Hank Hanegraaff / Paul L. Maier Dan Browns Sakrileg - (The Da Vinci Code) - Daten, Fakten und Hintergründe TEIL EINS - SAKRILEG: DER BETRUG - Paul L. Maier TEIL ZWEI - … UND DIE WAHRHEIT? - Hank Hanegraaff VORWORTvon Hank Hanegraaff Als Mel Gibson den Film Die Passion Christi drehte – einen Streifen, der in den Grundzügen den neutestamentlichen Berichten über Jesu Tod folgt – wurde er sofort angegriffen. Leon Wieseltier, der Feuilleton-Redakteur von The New Republic, bezeichnete Die Passion Christi als ein abstoßendes, masochistisches Fantasiewerk, als sakrales, im Tod des Hauptdarstellers endendes Machwerk, das zweifellos antisemitische Züge trägt. Maureen Dowd beschuldigte Gibson in einem Artikel in der New York Times, er unterstütze religiösen Eifer im Namen dessen, was Menschen heilig sei. Und Andy Rooney – bekannt wegen seiner TV-Sendung 60 Minutes – charakterisierte Gibson als »einen echten Spinner«, der nur den Hintergedanken verfolge, Geld zu verdienen. Ganz anders verhält es sich mit Dan Brown und seinem Werk Sakrileg. Dieser Roman stellt die neutestamentlichen Evangelien als Erfindungen und die Göttlichkeit Christi als frommes Märchen dar. Nach seiner Veröffentlichung wurde Brown sofort als brillanter Historiker gefeiert. Library Journal charakterisierte sein Werk als »überzeugende Mischung aus geschichtlicher Darstellung und fesselnder Spannung«, als »Meisterwerk, das zur Pflichtlektüre gehören sollte«. Publishers Weekly bezeichnete es »als in jeder Beziehung sorgfältig recherchierten Thriller über religiöse Geheimgesellschaften, antike Vertuschungen und brutale Rache«. Und der Bestsellerautor Nelson DeMille nannte Sakrileg »total genial«. Warum erhält Die Passion Christi vernichtende, Sakrileg aber glänzende Kritiken? Wieso werden Gibsons Motive verunglimpft, während Browns Beweggründe scheinbar über jeden Verdacht erhaben sind? Weshalb wird die Verfilmung der Passion Christi als »«abstoßendes, masochistisches Fantasiewerk« bezeichnet und Jesu angebliche Ehe mit Maria Magdalena als durch Recherchen belegte wesentliche Tatsache propagiert? Die Antwort mag Sie überraschen. Sie liegt nicht in der Tatsache begründet, dass es in unserer zunehmend säkularisierten Kultur salonfähig geworden ist, abfällige Bemerkungen über Christus und die von ihm ins Leben gerufene Gemeinde zu machen. Vielmehr hat sie mit einer großen Umkehrung der Werte zu tun. Fiktion – wie z.B. die Vorstellung, dass der christliche Glaube kreiert worden sei, um Frauen zu unterdrücken – wird in cleverer Manier als Tatsache an den Mann gebracht, während Tatsachen – wie die Göttlichkeit Christi – bewusst als Erfindungen ausgegeben werden. Fast allen Behauptungen, die Brown in Sakrileg macht, liegen mehrere Aussagen zugrunde, die er unter der Überschrift »FAKTEN UND TATSACHEN« noch vor dem eigentlichen Beginn des Romans präsentiert. Der bedeutendste »Fakt«, der sich dort findet, wird folgendermaßen dargelegt: »Die Prieuré de Sion, der Orden der Bruderschaft von Sion, wurde im Jahr 1099 gegründet und ist eine Geheimgesellschaft, die bis heute existiert. Im Jahr 1975 wurden in der Pariser Nationalbibliothek Dokumente entdeckt, die unter der Bezeichnung Dossiers Secrets bekannt geworden sind und aus denen hervorgeht, dass eine Reihe berühmter Männer der Prieuré angehörten, darunter Sir Isaac Newton, Sandro Botticelli, Victor Hugo und Leonardo da Vinci«. Auf den ersten Blick scheint dies ziemlich harmlos zu sein. Doch Brown benutzt diesen »Fakt« (der in Wirklichkeit völlig aus der Luft gegriffen ist), um Jesus Christus, die Historizität der Evangelien und die Einzigartigkeit des christlichen Glaubens zu diskreditieren. Brown stellt die Prieuré de Sion (oder »das Priorat von Zion«) als Geheimgesellschaft dar, die darauf aus sei, den Skandal der Ehe Christi mit Maria Magdalena zu vertuschen. Ebendiese Maria wäre die wahre Führerin der Kirche gewesen, wenn sie nicht kurzerhand (d.h. durch ihre angebliche Ehe mit Christus) in apostolische Spitzenämter vorgedrungen wäre, die von einer männerdominierten Kirche geschaffen worden waren. Wie wir sehen werden, beruht ein Großteil dessen, was Brown als Wahrheit ausgibt, auf einer fiktiven Darstellung aus der Feder eines Antisemiten, der vorbestraft ist. Dennoch ist Brown nach seinen eigenen Worten von der Seriosität seiner Behauptungen so sehr überzeugt, dass er nicht einen einzigen Tatbestand ändern würde, wenn er ein Sachbuch zum gleichen Thema schreiben sollte. Die Tatsache, dass Sakrileg viele Falschdarstellungen enthält, beweist natürlich nicht, dass der christliche Glaube wahr ist. Daher besteht das vorliegende Buch aus zwei Teilen. Im ersten Teil werden Browns »Fakten« im Schnelldurchlauf untersucht. Es geht um die genaue Prüfung der Frage, ob die in Sakrileg gemachten Behauptungen historisch zuverlässig sind. Dafür habe ich als Kenner der Materie einen guten Freund von mir, Dr. Paul Maier, gewinnen können. Als Professor für Alte Geschichte und preisgekrönter Autor, der sich vielerorts Ansehen erworben hat, ist Dr. Maier in einzigartiger Weise prädestiniert, den Betrug in Sakrileg entlarven zu können. Weil er messerscharf argumentiert und anschaulich schreibt, wird der Leser schnell in den ersten Teil dieses Buches hineinfinden. Außerdem wird er dort die Tatsache kennen lernen, dass wir beide für eine Umdeutung der Geschichte nichts übrig haben. Der zweite Teil ist apologetischer Natur: Darin wird dargelegt, was wir als die Wahrheit kennen. Hier geht es in positiver Hinsicht um eine apologetische Verteidigung des Glaubens – nämlich darum, dass die Bibel nicht menschlichen, sondern göttlichen Ursprungs ist. Außerdem werde ich zeigen, dass Jesus Christus Gott in Menschengestalt und der christliche Glaube unter den Religionen der antiken Welt nachweislich einzigartig ist. Eines möchte ich klarstellen: Niemand sollte mit dem Eindruck zurückbleiben, dass sein Glaube durch die haltlosen Behauptungen und Lügen, die im Roman »Sakrileg« unter dem Deckmantel der Wahrheit präsentiert werden, untergraben worden ist! Schließlich noch ein Wort darüber, warum ich mich für dieses Projekt so leidenschaftlich eingesetzt habe. Als ich eines Morgens auf dem Weg zu Starbucks (amerikanische Kaffeehauskette) war, um einen Kaffee zu trinken, zog mich eine junge Frau zur Seite. Unter Tränen bat sie mich, ihr erneut die Zusicherung zu geben, dass der christliche Glaube auf verbürgten Sachverhalten beruhe. Sie hatte zusammen mit mehreren Freundinnen Sakrileg gelesen und war durch dessen Behauptungen glaubensmäßig schwer erschüttert worden. Am selben Morgen rief mich Ron Beers – der verantwortliche Vizepräsident von Tyndale House Publishers – an, um mir mitzuteilen, dass sein Büro eine Flut von Anfragen bezüglich des Romans Sakrileg erhalten habe. Er bat mich dringend um eine Stellungnahme. Meine Entschlossenheit, diesen Roman vom Sockel zu stoßen und den Glauben zu verteidigen, wurde weiter bestärkt, als ich mit meinem Freund Bob Passantino sprach – letztmalig, wie sich herausstellen sollte. Seiner Ansicht nach sei dieses Projekt nicht nur notwendig, weil Sakrileg ein Bestseller sei, der andere Bücher in den Schatten stelle (von der englischsprachigen Version sind bisher über 6 Millionen Exemplare verkauft worden, und Regisseur Ron Howard ist dabei, in Zusammenarbeit mit Columbia Pictures den Roman zu verfilmen). Vielmehr sah Bob Handlungsbedarf auch aufgrund der Tatsache, dass der Roman eine Vorreiterrolle in einer wachsenden Bewegung spielt, die versucht, das biblische Jesusbild umzudeuten, den christlichen Glauben neu zu definieren und den Schriftkanon abzulehnen. Bob ermutigte mich nicht nur, eine Stellungnahme zu Browns Buch zu schreiben, sondern forderte mich auch auf, meine Anstrengungen zur Verteidigung des Glaubens zu verdoppeln. Eine Stunde später war Bob aufgrund eines schweren Herzinfarkts am Ziel: Nun stand er unmittelbar in der Gegenwart Christi – jenes Herrn, dem dieses Buch verpflichtet ist. Bobs Tod erinnert eindringlich daran, dass folgende Zeilen wahr sind: Wir haben hier nur ein Leben wie schnell vergeht die Zeit! Nur das, was wir für Jesus taten bleibt auch in Ewigkeit. Somit ist dieses Buch dem Andenken an Bob gewidmet. TEIL EINS - SAKRILEG: DER BETRUGPaul L. Maier Eine universale Doppelmoral bestimmt die heutige westliche Gesellschaft. Es geht darum, dass der Angriff auf jedes religiöse System unserer Welt tabu ist – es sei denn, man attackiert den christlichen Glauben. Wer den Polytheismus und das Kastensystem im Hinduismus kritisiert oder Gautama Buddha beschuldigt, Frau und Sohn verlassen zu haben, um in den Wäldern zu meditieren, sieht sich sofort dem Vorwurf ausgesetzt, intolerant und engstirnig zu sein. Wer bestimmte Aspekte im Leben des Propheten Mohammed in Frage stellt, handelt in einer pluralistischen Gesellschaft politisch nicht korrekt – und setzt sich potenziell sogar Gefahren aus. Jedem, der auf irgendeine jüdische Beteiligung an jenem Prozess verweist, den man kurz vor dem Passahfest gegen Jesus führte, wird sofort eine antisemitische Haltung vorgeworfen. Was aber, wenn man den christlichen Glauben angreift? Was, wenn man Christus karikiert und Lügen über die von ihm ins Leben gerufene Gemeinde vorbringt? Kein Problem! Nur zu, machen Sie mit! Genau das ist »in« – es ist politisch absolut korrekt und obendrein voll im Trend! DER »JESUS-POKER« Insbesondere in den vergangenen vier Jahrzehnten hat es eine Flut von Neuerscheinungen der Sensationsliteratur, neue Kinofilme und Sondersendungen im Fernsehen gegeben, in denen Jesus und die wahren Ursprünge des christlichen Glaubens kaum noch zu erkennen sind. Wir könnten dieses Phänomen als »Jesus-Poker« bezeichnen. Im Folgenden die Spielregeln: Nehmen Sie zunächst einige Karten, die eine allgemeine, auf den Evangelien beruhende Darstellung Jesu verkörpern. Dabei dürfen Sie jedoch nicht vergessen, einige Karten hinzuzunehmen, die das ursprüngliche Blatt kräftig verändern. Sichern Sie sich dazu einige farblich nicht zueinander passende Karten und ergänzen Sie diese durch ausgefallene Karten, die für einen bizarren Hintergrund Ihres Jesusbilds stehen. Nun fehlen nur noch jene Karten, die total abstruse Episoden aus dem Leben Jesu symbolisieren. Während Sie mit anderen Karten, die einer biblischeren Darstellung entsprechen, garantiert verlieren, werden Sie mit diesem Blatt gewinnen, weil Sie ein völlig anderes – und vor allem sensationelles – Jesusbild präsentieren. Als Preis ist Ihnen allumfassende Berichterstattung in den Print- und elektronischen Medien sicher. Irgendwelche missbilligenden Äußerungen von seiten der Christen stecken Sie dabei angesichts von Rekordumsätzen Ihrer Publikation locker weg. Der »Jesus-Poker« wurde zu allen Zeiten gespielt, seit der heidnische Philosoph Celsus im 2. Jahrhundert n.Chr. erstmals diesbezügliche Regeln aufstellte. Allerdings ist er nie mit einem solchen Enthusiasmus wie in unserer Zeit gespielt worden. Sehen wir uns einige der derzeitigen Spieler an: »« Der Engländer Hugh Schonfield präsentierte 1966 in seinem Buch »The Passover Plot« (Der lange Weg nach Golgatha bzw. Planziel Golgatha) ein neues Jesusbild. Darin zeichnet er das Bild eines Pseudo-»Retters, der das ganze Szenarium auf Golgatha selbst eingefädelt habe. Nikos Kazantzakis’ Buch The Last Temptation of Christ (deutsch: Die letzte Versuchung Christi), das später von Martin Scorsese verfilmt wurde, stellt Jesus als Persönlichkeit dar, die von Paulus verachtet wurde. Darüber hinaus enthält das Buch gotteslästerliche Sachverhalte, indem es angebliche sexuelle Fantasien Jesu erwähnt. Es gab auch Verwirrung stiftende Autoren wie John M. Allegro, einen weiteren britischen Gelehrten. Er war einst an der Auswertung der Schriftrollen vom Toten Meer beteiligt, diskreditierte sein Ansehen aber dadurch, dass er uns 1970 mit der Darstellung beehrte, Jesus habe einen Pilzkult betrieben. In The Sacred Mushroom and the Cross (deutsch: Der Geheimkult des heiligen Pilzes) behauptete Allegro ernsthaft, dass die Gestalt Jesus auf Erfinder antiker Mythen zurückgehe, die aufgrund der halluzinatorischen Eigenschaften des Fliegenpilzes mit seinem roten Hut und seinen weißen Flecken high geworden seien und die Evangelien geschrieben hätten, um ihre kultischen Geheimnisse weiterzugeben. Diesbezüglich wollte Morton Smith den anderen in nichts nachstehen, indem er in seinem 1973 erschienenen Buch The Secret Gospel (deutsch: Auf der Suche nach dem historischen Jesus) »Christus, den Meisterzauberer« präsentierte. Darin versuchte er, Jesu Wunder durch Taschenspielertricks wegzuerklären. In Behauptungen, die denjenigen des Korans ähneln, stellte der Australier Donovan Joyce in The Jesus Scroll (Die Jesus-Rolle) »Jesus, den alternden Retter« vor. Er behauptete, Jesus habe die Kreuzigung überlebt und das stattliche Alter von 80 Jahren erreicht. »Jesus, der glückliche Ehemann« tauchte erstmals in den 80er Jahren in mehreren Büchern auf, von denen Holy Blood, Holy Grail (deutsch: Der Heilige Gral und seine Erben) von Baigent, Lincoln und Leigh das einflussreichste war. Diese Autoren haben diejenige imaginäre Story kreiert, die der Handlung in Sakrileg zugrunde liegt – die These nämlich, dass Jesus Maria Magdalena geheiratet habe und ihre Nachkommen in der Dynastie der Merowinger des mittelalterlichen Frankreich fortbestanden hätten. Nach Jesus als »clownesker Retter« in Godspell und »der Erlöser als Rockstar« in Jesus Christ Superstar kamen die 90er Jahre und der temperamentvolle John Dominic Crossan, der Experte des Jesus-Seminars. Sein Jesusbild könnte man mit »Jesus, der Erlöser vom Lande« umschreiben (oder vielleicht mit »Seinfeld, der Retter« (Jerry Seinfeld, geb. 1954, ist ein US-amerikanischer Schauspieler und Komiker. Er spielt die Hauptrolle in der nach ihm benannten Fernsehserie. Die Erstausstrahlungen fanden in den USA zwischen 1989 und 1998 statt: The Historical Jesus – The Life of a Jewish Mediterranean Peasant (deutsch: Der historische Jesus - Wer Jesus war, was er tat, was er sagte). Film und Fernsehen sind als Massenmedien diesem Beispiel rasch gefolgt. Wann immer einer der TV-Kanäle versucht, eine seriöse Dokumentation über Jesus zu drehen, neigt sich deren wissenschaftliche Darstellung gewöhnlich stark den Ansichten radikaler, revisionistischer Kritiker zu. Ernst zu nehmende gemäßigte Bibelwissenschaftler haben es dagegen schwer, wie man in Peter Jennings ABC-Sonderserie »The Search for Jesus» (Die Suche nach Jesus) miterleben konnte, die im Juni 2000 ausgestrahlt wurde. Ein anderes Beispiel ist Dateline auf NBC vom Februar 2004. Verlassen Sie sich darauf: John Dominic Crossan und sein ausgeprägter irischer Akzent werden in solchen Programmen immer an exponierter Stelle zu finden sein, weil den Produzenten seine sensationsgierigen Angriffe auf das traditionelle Christentum sehr gelegen kommen. Und nun – als vorläufiger Höhepunkt der Umdeutungen des Jesusbilds – erscheint der Roman Sakrileg von Dan Brown. Was die Einzigartigkeit dieses neuesten, extrem verzerrten Jesusbilds ausmacht, ist nicht seine Originalität (schließlich ist seine wichtigste These aus Der Heilige Gral und seine Erben einfach übernommen worden), sondern der Verkaufserfolg des entsprechenden Romans. Mit mehreren Millionen Exemplaren der englischsprachigen Version, die bislang verkauft wurden, erfreut er sich einer größeren Leserschaft als alle bisherigen Jesusbücher zusammen genommen. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Das Buch, das mittlerweile in über 40 Sprachen übersetzt worden ist, wird von Columbia Pictures verfilmt. Wie erklärt man sich den Erfolg des Romans? Zunächst einmal geht es um »bizarre Verkaufsmethoden«, wie ein Kollege, der Literatur unterrichtet, ironisch anmerkte. Darüber hinaus haben Brown und die Werbestrategen der Verlage mit Hilfe perfekter Zeitplanung aus der derzeitigen Katholizismusverdrossenheit Kapital geschlagen, die auf Fälle von Pädophilie und Skandale der »Lavendelmafia« innerhalb des Klerus zurückzuführen ist. (Lavendelmafia = euphemistischer Begriff Außenstehender, der die Leitung katholischer Priesterseminare in den USA bezeichnet und dort vorhandene homosexuelle Tendenzen andeuten soll. Im allgemeineren Sinne ist damit ein geheimes, einflussreiches Netzwerk homosexueller Priester insbesondere in den USA gemeint). Sie nehmen damit eine bereits kompromittierte Einrichtung ins Visier. Der Aufstieg des radikalen Feminismus und der Frauenbewegung im Allgemeinen hat ebenfalls entscheidend dazu beigetragen, wie die Titelgeschichte in Newsweek über Maria Magdalena erkennen ließ (8. Dezember 2003). In Sakrileg erhebt der Autor den Anspruch, den Frauen diejenige Rolle zurückgeben zu wollen, die ihnen von kirchlichen Amtsträgern - ausnahmslos Männern – angeblich vorenthalten worden sei. Fügen Sie zu Beginn einen Mord im Pariser Louvre und ein Wirrwarr von Indizien in Form von Symbolen hinzu, dem ein unter Druck stehendes Paar auf der Spur ist, das wiederum von Interpol gejagt wird. Wenn Sie außerdem eine Intrige einbeziehen, in die kirchliche und staatliche Stellen sowie Geheimgesellschaften verwickelt sind, haben Sie das perfekte Erfolgsrezept für einen fesselnden Roman gefunden.
EIN GESCHICKT VERPACKTES GEHEIMNIS Zweifellos kreiert Dan Brown eine Story, die den Leser gefangen nimmt. Die Schauplätze in den französischen sowie englischen Museen, Kathedralen und Chateaus sind realistisch dargestellt, wobei einige Details gut recherchiert sind. Die Handlung läuft in atemberaubender Schnelle ab – der 605-seitige Roman erfasst einen Zeitraum, der in Stunden und nicht in Tagen oder Wochen zu messen ist. Dieses Werk eignet sich ohne weiteres als Thriller für die Intelligenteren, während auch diejenigen, deren Fantasie sich angesichts der Geheimnisse, Mysterien, Rätsel und ungeklärten Fragen entfaltet, rasch darauf ansprechen werden. Vertreter von Verschwörungstheorien und Angehörige anderer derartiger Randgruppen werden sich natürlich dafür interessieren, da diese literarische Kost ganz nach ihrem Geschmack ist. Unbestreitbar tragen auch die faszinierende Handlung und die flotten Dialoge entscheidend zum Erfolg des Buches bei. Es geht nicht darum, dass der Roman in irgendeiner Beziehung »total genial« ist, wie einer der Rezensenten im Klappentext des Schutzumschlags (des amerikanischen Originals) schwärmte. Dazu sind die Charaktere zu farblos dargestellt, wobei die allzu lange Aneinanderreihung von Hinweisen in der Handlung fast schon Langeweile aufkommen lässt, so dass der Leser auf den letzten Seiten am liebsten ausrufen möchte: »Genug, es reicht!« Das Ende des Romans ist ebenfalls eine große Enttäuschung: Während wir uns durch mehr als 500 Seiten kämpfen, suchen wir den entscheidenden Höhepunkt, auf den alle Anhaltspunkte angeblich hinzielen. Doch am Ende stellen wir lediglich fest, dass sich dieser Höhepunkt vor unseren Augen in Luft auflöst, noch ehe wir ihn erreichen. Die erwarteten Überreste der Hauptperson tauchen genauso wenig auf wie die Truhen voller »Sangreal-Dokumente«, die angeblich die Bedeutung dieser Überreste nachweisen. Man hat den Eindruck, dass sich die Story des Autors totläuft, nachdem er die Irrungen und Wirrungen ihrer komplizierten Handlung ausgereizt hat: Er beschließt, ihr noch schnell einige unvollendete Schlussszenen anzufügen und sich aus dem Staub zu machen. Wer will andererseits angesichts des Romanerfolgs Kritik üben? Für buchstäblich Millionen von Lesern ist Sakrileg eine fesselnde Lektüre. Doch eines ist überdeutlich: Dieser Roman hätte als einfacher, gut geschriebener Krimi nie einen solchen Erfolg gehabt, wenn Brown darin nicht seine unbegründeten Breitseiten gegen den christlichen Glauben abfeuern würde. Obwohl seine sensationsgierigen Behauptungen für die zentrale Handlung vielleicht nicht gebraucht werden, sind sie für das Publikum, das hinter vielen ungeklärten Vorgängen nur zu gern eine Verschwörung sieht, von entscheidender Bedeutung. Diesbezüglich könnten Sakrileg-Fans rasch antworten: »He! Seien Sie nicht so humorlos! Das ist doch nur frei erfunden!« Wenn aber Fiktion als Fakt an den Mann gebracht wird, geht es um mehr als um eine bloße Story, weil das Ganze großen Schaden anrichten kann.
WENN AUS FIKTIONEN FAKTEN WERDEN Dies muss man Brown zugute halten: Sakrileg ist von der literarischen Sparte her tatsächlich als frei erfundener Roman einzuordnen, wohingegen die Reihe der zuvor erwähnten verzerrten Jesusdarstellungen – obwohl vom Wesen her genauso fiktiv – allen Ernstes als Sachbücher veröffentlicht wurden. Aufgrund dessen ist Brown den zuvor genannten Autoren erst einmal überlegen. Doch damit sind die Vorzüge auch schon aufgezählt. Die Kunst der erfolgreichen Romanliteratur besteht darin, im Leser das Gefühl entstehen zu lassen, als befinde er sich vollkommen in der Realität. Infolgedessen meint er, dass das Gelesene wahr sei – etwas, was Menschen im wirklichen Leben in real existierenden Situationen passiert sei. Natürlich verschwindet die Vorstellung der Pseudo-Realität, wenn ein Leser das Buch am Ende eines Kapitels beiseite legt. Doch unmittelbar nachdem er das nächste Kapitel begonnen hat, stellt sie sich wieder ein. Nehmen wir zu diesem Phänomen noch folgende Tatsache hinzu: Jeder Leser nimmt – zu Recht – an, dass alle Informationen im Umfeld des Romans der Wahr¬heit entsprechen, selbst wenn die Hauptpersonen möglicherweise fiktive Gestalten sind. Unter all diesen Voraussetzungen stellt sich die Fiktion für viele Leser als Wirklichkeit dar. Offensichtlich gilt dies insbesondere im Falle religiöser Romane und theologischer Thriller. Als vor einigen Jahren Taylor Caldwells höchst fantasievoller Paulus-Roman Great Lion of God (deutsch: Mit dem Herzen eines Löwen) veröffentlicht wurde, musste ich immer wieder ernst gemeinte Fragen der Leser beantworten. Diese gingen darauf zurück, dass sie im Roman Einzelheiten aus dem Leben von Paulus kennen lernten, die sich die Autorin aus den Fingern gesogen hatte! Eine Frage, die mir im Gedächtnis geblieben ist, lautete: »Stimmt es, dass Paulus als Teenager auf einer Wiese von Antiochia von einem syrischen Sklavenmädchen verführt wurde? Lässt sich dadurch seine Haltung gegenüber Frauen erklären? Warum hat mir mein Pastor dies nie gesagt?« Wenn ich mich recht entsinne, war mein »Nein! Nie¬mals!« von entsprechenden Unmutsbekundungen begleitet. Aufgrund dessen ist Sakrileg so gefährlich. Viele Leser nehmen an, dass all die zusätzlichen kontextbezogenen Details und Hintergrundinformationen, die mit dem Christentum zu tun haben, der Wahrheit entsprechen, was nicht der Fall ist. Vielmehr sind die wenigen auf Tatsachen beruhenden Hinweise größtenteils mit Fiktion oder glatter Lüge verwoben. Es ist eindeutig unredlich, solche Details als Tatsachen hinzustellen. Dennoch tut Brown genau dies, indem er auf der allerersten Seite mit der Überschrift »FAKTEN UND TATSACHEN« beginnt. Dort präsentiert er einleitende Aussagen, die dem gesamten Roman zugrunde liegen. Außerdem hat Brown öffentlich klargestellt, dass er an die Richtigkeit der von ihm in Sakrileg vorgestellten Verschwörungstheorie glaubt. In allen direkten Romanzitaten, die im Folgenden angeführt werden, entsprechen die dargestellten Ansichten zweifellos der Meinung, die Brown selbst hat, da dem Leser der Eindruck vermittelt wird, dass die Dialoge zwischen allen Hauptpersonen des Buches in vollem Umfang glaubwürdig sind. Man muss daher nicht in jedem Fall den Redenden identifizieren, obwohl die meisten Falschaussagen im gesamten Roman auf eine Person namens Leigh Teabing zurückgeführt werden können. Leigh und Baigent – das Anagramm von Teabing – sind ja interessanterweise die Familiennamen von zwei der drei Autoren, die Der Heilige Gral und seine Erben geschrieben haben. Dieser Roman wiederum liefert die Informationen für den zentralen Handlungsstrang in Sakrileg. Die Prieuré de Sion Noch bevor der Roman so richtig losgeht, erkennen wir diese Mischung aus Dichtung und Wahrheit. Im bereits oben erwähnten Einleitungsteil (FAKTEN UND TATSACHEN) stellt Brown jene vatikanische Prälatur, die als Opus Dei bekannt ist, unmittelbar neben »Die Prieuré de Sion«. Beide Institutionen spielen in diesem Roman eine äußerst wichtige Rolle, wobei die Vertreter des Opus Dei die Gegenspieler und die Angehörigen der Prieuré irgendwelche Helden verkörpern, die im Geheimen die Wahrheit über Jesus und die Kirche der Frühzeit weitergeben. Doch während Opus Dei tatsächlich eine maßgebliche, erzkonservative Organisation der römisch-katholischen Kirche ist, brauchen wir die Prieuré überhaupt nicht ernst zu nehmen. »Die Prieuré de Sion« ist angeblich eine europäische Geheimgesellschaft, die von einem französischen Kreuzfahrerkönig namens Gottfried von Bouillon 1099 in Jerusalem gegründet worden ist (in Wirklichkeit geschah dies 1956, als sie in Frankreich offiziell ins Vereinsregister aufgenommen wurde). Ihr Ziel bestehe nach Brown darin, ein großes Geheimnis zu bewahren, das seit der Zeit Christi unter Gottfrieds Vorfahren von Generation zu Generation weitergegeben worden sei. Verborgene Dokumente, die unter den Ruinen des Tempels in Jerusalem begraben liegen, sollen die Echtheit dieses Geheimnisses bestätigen. Und worin bestand das »große Geheimnis«, das sie angeblich hüteten? In der Ehe Jesu mit Maria Magdalena, aus der eine Tochter namens Sarah hervorgegangen sei. Jesu Blutlinie lief angeblich über die merowingische Dynastie der französischen Könige und soll noch heute existieren. Die Prieuré de Sion besteht nach Browns Behauptungen, um über Jesu und Marias Nachkommen zu wachen und den idealen Augenblick abzuwarten, in dem der Welt das Geheimnis offenbart werden kann. Wenn Sie in einer Universitätsbibliothek nach der Prieuré de Sion suchen, werden Sie wahrscheinlich sehr wenig oder gar nichts finden. Wenn Sie dagegen ins Internet überwechseln – dorthin, wo sich Weise und Scharlatane gleichermaßen tummeln – stellen Sie fest: Sie müssen sich durch ein Brachland des Bizarren, Okkulten und Unheimlichen – ein allgemeines virtuelles Sammelbecken für Anhänger esoterischen Gedankenguts und Fanatiker der Randgruppen im Sinne des New Age – kämpfen. Einen zuverlässigen Buchtitel zeigt die (englischsprachige) Suchmaschine allerdings an: »The Priory of Sion Hoax« (so viel wie »Der Schwindel im Blick auf die Prieuré de Sion). Wer behauptet, dass sich Größen der Vergangenheit wie Sandro Botticelli, Leonardo da Vinci und Isaac Newton dieser Gruppe verschrieben hatten, schadet im Grunde dem Andenken und Ansehen der Betreffenden. Die Rolle der Prieuré in diesem Roman wird durch ein geheimes Versteck von Dokumenten, die in der Pariser Nationalbibliothek entdeckt wurden, angeblich »nachgewiesen«. Obwohl diese Dokumente tatsächlich existieren, steht fest, dass sie von einem Mann namens Pierre Plantard eingeschmuggelt wurden. Ja, einer von Plantards Helfershelfern hat zugegeben, ihm bei der Fälschung dieser Materialien – darunter der Ahnentafeln und der Listen der Prieuré-Großmeister – behilflich gewesen zu sein. Das alles wird in Sakrileg jedoch als Wahrheit ausgegeben. Obwohl Plantards Schwindel in einer französischen Buchreihe und einer BBC-Dokumentation 1996 im Grunde entlarvt worden ist, scheint die entsprechende Nachricht – zum Glück für Dan Brown – in den USA kaum registriert worden zu sein. Plantard erwies sich als Antisemit, der wegen Betrugs vorbestraft war, während die real existierende Prieuré de Sion eine kleine soziale Splittergruppe darstellt, die vor einem halben Jahrhundert gegründet wurde. (Laura Miller, »The Da Vinci Con«, New York Times, 22. 2. 2004) Der wichtigste Strang in der zentralen Handlung des Romans Sakrileg umfasst demnach einen einzigen Betrug. So viel zu den »Fakten und Tatsachen«, die Brown auf der ersten Romanseite platziert!
Antikonstantinische Ausfälle Als Nächstes stoßen wir auf eine der umfassendsten Verfälschungen einer historischen Persönlichkeit, der ich in literarischen Werken – ob in Romanen oder in Sachbüchern – je begegnet bin. Das Opfer ist Konstantin, der erste christliche Kaiser des Römischen Reiches. Brown schreibt: »Die Prieuré ist überzeugt, dass Kaiser Konstantin und seine männlichen Nachfolger den Übergang der Welt vom heidnisch-matriarchalischen Mutterkult zum patriarchalischen Christentum mit einem Propagandafeldzug ohnegleichen durchgedrückt haben, der das göttlich Weibliche dämonisiert und die Göttinnen für immer aus der modernen Religionsausübung verdrängt hat« (S. 172). Der Autor behauptet, dass Konstantin nicht nur die Verehrung von Göttinnen im Römischen Reich abgeschafft, sondern auch die Bibel umgeschrieben habe. Ferner habe er das Christentum für politische Zwecke ausgenutzt, den Feiertag der Christen von Samstag auf Sonntag verlegt und beschlossen, Jesus zum Gott zu erklären, weil dies zu seinen Zielen gepasst habe. In Wirklichkeit erwarb sich der erste christliche Kaiser am Anfang des 4. Jahrhunderts viele Verdienste um Kirche und Gesellschaft. Und keine einzige dieser Behauptungen trifft zu. Nach Browns Gestalt Leigh Teabing, gab Konstantin »eine neue Evangeliensammlung in Auftrag, die er obendrein finanzierte. In diese Sammlung durfte keine jener Darstellungen aufgenommen werden, in denen Jesus als Mensch gesehen wurde, während alles, was ihn in ein göttliches Licht rückte, besonders hervorzuheben war« (S. 322). Falsch! Der größte Teil des Kanons war bereits fast zwei Jahrhunderte vor Konstantin in der Christenheit allgemein bekannt und verbreitet. Zum Abschluss der Kanonbildung hatte die Kirche der Frühzeit die vielen Apokryphen Evangelien nämlich schon verworfen, die später im zweiten Jahrhundert auftauchten. Die abgelehnten Evangelien enthielten nicht die wahren Sachverhalte im Blick auf Jesus – ganz im Gegenteil: In diesen verzerrten Darstellungen griffen die Schreiber ausnahmslos die kanonischen Evangelien des 1. Jahrhunderts auf, um sie fantasievoll auszuschmücken. Für Brown war Konstantin »sein Leben lang ein Heide. Man hat ihn auf dem Totenbett getauft, als er sich nicht mehr dagegen wehren konnte« (S. 318). Diese Behauptung ist ebenfalls völlig falsch. Obwohl Konstantin unbestreitbar Fehler machte, stimmen die Historiker darin überein, dass er dem Heidentum zweifellos abschwor, aufrichtig zum Christentum konvertierte und die Kirche für die furchtbaren Verluste, die sie während der Verfolgungen erlitten hatte, entschädigte. Außerdem begünstigte er den Klerus und ließ viele Kirchen in seinem gesamten Reich bauen. Er berief auch das erste ökumenische Konzil nach Nizäa ein und kam dabei für die Teilnahmekosten aller Anwesenden auf. Kurz vor seinem Tod wurde er noch auf eigenen Wunsch getauft. Bezüglich des letztgenannten Sachverhalts hielt er sich lediglich an den damaligen Brauch (den er nicht anders kannte und der dennoch falsch war): Man zögerte die Taufe bis ans Lebensende hinaus, um vorher begangene Sünden ein für alle Mal bereinigen zu lassen. Hat Konstantin den Feiertag der Christen von Samstag auf Sonntag verlegt, »damit er mit jenem Tag zusammenfiel, an dem die Heiden die Sonne verehrten« (S. 320)? Nein! Die ersten Christen begannen damit, ihre Gottesdienste am ersten Tag der Woche – dem Sonntag – abzuhalten, den sie als »Tag des Herrn« bezeichneten. Damit wollten sie jenen Tag ehren, an dem Christus aus den Toten auferstanden war. Dies geht sowohl aus dem Neuen Testament (Apostelgeschichte 20,7; 1. Korinther 16,2 und Offenbarung 1,10) als auch aus den Schriften der ersten Kirchenväter – darunter Ignatius von Antiochia, Justin der Märtyrer – sowie der Didache eindeutig hervor. Selbst der heidnische Autor Plinius der Jüngere bezeugte diese Praxis. Das Konzil von Nizäa hat nach Browns Umdeutung der Geschichte Jesus zum Gott erhoben. Zuvor »wurde Jesus von seinen Anhängern als sterblicher Prophet betrachtet, als ein großer und mächtiger Mensch, aber eben als Mensch – als ein sterblicher Mensch« und nicht als Sohn Gottes (S. 320). Erneut geht Brown von einer völlig falschen Voraussetzung aus. Jesu Göttlichkeit wurde von vielen neutestamentlichen Stellen sowie von den ersten Christen und allen Kirchenvätern bezeugt, selbst wenn es im Blick darauf, worin genau diese Göttlichkeit bestand, einige Meinungsverschiedenheiten gab. Das Konzil von Nizäa debattierte nicht darüber, ob Jesus göttlichen Ursprungs oder nur ein sterblicher Mensch war, sondern vielmehr darüber, ob er genauso wie der Vater von Ewigkeit her existierte. Dennoch erkannte das Konzil von Nizäa nach Browns Behauptungen mit »einer ziemlich knappen Mehrheit« die Göttlichkeit Jesu an (S. 321). In Wirklichkeit fiel das Votum eindeutig aus: 300 Ja-Stimmen gegenüber 2 Nein-Stimmen! Auf Konstantin zielen demnach einige der ungeheuerlichsten historischen Verzerrungen Browns ab, während er gegen die Wahrheit kämpft.
Hat Jesus Maria Magdalena geheiratet? Nachdem Brown Konstantin so dargestellt hat, dass nicht einmal Helena, seine eigene Mutter, ihn wieder erkannt hätte, geht er zu Maria Magdalena über. Sie sei die Hauptanwärterin auf die Rolle der »Frau an der Seite Jesu« gewesen. Brown schreibt: »Die Kirche stand vor der Notwendigkeit, die Welt davon zu überzeugen, dass Jesus der Sohn Gottes und nicht etwa ein sterblicher Prophet war. Aus diesem Grund waren sämtliche weltlichen Aspekte des Lebens Jesu aus den Evangelien gestrichen worden. Doch sehr zum Leidwesen der damaligen Bearbeiter tauchte immer wieder ein Störfaktor in den Evangelien auf, nämlich Maria Magdalena – oder genauer, dass Jesus mit Maria Magdalena verheiratet war … Es handelt sich hier um eine historisch verbürgte Tatsache« (S. 335). Nüchtern betrachtet hat Jesus überhaupt nicht geheiratet. Seit Jahren gefallen sich jedoch sensationsgierige Wissenschaftler und diejenigen, die ihr Gedankengut in Romanen unters Volk bringen, in der Rolle von Müttern, die versuchen, einen abgöttisch geliebten Sohn zu verheiraten. Wenn es nun aber wenigstens die Spur eines antiken Beweises dafür geben würde, dass Jesus möglicherweise verheiratet war, dann würde ich als Historiker diesen Beweis gegenüber der Tatsache abwägen müssen, dass solche Informationen in keiner einzigen Schriftstelle oder frühkirchlichen Überlieferung zu finden sind. Genau diese Spur gibt es in historischen Quellen jedoch nicht – nicht einmal ein Fünkchen eines Beweises. Doch nehmen wir einmal an, dass man erwarten könnte, solche Behauptungen in den bizarren apokryphen Evangelien des 2. Jahrhunderts zu finden. Dies sind Quellen, die Angehörige des Jesus-Seminars und andere radikale Gruppierungen unter allen Umständen nachträglich aufwerten wollen. Fazit: Selbst dort gibt es keinen Hinweis darauf, dass Jesus je verheiratet war. Auf Sensationen abzielende Autoren scheren sich jedoch nicht um die Wahrheit, die sich leicht manipulieren lässt. Sie behaupten das Gegenteil. Einer von ihnen brachte als »Beleg für Jesu Ehe den Tatbestand vor, dass das Verheiratetsein von jüdischen Männern nach der rabbinischen Tradition geradezu erwartet wurde. Dieser »Beweis spielt auch in Dan Browns Theorie, wonach Jesus verheiratet gewesen sei, eine wichtige Rolle. Dennoch begeht man einen logischen Fehler, wenn man behauptet, dass Jesus kein Single geblieben sein könne, weil der Ehestand für Männer seiner Stellung gewissermaßen dazugehörte. Außerdem gestatteten die Rabbis Ausnahmen für diejenigen, die unverheiratet bleiben wollten. Dabei gab es ganze Untergruppen im Judentum, die zölibatär lebten, wie z.B. eine Richtung der Essener oder die ägyptischen Therapeuten, die von Philo her bekannt sind. Auch blieben viele der großen Propheten wie Jeremia oder der in der Wüste lebende Prophet Banus, der Josephus unterwies, unverheiratet. Dazu zählte ebenso Johannes der Täufer. Jesus stand mit dem letztgenannten Gottesmann in Verbindung, als er sich zu Beginn seines irdischen Dienstes in der Wüste aufhielt. Trotzdem finden wir heute endlose Variationen zu dem Thema »Jesu Ehe mit Maria Magdalena. Darin tauchen natürlich auch ihr Kind bzw. ihre Kinder auf. Nehmen wir z.B. Der Heilige Gral und seine Erben – ein Werk, auf das sich viele der in Sakrileg präsentierten Theorien stützen. Ihm zufolge floh Maria nach Frankreich, während sie von Jesus ein Kind erwartete. Dort brachte sie es zur Welt – ein Mädchen namens Sarah, das zur Stammmutter der Merowinger-Dynastie in Frankreich wurde. Kommen diese Behauptungen aus frühen, originalen Quellen? Wohl kaum, denn diese Version der Familiengeschichte Jesu tauchte erstmalig im 9. Jahrhundert n.Chr. auf! Brown belässt es diesbezüglich nicht bei seiner übernommenen Theorie von Jesus als Ehemann und Vater, sondern legt mit weiteren bizarren Behauptungen nach: »Jesus war sozusagen der erste Feminist. Er wollte, dass die Zukunft seiner Kirche in den Händen von Maria Magdalena liegt. … Sie stammte aus dem Hause Benjamin … von königlichem Blut« (S. 340-341). In Wirklichkeit gibt es überhaupt keinen Bericht darüber, welchem jüdischen Stamm Maria angehörte. Auch wird nirgendwo etwas darüber gesagt, dass jemand, der aus dem Stamm Benjamin kam, dadurch von königlichem Blut war. Außerdem gibt es nichts, was darauf hindeutet, dass Jesus statt der Apostel Maria beauftragte, die Urgemeinde zu führen. Das Hauptargument für Browns Beweis zugunsten einer Ehe Jesu mit Maria Magdalena geht auf das apokryphe Philippus-Evangelium zurück. In einer entsprechenden Stelle heißt es angeblich, dass Jesus Maria als seine »Gefährtin« küsst. Dies bedeutet nach Brown »im Aramäischen« Gattin oder Ehefrau: »Und die Gefährtin des Erlösers war Maria Magdalena. Christus liebte sie mehr als seine Jünger und küsste sie oft auf den Mund. Die Jünger waren darüber erzürnt und verliehen ihrer Enttäuschung Ausdruck. Sie sprachen zu ihm: ›Warum liebst du sie mehr als uns?‹ « (S. 337). Dieser angeblich hieb- und stichfeste Beweis hält keinerlei Prüfung stand. Wenn Jesus eine Frau gehabt hätte, wäre es undenkbar gewesen, dass seine Jünger sie kritisierten – ungeachtet dessen, wie sehr sie diese Beziehung auch missbilligen mochten. Und Brown leistet sich hier einen weiteren Schnitzer: Das Philippus-Evangelium wurde nicht, wie er behauptete, auf Aramäisch, sondern auf Griechisch geschrieben. Und dieses Philippus-Evangelium ist unter den apokryphen Evangelien sehr spät anzusetzen. Da es nämlich auf das 3. Jahrhundert datiert wird, waren bei seiner Abfassung seit der Zeit Jesu ca. 200 Jahre vergangen. Wissenschaftler verwerfen es als Werk, das keine authentischen, historisch zuverlässigen Erinnerungen (wie etwa die kanonischen Evangelien) enthalte. Es gehöre nicht nur zu den späten gnostisch-apokryphen Schriften, die von der frühchristlichen Kirche verworfen wurden, sondern sei auch apokryph in jenem wörtlichen Sinne, den man dem Begriff heute beilege: »unecht, gefälscht, nachgemacht«. Das Gleiche gilt für das andere Dokument, auf das Brown bei seiner Hypothese vom verheirateten Jesus Bezug nimmt. Es handelt sich um das Evangelium der Maria Magdalena, das ebenfalls zu spät verfasst ist, als dass es glaubwürdig sein könnte. Und selbst wenn diese beiden Schriften authentisch wären, ist in keiner ausdrücklich davon die Rede, dass Jesus tatsächlich verheiratet war. Und dennoch wartet Browns Gestalt Teabing mit einer schamlosen Übertreibung auf: »Ich möchte Sie nicht mit endlosen Verweisen auf die Verbindung von Jesus und Maria Magdalena langweilen« (S. 339). Doch derartige Verweise kann man an einer Hand abzählen: ganze zwei! Beide Werke müssen spät datiert werden, wobei sogar sie nicht explizit von einer Verbindung zwischen Jesus und Maria berichten! Warum gibt es in der gesamten Kirchengeschichte keinerlei Unterlagen über Jesu Ehe? Dan Brown behauptet ganz im Sinne revisionistischer Autoren vor ihm, dass die Kirche dieses Beweismaterial in einem groß angelegten verabredeten Stillschweigen unterdrückt habe. Dies sensibilisiert natürlich allerorts die Freunde von Verschwörungstheorien jenes Schlags, deren Fantasie sich bei UFO-Sichtungen und Invasionen intergalaktischer Außerirdischer entfaltet und denen die Aktivitäten der Trilateralen Kommission suspekt sind (Anmerkung des Übersetzers: »Trilaterale Kommission = 1973 auf Betreiben von David Rockefeller gegründete Organisation, die aus 200 ständigen Kommissaren besteht. Sie rekrutieren sich aus allen gesellschaftsrelevanten Schichten der USA, Europas und Japans und besetzen die strategischen Schlüsselpositionen in Staat und Gesellschaft sowie in internationalen Gremien. Die erklärte Absicht der Kommission ist die Neue Weltordnung). »Was gibt es Schöneres als Verschwörungstheorien?« (S. 233), schreibt Brown bewusst, womit er eindeutig die Meinung vieler wiedergibt. Aus diesem Grund kann er mit der unverschämten Lüge, dass Jesu Ehe »eine historisch verbürgte Tatsache« (S. 335) sei, ungeschoren davonkommen. Die reinen Fakten: Es gibt keine geschichtliche Darstellung dieser angeblichen »Tatsachen«, keinen diesbezüglichen Bericht! Während wir keinerlei Spur eines historischen Beweises dafür haben, dass Jesus je verheiratet war, besitzen wir andererseits überzeugende Beweise dafür, dass das Gegenteil zutrifft. Sogar die radikalsten Revisionisten stimmen mit korrekt arbeitenden Bibelauslegern darin überein, dass die Schriften von Paulus unsere frühesten – und daher glaubwürdigsten – Zeugnisse des christlichen Glaubens bilden. In 1. Korinther 9,5 verteidigte Paulus sein Recht, verheiratet zu sein – ein Vorrecht, das er nie in Anspruch nahm: »Haben wir etwa kein Recht, eine Schwester als Frau mitzunehmen wie die übrigen Apostel und die Brüder des Herrn und Kephas (Petrus) «? Wenn nun aber Jesus selbst je verheiratet gewesen wäre, hätte Paulus mit Sicherheit diesen Tatbestand als allerwichtigsten Präzedenzfall angeführt. Im Vergleich dazu wäre es gar nicht nötig gewesen, alle anderen untergeordneten Beispiele wie dasjenige des Petrus und der anderen Apostel zu erwähnen. Angesichts von 1. Korinther 9,5 kann man die Fiktion vom verheirateten Jesus fraglos zu Grabe tragen. Doch was wäre, wenn es tatsächlich irgendeinen handfesten Beweis für Jesu Ehe geben würde? Man kann kaum der Versuchung widerstehen, darüber zu spekulieren, ob Jesu Auftrag für die Welt im Falle seines tatsächlichen Verheiratetseins gefährdet worden wäre. Wer heiratet, bleibt zweifellos im Rahmen einer göttlichen Ordnung und sündigt nicht. Daher stellt sich die Frage: Hätte Christus dies nicht auch tun können? Die Hauptheldin in Sakrileg antwortet beispielsweise auf diese Frage: »Wäre mir egal« (S. 339) – eine Antwort, der viele Leser zustimmen könnten. Doch warum gehen zwei Menschen eine Ehe ein? Unter anderem deshalb, weil sie Kinder haben wollen. Und genau hier wäre ein ungeheueres – sogar kosmische Dimensionen erreichendes – Problem entstanden, wenn Jesus mit Maria Magdalena tatsächlich Nachkommen gezeugt hätte. Theologen wären jahrhundertelang darüber uneins gewesen, ob solche Kinder Anteil an Jesu Göttlichkeit gehabt hätten oder nicht. Und wie wäre es wiederum bei deren Kindern und Enkelkindern gewesen? Es hätte ein großes theologisches Durcheinander gegeben. Dass Christus ehelos blieb, war tatsächlich äußerst klug!
Die Tempelritter Nach Brown und seinen auf Sensationen abzielenden Quellen hat die Kirche das Geheimnis unterdrückt, dass Jesus mit Maria Magdalena verheiratet war. Dennoch sei das »Geheimnis nicht verloren gegangen. Die Prieuré de Sion hat angeblich den ältesten militärisch-religiösen Orden der Kirche gegründet, der dieses Geheimnis hüten bzw. weitergeben und die Sangreal-Dokumente als entsprechendes Beweismaterial aus dem Versteck unter dem Jerusalemer Tempel bergen sollte. Sein Name: die Tempelritter. Während der Kreuzzüge entstanden, sollte dieser Orden Pilger auf ihrem Weg in das Heilige Land und bei ihrer Rückkehr schützen. Er wurde tatsächlich 1118 gegründet und sollte seine Funktion verlieren, als die letzte Kreuzfahrerfestung in Akko im Jahre 1291 fiel. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er jedoch einen beträchtlichen Reichtum angehäuft und sich zu einem mittelalterlichen Bankhaus gewandelt, das gleichzeitig als Reiseunternehmen arbeitete. So weit die Fakten. Doch Brown will die Geschichte umschreiben: Ihm zufolge wurden die Templer angeblich von Papst Klemens V. unterdrückt, weil sie ihn mit dem Geheimnis des Heiligen Grals erpressten (Dieses Symbol des unerreichbaren Ideals ist eines der am schwersten zu definierenden und vielgestaltigsten Objekte einer jahrtausendelangen menschlichen Suche, das für alle möglichen Gegenstände – vom Kelch, den Jesus beim Letzten Mahl benutzte, bis zum Grabtuch von Turin – steht.). Auf Der Heilige Gral und seine Erben zurückgreifend, unterteilt Brown den Begriff Sangreal (altfranzösisch für Heiliger Gral) in Sang (Blut) und Real (königlich). Dieses königliche Blut findet sich nach Browns Story in der Blutlinie, die aus der Verbindung zwischen Jesus und Maria Magdalena hervorgegangen und über die Dynastie der Merowinger gelaufen ist. Maria selbst war der eigentliche Heilige Gral, der Kelch, der Christi königliches Blut aufgefangen hat (S. 342). Die Templer wussten, dass dieses gefährliche Geheimnis – sollte es offenbart werden – die Autorität sowohl des Papsttums als auch der Kirche untergraben könnte. Daher nutzten sie ihr Wissen, um politische Vorteile zu erreichen. Statt sich erpressen zu lassen, inszenierte Papst Klemens V. seine genial geplante Nacht-und-Nebel-Aktion (S. 221): Er ließ alle Templer verhaften und als Ketzer verbrennen. So weit die fiktive Darstellung. Nüchtern betrachtet war es der französische König Philipp IV. (Eder Schöne), der zu allem entschlossen war, um sich den Reichtum der Templer anzueignen. Daher zwang er den Papst, ihren Orden zu verbieten. Anschließend ließ der französische König – nicht der Papst – sie verhaften und einige davon, darunter den Großmeister Jacques de Molay, 1314 auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Wer sollte nun, da die Templer nicht mehr bestanden, das große Geheimnis hüten? Natürlich seine ursprünglichen Wächter, die Angehörigen der Prieuré de Sion, jener Gruppe in der »letzten Zeit, deren fiktive Wurzeln bis auf die Templer zurückgehen! Ja, die Prieuré verehrt nach Brown »… Maria Magdalena bis zum heutigen Tag als die Göttin des Heiligen Grals, als die Rose und die göttliche Mutter. … [Sie] war … zum Zeitpunkt der Kreuzigung schwanger. Um das ungeborene Kind nicht zu gefährden, hatte sie keine andere Wahl, als außer Landes zu gehen. Mit der Hilfe des Joseph von Arimathäa, dem vertrauenswürdigen Onkel von Jesus, ist Maria Magdalena heimlich nach Frankreich gereist, das damals ›Gaul‹ genannt wurde, und wo sie eine sichere Zuflucht in der dortigen großen jüdischen Gemeinde fand. Hier in Frankreich hat sie eine Tochter zur Welt gebracht, die den Namen Sarah erhielt (S. 349). Doch damit genug von solchen Fiktionen! Wir haben bereits die wahren Ursprünge der Prieuré de Sion und die Tatsache erörtert, dass der Gedanke, Jesus sei verheiratet gewesen, aus der Luft gegriffen ist. Hier stellen wir lediglich fest, dass Josef von Arimathäa eindeutig nicht Jesu Onkel war. Das göttlich Weibliche Das matriarchalische Heidentum – jener ursprüngliche Glaube, der vom patriarchalischen Christentum angeblich unterdrückt wurde – scheint das geheime religiöse Ideal zu verkörpern, wofür Brown in Sakrileg an vielen Stellen eintritt. Seiner Ansicht nach sollte es an Gottes Stelle bzw. neben ihm eine Göttergemahlin geben, die genauso oder sogar noch mehr verehrt wird. Eine solche Vorstellung findet unter radikalen feministischen Theologinnen unserer Zeit ein breites Echo. Einige davon fordern eine Neubewertung von Sophia, der obersten Göttin der Gnostik im 2. nachchristlichen Jahrhundert. Ohne zu dieser in unzähligen Variationen existierenden christlichen Irrlehre abschweifen zu wollen, könnte man jedoch die Ethik, die mit Browns Kreuzzug für das göttlich Weibliche in Verbindung steht, durchaus hinterfragen. Hier finden wir keinen erhabenen Idealismus zugunsten der angeblich weiblichen Aspekte des göttlichen Wesens, sondern vielmehr eine lautstarke Befürwortung einer grenzenlosen sexuellen Hemmungslosigkeit, die zu demjenigen Kult gehört, der von jüdisch-christlichen Grundsätzen befreit ist. Brown zufolge hat die Kirche das Geschlechtliche nachhaltig dämonisiert (S. 423), während diejenigen, die das göttlich Weibliche bevorzugen, es als Quasi-Sakrament ansehen. Als Beleg dafür beschreibt Brown ein widerliches Ritual, bei dem ihm der Film Eyes Wide Shut direkt als Vorlage diente. Diese Szene zeigt einen Kreis kostümierter Anhänger eines Sexualritus – Männer und Frauen gleichermaßen –, die in einem nächtlichen, von Kerzen erleuchteten Keller einen unheimlichen Gesang intonieren. Sie haben einen Kreis gebildet, in dessen Mitte ein Paar den Geschlechtsakt vollzieht. Zumindest reicht das Anstandsempfinden bei Browns Heldin noch so weit, dass sie angesichts dieser Szene schockiert ist (bis ihr am Ende alles erklärt wird). Letztendlich lautet die für den Leser bestimmte Botschaft jedoch: Obwohl es vielleicht widerlich aussieht, ist es in Wirklichkeit in Ordnung, weil es sich hier um den Ritus des Hieros Gamos, einer heiligen Hochzeit handelt, der mit dem göttlich Weiblichen verbunden ist. Die im Roman befindlichen endlosen Hinweise auf Aphrodite oder Venus verstärken nur noch dieses Thema. Dabei fällt Browns haarsträubende Symboldeutung auf, die von Planetenbewegungen bis zu Walt-Disney-Filmen reicht. Ja, der christliche Glaube dämonisiert den Sex nicht – ganz im Gegenteil! Er betrachtet die Sexualität als eine der größten Gaben Gottes – freilich als Gabe, die man verantwortlich gebrauchen sollte. In einer Zeit, in der die Infektionskrankheit AIDS, Herpes und andere sexuell übertragbare Krankheiten grassieren, ist diese Ansicht wohl kaum überholt. Die in Sakrileg suggerierte sexuelle Zügellosigkeit würde diejenigen Gefahren, welche die sexuelle Revolution mit sich gebracht hat, nur verschärfen. Auch hat keine der etablierten Religionen unserer heutigen Welt Frauen mehr aufgewertet als das Christentum. Wenn Brown für feministische Anliegen kämpft, sollte er stattdessen jene Weltreligionen unserer Zeit ins Visier nehmen, deren Anhänger die Segnungen der Frauenbefreiung noch nicht erfahren haben. Neuinterpretation von Kunst- und Musikwerken Browns Umdeutungen erstrecken sich auch auf die Welt der Kunst. Er behauptet nämlich, dass es Leonardo da Vinci selbst gewesen sei, der das große Geheimnis sichtbar werden ließ, als er Das Letzte Abendmahl malte: Alle, die richtig hinsehen, könnten es erkennen: Dass Jesus und Maria Magdalena ein Paar waren, schleudert da Vinci dem Betrachter in seinem Abendmahl geradezu ins Gesicht (S. 335). Obwohl die Darstellung des Apostels Johannes zur Rechten Jesu in da Vincis Meisterwerk zugegebenermaßen weibliche Züge trägt, entsprach dies der Art des Künstlers, jüngere Männer zu malen, wie auch seine Porträts von Johannes dem Täufer und anderen belegen. †überdies konnte der große Künstler kaum an Maria Magdalena gedacht haben, denn sonst müssten vierzehn Personen auf seinem Fresko und nicht nur Jesus mit den Zwölfen zu sehen sein. Wenn die Gestalt zur Rechten Jesu wirklich Maria Magdalena ist, fragt man sich: Wo ist der fehlende Johannes? Was Leonardos Mona Lisa (La Gioconda) betrifft, so stellt das Gemälde kein androgynes Selbstporträt dar, wie Brown behauptet. Vielmehr ist darauf eine Person porträtiert, die wirklich gelebt hat – Madonna Lisa, die Frau von Francesco del Giocondo. Ihr rätselhaftes Lächeln (S. 164) geht nicht auf ihren Namen zurück, der angeblich ein Anagramm des ägyptischen Fruchtbarkeitsgottes Amon und der ebenfalls dafür zuständigen Göttin Isis umfasst. Hier liegt Brown völlig daneben, als er sich an die Interpretation eines Kunstwerks wagt (S. 167).20 Auch die Musik ist von solchen Umdeutungen nicht ausgenommen. Im US-amerikanischen Original des Romans schreibt Brown, dass Richard Wagner mit seiner Oper Parsifal Maria Magdalena und der Blutlinie Jesu Christi Anerkennung zolle. Darin werde die Geschichte eines jungen Ritters erzählt, der sich auf der Suche nach Wahrheit befinde (vgl. S. 523). Obwohl es stimmt, dass der junge Ritter in der Oper nach dem Heiligen Gral – d.h. dem traditionellen Gral – sucht, ist damit nicht seine Umdeutung ˆ la Brown gemeint. Neue Sinndeutung architektonischer Werke Als Brown in Sakrileg einen Ausflug in die Baukunst der Gotik unternahm, muss sein architektonischer Reiseführer von Sigmund Freud geschrieben worden sein. Brown behauptet in Gestalt von L. Teabing, dass die Prieuré de Sion beim Bau mittelalterlicher Kathedralen Symbolismen der weiblichen Sexualität verwendet habe, um die Verehrung von Göttinnen darzustellen. Dieser Gedanke hätte die ursprünglichen Baumeister in Wallung gebracht, die nichts dergleichen im Sinn hatten. Nach Brown wurde die weite Höhlung des Kirchenschiffs mit dem weiblichen Uterus verglichen … samt Schamlippen und einer kleinen Lilie als Klitoris oben im Spitzbogen über der Tür (S. 440). Doch weder die nebulöse Prieuré noch die Templer hatten irgendetwas mit der Errichtung mittelalterlicher Kathedralen zu tun. Der Bau der großen Kirchen Europas ging den Templern nicht nur um Jahrhunderte voraus. Vielmehr steht auch fest, dass sie im Allgemeinen drei Türen an ihren Haupteingängen und nicht nur eine Tür hatten, wobei weitere Türen an den Querschiffen dazukamen. Somit ist der Vergleich mit dem Unterleib einer Frau kaum noch zu verstehen. Hätte Brown Untersuchungen über die Baugeschichte mittelalterlicher Kathedralen und nicht die Faseleien sensationsgieriger Autoren gelesen, wäre ihm bekannt, dass die weite Höhlung des Kirchenschiffs sowohl der früheren romanischen als auch der späteren gotischen Bauwerke auf die Markthallen der antiken griechisch-römischen Welt, die Basiliken, zurückgeht. Verzerrungen – für alle sichtbar Zu weiteren Lieblingsphrasen im Roman gehören das Neue Testament beruht … auf Erfindungen (S. 461), die … biblische Geschichte von Jesus Christus (enthält) mehr Dichtung als Wahrheit (S. 364) und die Kirche hat zweitausend Jahre Erfahrung darin, Menschen unter Druck zu setzen, die das Lügengewebe der Kurie gefährden (S. 544-545). Damit bringt der Autor offenkundig und unverhohlen seine antichristliche Einstellung zum Ausdruck. Dies bedeutet keinesfalls, dass sich die Kirche immer moralisch einwandfrei verhalten hat. Nichts dergleichen! Sie hat in all den Jahrhunderten viele tragische Fehler und sogar Verbrechen begangen, zu denen der mittelalterliche Antisemitismus, die Kreuzzüge, die Inquisition, die Maßregelung Galileis und zahlreiche Verfolgungen gehören. Und sehen wir uns heute nur die Vergehen an, derer sich einige Angehörige des Klerus in Form furchtbarer pädophiler Übergriffe auf Kinder schuldig gemacht haben. Doch der Kirche kann nicht angelastet werden, Jesu Ehe mit Maria Magdalena unter Verschluss zu halten – ein Grundgedanke, der Browns Romanhandlung zugrunde liegt. Wenn man all die Irrtümer, Fehldeutungen, Täuschungen, Verdrehungen und glatten Lügen in Sa¬krileg aufzählt, fragt man sich, ob Browns Manuskript je redaktionell durchgesehen oder auf Fakten hin überprüft wurde. Der ganze Roman ist geradezu von Fehlern durchsetzt, wobei wir uns die wichtigsten und offensichtlichsten im Folgenden ansehen werden. Aus Gründen der Genauigkeit stehen vor jedem Beispiel zunächst Browns Aussagen in Fettdruck. Alle Wiedergaben sind direkte Zitate. »Noah (war) ein Albino« (S. 230). Es gibt keinen biblischen Beweis dafür. Und der Albino-Mönch von Opus Dei scheint keinerlei Probleme mit seinem Sehvermögen zu haben, während genau dies bei echtem Albinismus (einem angeborenen totalen Pigmentmangel) der Fall ist. Neben all diesen Ungereimtheiten verfügt Opus Dei über keinen Mönchsorden. Auch gibt es darin keinen Bischof, wie von einer der Hauptcharaktere Browns behauptet. »Das frühe Judentum (hatte) sexuelle Fruchtbarkeitsriten praktiziert … im Tempel. Die alten Juden glaubten, dass im Allerheiligsten von Salomons Tempel nicht nur Gott, sondern auch sein machtvolles weibliches Gegenstück Schekinah gegenwärtig sei« (S. 422). Angesichts dieser ungeheuerlichen Behauptung können Bibelausleger entweder nur verständnislos lachen oder bestürzt den Kopf schütteln, weil sie lächerlich ist und nicht auf Fakten, sondern auf Hirngespinsten beruht. Nichts war – oder ist – für die Angehörigen des Volkes Israel entscheidender als ihre Grundüberzeugung, dass es nur einen Gott (nicht zwei oder noch mehr) gibt. Die Welt verdankt das Geschenk des Monotheismus den antiken Juden. Die Tatsache, dass diesem einen Gott irgendwelche sexuellen Merkmale beigelegt werden, war den Juden so sehr zuwider, dass sie im Hebräischen nicht einmal ein Wort für Göttin hatten. Der Begriff Schekinah (Schechina) bezieht sich im Hebräischen auf die Herrlichkeit Gottes in Verbindung mit seiner Innewohnung und nicht auf irgendeine Gottesgemahlin. »Das aus den vier Buchstaben YHWH bestehende jüdische Wortkürzel – der heilige Name Gottes – setzte sich zusammen aus den Buchstaben des Wortes Jehova, einer androgynen Vereinigung des männlichen Jah, und des vorhebräischen Wortes für Eva, Havah« (S. 422). Völlig falsch! In YHWH, dem ursprünglichen Gottesnamen, klingt das hebräische Verb sein an. Da die Tradition es jedoch untersagte, diesen Namen wörtlich auszusprechen, benutzten Rabbiner ab dem 16. Jahrhundert die Konsonanten des Begriffs YHWH zusammen mit den Vokalen des Wortes Adonai (Herr), so dass der Ausdruck Jehovah (Jehova) entstand. Dieser später entstandene, künstlich gebildete Name ist nicht nur viel jünger als YHWH, sondern hat auch absolut nichts mit einer androgynen Vereinigung zu tun. »Als junger Astronomiestudent hatte Langdon zu seinem Erstaunen erfahren, dass der Planet Venus im Verlauf von acht Jahren ein perfektes Pentagramm an den Nachthimmel zeichnet … Noch weniger bekannt ist die Tatsache, dass der fünfzackige Stern beinahe zum Symbol der [von den alten Griechen organisierten] olympischen Spiele geworden wäre und erst im letzten Moment zugunsten der fünf ineinander verschlungenen Ringe aufgegeben wurde« (S. 55). Hier erweist sich Brown als derjenige, der überall gleichermaßen seine Chancen im Kampf gegen die Wahrheit nutzt, indem er griechische sowie jüdische und christliche Geschichte durcheinander bringt. In Wirklichkeit waren die Spiele dem Zeus geweiht. Ein eintägiges Fest zu seinen Ehren unterbrach die Spiele, nachdem die Hälfte der Veranstaltungen stattgefunden hatte (die antiken olympischen Spiele dauerten in der Regel fünf Tage). Daher wurden die Spiele in der Zeit, da man das Christentum zur Staatsreligion erklärte, verboten (im Jahre 394 n.Chr. durch Kaiser Theodosius), bis sie 1896 auf ausdrücklich säkularer Grundlage wiedereingeführt wurden. Sie fanden außerdem alle vier und nicht alle acht Jahre – wie von Brown angedeutet – statt. Was die fünf ineinander verschlungenen Ringe der olympischen Flagge bei den modernen Spielen betrifft, so haben diese nichts mit dem Ischtar-Pentagramm zu tun, da bei einer neuen Olympiade jeweils ein neuer Ring hinzugefügt werden sollte. Die Organisatoren legten jedoch bei fünf Ringen das endgültige olympische Logo fest, was gut zu den fünf bewohnten Kontinenten der Erde passte. »Die Heilige Schrift hat sich angesichts zahlloser Hinzufügungen, Korrekturen und Neuübersetzun¬gen verändert und fortentwickelt. Es hat nie eine endgültige Version des Buchs der Bücher gegeben« (S. 318). Wer behauptet, dass sich die Bibel fortentwickelt habe, deutet wie in dem Begriff Evolution darauf hin, dass es einen ständigen, fortschreitenden Wandel gegeben hat. Dies ist völlig irreführend. Die einzigen Wandlungen der Bibel, die es in all den Jahrhunderten gegeben hat, waren Ausdruck einer immer genaueren Wiedergabe und Übersetzung des hebräischen Urtexts im Alten und des griechischen Urtexts im Neuen Testament. Dabei wurde dem Text überhaupt nichts hinzugefügt. In Teil 2 werden wir diese Frage ausführlicher erörtern. »Es gab mehr als achtzig Evangelien, die für das Neue Testament zur Auswahl standen, dennoch kamen nur vier zum Zuge« (S. 318). Nach Browns Behauptung könnte man denken, dass irgendeinem Gremium der frühchristlichen Kirche in großem Umfang Evangelien vorlagen, bevor deren Anzahl auf die bekannten vier reduziert wurde. Dies war überhaupt nicht der Fall. Matthäus-, Markus-, Lukas- und Johannesevangelium waren grundlegende Dokumente in jener Sammlung, die später als Neues Testament bezeichnet werden sollte. Eusebius, der erste Kirchenhistoriker, beschreibt, wie sie von Anfang an den Kern des Schriftkanons bildeten und wie ihre Autorität auf der Grundlage des Gebrauchs in solchen frühchristlichen Zentren wie Jerusalem, Antiochia, Alexandria und Rom festgelegt wurde. Er benennt auch eindeutig einige der späteren unechten Schriften. Dazu gehören die gnostischen Evangelien, die von der Kirche schon kurz nach ihrem Auftauchen verworfen wurden. Heute sind sie als Eneutestamentliche Apokryphen bekannt. Obwohl Brown bei seinen ...achtzig an diese Ansammlung von Schriften gedacht haben muss, hat er damit in jedem Fall übertrieben. Was Übertreibungen angeht, so übertrifft sich Brown mit folgender Behauptung selbst: »Konstantin (hat) Jesus erst vier Jahrhunderte nach der Kreuzigung zum Gottessohn erhoben … Deshalb existierten bereits Tausende von Niederschriften, in denen Jesus als normaler Sterblicher geschildert wird« (S. 322; Hervorhebungen jeweils durch den Autor). Zunächst ist festzuhalten: Konstantin hat Jesus nicht zum Gottessohn erhoben. Das Neue Testament verdeutlicht, dass die ersten Christen Jesus als Gottes Sohn ansahen. Außerdem ist Jesus ca. 33 n. Chr. gestorben, während Konstantin im Jahre 312 zum Christentum konvertierte. Daher handelt es sich nicht um eine vierhundertjährige, sondern um eine ca. dreihundertjährige Zeitspanne. Aber haben wirklich Tausende von Niederschriften existiert, die Jesus als normalen Sterblichen beschreiben? Fehlanzeige! Stattdessen gibt es mehrere Dutzend, die nicht nur von seinem Menschsein, sondern auch von seiner Göttlichkeit Zeugnis ablegen! »Die Sangreal-Dokumente umfassen Zehntausende beschriebener Seiten … in vier großen Truhen … (die) die Tempelritter unter dem Tempel Salomos gefunden haben« (S. 350-351). In Wirklichkeit gab es keinen derartigen Fund. Keine Truhen, keine Dokumente und nicht einmal eine entsprechende Suche der Tempelritter. Außerdem wäre der Jerusalemer Tempel – die Hochburg des Judentums – der unwahrscheinlichste Platz auf Erden gewesen, an dem man nach christlichen Dokumenten im Zusammenhang mit dem Heiligen Gral gesucht hätte. Und selbst in seiner fiktiven Darstellung kann Brown auf dem Höhepunkt seiner Romanhandlung diese Zehntausende beschriebener Seiten zu unserem Erstaunen nicht zutage fördern. »Konstantin ließ fast alle alten Schriften [im englischen Original steht hier ›gospels‹ = ›Evangelien‹] vernichten. Zum Glück für uns Historiker blieben einige dennoch der Nachwelt erhalten. In einer Höhle bei Qumran in der Wüste von Judäa wurden im Jahr 1950 die Schriftrollen vom Toten Meer ent¬deckt« (S. 322). Hier finden wir in weniger als vier Zeilen drei schwere Fehler. Konstantin war natürlich nicht damit beschäftigt, irgendwelche Evangelien zu vernichten. Die Schriftrollen vom Toten Meer wurden 1947 und nicht 1950 entdeckt. Und sie enthalten keinerlei Evangelientexte oder Hinweise auf Jesus. »Natürlich hat der Vatikan … mit allen Mitteln versucht, die Veröffentlichung dieser Schriften zu verhindern« (S. 323). Diese böswillige, aber lahme Zeitungsente ist zwar längst überholt, aber unter Anhängern von Verschwörungstheorien und Sensationsschriftstellern weit verbreitet. Sie wird durch zahlreiche Veröffentlichungen der übersetzten Schriftrollentexte widerlegt. Keine der Schriftrollen hat mit dem Christentum zu tun. Sie stellen jedoch unter Beweis, wie genau die alttestamentlichen Handschriften immer wieder abgeschrieben worden sind, und lassen eine Gedankenwelt erkennen, die der im Johannesevangelium dargestellten ähnelt. Mit anderen Worten: Der Vatikan würde sie als Schriften betrachten – und tut dies auch –, die mit dem christlichen Glauben durchaus geistesverwandt sind und ihm keineswegs widersprechen. »Die Merowinger haben Paris gegründet« (S. 352). In Wirklichkeit war die Stadt bereits sieben Jahrhunderte vor ihrem Aufstieg zur Macht eine gut gesicherte Stadt. »Dagobert (war) … ein Merowingerkönig, der im Schlaf durch einen Dolchstoß ins Auge ermordet wurde … Er (wurde) von Pippin von Heristal beseitigt, der mit der Kirche unter einer Decke steckte« (S. 353). Falsch! Dagobert wurde bei der Jagd in einem Wald von einem seiner Gefährten ermordet, der von Ebroin – dem Hausmeier von Neustrien – zu der Tat angestiftet worden war. Dagobert starb also weder im Schlaf noch auf Betreiben des Vatikans und auch nicht durch die Hand Pippins von Heristal, wobei der Letztgenannte auch nicht mit der Kirche unter einer Decke steckte. Obwohl man einwenden könnte, man solle wegen der genauen Details doch nicht so pingelig sein, sollten Browns ständige Angriffe auf den Katholizismus - zumeist ungerechtfertigt – als das entlarvt werden, was sie wirklich sind. Und nebenbei gesagt, konnte Eder Vatikan (so im englischen Original für die Kirche) kaum am Mord Dagoberts beteiligt gewesen sein, da sich der Amtssitz der römisch-katholischen Kirche in jener Zeit im Lateranspalast und nicht im Vatikan befand. »In den drei Jahrhunderten der Hexenjagd hatte die Kirche die erschütternde Zahl von fünf Millionen Frauen auf den Scheiterhaufen gebracht und grausam verbrannt« (S. 173). Und wäre während des europäischen Hexenwahns nur eine Frau verbrannt worden, wäre dies schrecklich genug und nie zu rechtfertigen. Doch nüchtern betrachtet lag die Zahl Historikern zufolge zwischen 30.000 und 50.000 Opfern. Nicht alle waren Frauen, und nicht alle wurden auf diese Weise hingerichtet, wobei die Exekutionen oft von staatlichen Stellen oder Privatpersonen und nicht von kirchlichen Vertretern ausgeführt wurden. »Das Tarotspiel war ursprünglich dazu benutzt worden, von der Kirche unterdrückte Glaubenssätze zu verbreiten« (S. 129). Nichts dergleichen! Die Tarot-Karten tauchten vielmehr im 15. Jahrhundert auf und waren zunächst reine Spielkarten. Erst ab Ende des 18. Jahrhunderts gewannen sie auch im okkulten Bereich an Bedeutung. Browns andere Fehler sind weniger bedeutsam, selbst wenn auch in ihrem Fall gilt: Jedes Mal weicht er von den Fakten ab. Damit hätten wir das Ergebnis: Dem Roman Sakrileg zufolge beruht der christliche Glaube auf einer Lüge, während sich der heidnische Polytheismus und die Verehrung von Göttinnen auf die Wahrheit gründen! Ohne Frage hat Dan Brown beim Jesus-Poker gewonnen. WAHRHEIT ALS MANGELWARE? Alle, die beim Jesus-Poker mitspielen, haben in ihren verzerrten Christusdarstellungen Folgendes gemeinsam: 1. Sie scheuen die gesicherten Beweise – fundiertes historisches, literarisches und archäologisches Quellenmaterial. Stattdessen bevorzugen sie die fadenscheinigen Behauptungen sensationsgieriger Jesusfälscher. Sie ersetzen Fakten durch Meinungen und historische Tatbestände durch Hypothesen. Dies führt zu den willkürlichsten Schlussfolgerungen, die man sich vorstellen kann. Sie deuten den Wortlaut einer historischen Quelle ohne Rücksicht auf den Kontext um, so dass sie schließlich das aussagt, was sie als Autoren verzerrter Jesusdarstellungen vertreten. Sie tauschen als Autoren Objektivität gegen Voreingenommenheit ein, indem sie nur solche Quellen heranziehen, die ihre eigene Hypothese begünstigen, und die übrigen verwerfen. Sie betreiben eine Feinschmecker-Recherche, indem sie zum Hauptgericht die traditionellen Zutaten der in der Vergangenheit erbrachten Beweise verschmähen und sich stattdessen auf Kaviar in Form irgendwelcher Datenfragmente stürzen. Dann verkünden sie, dass das gesamte Essen nur aus wohlschmeckenden Fischeiern bestehe! Nach außen hin geben sie sich wissenschaftlich: Sie würzen die Befunde mit Bezugnahmen, Buchtiteln oder Anmerkungen, die vielleicht den Anschein des Zuverlässigen haben, aber letztlich überhaupt nichts beweisen. Im Falle von Romanen übertreiben sie nach Belieben, indem sie Daten aus dem Zusammenhang reißen und glatte Lügen hinter der Behauptung verstecken, dass man literarisch gesehen eben auf fiktive Darstellungen zurückgreife. Im Vergleich zu diesem Missbrauch der Geschichte sind die wahren historischen Sachverhalte keineswegs angestaubt und weiterhin absolut glaubwürdig. Die authentischen historischen Berichte über Jesus und das Christentum sind eindeutig, verständlich, überzeugend. Sie sind weitaus glaubwürdiger als die vielen Facetten des kaum sichtbaren Schleiers aus Storys und abgegriffenen Behauptungen, mit denen Kritiker und Fantasten diese Berichte verhüllen wollen. Ganz abgesehen von den zahlreichen, im Neuen Testament befindlichen Details bestätigen viele rein säkulare Quellen ohne weiteres einen Großteil der wichtigsten Fakten hinsichtlich des Lebens Christi und der frühchristlichen Kirche. Oft werden dieselben Personen, Orte und Ereignisse, auf die in der Schrift verwiesen wird, auch in außerbiblischen Quellen erwähnt. Die Beispiele reichen von der Geographie (zahlreiche Ortsnamen) bis zu den gesicherten Beweisen, die von der Archäologie geliefert wurden. Diese Beweise finden sich in zig Dokumenten, die uns aus der antiken Welt überliefert worden sind und die völlig mit dem biblischen Zeugnis übereinstimmen. Was die frühchristliche Kirche angeht, sorgen sowohl die Primärquellen in den Schriften der frühen Kirchenväter als auch die ausführliche Kirchengeschichte der ersten drei Jahrhunderte, die Eusebius von Caesarea geschrieben hat, für schnelle Abhilfe. Sie korrigieren die sensationsgierigen Behauptungen, die der Welt von denen, die am Jesus-Poker in unserer Zeit beteiligt sind, untergeschoben werden. Sogar die säkulare Geschichtsschreibung kann man als zuverlässiges Korrektiv heranziehen, wenn man spätere Annahmen im Blick auf die wahre Geschichte des Christentums prüfen will. EIN ABSCHLIESSENDER VERGLEICH Wenn man Fehler in einem literarischen Werk auflisten muss, ist man nicht zu beneiden. Aufgrund dessen kann sich der Leser in falscher Sicherheit wiegen, so dass er die Gefahren des Gedruckten nicht mehr berücksichtigt. Abschließend ist es daher vielleicht angemessen, anhand eines Beispiels bzw. Vergleichs zu verdeutlichen, dass Sakrileg zu einem Frontalangriff auf den christlichen Glauben ausholt. Stellen wir uns vor, dass jemand nicht über Jesus Christus – nach dem sich die Kirche nennt –, sondern über George Washington, nach dem u.a. die US-Hauptstadt benannt ist, einen Roman schreiben soll. Nachdem der Autor zu Beginn den Lesern die Zusicherung gegeben hat, dass sein gesamtes Material auf Fakten beruht, geht er dazu über, das folgende Szenario vorzustellen: Als ein erfahrener Wissenschaftler in Mount Vernon (im US-Bundesstaat Virginia gelegenes Gut, das sich im Familienbesitz der Washingtons befand) hinsichtlich des ersten US-amerikanischen Landesvaters Recherchen anstellt, wird er ermordet. Während er im Sterben liegt, hinterlässt er seiner Enkelin und ihrem Freund eine lange Spur verwickelter Indizien, die ihnen helfen soll, seine Ermordung zu rächen. Nachdem sie die Indizien – obwohl hochkompliziert – aufgeklärt haben, lernen die beiden schließlich eine schreckliche Wahrheit kennen: George Washington gehörte in Wirklichkeit einer Geheimgesellschaft an, die König George III. von England (1738-1820, regierte ab 1760) und seine Frau Sophie Charlotte verehrte. Ja, die US-amerikanischen Niederlagen in der Anfangsphase des Unabhängigkeitskriegs (1775-1783) seien in der politischen Haltung Washingtons begründet: Als waschechter, aber heimlicher Tory (Bezeichnung für ein Mitglied der konservativen Partei in Großbritannien) habe er im Geheimen über den Mittelsmann Benedict Arnold, seinen unehelichen Sohn, Kolonialkriegspläne an die Briten weitergegeben. (Benedict Arnold [1741-1801] war General in der Kontinentalarmee. 1780 beabsichtigte er, das Fort West Point [die heutige gleichnamige Elite-Militärakademie] für einen hohen Preis an die Briten abzutreten. Als die Verschwörung aufgedeckt wurde, desertierte er zu den englischen Truppen. In den USA ist der Name Benedict Arnold ein Synonym für einen hinterhältigen Verräter. Die Aussage, dass er ein unehelicher Sohn George Washingtons war, ist reine Fiktion [man beachte, dass er nur neun Jahre jünger war als er].) In Yorktown habe sich Washington in Erwartung einer britischen Hilfsflotte darauf vorbereitet, vor General Charles Cornwallis, dem britischen Oberbefehlshaber in dieser Schlacht, zu kapitulieren, doch als der französische Admiral Fran
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