragt, ob sie ausziehen sollten. Dennoch ließ der Herr es zweimal zu, dass die elf Stämme von dem einen geschlagen wurden – vermutlich, weil es nicht nur die Sache des Herrn, sondern in ihrem Herzen auch ihre eigene Sache war, ihre eigene »gerechte Empörung«. Als dann der Herr beim dritten Anlauf die Benjaminiten in ihre Hand gab, machten sie ihre Arbeit so gründlich, dass sie darüber ver­gaßen, dass es ja ein Teil des Volkes Gottes war, gegen den sie zu Felde zogen. Der Stamm Benjamin wurde beinahe ausge­rottet und da Israel nur vollzählig vor dem Herrn erscheinen durfte, mußte das Problem gelöst werden, wie dieser Stamm, von dem es nur noch sechshundert junge Männer, aber keine Frauen gab, vor dem Aussterben bewahrt werden konnte.

Nicht wir sind es, die nach unserem Gutdünken in Aktion zu treten haben; Gott kann uns als Instrument gebrauchen, wenn es ihm gefällt und dann haben wir zu gehorchen.


Die Denkweise der historisch-kritischen Theologie

Das Charakteristische der Denk- und Arbeitsweise der historisch-kritischen Theologie soll an einem Beispiel verdeutlicht werden. Wir wollen daran das allgemein Übliche zeigen. Des­halb wählen wir einen Abschnitt aus einem Buch, das für einen breiteren Leserkreis geschrieben ist, der Nichttheologen einschließt. Der Verfasser dieses Buches ist ein namhafter Theologe und fleißiger Gelehrter, der eher konservativ als kri­tisch ist. Diese behutsame Wahl der Vorlage gibt uns umso eher das Recht, unsere Beobachtungen zu verallgemeinern.

In seiner Theologie des Neuen Testaments stellt Werner Georg Kümmel fest, dass sich »in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der geistigen Bewe­gung der Aufklärung innerhalb der protestantischen Theologie die Erkenntnis durchzusetzen begann, dass die Bibel ein von Menschen geschriebenes Buch sei, das wie jedes Werk menschlichen Geistes nur aus der Zeit seiner Entstehung und darum nur mit den Methoden der Geschichtswissenschaft sachgemäß verständlich gemacht werden könne«.

Der unbefangene Leser wird durch die Formulierung zu der Annahme verführt, er habe als Tatsache zur Kenntnis zu neh­men, dass die Bibel nur ein Werk menschlichen Geistes sei. Denn der Grundsatz der historisch-kritischen Theologie, die Bibel als ein Werk menschlichen Geistes anzusehen, mit dem nicht anders umgegangen werden darf, als mit anderen menschlichen Geisteswerken, wird ihm als Erkenntnis präsen­tiert, d.h. als Einsicht aufgrund der Kenntnis gegebener Tatsa­chen. Zwangsläufig wird der Leser diese sogenannte »Er­kenntnis« als ein Forschungsergebnis ansehen, das sich durchgesetzt und allgemeine Anerkennung gefunden hat. Als Laie, der die Zusammenhänge nicht kennt, wird er das Gelesene akzeptieren, weil dahinter ja die ganze Autorität der Wissenschaft steht, in der sich die »Erkenntnis« bereits vor Jahrhunderten durchgesetzt hat.

Auf diese Weise wird ein Mensch im Netz der Lüge gefan­gen. Die sogenannte Erkenntnis war in Wahrheit nur eine Entscheidung. Eine Minderheit, klein an Zahl, wenngleich zur Elite des abendländischen Geistes gehörig, hat sich dafür ent­schieden, den Menschen als Maß aller Dinge anzusehen (Humanismus) und folgerichtig erkannte man nur noch das als Wahrheit an, was induktiv gewonnen wurde (Aufklärung, Francis Bacon).

Das war die Entscheidung, die Wahrheit in Ungerechtigkeit darniederzuhalten. Damit entschied man sich gegen Gottes Wort als geoffenbarte Wahrheit, für die Weisheit dieser Welt, die in ihrem Wesen atheistisch ist, auch wenn sie sich fromm gebärdet und den Namen Gottes im Munde führt. Diese Ent­scheidung, die Wahrheit in Ungerechtigkeit darniederzuhal­ten, die zunächst nur von einigen wenigen getroffen wurde, die sich selbst für weise hielten, hat sich inzwischen so weit durchgesetzt, dass heute in Deutschland selbst der letzte Grundschüler von ihr erreicht wird.

Wie diese Verbreitung geschieht, können wir an unserer Vor­lage studieren:

Man gibt vor – wie gesagt –, ein Fundament klarer Erkenntnis zu haben, auf dem Boden der Tatsachen und der Wahrheit zu stehen; davon ausgehend wird dann die Unausweichlichkeit der Folgerungen behauptet: Weil die Bibel »ein Werk menschlichen Geistes« sei, könne sie »nur mit den Methoden der Geschichtswissenschaft sachgemäß verständlich gemacht werden«.

Derartige demagogische Vereinnahmung ist nicht allein die Grundstruktur der historisch-kritischen Theologie, sondern wahrscheinlich darüber hinaus auch der gesamten Geistes­wissenschaften. »Wie jeder sehen kann …«; »… muss jeder erkennen …«; »die Folgerung ist unausweichlich …«; »die Annahme ist zwingend …«; »es ist nicht zu übersehen, dass …«; »man muss …«; »man darf nicht …«; »man konnte

nicht auf halbem Weg stehenbleiben …« – wann immer Ihnen derartige Formulierungen begegnen, sehen Sie in der Regel die tönernen Füße des Kolosses Wissenschaft bloß vor Ihren Augen.

Wer behauptet, die Bibel könne nur mit Methoden der Ge­schichtswissenschaft verständlich gemacht werden, der ernennt eine von Grund auf antichristlich konzipierte Wissen­schaft zum »Haushalter der Geheimnisse Gottes«! Gottes Wort sagt uns, dass Gott die Geschicke der Völker lenkt; die Geschichtswissenschaft weigert sich von vornherein, Gottes Handeln in der Geschichte auch nur als Möglichkeit in Be­tracht zu ziehen – und diese atheistische, antichristliche Wis­senschaft wird von der historisch-kritischen Theologie als der einzig sachgemäße Zugang zu Gottes Wort anerkannt. Jeder, der als theologisch gebildet gelten will, soll das akzeptieren.

Um einen akademischen Grad in der Gottesgelehrsamkeit zu erhalten, muss ich mich entscheiden, in meinem Denken dem Atheismus Raum zu geben. Fromme Gefühle wird man mir freundlicherweise erlauben, aber mein Denken hat die atheistische Grundsatzentscheidung nachzuvollziehen und »methodisch« vorzugehen – ut si Deus non daretur. Das ist Perversion!

Sowohl die historisch-kritische Theologie als auch die Ge­schichtswissenschaft ist auf das Fundament der Lüge gegrün­det. Wissenschaft ist demnach nicht das Synonym für Wahr­heit, sondern für Rebellion gegen Gott, welche die Wahrheit in Ungerechtigkeit darniederhält. Was sie an richtigen Einzel­erkenntnissen zutage fördert, ist durch das Element der Lüge gebrochen und verzerrt, so wie man einen Löffel durch ein Glas Wasser nur optisch verzerrt erkennen kann.

Kümmel fährt fort: »Aus dieser Erkenntnis ergab sich nämlich die unausweichliche Folgerung, dass auch die Darstellung des Gedankengehalts der Bibel, die ›Biblische Theologie‹, nur mit Hilfe geschichtlicher Fragestellung sachgemäß geschehen könne, wenn der Gedankengehalt der Bibel unbeeinflußt von der Dogmatik und wirklich selbständig erkannt werden sollte.«

Damit unterstellt Kümmel, dass ich nur mit Hilfe der Ge­schichtswissenschaft den Gedankengehalt der Bibel »unbeeinflußt von der Dogmatik« lesen kann. Anders gesagt, dass ich in dem Fall, dass ich es ablehne, mein Denken durch das Nadelöhr der Geschichtswissenschaft hindurchzuschicken und die Bibel schlicht so lese, wie sie dasteht, von der Dogma­tik beeinflußt sei. Er stellt also zur Alternative:

Entweder lese ich die Bibel beeinflußt von der Dogmatik; das ist dann unsachgemäß und die Bibel wird nicht »wirklich selbständig erkannt«. Oder ich lese die Bibel mit Hilfe geschichtlicher Fragestellung; das ist sachgemäß und führt dazu, dass der Gedankengehalt der Bibel »wirklich selbstän­dig erkannt« wird.

Ziel ist das »wirklich selbständige Erkennen«, bei dem der Mensch das Maß aller Dinge ist. Die atheistische Ge­schichtswissenschaft liefert dafür das »pou stoo«, um mit Gottes Wort umzugehen, ohne sich auf Gottes Wort einzu­lassen. Bei diesem Zugriff von außen wird die Bibel auf einen »Gedankengehalt« reduziert und das nennt man dann noch Theologie – Reden von Gott! Die Perversion ist ungeheuer­lich. Gottes Offenbarung soll »sachgemäß« und »wirklich selbständig« so erkannt werden, dass von Gott keine Rede mehr ist, dass Gott nicht mehr als Gott geehrt wird, noch Ihm gedankt. Generation um Generation von Gotteskindern, die bereit und eifrig waren, Gott zu dienen, haben wir »durchs Feuer gehen« lassen und diesem Moloch einer atheistischen Theologie geopfert. Das Ergebnis ist Generation um Genera­tion von verführten Verführern. Wann werden wir endlich umkehren und uns lossagen von diesem Götzendienst?

Kümmel setzt seinen Gedankengang fort, indem er aufzeigt, zu welchen Konsequenzen sich die historisch-kritische Theo­logie genötigt sieht, nachdem sie es unternommen hat, »die Bibel als Werk menschlicher Verfasser geschichtlich zu erfor­schen«: »Sobald man aber mit einer solchen geschichtlichen Fragestellung gegenüber den Gedanken der Bibel wirklich ernst machte, wie es um 1800 zuerst geschah, sah man sich nicht nur gezwungen, die Darstellung des Alten und des Neuen Testamentes völlig voneinander zu trennen, sondern auch bei der Schilderung der Gedanken des Neuen Testa­mentes Jesus und die verschiedenen apostolischen Schrift­steller je für sich zu Wort kommen zu lassen.«

Die Sprache verrät ihn bzw. die historisch-kritische Theologie, als deren Repräsentant Kümmel hier spricht: »sah man sich gezwungen, nicht nur … sondern auch«. Wer sich auf diesen Weg der Gottlosigkeit einläßt, ist also fortan nicht mehr frei in seiner Entscheidung; ein Es oder ein Er ist da, der zwingt. Das ist wahr gesprochen. Dieser Zwang wird nicht ausgeübt durch Regeln der Logik noch durch eingeübte Methoden; das vermag nicht zu zwingen. Es sind dämonische Mächte, unter deren Zwang jeder gerät, der sich auf diesen Weg begibt. Er ist fortan nicht mehr frei, sondern unterliegt einem Bann.

Kümmel zieht aus dem vorher Gesagten den Schluß: »Man konnte eben nicht auf halbem Wege stehen bleiben: Muss die Bibel als Werk menschlicher Verfasser geschichtlich erforscht werden, um ihren wirklichen Sinn zu verstehen, so darf und kann man nicht an der Voraussetzung festhalten, dass das Alte Testament und das Neue Testament in sich je eine gedankliche Einheit bilden; dann muss man auch auf die Unterschiede innerhalb der beiden Testamente achten und auch eine etwaige Entwicklung und Verfälschung der Gedan­ken in Betracht ziehen. Infolgedessen sah sich die Bemühung um eine Theologie des Neuen Testamentes von Anfang an vor das Problem der Verschiedenheit und Einheitlichkeit im Neuen Testament gestellt.«

Es ist ungeheuerlich, aber es steht wirklich da: »Die Bibel muss als Werk menschlicher Verfasser … erforscht werden, um ihren … Sinn zu verstehen.« Das wird nicht erst nachge­wiesen, sondern von vornherein vorausgesetzt. Das ist nicht die Privatmeinung von Herrn Kümmel, sondern Allgemeingut der historisch-kritischen Theologie, hier nur noch einmal ge­nannt, um die Konsequenzen aufzuzeigen. Konsequenz ist die Atomisierung der Bibel, bei der man Teile in der Hand hat, ohne noch den lebendigen Zusammenhang zu erkennen und sich schließlich in seiner selbstverschuldeten Hilflosigkeit sogar dazu versteigt, Verfälschung der Gedanken in Betracht zu ziehen.

So geht man mit der Heiligen Schrift des Heiligen Gottes um! So tritt man das Wort unseres Erlösers mit Füßen. Auf dem Missionsfeld treten dann Moslems den Missionaren mit einer Blütenlese aus den Werken historisch-kritischer Theologen entgegen und stellen sarkastisch fest: Eure Leute sagen ja sel­ber, dass die Bibel nicht stimmt! Wahrlich, Gott ist langmütig und geduldig. Aber irret euch nicht, Er läßt sich nicht spotten.

Das Gericht kommt. Wohl dem, der seine Zuflucht zum Blute Jesu genommen hat!

Kümmel fährt fort: »Die Bemühungen um den theologischen Gehalt des Neuen Testaments als einer selbständigen geschichtlichen Größe stand darum von Anfang an in einer Spannung zu jeder Form von dogmatischer Theologie. Denn die Darstellung der christlichen Lehre als Antwort auf die Frage nach dem Wesen der Offenbarung Gottes in Jesus Christus wird selbstverständlich, von welchen Voraussetzun­gen sie auch ausgeht und welche Bindungen sie sich auch auferlegt, das Ziel haben müssen, eine einheitliche Lehre vor­zutragen und die Dogmatik muss darum in Schwierigkeiten geraten, wenn sie sich auf das Neue Testament als Grundlage ihrer Aussagen stützen will und die biblische Theologie ihr dazu keine einheitliche Lehre im Neuen Testament aufzuzei­gen vermag. Damit stehen wir aber vor dem eigentlichen Problem einer ›Theologie des Neuen Testaments‹.«

An dieser Stelle läßt sich besonders deutlich erkennen, wie gearbeitet wird:

1. Durch die Einführung des Begriffs Spannung (steht in Spannung) wird die Fragestellung von vornherein aus dem Bereich der Koordinaten Wahrheit – Lüge herauskatapultiert.

2. Als Bezugsgröße wird die dogmatische Theologie einge­führt. D.h., Einwände, welche sich gegen eine derartige Theo­logie des Neuen Testaments vom Glauben her erheben, wer­den von vornherein diskriminiert, indem man sie nicht als grundsätzliche In-Frage-Stellung gelten läßt, sondern ab­schiebt als etwas, das sich aus der Sichtweise einer anderen Fachdisziplin ergibt, die – nicht anders als die eigene – bloß eine menschliche Konzeption darstellt. Diese Art zu argumentieren ist zwar nicht neu, wird aber dadurch keineswegs besser.

3. Die Dogmatik, als Widerpart genommen, wird für den Blickwinkel der Wissenschaft von vornherein disqualifiziert:

Sie geht von Voraussetzungen aus, hat sich Bindungen aufer­legt und ist – bei allen zugegebenen möglichen Unter­schieden – in solchen Voraussetzungen und Bindungen ein­heitlich tendenziös. Soweit sie der Theologie des Neuen Testaments entgegensteht, wird das als ihre – begreifliche – Tendenz gewertet. Auf diese Weise schottet man sich in der historisch-kritischen Theologie von vornherein gegen unbe­queme Fragen ab.

Das oben genannte Problem ist für Kümmel nur eines unter vielen. Er scheut nicht vor der Behauptung zurück: »Denn schon dann, wenn sich der Ausleger zunächst einmal um den Sinn der einzelnen Schriften des Neuen Testaments bemüht …, steht er im Grunde vor einer unlösbaren Aufgabe« (S. 13).

Damit behauptet der Theologe Kümmel klar und eindeutig, dass Gottes Wort, uns zum Heil gegeben, in seinem Sinn im Grunde nicht zu erkennen sei.

Eigentlich sollte ein derartiger Bankrott der Auslegung ja wohl dazu führen, dass man das Gesetz, nach dem man angetreten ist, in Frage stellt. Aber Kümmel fährt stattdessen fort: »Die im Neuen Testament gesammelten Schriften sind ihrer ge­schichtlichen Art nach ja Urkunden antiker Religionsge­schichte, in einer toten Sprache und einer uns nicht mehr ohne weiteres verständlichen Begrifflichkeit und Vorstel­lungswelt geschrieben; sie können darum nur auf dem Weg geschichtlicher Forschung zum Reden gebracht und es kann nur auf diesem Weg ein Verstehen des von den Verfassern Gemeinten annähernd erreicht werden.«

Es ist ungeheuerlich! Das Buch des Neuen Bundes, das von unserer Erlösung handelt – eine Sammlung von Urkunden antiker Religionsgeschichte! »Also hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an Ihn glauben, nicht verloren gehen« – ein Satz aus einer Urkunde antiker Religionsgeschichte! »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben« – das Wort unseres Herrn und Hei­landes – ein Gedankensplitter antiker Religionsgeschichte! »Es ist in keinem anderen Heil und ist auch kein anderer Name unser den Menschen genannt, darin sie sollen selig werden« – desgleichen Bruchteil einer Urkunde antiker Religionsgeschichte!

»… in einer toten Sprache und einer uns nicht mehr ohne weiteres verständlichen Begrifflichkeit und Vorstellungswelt geschrieben.« – Hier wird mit aller Gewalt versucht, Gottes Wort in ein historisches »Damals« abzuschieben, es dem Gebrauch zu entziehen und zu einem Museum zu machen, für das gelegentlich Führungen angeboten werden.

Millionen von Gotteskindern erfahren heute täglich das Neue Testament und darüber hinaus die ganze Bibel als Got­tes lebendiges Wort, durch das Gott zu ihnen redet. Unge­achtet solcher weltweiten Erfahrungen wird behauptet: »Die im Neuen Testament gesammelten Schriften … können … nur auf dem Weg geschichtlicher Forschung zum Reden ge­bracht werden.«

Damit wird der Heilige Geist verleugnet und Jesus wider­sprochen, der gesagt hat: »Ich preise Dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, der Du dieses vor Weisen und Ver­ständigen verborgen hast und hast es Unmündigen geoffen­bart. Ja, Vater, denn so war es wohlgefällig vor Dir« (Mt 11,25 f.). Gilt der Weheruf Jesu: »Wehe aber euch, Schriftge­lehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr verschließt das Reich der Himmel vor den Menschen; denn ihr geht nicht hinein, noch laßt ihr die, welche hineingehen wollen, hinein­gehen« (Mt 23,13) nicht auch für eine solche Theologie?

Halten wir uns dabei immer vor Augen: Wir haben es nicht mit einem »Fall Kümmel« zu tun. Werner Georg Kümmel gilt mit seinen Äußerungen lediglich als ein Exempel und er ist, was wir nicht vergessen dürfen –, noch ein gemäßigter Ver­treter dieser weltweit verbreiteten Theologie.

Kümmel läßt uns keineswegs im Zweifel, wie fragwürdig die Ergebnisse der Bemühungen sind, »die Schriften des Neuen Testaments« »auf dem Weg geschichtlicher Forschung zum Reden« zu bringen:

»Solche Bemühung um wissenschaftliches Verständlichma­chen kann ihrem Wesen nach nur zu wahrscheinlichen und oftmals nur zu hypothetischen Resultaten führen und es bedarf des abwägenden Urteils, ob man sich einem erzielten Resultat anschließen oder es durch einen anderen Erklärungs­versuch ersetzen will.«

Weil man sich entschieden hatte, dass der »Gedankengehalt der Bibel« »wirklich selbständig erkannt werden sollte«, löste man die Einheit der Bibel auf und machte keinen Gebrauch mehr davon, dass Gottes Wort sich selber interpretiert. Fol­gerichtig ist man nunmehr genötigt, anstatt Tatsachen zu erkennen, sich in Unterstellungen zu ergehen, Hypothese an Hypothese anzuschließen, bis ganze Kartenhäuser von Hypo­thesen aufgerichtet werden.

Den Ausschlag in der Beurteilung und Einstufung der Hypo­thesen gibt jeweils ein selbstmächtiges Ich, das nach seinem Gutdünken über Gottes Wort entscheidet. Man erhielt, was man erwählte, das Ich sitzt auf dem Thron. Wie König Midas nur noch Gold zu fassen bekam und verhungern mußte, weil alles, was er berührte, nach seinem eigenen habsüchtigen Verlangen zu Gold wurde, so ist der Mensch, der sich Gottes Wort gegenüber für seine Selbstmächtigkeit entschieden hat, seinem Selbst ausgeliefert und bekommt wirklich nur noch die Gebilde seines Selbst zu fassen. Für ihn wird Gottes Wort wirklich zu einem toten Buchstaben. Das ist Gottes Gericht!

»Dieselben Schriften des Neuen Testaments sind nun aber von der alten Kirche in einen Kanon heiliger Schriften zusammen­geordnet worden, dessen Umfang seit dem Ende des 4. Jahr­hunderts nicht mehr ernstlich umstritten war und haben dadurch den Charakter normativer, für den Glauben des Chris­ten grundlegender Schriften erhalten, denen der Christ glau­benden Gehorsam entgegenbringen müßte. Es ist aber leicht zu sehen, dass es im Grunde unmöglich ist, den Schriften des Neuen Testaments zu gleicher Zeit als urteilend forschender und als gläubig hörender Mensch gegenüberzutreten.«

Das ist wahr! Mir ist nicht bekannt, dass noch ein anderer historisch-kritischer Theologe diesen Sachverhalt mit gleicher Klarheit gesehen hätte. Spätestens an dieser Stelle müßte die eigene, historisch-kritische Position in Frage gestellt werden. Wenn sie zu solchen Konsequenzen führt, dann muss sie ver­kehrt sein. Aber das geschieht nicht. Stattdessen wird zu einem Salto mortale angetreten: »Wenn man daher begreif­licherweise immer wieder auf verschiedene Weise versucht hat, diesem Dilemma zu entgehen, so waren und sind doch alle solche Versuche zum Scheitern verurteilt, weil sie dem Sachverhalt nicht entsprechen. Das wissenschaftliche Be­mühen um das Verstehen des Neuen Testaments muss, ge­rade wenn es im Raum der Kirche und von der Voraussetzung des Glaubens aus betrieben wird, der Tatsache Rechnung tra­gen, dass wir auch zum gläubigen Hören auf die Botschaft des Neuen Testaments nur auf einem Weg gelangen können: nämlich dadurch, dass wir uns die Aussagen der antiken Ver­fasser der neutestamentlichen Schriften verständlich zu machen suchen, so wie sie ihre zeitgenössischen Hörer oder Leser verstehen konnten und mußten.«

Es sei Kümmel zugegeben, dass Kompromisse keine trag­fähige Basis sind. Das gibt ihm aber keineswegs das Recht zu der bodenlos unbegründeten Behauptung, dass es Tatsache sei, dass gläubiges Hören auf die Botschaft des Neuen Testa­ments nur durch das Hörgerät der historisch-kritischen Theo­logie geschehen könnte. Das kleinste und jüngste Gotteskind kann ihn bei dieser unverschämten Behauptung der Lüge überführen.

Kümmel jedoch stellt anschließend noch einmal die These hin: »Es gibt darum keinen andern Zugang zum Verstehen der neutestamentlichen Schriften, als die für alle Schriften des Altertums gültige Methode historischer Forschung.«

Die selbstmächtigen Ich-Entscheidungen darüber, welches hypothetische Resultat ich als gelungenen Erklärungsversuch gelten lasse, sollen also der einzige Zugang sein »zum gläu­bigen Hören auf die Botschaft des Neuen Testaments«.

Wohlgemerkt ist nicht vom glaubenden, sondern vom gläu­bigen Hören die Rede. Gläubig sein ist eine subjektive Eigen­schaft; Glaube dagegen hält sich an die objektiv gegebene Zusage.

Kümmel versucht zwar, obwohl man ihm das nach den vor­angegangenen Aussagen schwer abnehmen kann, die Wich­tigkeit des Glaubens für den Umgang mit der Bibel festzuhal­ten: »Es kommt freilich sehr viel darauf an, ob man solche Forschung als Unbeteiligter und in bewußter Distanz oder als innerlich Beteiligter und darum als mit letzter Aufgeschlos­senheit Hörender betreibt.«

Aber dennoch bleibt Kümmel dabei, dass es »keinen anderen Zugang gibt zum Verstehen der neutestamentlichen Schrif­ten«. Er fährt fort: »Sieht sich so derjenige, der nach dem Gedankengehalt und der Anrede einer neutestamentlichen Schrift fragt, vor die Notwendigkeit gestellt, auf dem umständlichen Weg der wissenschaftlichen Erhellung des antiken Textes zu einem persönlichen Hören zu gelangen, so zeigt sich diese Schwierigkeit bei der Bemühung um die Theologie des Neuen Testaments in verstärktem Maße.«

Keinen anderen Zugang – wehe dem, der mit solcher Be­hauptung vor Gottes Richterstuhl erscheinen muss! Ich bin so dankbar, dass das Blut Jesu meine Verfehlungen abgewa­schen hat! Ich war ja nicht besser, eher schlimmer und habe ebenfalls solche unverantwortlichen Aussagen gemacht. Und wer auch immer sich auf die historisch-kritische Theologie einläßt, wird ebenfalls dahin kommen. Ebensowenig wie ein bißchen schwanger kann man ein bißchen historisch-kritisch sein.

Anmerkungen

 

Exkurs: Verführungen

1. Gotteskindern, die davor zurückschrecken, an einer theo­logischen Fakultät zu studieren, weil sie in ihrem Herzen wis­sen, dass in der historisch-kritischen Theologie nicht die Stimme des guten Hirten zu hören ist, wird von solchen, die es besser wissen müßten, entgegengehalten: »Ist denn dein Glaube so klein, dass du dich nicht auf die historisch-kritische Theologie einlassen willst?« Das ist Verführung!

Gott fordert uns nicht auf, unseren Glauben zu testen. Schon die Vorstellung, dass wir in solcher Weise über unseren Glau­ben verfügen könnten, ist irrig. Jesus ist der Anfänger und der Vollender des Glaubens (Hebr 12,2) und das Maß unseres Glaubens ist von Gott gegeben (Röm 12,3).

Keiner der Verführer, welche Gotteskinder dazu ermuntern, sich dorthin zu begeben, wo ihre Seelen verdorben werden durch eine auf Langzeit dosierte geistliche Vergiftung, wäre bereit, in gleicher Weise seinen eigenen Leib mit kleinen, aber auf Dauer tödlichen Dosen von Arsen vergiften zu lassen. Er würde sich mitnichten darauf einlassen, unter Berufung auf Markus 16,18 seinen eigenen Glauben und Gottes Bewah­rung solchermaßen zu testen!

Möge Gott ihnen Gnade zur Buße schenken, damit sie auf­hören, die ihnen anvertrauten Seelen verführerisch zu nötigen, sich in ein Abhängigkeitsverhältnis zu begeben in einem Lehr­system, das methodisch von der Voraussetzung ausgeht, als gäbe es Gott nicht und somit atheistisch und antichristlich ist.

Die historisch-kritische Theologie ist Irrlehre. Darüber ist man sich mindestens im Fall Rudolf Bultmann in evangelikalen Kreisen einig. Es gibt aber keine grundsätzlichen, sondern selbst im günstigsten Fall höchstens gradweise Unterschiede zwischen Rudolf Bultmann und den übrigen Vertretern dieser Richtung. 1  Gottes Wort hat uns klare Anweisungen gegeben, wie wir uns Irrlehrern gegenüber zu verhalten haben (2 Jo 10 f.; Röm 16,17; Jud 23; Kol 2,8; 2Petr 3,17; u.a.m.). Die Befolgung dieser Anweisungen dürfte mit einem Studium der

historisch-kritischen Theologie nicht vereinbar sein. Wenn ich mich ohne Gottes Führung und ohne dazu ge­zwungen zu sein, in eine Situation begebe, in der ich ge­genüber klaren Anweisungen aus Gottes Wort ungehorsam sein muß, kann ich in dieser Situation nicht mit dem sonst verheißenen Schutz Gottes rechnen, sondern ich muß darauf gefaßt sein, dass Er diesen Schutz zum mindesten teilweise zurückzieht. Deshalb ist der Verführung zu widerstehen.

2. Die erste Verführung wird gelegentlich durch eine weitere ergänzt. Es wird auf Beispiele verwiesen, welche zeigen, dass Gott Menschen aus der historisch-kritischen Theologie her­ausgerettet hat, um dadurch zu beweisen, dass die Gefahr ja so groß nicht sei, wenn jemand diese Theologie studiert.

Es ist wahr: Gott rettet Menschen aus der historisch-kritischen Theologie heraus, Ihm sei Dank dafür. Gott kann das! Aber sollen wir uns deshalb in Gefahr begeben? Der Teufel sprach zu Jesus, nachdem er Ihn auf die Zinne des Tempels gestellt hatte: »Wenn du Gottes Sohn bist, so wirf dich hinab, denn es steht geschrieben: ›Er wird seinen Engeln über dir befehlen und sie werden dich auf Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stoßest.‹ Jesus aber, der gewiß gewußt hat, dass Gott ihn ohne Zweifel bewahren konnte, begab sich nicht in die Gefahr, sondern antwortete dem Versucher: »Wiederum steht geschrieben: ›Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen‹« (Mt 4,6f.).

Ohne klare Führung von Gott sich in das Studium der historisch-kritischen Theologie hineinzubegeben, weil Gott ja bewahren kann, heißt Gott versuchen.

3. Es wird damit argumentiert, dass ein junger Mensch, der Theologie studieren wolle, um Gott zu dienen, ja gezwungen sei, an die Universität zu gehen, zum mindesten dann, wenn er in der Volkskirche dienen wolle.

Hier wird den Fakten mehr vertraut als Gott, der doch die Fakten in der Hand hat und die Umstände verändern kann. Solange die Mehrzahl der Studenten an die Uni geht und das Risiko nicht auf sich nimmt, in der Institution Volkskirche kei­nen Dienstplatz zu bekommen, läßt Er diese Umstände viel­leicht noch länger zu. Wenn Seine Kinder jedoch einsehen würden, dass sie durch das Studium zwar den Dienstplatz bekommen, aber untauglich werden für den Dienst des Herrn und deshalb einmütig zu Gott schreien würden, dass Er das Ausbildungsmonopol der historisch-kritischen Theologie auf­heben möge –, dann wird unser Vater im Himmel gewiß das Schreien Seiner Kinder erhören. Er hat uns ja schon jetzt in Seiner Gnade einige bibeltreue Ausbildungsstätten (z.B. FTA Gießen und STH Basel) geschenkt und die Abgänger dieser Institute sind in Seinem Reich nicht arbeitslos geblieben.

4. Eine weitere Verführung – unter Missbrauch des Wortes Gottes! – lautet folgendermaßen: »Paulus wurde den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche; also laßt uns den Historisch-Kritischen ein Historisch-Kritischer werden!«

Gottes Wort wird dabei nur zur Hälfte zitiert, weil es sich nur so für diese Verführung gebrauchen läßt. Man möge jeweils den ganzen Bibelvers beachten: »Und ich bin den Juden wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne; denen, die unter Gesetz sind, wie einer unter Gesetz – obwohl ich selbst nicht unter Gesetz bin –, damit ich die, welche unter Gesetz sind, gewinne; denen, die ohne Gesetz sind, wie einer ohne Gesetz – obwohl ich nicht ohne Gesetz vor Gott bin, sondern unter dem Gesetz Christi –, damit ich die, welche ohne Gesetz sind, gewinne« (1Kor 9,20f.).

Paulus wurde wie einer unter dem Gesetz, obwohl er selbst nicht unter dem Gesetz war. Galater 2,1ff. und Philipper 3,2 sowie Römer Kap. 1-4 zeigen u.a., wie solches Den-Juden-ein-Jude-Werden praktisch aussieht.

Zu einem derartigen Verhalten ist aber der Student in seiner inneren und äußeren Abhängigkeit als Lernender im Regel­fall gar nicht in der Lage. Selbst Paulus hat dafür eine lange Zeit der Zubereitung gebraucht. Außerdem ist es gar nicht die Aufgabe eines jeden, der sich auf seinen zukünftigen Dienst als Hirte, Evangelist und Lehrer vorzubereiten hat.

Ohne eine spezielle Gnade Gottes, die ihm durch ein beson­deres Reden Gottes zugesagt ist, wird der Student den Historisch-kritischen nicht wie ein Historisch-Kritischer; er wird ein Historisch-Kritischer – möglicherweise mit einigen Abstri­chen. Aber diese Abstriche wirken sich nicht aus als missiona­rische Kraft; sie wirken auf die Historisch-Kritischen lediglich als Inkonsequenz, werden belächelt und gegebenenfalls geduldet, wenn nur im Übrigen die historisch-kritische Arbeitsweise stimmt.

Paulus wurde »den Juden ein Jude« – nicht im Rabbinat, nicht als Angehöriger des Synhedriums, nicht als ordinierter Rabbi und Mitarbeiter an einer Synagoge –, nicht während seiner Ausbildung, sondern als ein gestandener Christ in Unabhängigkeit, der zwar an jedem Ort seinen Dienst in der Synagoge beginnen, aber jederzeit auch aus ihr herausgehen konnte. Unter dieser Bedingung konnte er den Juden so ein Jude werden, dass er ihnen aufgrund ihrer eigenen Voraus­setzungen die Notwendigkeit der Umkehr aufzeigen konnte, die darin besteht, die von Jesus auf Golgatha vollbrachte Erlö­sung anzunehmen.

5. Auch das Schriftwort »Alles ist euer« (1Kor 3,21) wird aus dem Zusammenhang gerissen, um zu belegen: »In der Frei­heit des Glaubens an Christus ist die Auseinandersetzung mit jeglichen, auch mit historisch-kritischen Hypothesen möglich. Angsthaltungen sollten überwunden werden.«2

Formal lassen sich zwar unter »Welt oder Leben« und unter »Gegenwärtiges« auch historisch-kritische Hypothesen sub­sumieren. Man darf jedoch den Zusammenhang des Verses nicht außer Acht lassen:

»Niemand betrüge sich selbst! Wenn jemand unter euch meint, weise zu sein in dieser Welt, so werde er töricht, damit er weise werde. Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott; denn es steht geschrieben: ›Der die Weisen fängt in ihrer List‹. Und wieder: ›Der Herr kennt die Überlegungen der Weisen, dass sie nichtig sind‹. So rühme sich denn niemand (im Blick auf) Menschen, denn alles ist euer« (1Kor 3,18-21).

Historisch-kritische Theologie ist »Weisheit dieser Welt«, und durch Hypothesen wird der Ruf von Wissenschaftlern begründet, so dass man sich ihrer rühmt und sich zu ihrer »Schule« zählt. Wir aber werden ermahnt, »töricht zu wer­den, damit wir weise werden«, anstatt von der Weisheit die­ser Welt in der Freiheit Christi Gebrauch zu machen.

Nebenbei bemerkt: Auseinandersetzung mit Hypothesen – sofern sie nicht als ihre Zurückweisung durch Gottes Wort geschieht – ist nichts anderes, als sich einzulassen auf das Hypothesenspiel. Solche »Auseinandersetzung« stellt sich von vornherein auf den Boden, auf dem derartige Hypothe­sen gebildet werden und hat den festen Grund des Wortes Gottes bereits verlassen. Überdies setzt sie solche Hypothe­sen keineswegs außer Kurs, sondern trägt letztendlich nur zu ihrer Stabilisierung bei.

6. Deshalb ist auch die Fragestellung verderblich: »Da wollen wir erst einmal sehen: Wie ist es denn nun wirklich?«

Wenn ich mit dieser Haltung an Gottes Wort herangehe, bin ich schon abgewichen, auch wenn das Ergebnis »positiv« ist. Ich habe mich auf meinen Verstand verlassen und traue mir zu, das Richtige herauszubekommen.

Die angemessene Haltung wäre dagegen: »Mein Vater, ich danke Dir für Dein Wort. Es ist durch und durch wahr. Aber ich habe Probleme. Ich habe mich verunsichern lassen. Als ich in die Enge getrieben wurde, habe ich Deinem Wort mißtraut. Bitte, bring mich zurecht und zeige Du mir durch den Heiligen Geist aus Deinem Wort, wie es sich verhält.«

Die Versuchung besteht darin, als Sieger dastehen zu wollen durch die Kraft meines Intellekts und die Stärke meiner Argu­mente. Gott hat aber gesagt. »Nicht durch Heer und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist« (Sach 4,6).

7. Der Tiefschlag unter den Verführungen ist die Frage: »Willst du denn besser sein … ?«

Gottes Wort sagt uns (Röm 6,11): »Achtet euch als tot für die Sünde.« Es wird nicht von uns verlangt, uns mit anderen so zu identifizieren, dass wir uns mit ihrer Sünde identifizieren. Ich bin nicht besser als Diebe, Hurer, Ehebrecher und historisch­kritische Theologen. Aber genauso, wie ich dem Ehebruch im Namen Jesu widerstehe, darf ich auch der historisch-kritischen Theologie widerstehen und meinen Heiland anrufen in der Not.

 

Kleine Handreichung aus dem Worte Gottes

»Alle Worte meines Mundes sind in Gerechtigkeit; es ist nichts Verdrehtes und Verkehrtes in ihnen. Sie alle sind richtig dem Verständigen und gerade denen, die Erkenntnis erlangt haben« (Spr 8,8 f.).

»Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang; und die Erkenntnis des Heiligen ist Verstand« (Spr 9,10).

»Der Mund des Gerechten sproßt Weisheit, aber die Zunge der Verkehrtheit wird ausgerottet werden« (Spr 10,31).

»Laß ab, mein Sohn, auf Unterweisung zu hören, die abirren macht von den Worten der Erkenntnis« (Spr 19,27).

»Wer Aufrichtige irreführt auf bösen Weg, wird selbst in seine Grube fallen; aber die Vollkommenen werden Gutes erben« (Spr 28,10).

»Wehe denen, die in ihren Augen weise und bei sich selbst verständig sind!« (Jes 5,21).

»So spricht der Herr: Verflucht ist der Mann, der auf den Menschen vertraut und Fleisch zu seinem Arm macht und dessen Herz von dem Herrn weicht« (Jer 17,5).

»Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander nehmt und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, nicht sucht?« (Joh 5,44).

»Ich ermahne euch nun, Brüder, durch die Erbarmungen Got­tes, eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer, was euer vernünftiger Gottesdienst ist. Und seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet ver­wandelt durch die Erneuerung des Sinnes, dass ihr prüfen mögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene« (Röm 12,1 f.).

 

Anmerkungen

1              Wer daran immer noch Zweifel hat, möge den minutiösen Nachweis stu­dieren, in der Schrift von Dr. Ernst Bartels: Beitrag zur Auseinanderset­zung mit der Theologie von Landesbischof D. Eduard Lohse, Selbstverlag 1984, zu beziehen beim Verfasser, Breslauer Str. 10, 37434 Bilshausen. Da Lohse noch zu den vergleichsweise gemäßigten Vertretern dieser Richtung zählt, darf der Nachweis als exemplarisch gelten.

2              Name und Fundort des Zitates werden hier nicht genannt, um den Bru­der zu schonen.

 

Die Bibel und der moderne Mensch

Die Bibel ist ein sehr altes Buch, und was alt ist, wird heutzu­tage nicht mehr als ehrwürdig angesehen. Man redet zwar von Altertumswert, schwelgt in Nostalgie und kauft sich Anti­quitäten, aber solche alten Dinge stehen nur zum Bestaunen in den Vitrinen, heben den Besitzerstolz und bedeuten Prestige­gewinn, sind jedoch überwiegend nicht zum Gebrauch be­stimmt. Was alt ist, gilt heute im Allgemeinen als antiquiert.

Was zählt, ist modern: die jüngsten technischen Errungen­schaften, die neueste wissenschaftliche Erkenntnis, die neuesten Nachrichten, die neue Mode, modernes Wohnen, usw., usw.

Unmodern zu sein, ist zu einem schwerwiegenden Vorwurf geworden. Man versteht sich als »moderner Mensch«.

1. Aber wie modern ist der moderne Mensch?

Beim Einräumen meiner Bücher nach dem Umzug hielt ich ein Buch in der Hand mit dem Titel: »Moderne Predigtlehre«. Dieses Buch ist Anfang der zwanziger Jahre erschienen. Heut­zutage würde niemand ein Produkt aus den zwanziger Jahren als modern ansehen. Das sind inzwischen alles »Oldtimer« geworden. Der moderne Mensch von 1920 ist inzwischen gestrig und der moderne Mensch nach der Französischen Revolution, der die Göttin Vernunft auf den Thron gesetzt und in den Kathedralen angebetet hat, ist inzwischen längst vorgestrig geworden.

Demnach scheint der moderne Mensch eine sehr relative Größe zu sein. Wir wollen aber nicht versäumen zu fragen, ob es nicht dennoch Merkmale gibt, die den Menschen früherer Zeitalter von dem jetzigen unterscheiden.

Meine theologischen Lehrer pflegten den Menschen des Neuen Testaments (und natürlich erst recht den des Alten) als den mythischen Menschen anzusehen und ihn damit vom Menschen der Moderne, dem Menschen des Logos, zu unter­scheiden. Aber bei näherem Hinsehen ist dieser sogenannte mythische Mensch von den heutigen Menschen gar nicht wesentlich verschieden. Gewiß zog er Wunder in Betracht; aber dennoch waren Wunder für ihn keineswegs das Nor­male, sondern versetzten ihn in Erstaunen und Erschrecken.

Normalerweise rechnete er mit den Naturgesetzen:

Die Angestellten des Jairus sagen ihrem Arbeitgeber: »Deine Tochter ist gestorben, was bemühst du weiter den Meister« (Mk 5,35).

Jesus wird von den Klageweibern ausgelacht, als er am Toten­bett des Mädchens zu ihnen sagt: »Was lärmt und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, sondern es schläft« (Mk 5,39). Denn sie waren von Berufs wegen sehr wohl in der Lage, die Merkmale des Todes zu erkennen.

Als Jesus den Befehl gibt, den Stein von der Grabhöhle des Lazarus zu entfernen, »spricht zu ihm Martha, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinkt schon, denn er hat vier Tage gelegen« (Joh 11,39).

Die Wunder der Totenauferweckungen, die Jesus wirkte, ge­schahen vor Menschen, die mit den Gesetzmäßigkeiten des Sterbens durchaus vertraut waren. Natürlich konnten sie den eingetretenen Tod noch nicht an Instrumenten ablesen, wel­che die wesentlichen Körperfunktionen darstellen. Aber wenn das die Voraussetzung dafür wäre, ein moderner Mensch zu sein, dann wären nur die Techniker moderne Menschen, die solche Geräte herstellen und die Ärzte und Krankenschwestern, die mit ihnen umgehen; Sie und ich wären es nicht.

Die Menschen zur Zeit Jesu waren auch in der Lage, aufgrund von Beobachtungen Wettervorhersagen zu machen. Jesus setzte das voraus, als er zum Volk sprach: »Wenn ihr eine Wolke von Westen aufgehen seht, so sprecht ihr alsbald, ›es kommt Regen‹. Und es geschieht also. Und wenn ihr den Südwind wehen seht, so sprecht ihr: ›es wird heiß werden‹. Und es geschieht also« (Lk 12,54f.).

Gewiß hatten die Menschen damals keine Wettersatelliten und sonstige Meßgeräte für die Wettervorhersage. Aber wenn ein solches Instrumentarium die Voraussetzung dafür wäre, ein moderner Mensch zu sein, dann wären zwar die Meteorologen moderne Menschen, aber Sie und ich wären es nicht, denn mit unserem Barometer können wir da wohl nicht mitreden.

Der Mensch der Bibel ist auch durchaus in der Lage, wirt­schaftlich zu denken: Im Blick auf die bevorstehenden sieben Hungerjahre nach den vorher zu erwartenden sieben reichen Erntejahren gibt Josef den Rat: »Nun sehe der Pharao nach einem verständigen und weisen Mann, den er über Ägypten­land setze, und sorge dafür, daß er Amtsleute verordne im Lande und nehme den Fünften in Ägyptenland in den sieben reichen Jahren und lasse sie sammeln den ganzen Ertrag in den guten Jahren, die kommen werden, dass sie Getreide aufschütten in des Pharao Kornhäuser zum Vorrat in den Städten und es verwahren, damit für Nahrung gesorgt sei für das Land in den sieben Jahren des Hungers, die über Ägyp­tenland kommen werden, und das Land nicht vor Hunger verderbe« (1Mo 41,33-36).

Traktoren und Mähdrescher kannte man damals nicht; das ist wahr. Aber ich frage mich, wie viele von Ihnen so etwas kons­truieren oder damit umzugehen vermögen. Sollte die Tech­nik wirklich für die Modernität entscheidend sein?

Auch ein Papua in Neuguinea, der heute noch so lebt, wie wir uns das Leben der Steinzeitmenschen vorstellen, wird in der Regel ziemlich bald den Zusammenhang zwischen dem Licht­schalter und dem Licht in der elektrischen Glühbirne erfassen. Unzählige, nach allgemeinem Urteil zweifellos »moderne« Menschen in unseren Breiten haben von der Technik auch nicht viel mehr als ein solches Schalterverständnis.

Der Landsmann des genannten Papuas in Djakarta entwirft vielleicht in seinem Konstruktionsbüro die modernste Reis­pflanzmaschine. Aber in seinem Neubauhaus in einem mo­dernen Viertel der Stadt hat er seine Djimats in Gebrauch, mit denen er an Dämonen gebunden ist. Ist das ein »moderner Mensch«?

Das ist Indonesien. Aber wie steht es in Europa und Nord­amerika? Jede Wohnung ist ausgestattet mit den modernsten elektrischen und elektronischen Geräten. In Büros und Fa­briken wird mit den modernsten Maschinen gearbeitet. Was einige Jahre alt ist, wird im buchstäblichen Sinne zum »alten Eisen« geworfen.

Als Auto fährt man, wenn man es erschwingen kann, das neueste Modell. Sofern man sich bewußt einen »Oldtimer« zulegt, ist man dabei auch nur einer neueren Mode gefolgt.

Wenn es danach geht, sind wir wirklich modern. Moderne Literatur und moderne Kunst werden bis in die Grundschule hinein verbreitet. Man führt eine moderne Ehe und denkt modern in allen Lebensbereichen.

Zur gleichen Zeit aber ist der älteste Aberglaube noch leben­dig: Man »klopft an Holz« und sagt »toi, toi, toi«, was nichts anderes als »Teufel, Teufel, Teufel« bedeutet. Man wünscht sich »Hals- und Beinbruch«, hält sich den Daumen und beachtet den »Montag, der nicht wochenalt« wird. Bei Jah­resbeginn werden wie im alten China die bösen Geister durch ein gewaltiges Feuerwerk vertrieben und die Katze, die ihm in verkehrter Richtung über den Weg gelaufen ist, hat schon manchem Menschen den ganzen Tag verdorben.

Aber nicht nur alter Aberglaube ist weiter im Schwange, der neue Aberglaube hat überhand genommen und ist vorherr­schend geworden in eben dem Maße, wie man den Glauben an unseren Herrn und Heiland Jesus Christus verleugnet hat.

– Der sogenannte »moderne Mensch« beschäftigt sich mit Horoskopen und geht zur Wahrsagerin. Selbst das beschei­denste Anzeigenblättchen auf dem Lande, das jedermann frei Haus geliefert wird, bietet per Inserat Dienste von Astrologen und Wahrsagern an.

– Große Illustrierte boten schon vor Jahren per Inserat Glück und Gesundheit versprechende Amulette zum Verkauf an.

– Okkulte Praktiken, Tischrücken u.ä. sind zu Gesellschafts­spielen geworden.

– Das okkulte Nerokreuz, das satanische Gegenbild des Kreu­zes, an dem unser Herr Jesus Christus die Sünde der ganzen Welt getragen hat, wird als Zeichen des Kampfes gegen ato­mare Aufrüstung und als Friedenssymbol an die Wände gepinselt.

– In der transzendentalen Meditation meditieren diejenigen, welche das Mantra empfangen haben, wissentlich oder unwissentlich, über Verse, die zu Ehren hinduistischer Gott­heiten geschrieben wurden.

– Magische Praktiken werden in unserem Kulturkreis heutzu­tage sogar planmäßig verbreitet.

– Mehr und mehr ergreift selbst der unverhüllte Satanskult Raum.
Ist ein Unternehmer, der eine vollelektronische Fabrikanlage besitzt und sich in transzendentaler Meditation »entspannt«, ein »moderner Mensch«?

Ist der rasante junge Sportwagenfahrer mit dem Amulett um den Hals und/oder der Christophorusplakette am Handge­lenk ein »moderner Mensch«?

Ist der Politiker, der sich vor schwerwiegenden Entscheidun­gen von einer renommierten Wahrsagerin beraten läßt, ein »moderner Mensch«?

Ist der Revoluzzertyp, der mit Farbtopf und Sprühpistole okkulte Zeichen an die Wände schmiert, ein »moderner Mensch«?

Wie steht es dann aber mit den durch die theologische Auf­klärung inzwischen eingebürgerten Redensarten:

– »Ein moderner Mensch kann die Lehre von der stellvertre­tenden Genugtuung durch den Tod Jesu Christi nicht verste­hen.«

– »Man kann dem modernen Menschen, der den elektrischen Lichtschalter bedient, unmöglich zumuten, an Engel oder an Dämonen zu glauben.« (Um Mißverständnissen vorzubeu­gen: Christen glauben nicht an Engel oder Dämonen, son­dern an Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Aber sie wissen aus Gottes Wort, dass es Engel und Dämonen gibt.)

Wie steht es mit der Behauptung: »Die Normen der Bibel gel­ten nicht mehr für den modernen Menschen«?

Was haben wir von dem vielfältigen Gerede zu halten in der Art: »Ein moderner Mensch kann unmöglich …« wobei unterstellt wird, dass einer, der heute lebt und es trotzdem tut, kein »moderner Mensch« ist, sondern ein »ewig gestri­ger«, der es ja, bei genügender Aufklärung und dem nötigen Gruppendruck vielleicht doch noch lernen wird?

Angesichts der Relativität des Begriffes »modern« bzw. »moderner Mensch« erweisen sich die oben zitierten theolo­gischen Redensarten mit ihrer Vermischung von Relativen und Absoluten als ungegründete Schlagworte mit demago­gischem Charakter.

2. Der moderne Mensch will von der Bibel angeblich nichts wissen. Weiß denn die Bibel etwas von dem modernen Menschen?

Die relative Modernität, in der das, was heute modern ist, mor­gen schon als gestrig und übermorgen als vorgestrig gilt, wird in der Bibel als das genommen, was es ist, als »Haschen nach Wind« (Pred 1,14) und das Urteil darüber steht im Prediger Salomons: »Es gibt nichts Neues unter der Sonne« (Pred 1,9).

Gottes Wort redet aber auch über den modernen Menschen, der den »modernen Menschen« von 1525, 1789, 1848, 1918, 1945, 1984 usw. überholt. Es redet nämlich über den Menschen in den letzten Tagen, bevor Gottes gewaltige End­gerichte über diese Erde gehen werden und danach unser Herr Jesus, der Menschensohn, als Richter auf ihr erscheint. Über diesen Menschen der letzten Tage sagt Gottes Wort zweierlei:

Zum Ersten: Dieser Mensch lebt grundsätzlich nicht anders, als die Menschen vor ihm gelebt haben. Was für ihn das Leben ausmacht, ist das Gleiche geblieben:

– »Denn wie sie waren in den Tagen vor der Sintflut – sie aßen, sie tranken, sie freiten und ließen sich freien bis an den Tag, da Noah in die Arche hineinging und sie achteten es nicht, bis die Sintflut kam und nahm sie alle dahin –, so wird auch das Kommen des Menschensohnes sein« (Mt 24, 37-39).

– »Desgleichen, wie es geschah zu den Zeiten Lots: sie aßen, sie tranken, sie kauften, sie verkauften, sie pflanzten, sie bau­ten; an dem Tag aber, als Lot aus Sodom ging, da regnete es Feuer und Schwefel vom Himmel und brachte sie alle um. Auf diese Weise wird’s auch gehen an dem Tage, an dem des Menschen Sohn wird offenbar werden« (Lk 17,28-30).

Der unüberholbar moderne Mensch, der Mensch der letzten Tage, lebt wie die vielen Generationen vor ihm gelebt haben:

Er ißt, trinkt, heiratet, kauft, verkauft, pflanzt und baut. Die­ses »normale« menschliche Leben, das an sich nicht verkehrt ist, erweist sich in seiner Blindheit gegenüber den Zeichen der Zeit als verhängnisvoll. Es ist das Leben, das sich mit dem Natürlichen begnügt und nicht nach Gott fragt. Dieses Leben steht unter Gottes Gericht:

»Denn Gottes Zorn vom Himmel her ist offenbart über alles gottlose Wesen und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit gefangen halten. Denn was man von Gott erkennen kann, ist unter ihnen offenbar; Gott hat es ihnen offenbart. Denn Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen seit der Schöpfung der Welt und wahrgenommen in seinen Werken, so dass sie keine Entschuldigung haben. Sie wußten, dass ein Gott ist und haben ihn nicht gepriesen als einen Gott noch ihm gedankt, sondern haben ihre Gedanken dem Nichtigen zugewandt und ihr unverständiges Herz ist verfinstert … Darum hat sie auch Gott dahingegeben in ihrer Herzen Ge­lüste, in Unreinigkeit, zu schänden ihre eigenen Leiber an sich selbst, sie, die Gottes Wahrheit verwandelt haben in Lüge und haben geehrt und gedient dem Geschöpf statt dem Schöpfer, der da gelobt ist in Ewigkeit. Amen … Und gleich­wie sie es für nichts geachtet haben, dass sie Gott erkannten, hat sie auch Gott dahingegeben in verworfenem Sinn, zu tun, was nicht taugt« (Röm 1,18-21.24f.28).

Zum Zweiten zeichnet Gottes Wort von dem Menschen der letzten Tage, dem unüberholbar modernen Menschen, ein deutliches Porträt, in dem jene besonderen Züge hervorge­hoben sind, die ihn von den früheren Geschlechtern unter­scheiden:

»Das sollst du aber wissen, dass in den letzten Tagen gräu­liche Zeiten kommen werden. Denn es werden die Menschen viel von sich halten, geldgierig sein, ruhmredig, hoffärtig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, gottlos, lieblos, unversöhnlich, Verleumder, zuchtlos, wild, ungütig, Verräter, Frevler, aufgeblasen, die die Lüste mehr lieben als Gott, die da haben den Schein eines gottesfürchtigen Wesens, aber seine Kraft verleugnen sie; solche meide. Zu diesen gehören, die hin und her in die Häuser schleichen und umgarnen die losen Weiber, die mit Sünden beladen sind und von mancherlei Lüsten umgetrieben, immerdar lernen und nimmer zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Gleicherweise wie Jannes und Jambres dem Mose widerstanden, so widerstehen auch diese der Wahrheit: Menschen mit zerrütteten Sinnen, untüchtig zum Glauben« (2Tim 3,1-8).

Ist Ihnen auch die Porträtähnlichkeit mit dem heutigen Men­schen aufgefallen? Es lohnt sich, diese Bibelstelle aufgeschla­gen neben die Tageszeitung zu legen und zu vergleichen!

Bei diesem Menschen der Endzeit hat der Geist des Wider­christs Raum gewonnen, der in Gottes Wort klar gekenn­zeichnet wird:

»Wer ist ein Lügner, wenn nicht, der da leugnet, dass Jesus der Christus sei? Das ist der Widerchrist, der den Vater und den Sohn leugnet« (1Joh 2,22).

»Ihr Lieben, glaubet nicht einem jeglichen Geist, sondern prüfet die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt. Daran sollt ihr den Geist Gottes erkennen: ein jeglicher Geist, der da be­kennt, dass Jesus Christus ist im Fleisch gekommen, der ist von Gott und ein jeglicher Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott. Und das ist der Geist des Widerchrists, von welchem ihr habt gehört, dass er kommen werde und ist jetzt schon in der Weit« (1Joh 4,1-3).

»Wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt« (1Joh 4,14). Das ist das Bekenntnis des Glaubens. Aber dieses Bekenntnis ist rar geworden in Kirche und Theologie und wo es noch sonntäg­lich gesprochen wird, ist es weithin zu einem Lippenbekennt­nis geworden, bei dem jeder das, was er meint, von dem, was er sagt, unterscheidet.

Gottes Wort hat vorhergesagt, wie die Theologie des moder­nen Menschen, des Menschen der letzten Tage, aussehen wird:

– »Es waren aber auch falsche Propheten unter dem Volk, wie auch unter euch falsche Lehrer sein werden, die verderbliche Lehrmeinungen heimlich einführen werden, indem sie den Gebieter, der sie erkauft hat, verleugnen und sich selbst schnelles Verderben zuziehen. Und viele werden ihren Aus­schweifungen nachfolgen, um derentwillen der Weg der Wahrheit verlästert wird. Und aus Habsucht werden sie euch mit betrügerischen Worten kaufen, denen das Gericht von Alters her nicht zögert und ihr Verderben schlummert nicht« (2Petr 2,1-3).

– »Denn gewisse Menschen haben sich heimlich eingeschlichen, die längst zu diesem Gericht vorher aufgezeichnet sind, Gottlose, welche die Gnade unseres Gottes in Ausschweifung verkehren und den alleinigen Gebieter und unseren Herrn Jesus Christus verleugnen … Diese sind Murrende, die mit dem Schicksal hadern und nach ihren Begierden wandeln und ihr Mund redet stolze Worte, obwohl sie des Vorteils halber Personen bewundern. Ihr aber, Geliebte, gedenkt der von den Aposteln unseres Herrn Jesus Christus vorausgesagten Worte. Denn sie sagten euch, dass am Ende der Zeit Spötter sein werden, die nach ihren Begierden der Gottlosigkeit wan­deln. Diese sind es, die Trennungen verursachen, irdisch Gesinnte, die den Geist nicht haben« (Jud 4,16-19).

– »… dies wißt, dass in den letzten Tagen Spötter mit Spötte­rei kommen werden, die nach ihren eigenen Begierden wan­deln und sagen: Wo ist die Verheißung seiner (d.h. des Herrn) Ankunft? Denn seitdem die Väter entschlafen sind, bleibt alles so von Anfang der Schöpfung an« (2Petr 3,3f.).

Gott kennt den »modernen Menschen«. Er hat ihn längst durchschaut. Das nach dem Gerede vieler antiquierte Bibelbuch hat als Gottes Wort längst offenbar gemacht, wie es um den modernsten aller modernen Menschen steht, um den Menschen der Endzeit. Er ist vor Gott offenbar und kann in der Bibel nachlesen, wie Gott über ihn denkt!

Kommt uns in dieser Situation ein Schrecken an? Müssen wir mit Psalm 139 bekennen: Herr, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, Herr, nicht schon wüßtest. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und hoch, ich kann sie nicht begreifen. Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

Psalm 139,1-7

Es gibt einen Zufluchtsort, an dem wir uns bergen können vor Gottes Zorn, der zu Recht über unsere Sünde ergeht: Das ist unser Heiland Jesus Christus und Sein Werk von Gol­gatha.

Laßt uns heute zu Ihm gehen. »Heute, so ihr seine Stimme hört, so verstocket euer Herz nicht!« (Ps 95,7f.) Für die Sünde unserer Gottlosigkeit und für die zahlreichen Sünden, die daraus gekommen sind, ist Jesus Christus ans Kreuz gegangen. An unserer Stelle hat Er dort gehangen. An unserer Stelle hat Ihn der Zorn unseres Schöpfers dort getrof­fen. »Die Strafe lag auf Ihm, auf dass wir Frieden haben« (Jes 53,5). Gott selber hat Seinen geliebten Sohn als Opferlamm für uns gegeben: »So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzig geborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verlorengehen, sondern das ewige Leben haben« (Joh 3,16).

Ewiges Leben, das ist nicht nur »Leben nach dem Tode«. Es ist das kostbare, wunderbare, sinnvolle und erfüllte Leben, das Gott denen gibt, die den Weg der Nachfolge Jesu gehen. Es ist Leben in Ewigkeit, das einmündet in die ewige Herrlich­keit und Freude vor Gottes Angesicht.

Wer Jesus in sein Leben aufnimmt, dem gibt Gott der Vater Vollmacht, sein Kind zu sein (Joh 1,12). Können wir über­haupt erfassen, was es heißt, Kinder dessen zu sein, der Him­mel und Erde geschaffen hat? Noch ist die Herrlichkeit ver­borgen, die das bedeutet. Aber eines Tages wird sie offenbar werden.

Laß dich versöhnen mit Gott, der das alles für dich bereit hält. Nimm Seine größte Gabe heute an: Seinen lieben Sohn, dahingegeben um unserer Sünde willen und auferweckt um unserer Gerechtigkeit willen (Röm 4,2). Mit ihm will Gott uns alles schenken (Röm 8,32).

Eines sollst du aber wissen: Wenn Jesus dein Heiland wird, dann will Er auch dein Herr sein. Er will dein Leben regieren. Nur so kann Er aus deinem Leben etwas Gutes machen – zum Lobe Seiner Herrlichkeit. Du sollst nicht länger beherrscht werden durch Süchte, Sünden und Begierden und durch Todesfurcht ein Leben lang versklavt sein. Du sollst geführt und geleitet werden von dem Guten Hirten, der dich liebt.

 

Gottes Wort

1. Das Wort Gottes ist inspiriert.

a) Wir haben darüber zwei direkte Zeugnisse in der Heiligen Schrift. Das erste finden wir in 2. Timotheus 3,16f.: »Die gesamte Schrift ist von Gott eingegeben und nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig zugerüstet.«

Das zweite Zeugnis steht in 2. Petrus 1,19-21: »Und so besit­zen wir das prophetische Wort um so fester und ihr tut gut, darauf zu achten als auf eine Lampe, die an einem dunklen Ort leuchtet, bis der Tag anbricht und der Morgenstern in euren Herzen aufgeht, indem ihr dies zuerst wißt, dass keine Weissagung der Schrift aus eigener Deutung geschieht. Denn niemals wurde eine Weissagung durch den Willen eines Men­schen hervorgebracht, sondern von Gott her redeten Men­schen, getrieben vom Heiligen Geist.«

Diese beiden Zeugnisse drücken nicht bloß aus, »dass Gottes Geist, Gottes Weisheit in diese Schriften eingegangen sind«.1 Sie beschränken sich auch nicht auf die Feststellung, dass die Verfasser der Schrift die Erfahrung von Römer 8,14 gemacht haben und deshalb der Geist Gottes ihnen wie im Allgemei­nen, so »auch beim Abfassen der neutestamentlichen Schrif­ten […] beigestanden und geholfen hat«.

Theopneustos, 2. Timotheus 3,16, heißt nicht: »den Geist Gottes atmend«, sondern »von Gott eingehaucht«. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Es besagt, dass Gott der Urheber der Schrift ist.

Die biblischen Verfasser wurden nicht »zu fehl- und irrtums­losen Menschen«, auch nicht »für die Zeit der Abfassung ihrer Schriften«, sondern »sie redeten von Gott her, getrie­ben durch den Heiligen Geist«.

Gottes Wort selbst bezeugt klar Gottes Heiligen Geist als Urheber der Schrift. Die Inspiration der Schrift ist durch die Schrift selbst bezeugt. Die Inspirationslehre ist deshalb keine »unnötige Schutzmauer um die Bibel«,5 sondern die lehr­mäßige Zusammenfassung dessen, was Gottes Wort von sich selber sagt. Das ist nicht »Römer 8,14 und verwandten Stellen« zu entnehmen, 6 sondern in erster Linie 2. Timotheus 3,16f. und 2. Petrus 1,19-21. Dort wird »eine besondere Geistesleitung für die Niederschrift der biblischen Bücher« ausdrücklich bezeugt. Deshalb setzt man sich in Widerspruch zur Heiligen Schrift, wenn man diese Annahme für »unnötig und biblisch­theologisch bedenklich« erklärt.

b) Das Selbstzeugnis der Heiligen Schrift bezeugt die Inspira­tion gleicherweise als Verbalinspiration und als Personal­inspiration.

Das Zeugnis für die Verbalinspiration ist 2. Timotheus 3,16f. Diese Stelle sieht auf das Ergebnis der Inspiration: »Die gesamte Schrift ist von Gott eingegeben und nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit….« D.h.: Es ist nichts ausgenommen, es gibt keine Worte in der Schrift, für welche die Inspiration nicht gilt.

Das Zeugnis für die Personalinspiration finden wir in 2. Pe­trus 1,19-21. Es hat die Weise der Inspiration im Blick: »Von Gott her redeten Menschen, getrieben vom Heiligen Geist.« D.h.: Es geschah durch die Leitung des Heiligen Geistes von innen, nicht nach mechanischem Diktat.

Die Verbalinspiration ist also keine Idee, welche im 16. Jahr­hundert aufkam. Sie wird von der Heiligen Schrift bezeugt und dementsprechend auch von den Kirchenvätern vertre­ten. Personalinspiration und Verbalinspiration sind keine kon­kurrierenden Lehrmeinungen, zwischen denen wir die Wahl treffen können, sondern sind lediglich zwei Sichtweisen ein und desselben Sachverhaltes, die Gottes Wort uns vermittelt.

Von der Verbalinspiration ist die im 16. Jahrhundert aufgekom­mene Diktattheorie zu unterscheiden. Sie ist ein mißglückter menschlicher Versuch, die Verbalinspiration zu erklären.

Rechte Lehre von der Personalinspiration steht zwar im Gegensatz zur Diktattheorie, aber nicht im Gegensatz zur Verbalinspiration. Wenn sie sich zur Verbalinspiration in Gegensatz stellt, dann hat sie aufgehört, Inspirationslehre zu sein und ist nicht mehr schriftgemäß.

c) Treue gegenüber Gottes Wort verbietet auch die Be­hauptung: »Die Schrift ›ist‹ also nicht Gottes Wort, denn Got­tes Wort ist ewig, die Schrift ist zeitlich.«9 Durch seine Inspira­tion hat Gott das von Menschen geredete und geschriebene Wort der Zeitlichkeit entnommen.

Über die beiden Hauptzeugnisse hinaus finden wir nahezu auf jeder Seite der Bibel das Selbstzeugnis, Gottes Wort bzw. Heilige Schrift zu sein. Wenn wir diesem Selbstzeugnis der Bibel keinen Glauben schenken, setzen wir uns nicht nur in Widerspruch zu Gottes Wort, sondern erklären damit zu­gleich Gott selber, den Urheber der Schrift, zum Lügner. Wir widerstehen damit auch dem, der das Wort selber ist (Joh 1,1ff.) und »treu und wahrhaftig« heißt (Offb 19,11). Er ist »der Weg, die Wahrheit und das Leben« (Joh 14,6). An Ihm entscheidet sich darum auch, was Wahrheit ist: »Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme« (Joh 18,37).

Sollte ich ein Professor, ein Pastor, ein Superintendent oder ein Bischof sein und Gott keinen Glauben schenken? Kann ich Ihm denn dienen, wenn ich Ihm nicht glaube, was Er sagt? Ich behandle Ihn dann wie einen Vater, dem ich auf Schritt und Tritt zeige: Du bist alt, ich habe keinen Respekt mehr vor dir, dein Wort gilt mir nichts.

Gott ist unser Schöpfer und wir leben von Seiner Gnade, dass Er Jesus für uns dahingegeben hat. Wer da meint, er könne sich solche Respektlosigkeit gegenüber Seinem Wort heraus­nehmen, der sei gewarnt: »Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten« (Gal 6,7).

Vielleicht sind hier Menschen, denen jetzt die Augen aufge­gangen sind. Sie haben nicht gewußt, was sie taten. Sie sind mit Gottes Wort umgegangen, wie sie es gelernt haben. Für sie ist heute ein guter Tag. Sie können umkehren von ihren verkehrten Wegen. Gott ist barmherzig und gnädig und war­tet darauf, jeden, der umkehrt, in Seine Vaterarme zu schlie­ßen. Er vergibt ihm gern um Jesu willen.

d) Die historisch-kritische Theologie sagt: Wir können die Bibel nicht als Heilige Schrift betrachten, sondern höchstens als ein Buch, das den Anspruch erhebt, Heilige Schrift zu sein. Es gibt andere Bücher, welche den gleichen Anspruch erheben: den Koran, die Veden und andere mehr. Laßt uns deshalb von diesem Anspruch absehen und an die Bibel her­angehen wie an jedes andere Buch.

Es stimmt, dass es auch andere Bücher gibt, die den Anspruch erheben, Heilige Schrift zu sein. Sollen wir deshalb die Bibel als eine Schrift unter vielen ansehen? Sollen wir sie verglei­chen mit den Veden oder dem Koran, um zu sehen, ob sie nicht vielleicht hier und da noch ein wenig besser ist?

Das tut die historisch-kritische Theologie. Aber sie ist damit auf einem verkehrten Weg. So, wie die Götter aller Völker »Nichtse« sind (1Chr 16,26; Ps 96,5; Ps 97,7; Jer 2,11; Jer 5,7), so sind auch die heiligen Bücher anderer Religionen, welche den Anspruch auf Offenbarung erheben, nichts. Ich weiß, unsere gute Erziehung zur Toleranz lehnt sich gegen diesen Gedanken auf. Wir möchten das für ehrwürdig halten, was anderen Menschen, die wir achten, lieben und schätzen, heilig ist. Aber der Satz ist dennoch wahr. Wenn nach Gottes Wort die Götter aller Völker »Nichtse« sind, dann sind zwangsläufig auch ihre heiligen Bücher, welche den Anspruch auf Offenbarung erheben, nichts, denn sie offenbaren nicht den einen wahren Gott, der nicht nur Schöpfer Himmels und der Erden, sondern auch der Vater unseres Herrn Jesus Chris­tus ist und mit Ihm und dem Heiligen Geist ein Gott und sie können nicht den Weg zur Rettung weisen.

Wenn wir uns auf die Ebene herunterziehen lassen, auf der man solche »Heiligen Schriften« miteinander vergleicht, um dann vielleicht der Bibel einen relativen Vorrang zuzubilligen, dann machen wir uns des Götzendienstes schuldig. Laßt uns aus Gottes Wort lernen, wie gewaltig unser Gott ist und wie erbärmlich und töricht solch ein Götzendienst.

Gottes Wort beschreibt uns in Jesaja 40,12-17 unseren Gott: »Wer hat die Wasser gemessen mit seiner hohlen Hand und die Himmel abgegrenzt mit der Spanne und hat den Staub der Erde in ein Maß gefaßt und die Berge mit der Waage gewogen und die Hügel mit Waagschalen? Wer hat den Geist des Herrn gelenkt und wer, als sein Ratgeber, ihn unter­wiesen? Mit wem beriet er sich, dass er ihm Verstand gege­ben und ihn belehrt hätte über den Pfad des Rechts und ihn Erkenntnis gelehrt und ihm den Weg der Einsicht kundge­macht hätte? Siehe, Nationen sind geachtet wie ein Tropfen am Eimer und wie ein Sandkorn auf der Waagschale. Siehe, Inseln sind wie ein Stäubchen, das emporschwebt. Und der Libanon reicht nicht hin zum Brennholz und sein Wild reicht nicht hin zum Brandopfer. Alle Nationen sind wie nichts vor ihm und werden von ihm geachtet wie Nichtigkeit und Leere.«

An der gleichen Stelle führt uns Gottes Wort die Torheit des Götzendienstes vor Augen: Da werden »Götter« angebetet, die sich der Mensch selber gemacht hat: »Und wem wollt ihr Gott vergleichen und was für ein Gleichnis wollt ihr ihm an die Seite stellen? Hat der Künstler das Bild gegossen, so über­zieht es der Schmelzer mit Gold und schweißt silberne Ketten daran. Wer arm ist, so dass er nicht viel opfern kann, der wählt ein Holz, das nicht fault; er sucht sich einen geschickten Künstler, um ein Bild herzustellen, das nicht wanke« (Jes 40,18-20) .

Wie kann man nur den lebendigen Gott mit den Machwer­ken von Menschen vergleichen! Er ist nicht nur der Schöpfer, er ist auch der Herr, unser Gott, der Allmächtige, der regiert. Er ist es, der die ganze Schöpfung in jedem Augenblick erhält und alles Geschehen darin lenkt:

»Wißt ihr es nicht? Hört ihr es nicht? Ist es euch nicht von Anbeginn verkündet worden? Habt ihr nicht Einsicht erlangt in die Grundlage der Erde? Er ist es, der da thront über dem Kreise der Erde und ihre Bewohner sind wie Heuschrecken; der die Himmel ausgespannt hat wie einen Flor und sie aus­gebreitet wie ein Zelt zum Wohnen; der die Fürsten zu nichts macht und die Richter der Erde in Nichtigkeit verwandelt. Kaum sind sie gepflanzt, kaum sind sie gesät, kaum hat ihr Stock Wurzeln in die Erde getrieben: da bläst er sie schon an und sie verdorren und ein Sturmwind rafft sie wie Stoppeln hinweg. Wem denn wollt ihr mich vergleichen, dem ich gleich wäre? spricht der Heilige. Hebet zur Höhe eure Augen empor und sehet: Wer hat diese da geschaffen? Er, der ihr Heer her­ausführt nach der Zahl, ruft sie alle mit Namen; wegen der Größe seiner Macht und der Stärke seiner Kraft bleibt keines aus« (Jes 40,21-26).

Unser Gott allein ist es, der die Zukunft heraufführt und des­halb ist Er auch allein in der Lage, das Zukünftige zu verkün­den. Auch daran gemessen erweisen sich die Götter der Völker als Nichtse. »Bringet eure Rechtssache vor, spricht der König Jakobs. Sie mögen herbeibringen und verkünden, was sich ereignen wird: das Zunächstkommende, was es sein wird, ver­kündet, damit wir es zu Herzen nehmen und dessen Ausgang wissen; oder laßt uns das Künftige hören, verkündet das spä­terhin Kommende, damit wir uns gegenseitig anblicken und miteinander es sehen. Siehe, ihr seid nichts und euer Tun ist Nichtigkeit; ein Greuel ist, wer euch erwählt« (Jes 41,21-24).

Wer Gottes Wort, das Wort des Schöpfers des Himmels und der Erde, des Herrn, unseres Gottes, des Allmächtigen, der regiert, des Vaters unseres Herrn Jesus Christus« für grundsätzlich vergleichbar hält mit anderen »heiligen Schrif­ten«, der macht sich des Götzendienstes schuldig. Er zieht Gott auf die Ebene der Götzen herab.

Somit erwies sich der religionsgeschichtliche Vergleich, der grundlegend ist für die historisch-kritische Theologie, als Greuel von Götzendienst. Er duldet andere Götter neben Gott und erweist ihnen die gleiche Ehre.

e) Als inspiriertes Gotteswort ist die Heilige Schrift von Irr­tümern frei, nicht nur im Bereich von Glauben und Leben, sondern in allen übrigen Bereichen auch. Im Zweifelsfall gilt Gottes Wort und nicht unsere vermeintliche Einsicht.

Gott sagt von sich selber: »Ich wache über meinem Worte, es auszuführen« (Jer 1,12). Sollte Er nicht über Seinem Wort ge­wacht haben, als es niedergeschrieben und gesammelt

wurde? Gott sagt von sich selbst in Seinem Wort: »Gleich Wasser­bächen ist eines Königs Herz in der Hand des Herrn, wohin immer er will, neigt er es« (Spr 21,1). Sollte Er die Herzen derer, denen Er Sein Wort eingehaucht hat, nicht davor be­wahrt haben, aus begrenzter menschlicher Kenntnis und Ein­sicht der Heiligen Schrift Irriges oder Unzutreffendes beizumi­schen? Wer wagt es, Ihm darin Ohnmacht oder Versäumnis zu unterstellen?

2. Timotheus 3,16f. besagt klar und deutlich, dass die Heilige Schrift nichts Irriges oder Unzutreffendes enthält. Denn andernfalls wäre nicht »die gesamte Schrift« »nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterwei­sung in der Gerechtigkeit«. Irriges oder Unzutreffendes kann solchen Dienst nicht tun.

Wie können wir es wagen, im Bereich der Naturwissenschaf­ten oder Geschichte oder auf anderen Fachgebieten Gottes Wort Irrtümer nachzurechnen; wir, deren wissenschaftliche Erkenntnisse von gestern und vorgestern heute schon Maku­latur geworden sind? Wehe uns, wenn wir solche Vermessen­heit besitzen! Müssen wir uns nicht in Grund und Boden schämen, wenn wir zu sagen wagen: »Hier irrt Gottes Wort«? Wie wollen wir damit dereinst vor den Flammen­augen Jesu bestehen, wenn unsere gelehrten Bücher, die sol­ches verbreitet haben, wie Spreu verbrennen? Lasst uns umkehren und Zuflucht nehmen bei unserem Heiland Jesus Christus!

Gottes Wort hat die heutige Theologie längst durchschaut:

Der Gemeine, wörtlich: der Tor (dessen Torheit aber nicht Mangel an Intelligenz ist, sondern Gottlosigkeit) wird edel genannt und der Arglistige, der Betrüger wird vornehm geheißen (vgl. Jes 32,5). Sind wir nicht gottlose Toren, wenn wir mit Gottes Wort so umgehen, als ob es Gott nicht gäbe? Und genau das tut die historisch-kritische Theologie! Sind wir nicht arglistige Betrüger, wenn wir durch einen solchen Umgang mit der Heiligen Schrift Gottes Wort verfälschen, so dass es der Gemeinde nicht mehr rein und lauter dargereicht wird? Aber jene, die solches tun, werden edel genannt, gel­ten als ehrbare Wissenschaftler, finden Anerkennung in der Kirche und in der Welt. Sie werden vornehm geheißen – sie erwerben Titel, werden Doktor und Professor und werden oft sogar zu Bischöfen ernannt.

Gottes Wort aber sagt von solchen: »Denn ein gemeiner Mensch redet Gemeinheit; und sein Herz geht mit Frevel um, um Ruchlosigkeit zu verüben und Irrtum zu reden wider den Herrn, um leer zu lassen die Seele des Hungrigen und dem Durstigen den Trank zu entziehen. Und der Arglistige, seine Werkzeuge sind böse: er entwirft böse Anschläge, um die Sanftmütigen durch Lügenreden zugrunde zu richten, selbst wenn der Arme sein Recht dartut« (Jes 32,6-8).

Genauso geschieht es heute: Gottes Wort, verfälscht durch historische Kritik, läßt die Seele des Hungrigen leer. Der Trank des lebenspendenden Wassers, des lebendigen Gotteswor­tes, wird dem Durstigen dadurch entzogen. Wenn aber einer der Sanftmütigen, der durch Gottes Wort belehrt ist, aus Got­tes Wort sein Recht dartut, dann wird er – im Namen der Wis­senschaft – in Grund und Boden debattiert. Denn er steht als Armer da: er hat nicht studiert, er besitzt keinen Titel und kann kein Examen vor einer menschlichen Instanz nach­weisen.

Aber so muß es nicht bleiben, denn unser Heiland Jesus ist erschienen: »Siehe, ein König wird regieren in Gerechtigkeit und die Fürsten, sie werden nach Recht herrschen. Und ein Mann wird sein wie ein Bergungsort vor dem Winde und ein Schutz vor dem Regensturm, wie Wasserbäche in dürrer Gegend, wie der Schatten eines gewaltigen Felsens in lech­zendem Lande. Und die Augen der Sehenden werden nicht mehr verklebt sein und die Ohren der Hörenden werden auf­merken und das Herz der Unbesonnenen wird Erkenntnis erlangen und die Zunge der Stammelnden wird fertig und deutlich reden. Der gemeine Mensch wird nicht mehr edel genannt und der Arglistige nicht mehr vornehm geheißen werden« (Jes 32,1-5).

Lasst uns durch Gottes Gnade Erkenntnis erlangen und Edle werden, die Edles entwerfen und auf Edlem bestehen (Jes 32,8), damit die Seelen der Hungrigen nicht leer bleiben und den Durstigen nicht der Trank entzogen wird und die Sanft­mütigen nicht länger durch Lügenreden zugrunde gerichtet werden.


2. Das Wort Gottes ist ungeteilt

a) Es ist ganz und gar Gottes Wort. Es nach unserer Wert­schätzung einzustufen, ist Anmaßung. In der historisch-kritischen Theologie ist es jedoch üblich,

den einzelnen Teilen des Wortes Gottes nicht die gleiche Wertschätzung zuzuerkennen, sondern stattdessen einige Bestandteile der Heiligen Schrift zum Maßstab zu machen, um das Übrige daran zu messen und abzuwerten. Man sucht solchermaßen nach dem »Kanon im Kanon« und betreibt, wie man sagt, Sachkritik.

Zwei Beispiele sollen hier genannt werden:

– Die sogenannte »präsentische Eschatologie« im Johannesevangelium wird ausgespielt gegen die futurische Escha­tologie in den drei übrigen, sogenannten synoptischen Evan­gelien. Dabei sieht man sich allerdings genötigt, diejenigen Aussagen im Johannesevangelium, welche sich der unter­stellten präsentischen Eschatologie nicht einfügen, einer »kirchlichen Redaktion« zuzuschreiben.

– Die christologischen Aussagen im Römerbrief werden aus­gespielt gegen die sogenannte »kosmische Christologie« des Epheser- und Kolosserbriefes. Das dient u.a. dazu, jene Briefe als unpaulinisch hinzustellen und damit faktisch als geringer­wertig einzuschätzen. Paulus rangiert vor den »Deuteropauli­nen«.

Wo der Feind uns nicht vom ganzen Wort abbringen kann, versucht er, uns zur Anmaßung eigener Wertung zu ver­führen. Das ist ihm selbst bei Martin Luther gelungen, der nun mit seiner Abwertung des Jakobusbriefes als »stroherner Epistel« zum Kronzeugen für die historisch-kritische Theolo­gie gemacht worden ist. Lasst uns wachsam sein, denn unser »Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen könne« (1Petr 5,8).

Wer in Form von Sachkritik aus Gottes Wort auswählt, was er für maßgeblich hält, ist einem Götzenbildner zu vergleichen, der sich selbst den Gott schafft, den er anbetet. Welche Tor­heit: Ein vergänglicher Mensch, der Speise und Trank be­nötigt für seine Erhaltung, wagt es, einen Gott zu schaffen. Er schafft ihn nach seinem eigenen Bild, entsprechend seiner Be­grenztheit. Er ist genötigt, das Material dazu aus der Schöp­fung des Gottes zu nehmen, der Himmel und Erde und auch ihn selber geschaffen hat. Das gleiche Material, das zur Befriedigung seiner übrigen Bedürfnisse gebraucht wird, dient ihm zur Erschaffung des Gottes, den er anbetet:

»Die Bildner geschnitzter Bilder sind allesamt nichtig und ihre Lieblinge nützen nichts; und die für sie zeugen, sehen nicht und haben keine Erkenntnis, damit sie beschämt werden. Wer hat einen Gott gebildet und ein Bild gegossen, dass es nichts nütze? Siehe, alle seine Genossen werden beschämt werden; und die Künstler sind ja nur Menschen. Mögen sie sich alle versammeln, hintreten: erschrecken sollen sie, beschämt werden allzumal! Der Eisenschmied hat ein Werk­zeug und er arbeitet bei Kohlenglut und er gestaltet es mit Hämmern und verarbeitet es mit seinem kräftigen Arm. Er wird auch hungrig und kraftlos; er hat kein Wasser getrunken und ermattet. Der Holzschnitzer spannt die Schnur, zeichnet es ab mit dem Stift, führt es aus mit den Hobeln und zeichnet es ab mit dem Zirkel; und er macht es wie das Bildnis eines Mannes, wie die Schönheit eines Menschen, damit es in einem Haus wohne. Man haut sich Zedern ab oder nimmt eine Steineiche oder eine Eiche und wählt sich aus unter den Bäumen des Waldes; man pflanzt eine Fichte und der Regen macht sie wachsen. Und es dient dem Menschen zur Feue­rung und er nimmt davon und wärmt sich; auch heizt er und bäckt Brot; auch verarbeitet er es zu einem Gott und wirft sich davor nieder, macht ein Götzenbild daraus und betet es an. Die Hälfte davon hat er im Feuer verbrannt; bei der Hälfte davon ißt er Fleisch, brät seinen Braten und sättigt sich; auch wärmt er sich und spricht: Ha! mir wird’s warm, ich spüre Feuer. Und das Übrige davon macht er zu einem Gott, zu sei­nem Götzenbild –, er betet es an und wirft sich nieder und er betet zu ihm und spricht: errette mich, denn du bist mein Gott« (Jes 44,9-17).

Bin ich nur ein Götzendiener, wenn ich meinen Gott aus Erz oder Stein oder Holz mir bilde? Bin ich nicht genauso ein Göt­zendiener, wenn ich Gottes Wort benutze wie eine Erzgrube wie einen Steinbruch oder einen Wald zum Holzfällen? Wenn ich daraus entnehme, was mir gut scheint und mir daraus mit Hilfe meines Verstandes einen Gott zusammensetze nach dem Bild meiner begrenzten Einsicht?

Der gleiche Verstand, mit dem ein solcher Mensch sein Auto kauft und sein Häuschen finanziert, sich für Öl- oder Kohle­heizung entscheidet und sein Geld verdient, muß dafür her­halten, einen Gott herzustellen. Aber Gott sagt: »Ich bin der Herr, das ist mein Name; und meine Ehre gebe ich keinem anderen, noch meinen Ruhm den geschnitzten Bildern« (Jes 42,8). »Die auf das geschnitzte Bild vertrauen, die zu dem gegossenen Bild sagen: Du bist unser Gott! werden zurück­weichen, werden gänzlich beschämt werden« (Jes 42,17).

Kann man wohl im Ernstfall solch einem selbstgemachten Gott vertrauen? Wahrlich nicht! Möge deshalb ein jeder, der so mit Gottes Wort umgeht, sich ernsthaft prüfen, ob er sich wirklich auf Gott verläßt oder ob er nicht vielmehr in den Dingen dieser Welt seine Sicherheit sucht.

Mögen wir doch darüber erschrecken, dass ein solcher Göt­zendienst unter Gottes Volk heute so weit verbreitet ist. Lasst uns Gottes Klage hören: »… mein Volk hat seine Herrlichkeit vertauscht gegen das, was nicht nützt. Entsetzt euch darüber, ihr Himmel und schaudert, starret sehr! spricht der Herr. Denn zwiefach Böses hat mein Volk begangen: Mich, den Born le­bendigen Wassers, haben sie verlassen, um sich Zisternen auszuhauen, geborstene Zisternen, die kein Wasser halten« (Jer 2,11-13).

Lasst uns umkehren, wo wir auf verkehrtem Wege sind. Lasst uns Gott bitten, es uns zu zeigen. Oft sind es kleine Anfänge, durch die eine Weiche in die verkehrte Richtung gestellt wird. Die Abweichung kann zuerst ganz gering sein, aber allmäh­lich kommt es heraus, dass wir auf falschem Geleise sind: Hier ein paar Abstriche an Gottes Wort, da ein Achselzucken, dort ein Vorbehalt; die Annahme von ein paar kritischen Gedan­ken, die sich als Lösung anbieten, wo wir Probleme haben oder man sie uns eingeredet hat, – und schon ist die Bibel für uns nicht mehr ganz das Heilige Wort des lebendigen Gottes.

Lasst uns zum Kreuz gehen, wenn wir gefehlt haben. Auch dafür hat unser Herr Jesus Sein Blut vergossen. b) Als inspiriertes Wort Gottes, das zwar viele menschliche Verfasser, aber nur einen göttlichen Urheber hat, ist Gottes Wort eine wunderbare Einheit. Sobald ich das Selbstzeugnis des Wortes Gottes von der Inspiration der Schrift im Glauben angenommen habe, fange ich an, die wunderbare Einheit des Wortes Gottes zu erfahren: Wie herrlich ist das Gefüge der Verheißungen auf unseren Herrn und Heiland Jesus Christus und ihrer Erfüllung. Wie kostbar ist die Übereinstimmung zwi­schen Ezechiel 16 und Lukas 15, zwischen Johannes 10 und Ezechiel 34,11ff. Wie wunderbar ist alles, was in der Offenba­rung gesammelt steht, im Einzelnen schon von den Propheten vorhergesagt. Wem noch die Decke vor den Augen hängt, vermag es zwar nicht zu sehen, wer aber Gottes Wort nicht länger ungehorsam ist, dem öffnet es der Heilige Geist.

Wo man Gottes Wort nicht als Einheit sehen will, die einen Urheber hat und in der eines das andere ergänzt, sondern als ein Sammelwerk verschiedener Autoren, deren Profile man herauszuarbeiten sucht, da nimmt man die Einheit des Wortes Gottes auch nicht wahr. Da wird versucht, das Neue Testa­ment gegen das Alte auszuspielen, Paulus gegen Jakobus, 1. Mose 1 gegen 1. Mose 2, 1. Korinther 15 gegen Johannes 5. Da soll denn gar in 1. Mose 2 ein anderer Gottesbegriff vorlie­gen als in 1. Könige 18 und Jesus einen anderen Gott gebracht haben, als es der Gott des Alten Testamentes war.

Der Grund für solche Fehlurteile ist, wie gesagt, dass man sich zuvor ein Bild von Gott gemacht hat, das als Menschenwerk viel zu klein ist, um die ganze Fülle der Selbstoffenbarung Gottes in Seinem Wort in sich aufzunehmen. Außerdem fehlt es aufgrund der in der theologischen Wissenschaft eingebür­gerten Spezialisierung sehr oft an gründlicher Kenntnis des gesamten Wortes Gottes. Wer das Alte Testament wirklich kennt und nicht nur einen zurechtgemachten Begriff davon hat, kann es doch unmöglich gegen das Neue ausspielen und umgekehrt.


3. Das Wort ist identisch

Eine der großen Lügen des Feindes, mit denen er die Men­schen von Gottes Wort wegtreibt, ist die Behauptung der »epochalen Bedingtheit« des Menschen. Es wird gesagt, der Mensch habe ein »Zeitgeschick«. Jede Generation sei im Glauben anders dran als die ihrer Väter und Vorväter, da sich ja die äußeren Verhältnisse verändert haben und man in der Technik Fortschritte gemacht hat. Dabei gilt es als unwesent­lich, ob es der Fortschritt vom Reismesser zur Sichel oder von der Mähmaschine zum Mähdrescher ist. Es wird behauptet, jede Generation brauche ihren eigenen Zugang zum Wort Gottes, ihre eigene Auslegung und ihre eigene Christologie. Es wird behauptet, dass das Wort Gottes auslegungsbedürf­tig, auf Auslegung angewiesen sei. Das Frühere gilt als veral­tet, wobei auch das Wort Gottes nicht ausgenommen wird. Man sagt, damals habe es andere Produktionsmittel und andere gesellschaftliche Verhältnisse gegeben. Deshalb könnten wir es nicht so wörtlich nehmen, wie es dasteht, son­dern nur noch in einer Auslegung, die herausstreicht, was daran für uns heute (noch) gilt.

Aber Gottes Wort sagt dem Menschen im 20. Jahrhundert das Gleiche wie dem im ersten. Der Mensch steht heute vor Gott nicht anders da wie vor ein paar tausend Jahren. Die Produktionsmittel des technischen Zeitalters haben den Men­schen nicht wesentlich verändert. Wie in den Tagen Lots und Noahs ist es auch heute noch: Sie essen, sie trinken, sie kau­fen, sie pflanzen, sie bauen, sie heiraten und werden geheira­tet (vgl. Lk 17,27 und 28). Es wird gesagt, man könne dem modernen Menschen, der den Umgang mit der Technik gewohnt ist, der Radio und Kühlschrank, elektrisches Licht und Auto hat, nicht mehr zumuten, an Totenauferweckung und Wunder, Engel und Dämonen zu glauben. Aber eben dieser moderne Mensch ist einem Aberglauben verfallen, wie man ihn seit Jahrhunderten bei uns nicht mehr gekannt hat: Er verläßt sich auf Amulette und Horoskope, sucht Weisung bei Wahrsagern und befaßt sich sogar mit Satanskult!

Gottes Wort kennt den Menschen, auch den Menschen von heute. Worin er sich wirklich vom Menschen früherer Zeitalter unterscheidet, hat Gott in Seinem Wort bereits vorausgesagt: »Dies aber wisse, dass in den letzten Tagen schwere Zeiten eintreten werden: denn die Menschen werden selbstsüchtig sein, geldliebend, prahlerisch, hochmütig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, unheilig, lieblos, unversöhnlich, Ver­leumder, unenthaltsam, grausam, das Gute nicht liebend, Ver­räter, unbesonnen, aufgeblasen, mehr das Vergnügen liebend als Gott, die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen; und von diesen wende dich weg. Denn aus diesen sind, die sich in die Häuser schleichen und lose Frauen verführen, die mit Sünden beladen sind, von mancherlei Begierden getrieben werden, immer lernen und niemals zur Erkenntnis der Wahrheit kommen können. Auf diese Weise aber, wie Jannes und Jambres Mose widerstanden, so wider­stehen auch sie der Wahrheit, Menschen, verdorben in der Gesinnung, im Glauben unbewährt« (2Tim 3,1-8).

Die These, dass Gottes Wort auf Auslegung angewiesen sei und jede Generation ihrer eigenen Auslegung bedürfe, steht der Wahrheit entgegen. Die Auslegungsbedürftigkeit des Wortes Gottes ist ein Kunstprodukt historisch-kritischer Theologie, die das Wort nicht nehmen will, wie es dasteht und deshalb viel Mühe aufwenden muß. Da sie das Wort Gottes auch nicht als Einheit gelten lassen will, kann sie wenig Gebrauch davon machen, dass die Heilige Schrift ihr eigener Ausleger ist. Und da sie den Heiligen Geist nicht als Urheber der Schrift gelten läßt, kann sie ihn auch nicht als Ausleger erfahren. Überdies ist sie durch Unkenntnis behindert, da dem Theologen aufgrund der weitgehenden Spezialisierung zumeist nur Bruchteile der Bibel regelmäßig unter die Augen kommen. Er kennt in der Regel unzählige Bücher über sein Spezialgebiet, aber er kennt seine Bibel nicht.

Es soll aber nicht vergessen werden zu erwähnen, dass bibel­treue Lehrer, die uns im Wort Gottes unterweisen, eine Gna­dengabe sind (Eph 4,11). Wir wollen ihren Dienst und die Hilfe ihrer Bücher nicht verachten.


4. Das Wort Gottes ist gewachsen

Abraham und Noah hatten noch nicht das Gesetz und unser Herr Jesus sagt von den Propheten und Gerechten des Alten Bundes: »Wahrlich, ich sage euch, viele Propheten und Gerechte haben begehrt zu sehen, was ihr anschaut und haben es nicht gesehen und zu hören, was ihr hört und haben es nicht gehört« (Mt 13,17). Das Gesetz hat »einen Schatten der zukünftigen Güter, nicht der Dinge Ebenbild selbst« (Hebr 10,1). Irdisches und himmlisches Jerusalem müssen unterschieden werden (Gal 4,25f.) und es ist zu beachten, was für die Nachkommenschaft Abrahams nach dem Fleisch und was für die Kinder der Verheißung geschrieben steht (Röm 4,16; Gal 4,28). Gottes Wort muß in gerader Richtung geschnitten werden (2Tim 2,15). Wir müssen den Heilsplan Gottes im Blick behalten.

Gottes Wort gibt uns selber Anleitung dafür, es recht zu lesen: »Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterwei­sung in der Gerechtigkeit« (2Tim 3,16).

Gottes Wort belehrt uns, wie wir die Geschichten im Alten Testament zu verstehen haben: »Denn ich will nicht, dass ihr in Unkenntnis darüber seid, Brüder, dass unsere Väter alle unter der Wolke waren und alle durch das Meer hindurchge­gangen sind und alle in der Wolke und im Meer auf Mose getauft wurden und alle dieselbe geistliche Speise aßen und alle denselben geistlichen Trank tranken; denn sie tranken aus einem geistlichen Felsen, der sie begleitete. Der Fels aber war der Christus. An den meisten von ihnen aber hatte Gott kein Wohlgefallen, denn sie sind in der Wüste hingestreckt wor­den. Diese Dinge aber sind als Vorbilder für uns geschehen, damit uns nicht nach bösen Dingen gelüstet, wie es jene gelüstete. Werdet auch nicht Götzendiener wie einige von ihnen, wie geschrieben steht: ›Das Volk setzte sich nieder, zu essen und zu trinken und sie standen auf, zu spielen‹. Auch laßt uns nicht Unzucht treiben, wie einige von ihnen Unzucht trieben und es fielen an einem Tag dreiundzwanzigtausend. Lasst uns auch den Herrn nicht versuchen, wie einige von ihnen ihn versuchten und von den Schlangen umgebracht wurden. Murret auch nicht, wie einige von ihnen murrten und von dem Verderber umgebracht wurden. Alles dieses aber widerfuhr jenen als Vorbild und ist geschrieben worden zur Ermahnung für uns, über die das Ende der Zeitalter gekommen ist« (1Kor 10,1-11).

Wir werden auch angewiesen, Christus in der Schrift zu suchen: »Der Fels aber war Christus«, heißt es in 1. Korinther 10,4. »Ihr erforscht die Schriften«, sagt unser Herr Jesus in Johannes 5,39, »denn ihr meint, in ihnen ewiges Leben zu haben und sie sind es, die von mir zeugen.«

Gottes Wort sagt deutlich genug, wozu es da ist und wie wir es recht gebrauchen: »Denn alles, was zuvor geschrieben ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch das Ausharren und durch die Ermunterung der Schriften die Hoff­nung haben« (Röm 15,4). Wenn wir diesen Anweisungen folgen, werden wir mit Gottes Wort recht umgehen und das Erforschen der Schrift wird fruchtbar sein.


5. Das Wort Gottes ist genug

Es ist voll und ganz ausreichend: für jeden Menschen, für jede Epoche, für jede Situation. »Gottes Brünnlein hat Was­sers die Fülle« (Ps 65,10). Wir können Gottes Wort nie aus­schöpfen. Situationen, von denen die Schreiber des Wortes Gottes nichts wissen konnten, hat Gottes Geist sehr wohl bedacht. Dinge, von denen wir vor wenigen Jahren noch nichts gewußt haben, sind vor zwei- oder dreitausend Jahren bereits aufgeschrieben worden. Als Beispiel dafür sei Daniel 12,8f. genannt: »Und ich hörte es, aber ich verstand es nicht; und ich sprach: Mein Herr, was wird der Ausgang von diesem sein? Und er sprach: Gehe hin, Daniel; denn die Worte sollen verschlossen und versiegelt sein bis zur Zeit des Endes.«

Das Wort Gottes bedarf keiner Ergänzung, weder durch Psy­chologie oder Tiefenpsychologie noch durch moderne Pädagogik.

Es kennt den Menschen besser, als Psychologie und Tiefen­psychologie ihn zu erkennen vermögen. Soweit beide Ele­mente von Wahrheit enthalten, sind diese längst zuvor in Gottes Wort zu finden. Überwiegend haben jedoch Psycho­logie und Tiefenpsychologie antichristlichen Charakter und stehen im Gegensatz zu Gottes Wort.

Wo man gemeint hat, dem Wort Gottes aufgrund von besse­rer Einsicht und größerer Barmherzigkeit widersprechen zu müssen – zum Beispiel in der Frage des vorehelichen Ge­schlechtsverkehrs, von Ehe und Ehescheidung – ist am Ende nichts als Elend herausgekommen.

Das gleiche gilt für die moderne Pädagogik. Man hat gemeint, den Kindern wohl zu tun, indem man sich von den Prinzipien der Kindererziehung abwandte, die Gottes Wort uns lehrt. An den Produkten solcher Erziehung läßt sich mitt­lerweile bereits ablesen, dass Gott es besser weiß, was dem Menschen frommt.

Gottes Wort sagt z.B.: »Narrheit ist gekettet an das Herz des Knaben; die Rute der Zucht wird sie davon entfernen« (Spr 22,15).

»Entziehe dem Knaben nicht die Züchtigung. Wenn du ihn mit der Rute schlägst, wird er nicht sterben. Du schlägst ihn mit der Rute und du errettest seine Seele von dem Scheol« (Spr 23,13f.).

»Wer seine Rute spart, haßt seinen Sohn, aber wer ihn lieb­hat, sucht ihn früh heim mit Züchtigung« (Spr 13,24). Die moderne Pädagogik wollte es besser wissen. Sie sagt: Kinder dürfen nicht geschlagen werden, schon gar nicht mit der Rute. Man geht jetzt sogar so weit, dass man behauptet, es sei besser, Kinder überhaupt nicht zu erziehen, sondern sich selbst entfalten zu lassen. Aber wie viele junge Narren laufen bereits heute bei uns herum: unfähig, Verantwortung zu übernehmen und ein normales menschliches Leben zu führen. Sie sind im Herzen daran gebunden, jeder Empfin­dung von Lust oder Unlust Raum zu geben. Viele verfallen den Drogen und dem Alkohol, sterben an einer Überdosis oder landen schließlich in der Heilanstalt.

Gottes Wort bedarf auch nicht der Ergänzung durch Sozio­logie. Gott weiß mehr vom Menschen und seinen Beziehun­gen untereinander, als unsere Vernunftschlüsse ergründen können.

Gottes Wort bedarf ebensowenig der Korrektur durch die Naturwissenschaften. Es hat sich herausgestellt, dass in­zwischen naturwissenschaftliche Bibelkritik von den Natur­wissenschaften selber überholt worden ist.

Lasst uns doch endlich wie der junge Daniel auf die Tafelkost dieser Welt als Zubrot zu Gottes Wort verzichten. Es wird sich dann schon herausstellen, dass »unsere Angesichter kei­neswegs verfallener sein werden« (Dan 1,10) als die An­gesichter derjenigen, die sich von der königlichen Weisheits­kost der Welt ernähren. Wir werden vielmehr in Sachen einsichtsvoller Weisheit solchen Schriftgelehrten überlegen sein (vgl. Dan 1,20).

»Alle Rede Gottes ist geläutert. Ein Schild ist er denen, die auf ihn trauen. Tue nichts zu seinem Wort hinzu, damit er dich nicht überführe und du als Lügner erfunden werdest« (Spr 30,5).

Gottes Wort bedarf auch nicht der Hinzufügung unserer Erfahrungen. Wenn sie nicht im Wort Gottes erfunden wer­den, dann haben sie beim Wort Gottes nichts zu suchen. Selbst ein Gebrauch der Gaben des Heiligen Geistes, der dem Wort Gottes etwas hinzufügt, indem er Weissagungen neben dem Wort als Offenbarung tradiert, ist verwerflich.


6. Das Wort Gottes ist wirksam

»Denn er spricht und es geschieht, er gebietet und es steht da« (Ps 33,9).

Diese Wirksamkeit erweist sich aber nur dort, wo es im Glau­ben einfältig genommen wird, wie es dasteht. Deshalb geschehen so viele Wunder Gottes in Gegenden, zu denen das theologische, psychologische, soziologische und historisch-kritische »Sollte Gott gesagt haben?« noch nicht durch­gedrungen ist. Deshalb erfahren auch hier die Menschen Gottes Wunder, die Seinem Wort einfältig Glauben schenken.

Zwei Fehlwege sind zu vermeiden. Beide werden in Jako­bus 4,2f. genannt: »Ihr habt nichts, weil ihr nicht bittet; ihr bittet und empfangt nichts, weil ihr übel bittet, um es in euren Lüsten zu verzehren.«

Voraussetzung für das Bitten ist das Belehrt- und Vertrautsein mit Gottes Wort. Ich muß wissen, was Gott geben will, damit ich bitten kann. Jede Schmälerung des Wortes Gottes durch theologische Theorien (Gott will heute solches nicht mehr tun, das galt nur für die Zeit der Apostel) oder durch kritisches Messen an der alltäglichen Erfahrung hat weitreichende prak­tische Folgen: »Ihr habt nicht, weil ihr nicht bittet.« Selbst ein Raumgeben dem Zweifel, ob denn Gott wirklich solches geben wolle, ist verhängnisvoll. Gottes Wort sagt: »Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht, denn der Zweifler gleicht einer Meereswoge, die vom Wind bewegt und hin und her getrieben wird. Denn jener Mensch denke nicht, dass er etwas von dem Herrn empfangen werde, ist er doch ein wan­kelmütiger Mann, unbeständig in allen seinen Wegen« (Jak 1,68). Durch Erwartungslosigkeit hindern wir Gott daran, uns zu geben, was Er uns schenken möchte und was er uns deshalb schon in Seinem Wort verheißen hat. Wir hin­dern Sein Wort daran, dass es geschieht!

Der andere Fehlweg besteht im »übel bitten« – einer An­spruchshaltung, die Gottes Verheißungen wie einklagbare Schuldforderungen nimmt. Wenn wir wie trotzige, verzogene Kinder vor Gott stehen, die alles gleich haben wollen, wonach es ihnen gelüstet und nicht zuerst nach Seinem Reich trach­ten, sondern nach der Erfüllung selbstsüchtiger Wünsche dann nötigen wir Gott, uns zu verweigern, was Er uns doch in Seinem Wort verheißen hat. Wir hindern Sein Wort daran, dass es geschieht!


7. Gottes Wort ist der Spiegel Gottes

Wir können in ihm Gottes Herz und die Prinzipien Seines Handelns erkennen. Zwei Beispiele dafür:

Wie groß Gottes Erbarmen und Seine Retterliebe ist, können wir zum Beispiel erkennen an Gottes Handeln gegenüber Ahab, 1. Könige 21,27-29. Von Ahab wurde zuvor gesagt: »Es ist gar keiner gewesen wie Ahab, der sich verkauft hätte, um zu tun, was böse ist in den Augen des Herrn, welchen Ise­bel, sein Weib, anreizte« (1Kö 21,25). Als Ahab den durch Mord erworbenen Weinberg Naboths besichtigt, geht der Prophet Elia zu ihm, um ihm Gottes Strafgericht an seiner Per­son und an seinem Hause anzusagen. »Und es geschah, als Ahab diese Worte hörte, da zerriß er seine Kleider und legte Sacktuch um seinen Leib und fastete; und er lag im Sacktuch und ging still einher. Da geschah das Wort des Herrn zu Elia, dem Tisbiter, also: Hast du gesehen, dass Ahab sich vor mir gedemütigt hat? Weil er sich vor mir gedemütigt hat, will ich das Unglück in seinen Tagen nicht bringen; in den Tagen sei­nes Sohnes will ich das Unglück über sein Haus bringen« (1Kö 21,27-29).

Wahrlich, wenn Gott uns auffordert, »langsam zum Zorn« zu sein (Jak 1,19), dann ist Er es zuerst allemal selber. Das über­wältigendste Bild des Charakters Gottes sehen wir im Spiegel von 1. Korinther 13,4-7:

»Die Liebe ist langmütig; die Liebe ist gütig; sie neidet nicht; die Liebe tut nicht groß, sie bläht sich nicht auf, sie benimmt sich nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihrige, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet Böses nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sondern sie freut sich mit der Wahrheit, sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.«

Lasst uns forschen in der Schrift und laßt es uns so tun, dass wir darin den Weg zum Herzen Gottes finden. Wahre Schrift­erkenntnis führt zur Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit.