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Reformation - PDF Drucken E-Mail

Gedanken zur bleibenden Bedeutung der Reformation

 

Von Aleksander Radler


Betrachtet man eine intellektuelle oder geistliche Biographie dann merkt man sofort, dass unser Denken nicht nur von anderen Gedanken und Theorien, sondern auch von Stimmungen. Bildern und Erinnerungen beeinflusst und geprägt worden ist.

Den Anstoss für meine langjährige Auseinandersetzung mit dem gewaltigen Werk Martin Luthers gaben weder mein Studium noch irgendeine theologische Konferenz, sondern meine letzte persönliche Begegnung mit dem Nestor der schwedischen Lutherforschung, dem ersten Präsidenten des Lutherischen Weltbundes (1947-52) und ehemaligen Bischof von Lund Anders Nygren (1890-1978) in seinem stillen Krankenzimmer in Lund. Wir beide hatten in unseren Dissertationen über Immanuel Kant (1724-1804) und Friedrich Schleiermacher (1768-1834) gearbeitet und aus diesen Gesprächen war mit der Zeit eine tiefe Freundschaft erwachsen.

Der Herbst hatte schon die Bäume gelichtet und die fahle Herbstsonne vermochte kaum noch das Zimmer zu erhellen. Wir beide wussten, dass dies unsere letzte Begegnung werden sollte.  Anders Nygren hat die schwedische Theologie des 20. Jahrhunderts ebenso nachhaltig geprägt, wie Karl Barth die deutsche. Neben seinem Bett hing jenes bekannte Bild vom Schutzengel, der zwei kleine Kinder vor dem Sturz in den Abgrund bewahrt, eine bewusste Rückkehr zum Glauben seiner Kindheit.

Wir sprachen über die Aussichten und Entwicklungen der gegenwärtigen Theologie. In den letzten Jahren hatte Nygren sich vor allem mit der Auslegung der Heiligen Schrift und der Theologie Luthers beschäftigt. Es ist falsch, erklärte er, davon zu sprechen, dass wir zurück zu Luther müssten. Es geht nicht darum alte Erinnerungen neu zu beleben und es kann auch nicht unser Ziel sein irgendeine Form von Restaurationstheologie zu betreiben.

Die einzige richtige Forderung ist vielmehr vorwärts hin zu Luther. Luthers Theologie ist trotz ihrer Zeitgebundenheit keine Theologie, die wir hinter uns lassen könnten, sondern Luthers theologisches Denken liegt noch vor uns, weit, weit vor uns.

Vor dem Luthertum stehen noch gewaltige Aufgaben, nicht nur organisatorischer, sondern vor allem geistlicher und theologischer Art. Die Bedeutung der Reformation ist bei weitem noch nicht erkannt. Betrachtet man die Geschichte der evangelischen Kirche, dann wird deutlich, dass die religiösen Kräfte der Reformation eigentlich schon von Anfang an durch mannigfaltige politische und theologische Gründe gebunden waren. Was soll man nun tun, um jene Kräfte der Reformation zu befreien, damit jenes Erbe, das so  lange verschüttet war, neu belebt wird? Hierbei konzentrieren wir uns auf folgende Fragen:

(I) Was sind die tragenden Gedanken des Luthertums?

(II) Weshalb kamen die tragenden Gedanken des Luthertums so selten zu ihrem Recht?

(III) Welche Aufgaben erwachsen dem heutigen theologischen Denken aus diesem Hauptanliegen der Reformation?

 

(I) Was sind die tragenden Gedanken des Luthertums?

Der entscheidende Gedanke der Theologie Luthers ist, dass er uns das Evangelium in seiner Reinheit zurückgegeben hat. Das Evangelium ist nicht eine blosse Lehre von Gott oder konkrete Anleitungen zum moralischen Handeln, sondern das Evangelium ist die frohe Botschaft. Dies ist die grosse Entdeckung Luthers, er entdeckte von neuem das Evangelium in seiner überwältigenden Herrlichkeit.

Hier auf dieser Welt und in dieser Gesellschaft herrscht das Gesetz und dies muss so sein. Denn in ihr geht es um unsere Taten, die bestimmten moralischen Regeln folgen. Aber vor Gott ist dies nicht das Entscheidende. Vor ihm sind nicht unsere Handlungen das wichtigste, sondern Gottes Handeln allein entscheidet über das Heil des Menschen. Sprechen wir im Hinblick auf unser Heil von uns selbst und unseren Taten, dann verdunkeln wir Gottes Handeln mit uns, wir verringern Christus und sein Werk und verdunkeln das Licht des Evangeliums. Alle die an Christus glauben, stehen nicht länger unter den dunklen Mächten, sie sind nicht länger die Kinder des Todes, sondern vielmehr Kinder der Auferstehung, denn sie haben Teil am Sieg Christus über Tod und Verderben. 

Die Auferstehung Christi ist der entscheidende Wendepunkt in der menschlichen Geschichte, sie ist das Ende des alten Äons. Gleichwohl wusste Luther nur zu deutlich, dass wir nach wie vor im alten Zeitalter leben und deshalb gilt es recht zwischen Gesetz und Evangelium zu unterscheiden. Gerade weil wir noch in dieser alten Welt leben, hat das Gesetz einen so entscheidenden Einfluss auf uns. Aber wir wissen auch, dass wir gleichzeitig damit schon im neuen Äon leben, dass Gott uns durch Christus seine neue Gerechtigkeit schenkt. Und hier hat das Gesetz überhaupt keine Macht über uns, denn hier entscheiden nicht unsere Taten, sondern allen Gottes Handeln. Die Grundlage unserer neuen, von Gott geschenkten Gerechtigkeit, sind Christi Tod am Kreuz und sein Sieg über Sünde und Tod. Luther hat versucht diese Gedanken in drei Formeln zusammen zu fassen:

 - Sola fide -  durch Glauben allein.
 - Simul iustus et peccator -  sowohl Sünder und Gerechter zugleich.
 - Die Lehre vom Beruf.

Luthers Formulierung - allein durch den Glauben - will ausdrücken, dass wirklich alles von Gottes Handeln her kommt. Dies will eigentlich auch der Katholizismus sagen, wenn er davon spricht, dass alles aus Gnade allein geschieht. auch im katholischen Denken sind die menschlichen Verdienste Ergebnisse der göttlichen Gnade. Auch hier ist deutlich, dass es keinen menschlichen Verdienst vor Gott ohne seine Gnade gibt.

Und doch gibt es einen feinen, aber entscheidenden Unterschied. Im Blickpunkt der theologischen Reflexion steht nicht das Handeln Gottes, sondern das Handeln des Menschen, nämlich die Frage, was der Mensch mit Hilfe der göttlichen Gnade bewirken kann. Der Mensch ist auch aus katholischer Sicht ausser Stande ohne Gottes Hilfe das Liebesgebot, welches ja die Vollendung des Gesetzes ist, zu erfüllen. Die Kraft dieses Gesetz zu erfüllen wird ihm durch die göttliche Gnade verliehen.

Man kann sich dies konkret so vorstellen, wie man Wasser in ein Gefäss füllt, so wird die göttliche Gnade in den Menschen eingegossen und dadurch wird der Mensch veredelt, er ist wirklich gerechtfertigt. In diesem Sinne muss man das bekannte Wort Augustins verstehen: ”liebe und tue dann, was Du willst.” Nach katholischer Auffassung muss also die Liebe den Glauben vollenden. Gegen diese Verbindung von Glaube und Liebe setzt Luther sein durch Glauben allein. Wir können gegenüber Gott nicht von einer anderen Qualität sprechen als jener, die wir durch die Gnade erhalten haben. Gott hat uns die Gnade und Gerechtigkeit durch Christus geschenkt, sie ist immer eine fremde Gerechtigkeit und wir dürfen niemals von unserer eigenen Gerechtigkeit sprechen. Christus ist unsere Gerechtigkeit und deshalb darf man niemals von etwas anderem, als vom Glauben allein sprechen.

Indirekt wendet sich auch der Gedanke Luthers vom - sowohl Sünder und Gerechter zugleich - gegen den Gedanken, dass zwar die göttliche Gnade den Menschen gerecht mache, dieser dann aber in der Lage sei, aus eigener Kraft Gott gefällige und verdienstvolle Taten zu vollbringen. Der Mensch bekommt dieser Ansicht nach, zwar die entscheidende Hilfe von Gott, aber er ist dann in der Lage sich Schritt für Schritt voran zu arbeiten, bis dass er gerechtfertigt und heilig vor Gott steht. Diese Sicht spiegelt nicht nur den katholischen Standpunkt wider, sondern hat auch Anhänger in der pietistischen, methodistischen und liberal-theologischen Tradition innerhalb der Evangelischen Kirchen.

Das Bestechende an dieser Sicht ist die scheinbare enge Verbindung von Glaubenssätzen und Ethik. Sie wird oft im Begriff der Heiligung zusammengefasst, gegen den sich die lutherische Tradition ja auch nicht wendet, im Gegenteil. Gerade im finnischen Luthertum kommt dieser Problematik eine grosse Bedeutung zu. Luther wendet gegen die oben wiedergegebene Auffassung nur ein, dass auch der gläubige Christ nichts habe, was er vor Gott als Verdienst vorweisen könne. Hier haben die besten und reinsten Taten der Heiligen den gleichen Wert, wie die des Sünders. Wir können entgegnen: Wirkt nicht aber Gott gerade durch die Werke und Taten der Heiligen.

Luther greift in diesem Zusammenhang zu dem bekannten Paradox vom schlechten Werkzeug mit dem der Handwerker arbeitet, das schlechte Werkzeug entstellt immer auch das beste Material. Es ist wirklich so, dass Gott durch den Christen in der Welt wirkt, aber auch der Christ ist und bleibt sündig Er ist nicht rechtfertig durch seine Taten, sondern dadurch, dass Gott ihn erwählt hat und ihn annimmt und ihm ein neues Leben mit Christus schenkt. Der Ausdruck sowohl Sünder und Gerechter zugleich  beschreibt für Luther die Tatsache, dass der Christ gleichzeitig dem alten und neuen Zeitalter angehört. Er lebt durch seinen Glauben in Christus und Christus ist auch seine Gerechtigkeit und diese Gerechtigkeit ist ohne Fehler, er ist vollkommen gerecht. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Christ selbst vollkommen gerecht ist, er lebt in dieser sündigen Welt als Sünder, in ihm lebt vielmehr die Gerechtigkeit des neuen Zeitalters mit der Sünde des alten Äons zusammen.

Der Gedanke, dass wir nach wie vor als Christen in dieser Welt leben führt zu Luthers drittem wichtigen Hauptgedanken - seiner Lehre vom Beruf.

Die schwedische Lutherforschung hat dieser Problematik ein besonderes Interesse gewidmet, erinnert sei nur an das klassische Werk von Gustaf Wingren (1911-2000) Luthers Lehre vom Beruf  (1942). Die Tatsache, dass der gläubige Mensch schon am neuen Äon Teil hat, darf keineswegs dazu führen, dass er der Welt den Rücken kehrt. Gott ruft den Christen nicht dazu auf, diese Welt zu verlassen, sondern er schickt ihn gerade in diese Welt, so wie sie ist. Jeder Mensch hat hier eine besondere Berufung, einen besondern konkreten Beruf durch den er die göttliche Schöpfung gegen die destruktiven Kräfte verteidigt. Er möge dies wissen oder nicht, so ist er gleichwohl Instrument in der Hand Gottes. Gott zwingt selbst die Gottlosen in der Erfüllung ihres Berufes seinen Willen in dieser Welt auszuführen. Nimmt der Gläubige willig seine Berufung an, dann zeigt ihm Gott ganz konkret, wo und wie er seinen Dienst im Sinne der Nächstenliebe ausführen kann. Gerade durch die treue Erfüllung eines konkreten Berufes wird man, so Luther, ein Christus für seinen Nächsten.

(II) Weshalb kamen die tragenden Gedanken der Reformation so selten zu ihrem Recht?

Die Frage, weshalb die tragenden Gedanken des Luthertums nur im begrenzten Masse Breitenwirkung erreichen konnten, ist oft diskutiert worden und verantwortlich dafür wurde der so genannte Säkularisierungsprozess, d.h. die immer stärker werdende Verweltlichung gemacht. Ja es gibt Theologen, die Luther und das Luthertum selbst für diese Verweltlichung verantwortlich machen und einige sehen dieses durchaus positiv. Es ist  wahr, dass Luther der Welt und dem weltlichen Beruf eine grosse Eigenständigkeit eingeräumt hat, aber diese Eigenständigkeit ist keineswegs eine Eigengesetzlichkeit. Für Luther gehört das konkrete, ununterbrochene Handeln Gottes in dieser Welt, ganz einfach und natürlich zur Welt.

Das neue Zeitalter wirkt und prägt schon den alten Äon, mitten in der Welt, in der wir leben. Das durch die Säkularisierung bestimmte moderne Denken rechnet hingegen nur mit einer Wirklichkeit, es betrachtet das weltliche Geschehen einseitig aus einer innerweltlichen Perspektive. Dies zeigte sich auch in Theologie und Kirche.

Die Überlieferung und Akzeptanz objektiver Wahrheiten wurde durch die subjektive Erfahrung des Glaubens ersetzt. Hier trat die objektive Wahrheitsfrage zurück und entscheidend wurden die Kraft und Intensität des subjektiven Glaubens. Damit wurde der Glaube zu einer inneren, menschlichen Qualität. Die liberale Theologie spricht auch folgerichtig von Virtuosen des Glaubens. Es liegt auf der Hand, dass dadurch das Verhältnis zum Evangelium als Grund des Glaubens aufgelöst ist.

In Analogie hierzu wurde der lutherische Gedanke vom gleichzeitig sowohl Sünder und Gerechter an den Rand gedrängt und von der Vorstellung ersetzt, dass das christliche Leben eine allmähliche Überwindung der Sünde und eine sukzessive Weiterentwicklung der Gerechtigkeit sei. Die Folge davon war, dass in pharisäischer Weise Gerechtigkeit und Sünde auf zwei verschiedene Gruppen von Menschen verteilt wurden, wobei die Christen von sich selbst glaubten sie seien die Gerechten und die anderen die Sünder. Auch Luthers Lehre vom Beruf wurde zu einem blossen Arbeitsethos verkürzt. Das Christentum war nun bloss etwas, das dem Menschen zu psychischer Gesundheit und Harmonie verhelfen sollte.
 

(III) Welche Aufgaben erwachsen dem heutigen theologischen Denken aus diesem   Hauptanliegen der Reformation?

In diesem Sinne ging die Säkularisierung Hand in Hand mit dem Glauben an die Vernunft und die stete Vorwärtsentwicklung des Menschen. Die grossen Krisen des 20. Jahrhunderts, von prophetischen Denkern wie Friedrich Nietzsche vorausgeahnt, sind zur Krise des säkularisierten Menschen geworden, der seinen Glauben an den naiven Entwicklungsoptimismus verloren hat und der den Verfall der Werte deutlich bis in das alltägliche Leben hinein spürt.

Angesichts dieser Situation muss die Frage nach den Zukunftsaussichten des Luthertums neu gestellt werden.

1. Die Hauptaufgabe des Luthertums ist es mehr denn je das Evangelium, die Rechtfertigung durch den Glauben allein zu predigen. Das Evangelium ist neben dem Gesetz der Teil des Wort Gottes, der dem Menschen die frohe Botschaft verkündigt. Es berichtet, dass Gott aus Gnade, aus seiner erbarmenden Liebe heraus, uns Menschen um Christi willen unsere Sünden vergibt. Gott gibt uns den Glauben an seine unendliche Liebe und er schenkt uns jene Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert. Betrachtet man nur den faktischen, den von der Religionssoziologie beschriebenen, Zustand unserer Kirchen, dann hat man wenig Grund zur Freude.

Sieht man jedoch tiefer, dann zeigt sich ein anderes Bild. Die moderne Literatur und Kunst, es sei nur an die Filme des schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman erinnert, beschreiben den modernen Menschen oft besser als die zeitgenössische Theologie. Sie zeigen, dass der moderne Mensch nach den tiefen Krisen des letzten Jahrhunderts und angesichts der gegenwärtigen Erschütterungen seinen eigenen Schöpfungen und Werten skeptisch gegenüber steht. Der Entwicklungsoptimismus aus den Glanzzeiten der Säkularisierung gibt sich heute als naiv, hohl und pathetisch. Auch der blinde Glaube an das Weltbild der Vernunft oder der Naturwissenschaften ist zumindest erschüttert und der reine Materialismus war eigentlich nie eine Alternative.  Heute tobt ein unerbittlicher Kampf um die Seele der Menschen, an dem sich divergierende Kräfte, Weltanschauungen und Religionen beteiligen. Man braucht nicht die gegenwärtige religiöse Bewegung in den USA zu bemühen, sondern alles deutet daraufhin, dass der moderne Mensch eine grosse Sehnsucht nach Erlösung hat. Einen selbstzufriedenen, im Entwicklungsoptimismus und Materialismus befangenen Menschen das Evangelium zu predigen, ist schwer. Der gegenwärtige, zerrissene Mensch hingegen braucht die Predigt des Evangeliums mehr denn je. Das Luthertum muss es einfach wieder wagen, klar und deutlich vom menschlichen Leben unter der Gewalt von Sünde und Tod zu sprechen. Die Wahrheit dieser Analyse liegt für jeden denkenden Menschen offen und deutlich zu Tage. Wort und Sakrament haben im Luthertum immer auch eine eschatologische, d.h. eine endzeitliche Dimension, die den Menschen dazu zwingt sein kurzes Leben im Lichte der Ewigkeit zu betrachten  Was heute Not tut, ist ein Luthertum, dass es wieder wagt Gottes Handeln in Christo als Grundlage für ein neues Zeitalter und eine neue Menschlichkeit zu predigen.

2. Gerade dieser eschatologische Zug wurde dem Luthertum zum Vorwurf gemacht. Es gibt eine Flut von Büchern und Broschüren in allen grossen Sprachen, die dem Luthertum politisches Versagen, Passivität und Weltfremdheit vorwerfen. Dieses Urteil wird nicht nur auf die Rolle des Luthertums im Dritten Reich beschränkt, sondern wird als politische Struktur des Luthertums schlechthin angesehen. Schon bedeutende Denker wie Ernst Troeltsch (1865-1923) und Max Weber (1864-1920) hatten vorgeschlagen, die Passivität des Luthertums sowie seine religiöse Innerlichkeit und Tiefe mit dem aktiven Geist des Calvinismus zu verbinden. Nun ist das politische Versagen des Luthertums nicht zu leugnen, aber es stellt sich hier die Frage, ob der Fehler, die Welt fremden und destruktiven Mächten zu überlassen, schon in der Deutung des Evangeliums durch Luther selbst liegt, oder ob es eine spätere Fehlentwicklung war? Die Antwort auf diese Frage kann nur eindeutig sein. Sowohl in seinen theologischen, ethischen und sozialethischen Erwägungen stellt Luther den ganzen Menschen, sein gesamtes irdisches Leben unter Gottes Herrschaft. Eine Aufteilung der vorfindlichen Welt in eine geistliche beziehungsweise profane Sphäre ist Luther vollkommen fremd, sie ist rein geistesgeschichtlich erst ein Produkt der Aufklärung. Luthers Lehre vom Beruf zeigt mit aller Deutlichkeit, dass alle, auch die kleinsten Bereiche des menschlichen Lebens unter die Herrschaft Gottes gestellt werden. Gott gehört nicht nur der Himmel, sondern auch die Erde und Gott hat uns Menschen gerade in dieses weltliche Leben zum Dienen berufen und jeder Mensch bekommt sein Stündlein indem Gott ihm die konkreten Aufgaben in seinem Leben für diese Welt mitteilt. Hier werden auch einer modernen Sozialethik alle Möglichkeiten gegeben.
Beides gehört zusammen: die Predigt von Gottes Evangelium und seinen Taten in Jesus Christus, sie müssen in ihrer ursprünglichen Klarheit dargestellt werden und die Konsequenzen aus dieser Predigt, nämlich die bewusste Gestaltung des ganzen menschlichen Lebens nach dem Willen Gottes. Wenn beides berücksichtigt wird, dann hat das Luthertum wirklich eine grosse Zukunft vor sich, gerade  in unserer postmodernen Welt.

Aleksander Radler

 

Die Hervorhebungen wurden von mir vorgenommen. Horst Koch, Herborn, im November 2007

www.horst-koch.de

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