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Koreas Beter PDF Drucken E-Mail

René Monod


Koreas Beter


 - Die Geschichte der koreanischen Erweckung -



Inhaltsverzeichnis


I. DIE ERWECKUNG IN KOREA

1. Die politische Geschichte
2. Die geistliche Entwicklung
3. Die Auswirkungen der Erweckung
4. Die Ausbreitung der Bewegung
5. Charismatische Nebenwirkungen
6. Die Leidenszeit

II. DIE ZWEITE WELLE DER ERWECKUNG

1. Der politische Terror in Nordkorea
2. Syngman Rhee
3. Der Terror greift nach Südkorea
4. Der heilsame Schock
5. Beten ohne Unterlaß
6. Sein Name macht stark
7. Neutestamentliches Klima
8. Die Untergrundkirche
9. Neue Wolken

III. DIE YOUNG NAK GEMEINDE

1. Tradition oder Leben
2. Dr. Kyung Chik Han
3. Die Aufbauarbeit in Südkorea


1. Die Erweckung in Korea


1. Die politische Geschichte

Der historische Rahmen zur koreanischen Geschichte ist schnell skizziert. Die Halbinsel Korea, ihrer Fläche nach fast ebenso groß wie das westdeutsche Bundesgebiet, liegt zwischen dem Gelben Meer und dem japanischen Meer. Seit 2000 Jahren ist dieses Gebiet Streitobjekt zwischen China und Japan. Nur acht Jahre, von 1897 bis 1905, stand Korea unter russischem Einfluß und Schutz, zumal die regierende Yi Dynastie in ihrer zunehmenden Schwäche die politischen und wirtschaftlichen Probleme des Landes nicht mehr meistern konnte. 1905 war der russisch japanische Krieg. Nach dieser Auseinandersetzung gewannen die Japaner in Korea die Oberhand. 1910 erfolgte die offizielle Anektion Koreas durch Japan. Diese japanische Herrschaft dauerte bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Die alliierten Truppen gliederten dann Korea in Zonen auf. Die Russen zogen im Norden ein, die Amerikaner im Süden. Der 38. Breitegrad wurde als Grenze gesetzt.

Ruhe gab es zwischen dem Nordreich und Südreich nicht. Verhandlungen zu gemeinsamen Wahlen scheiterten. 1948 wurde das Südreich als Republik Taihan ausgerufen. Syngman Rhee wurde der erste Präsident. Im Juni 1950 brach dann der unselige Kampf der Kommunisten zur politischen Machtergreifung los. Sie überschritten die Demarkationslinie. Der Vorstoß wurde im wesentlichen von rotchinesischen Truppen vorangetrieben. Nach wechselvollem Verlauf des Kampfes wurden die Kommunisten zurückgedrängt. Mit kleinen Grenzkorrekturen wurde der 38. Breitegrad wieder die Grenze.

Die Verfolgungswelle gegen die Christen in Nordkorea löste einen gewaltigen Flüchtlingsstrom nach dem Süden aus. Um weiteren möglichen kommunistischen Angriffen vorzubeugen, unterstützten die Amerikaner seither Südkorea in wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht.

Die Südkoreaner bezeichnen ihre Freunde als zaghaft. Die Amerikaner haben an Prestige eingebüßt, als sie ohne Gegenschlag sich von Nordkorea die "Pueblo" kapern und ein Flugzeug abschießen liegen.
Vor dein Hintergrund dieser politischen Entwicklung spielen sich die geistlichen Ereignisse ab, um die es den Christen geht.

2. Die geistliche Entwicklung

Der Verlauf der Erweckung wurde mir bei zwei Reisen in Korea erschlossen. Mein Hauptberichterstatter ist Dr. Blair, der zur Zeit der Niederschrift dieses Berichtes als 92jähriger in einem presbyterianischen Altersheim in Los Angeles lebt. Er ist der letzte noch lebende Augen  und Ohrenzeuge dieser Erweckung.

Meine zweite Quelle sind die mündlichen und schriftlichen Berichte vor Dr. Han. Dieser in Korea bekannte und berühmte Pfarrer ist mit Dr. Blair eng befreundet. Dr. Han hat mit Dr. Blair jahrelang zusammengearbeitet und gelebt. Er ist aber nur mittelbarer Zeuge, da er zu Beginn der Erweckung noch ein kleiner junge war.

Mein dritter Zeuge ist Dr. Lee. Er war als Missionar in Korea und leitete viele Erweckungsversammlungen. Dr. Lee lebt nicht mehr. Ich erhielt aber in Seoul seinen Bericht über die Erweckung.
Bevor die eigentliche Erweckung dargestellt wird, muß erst von der Entstehung der christlichen Mission in Korea berichtet werden.

Der erste Sendbote, der das Evangelium nach Korea brachte, ist der Missionsarzt Dr. C. Allen, der 1845 Koreas Boden betrat. Er war von der presbyterianischen Kirche der Vereinigten Staaten ausgesandt worden.

Ein weiteres Frühdatum der christlichen Missionsarbeit, das durch ein unglückliches Ereignis bekannt wurde, ist der Missionsversuch von Robert Thomas aus Walis. Er hatte als Vertreter der schottischen Bibelgesellschaft in China gearbeitet. Als er gehört hatte, daß die Gebildeten Koreas chinesisch lesen können, faßte er den Plan, Bibeln nach Korea zu bringen.

1866 fand Bruder Thomas einen amerikanischen Schoner, "General Sherman", der nach Pyengyang in Nordkorea segeln sollte. Als das Schiff sich der Küste näherte, machte die halbwilde Küstenwache Schwierigkeiten. Sie warf Brandfackeln an Deck. Das Feuer und der Rauch trieben die Besatzung ins Meer. Manche konnten sich in ein Boot retten. Sie wurden aber von der Küstenwache abgefangen und getötet. Bruder Thomas nahm seinen Bibelvorrat mit sich und watete in dem seichten Wasser an Land. Dort wurde er mit Keulenschlägen empfangen. Er konnte aber noch seine Bibeln den Mördern in die Hände werfen, bis er zusammenbrach und starb. So tränkte Märtyrerblut den Boden Nordkoreas, und zwar genau an der Stelle, wo 40 Jahre später die Erweckung geschenkt wurde. So war die Lebenshingabe eines der ersten Missionare der Same der koreanischen Kirche geworden.

Die Weltabgeschlossenheit und Weltfremdheit Koreas konnte kein Dauerzustand bleiben. Die Japaner erzwangen 1876 die Zufahrt zu einigen Häfen, die einige Jahre später auch anderen Seemächten freigegeben wurden. Offiziell öffnete Korea 1884 dann seine Tore zur Welt.

Presbyterianische und methodistische Missionen sahen darin ihre Chance. Die Missionare Horace Underwood und Henry Appenzeller mit Frau kamen ins Land. Ihre Arbeit weitete sich rasch aus. Um die Jahrhundertwende befanden sich bereits Missionsstationen in allen größeren Städten. Ein theologisches Seminar wurde gegründet, das 1907 die ersten ausgebildeten Pastoren für den praktischen Dienst abordnete. Gleichzeitig wurde mit dem Beginn ihres Dienstes die presbyterianische Kirche von Korea organisiert. Diese kirchliche Arbeit stand von Anfang an unter einem proamerikanischen Vorzeichen.

Diese Situation änderte sich rasch, nachdem Amerika die Besetzung Koreas durch die Japaner gutgeheißen hatte. Die koreanischen Christen schwankten zwischen ihrer christlichen und ihrer patriotischen Haltung. In diesem inneren Zwiespalt warfen sie sich ganz auf Gott. Es sollte nicht ihr Schade sein.

Die Missionare waren in dieser gespannten politischen Lage in schwerer Verlegenheit. Sie hatten in diesem nationalen und sozialen Chaos keinen anderen Ausweg, als sich ins Gebet zu flüchten. Sie waren mit ihrer Weisheit zu Ende und beteten um die Leitung des Heiligen Geistes. Sie richteten Gebetsstunden ein, die über ein Jahr fortgesetzt wurden. Im Winter von 1906 traf sich eine Winter Bibelklasse in der zentralen presbyterianischen Kirche in Pyengyang. Diese Bibelklasse bekam Zuzug von vielen Christen, die von allen Städten und Distrikten herbeieilten. Die Schar wuchs auf 1000 bis 1200 Teilnehmer an. In den Gebetsversammlungen setzte eine Reinigungswelle ein. Bekenntnis der Sünden, Erkenntnis von Gottes Heiligkeit, Zerbruch des alten Menschen   das waren die biblischen Wahrheiten, die ihnen vor Augen standen. Dazu mehrte sich das Verlangen nach einer dauernden Gebetshaltung und nach einer Heiligung im Alltagsleben.

In der Reihe dieser Gebetsstunden kam dann ein Montag, an dem die Missionare spürbar Gottes Nähe fühlten. Für den Abend war ein Gottesdienst angesetzt. Es war in Pyengyang (die Schreibweise heute ist Pjöngjang). Die versammelte Gemeinde wurde in die Gegenwart des Herrn hineingenommen. Nach einer kurzen Ansprache forderte Dr. Lee zum Gebet auf. Viele begannen gleichzeitig zu beten. Die Missionare hatten das bisher nicht zugelassen. Von jeher hatte man sich an die biblische Ordnung gehalten (1.Kor.14,27): einer nach dem andern. Die Missionare spürten aber bei diesem Gottesdienst, daß eine schier erdrückende Spannung, ein Drängen zum Beten in der Luft lag. Dr. Lee sagte daher: "Wenn es euch eine Hilfe ist, daß alle gleichzeitig beten, dann betet in dieser Weise."


Dann begann ein Wogen in der Kirche. Keine Verwirrung, sondern eine einzige Harmonie des Gebetes. Es war, als schmolzen die Stimmen aller Beter zu einem einzigen Schrei zu Gott zusammen. Es entstand nicht die geringste Unordnung. Der Heilige Geist schweißte alle zu einer Einheit zusammen. Wie am Tag des ersten Pfingstfestes waren alle Seelen auf einen Akkord abgestimmt. Es herrschte die Einmütigkeit des Geistes.

Es muß hier eine Zwischenbemerkung gemacht werden. Das gleichzeitige Gebet aller Teilnehmer einer Gebetsversammlung wird an vielen Stellen der Welt geübt. Die Quäkermissionare in Alaska üben es genauso wie die Keswickleute in Japan, in Australien und in anderen Ländern. Gemeinsames Beten findet sich bei einigen Missionsgruppen in Afrika, zum Beispiel in Zuenoula an der Elfenbeinküste und in vielen Pfingstgemeinden. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob es vom Heiligen Geist gewirkt ist, oder ob es nur die auslaufende Tradition eines großen Ereignisses der Vergangenheit darstellt. Traditionen und Nachahmungen lassen die wundervolle Harmonie des Heiligen Geistes gewöhnlich vermissen.
Bei der Erweckung in Korea hatte dieses gleichzeitige Beten die Ursprünglichkeit des Heiligen Geistes an sich.

3. Die Auswirkungen dieser Erweckung

Bei diesen gewaltigen Gebetsversammlungen stand einer nach dem andern auf, bekannte seine Sünden, fiel dann nieder, weinte und bat Gott um Vergebung. Angestellte bekannten ihren Vorgesetzten ihre Verfehlungen und umgekehrt. Kirchenälteste baten ihre Pfarrer um Vergebung. Die Pastoren söhnten sich untereinander aus und bereuten ihre Eifersüchteleien. Nicht nur Tatsünden, sondern auch alle Zungen  und Gedankensünden wurden gebeichtet.

Es ist doch wunderbar, daß der Heilige Geist auf der ganzen Erde in allen Erweckungen in gleicher Weise arbeitet und wirkt. Bei der Erweckung in Uganda, 20 Jahre nach der Korea Erweckung, geschah genau das gleiche. Bei der indonesischen Erweckung in der Gegenwart wiederum die gleichen biblischen Vorgänge. An einem Institut in Java wurden auch halbe Nächte lang gebetet. Der Geist Gottes wirkte eine Sündenerkenntnis sowohl bei den Lehrern als auch bei den Schülern. Sie baten gegenseitig um Verzeihung, und die ganze Atmosphäre wurde gereinigt.

Der Geist Gottes hat oft oder immer den gleichen Plan. Er zeigt die Sünde, er zeigt uns die Erlösung. Er zerbricht unsere Herzen, reinigt die Beziehungen der Menschen zueinander und baut die Gemeinde Jesu. So war es in Jerusalem nach der ersten Ausgießung des Heiligen Geistes. So war es bei allen echten Erweckungen.

In Korea nahm die Welle der Buße und Sündenerkenntnis die Menschen so gefangen, daß jeder sich selbst vergaß und nur noch vor Gott stand. Auch die alten Missionare konnten sich dieser Bewegung der Buße und Reinigung nicht entziehen. Es schwand jegliche menschliche Autorität und Führerschaft vor dem Angesicht Gottes. Viele lagen einfach der Länge nach auf dem Boden, weil sie von der Macht ihrer eigenen Sünde erdrückt und niedergeworfen worden waren.

Die Missionare waren nicht mehr Herr der Situation. Sie versammelten sich schließlich auf der Plattform und fragten sich gegenseitig: "Was sollen wir tun? Wenn das so weitergeht, verlieren ja einige noch ihren Verstand." Doch sie wagten nicht zu unterbrechen. Sie hatten wochenlang um eine Ausgießung des Heiligen Geistes gebetet. Nun hatte sie Gott geschenkt. Sie fühlten sich nicht befugt, dieses Feuer zu stoppen.

Schließlich wurden sie einig, durch die Reihen zu gehen und die zu trösten, die am meisten zerschlagen waren. Sie hoben manchen vom Boden auf und sprachen ihm als Trost mit einem Bibelwort die Vergebung zu. Dann stimmte Dr. Lee ein Lied an. Nach dem Gesang ging es wie bisher weiter.

Die Versammlung war nicht mit Gewalt zu beenden. Die Koreaner hatten jegliches Bedürfnis nach Essen und Schlafen verloren. Es stand ihnen nur noch eines vor der Seele: ihr Verhältnis zu Gott in Ordnung zu bringen.

In normalen Zeiten kann man darüber diskutieren, ob es richtig ist oder nicht, öffentlich die Sünden zu bekennen. Natürlich rät jeder biblisch ausgerichtete und seelsorgerlich erfahrene Reichgottesarbeiter davon ab. Das ist auch gut so. Wenn aber der Heilige Geist eine Gemeinde erfaßt   in echter Weise, und es ist echt, wenn der Heilige Geist es tut und nicht der Menschengeist  , dann gelten andere Gesetze. Es wäre unklug gewesen, wenn die koreanischen Missionare diese Buß  und Beichtbewegung hätten stoppen wollen. Sie hätten damit nichts Geringeres getan, als dem Heiligen Geist in den Arm zu fallen. Es wäre auch in der Bußbewegung Nordkoreas unmöglich gewesen, den Koreanern zu sagen: "Hört auf mit euren öffentlichen Sündenbekenntnissen." Der Geist Gottes hatte das Regiment und nicht menschliche Weisheit. Es ist auch fehlgeschossen, wenn ein Psychologe sagen wollte: "Die Koreaner sind eben in ihren seelischen Regungen und Äußerungen beweglicher und labiler als die Europäer." Das stimmt gar nicht. Korea ist so kalt wie Deutschland. Das Frühjahr kommt in Seoul später als in Frankreich und England. Pjöngjang ist sogar wesentlich kälter als Westeuropa. Dazu sind die Koreaner keinesfalls labiler als Franzosen und Deutsche.
Wenn der Heilige Geist Menschen zerbricht, geht es nicht mehr um psychologische Gesichtspunkte. Natürlich hat der Südländer ein heißeres Temperament als der Nordländer. Der Heilige Geist kann aber den Kaltblütigen genauso zerbrechen wie den Heißblütigen. Bei den Aktionen des Heiligen Geistes geht es nicht um die Blutbeschaffenheit, sondern um den Herzenszustand.

In Pjöngjang gingen die Bußversammlungen in jenen Erweckungstagen die ganze Nacht durch weiter. Nun hören wir einmal einen Originalbericht von Dr. Blair.
"Jede Sünde, die ein Mensch begehen kann, wurde in jener ersten Nacht öffentlich bekannt. Blaß und zitternd, beinahe in einem Todeskampf des Leibes und der Seele standen sie in dem blendenden Licht des Gerichtes Gottes. Sie sahen sich, wie Gott sie sah. Ihre Sünde erhob sich in ihren eigenen Augen in ihrer Schmutzigkeit und Schande. Keiner entschuldigte sich mehr. Sie sagten nur noch ja und nahmen willig alles auf sich. Jeder Stolz wurde zerschlagen. Sie blickten zu Jesus gen Himmel. Sie bekannten sich als seine Verräter. An ihre Brust schlagend, riefen sie bitter weinend: ’Herr, verwirf uns nicht für immer!’ Alles andere war vergessen. Nichts hatte mehr Bedeutung. Was ging sie noch der Zorn der Menschen an oder eine eventuell drohende Gerichtsstrafe? Ja, selbst der Tod schien für diese Menschen keine Bedeutung mehr zu haben, wenn nur Gott ihre Sünde vergab. Wir mögen darüber denken, wie wir wollen. Wenn der Heilige Geist den Menschen in seiner Schuld trifft, dann wird gebeichtet, und keine Macht der Erde kann es hindern."

4. Die Ausbreitung der Bewegung

Die Erweckung begann in Pjöngjang, dem heutigen Kommunistenzentrum. Als die gewaltigen Buß  und Beichtversammlungen stattfanden, waren auch die Seminaristen des theologischen Seminars dabei. Sie wurden alle von dem Geist der Erweckung erfaßt und trugen dann als junge Pastoren das Feuer hinaus in das ganze Land.

Überall, wo diese jungen Boten Jesu hinkamen, entstanden ähnliche Bußversammlungen. Die Lehrer in den Schulen konnten manchmal ihren Unterricht nicht mehr weiterführen, weil die Schüler ihre Sünden beichteten und um Vergebung baten. Gegenden, Dörfer, in denen nie ein Missionar gearbeitet hatte, wurden erfaßt, als sie die Berichte hörten. Todfeinde söhnten sich aus. Gestohlenes Geld und Gut wurde zurückgegeben. Nicht nur den Christen gegenüber wurde altes Unrecht geordnet, sondern auch den Heiden gegenüber. Ein alter chinesischer Geschäftsmann war ganz überrascht, als ihm ein Christ eine große Geldsumme zurückbrachte, die er einmal irrtümlicherweise von dem Kaufmann erhalten hatte. Manche Heiden wurden durch diese Ehrlichkeit der Christen zu Christus gebracht und bekehrt.

Das Feuer, das vom Heiligen Geist angezündet worden war, brannte weiter. Die Koreaner, die von der Erweckung erfaßt worden waren, machten es sich zur Aufgabe, ganz Korea in einem Jahr durchzumissionieren. Sie brachten große Mittel auf, um solche Gebiete evangelistisch zu erreichen, in denen noch kein Missionar vorher gearbeitet hatte. Zur Unterstützung dieser missionarischen Arbeit ließen sie das Markusevangelium in einer Auflage von einer Million drucken und verkauften davon in einem Jahr 700 000. Nicht genug damit! Sie sandten auch Missionare ins Ausland. Einer ließ sich in Wladiwostok in Sibirien nieder, um die dort ansässigen Koreaner zu betreuen. Andere wurden auf völlig abgelegene Inseln gesandt. Wieder andere bereisten China. In dieser Zeit entstand als Kind der koreanischen Erweckung die sogenannte "Millionenbewegung". Dieser Ausdruck ist auch bekannt durch die Arbeit der China Inland Mission. Eines ihrer Blätter trug den Namen "Chinas Millionen".

Diese Erweckung war die Geburtsstunde der christlichen Kirche Koreas, die heute geistlich noch sehr lebendig ist, wenn auch manche Schatten darüber hinweggegangen sind.
Fassen wir die Merkmale der Erweckung zusammen. Dieser geistliche Aufbruch Koreas war eine Buß  und Beichtbewegung. Menschen kamen in Scharen zum Herrn Jesus. Diese Erweckung war keine "Zungenbewegung". Das muß betont werden, weil heute durch die "Zungenbewegung" viel Unruhe und Verwirrung in die Gemeinde Jesu hineingetragen wird. Um Mißverständnisse abzuwehren, wird darauf hingewiesen, daß selbstverständlich alle Geistesgaben, die im N.T. erwähnt sind, anerkannt werden. Wir haben es nur zu lernen, daß zwischen charismatischen und psychischen Vorgängen unterschieden wird.

5. Charismatische Nebenwirkungen

Jede Erweckung bringt Seitenströmungen, manchmal sogar gefährliche Gegenbewegungen hervor. Das hängt oft mit dem Gegenschlag der Finsternis zusammen. Der Teufel sieht nicht tatenlos zu, wenn Gottes Geist ein Feuer anzündet. Manchmal ist es auch nur so, daß ein sehr helles Licht auch besonders dunkle Schatten wirft.
Fast jede Erweckung unseres Jahrhunderts war von einer Heilungsbewegung begleitet. Das ist durchaus biblisch. Wenn das Verhältnis des Menschen mit Gott in Ordnung kommt, dann folgt in vielen Fällen auch eine Heilung körperlicher Gebrechen nach. Außerdem hat der von allen Belastungen befreite Mensch ein anderes Gebetsverhältnis zu Gott als der Namenchrist, der ein Gebetsleben überhaupt nicht kennt. Dem wiedergeborenen Menschen leuchten die Verheißungen der Bibel wie helle Sterne, die ihm den Weg weisen.
Bei allen Erweckungen treten auch visionäre Erlebnisse auf. Von Dr. Lee hörte ich folgende Vision aus der koreanischen Erweckung. An einem Mittag befand er sich in einer Kirche im Gebet. Es war  15 Uhr. Da sah er im Altarraum einen Engel stehen. Rund um die Kirche waren Feuerzungen zu sehen wie am ersten Pfingstfest. Die heidnischen Koreaner, die draußen in der Nähe der Kirche arbeiteten, sah er wie Tiere und nicht in Menschengestalt.

Diese Vision braucht durchaus nichts Ungewöhnliches zu sein. Die Feuerzungen sind das Symbol des Heiligen Geistes. Wenn in Kirchen von treuen Christen gebetet wird, da wird der Arm Gottes bewegt. Da treten der "Engel Geschäfte" in Erscheinung (Hebr.1,14). Daß Menschen in Tiergestalt gesehen werden, ist nicht ganz ungewöhnlich. Wir finden das im Heidentum und im Christentum. Der Buddhist glaubt, daß ein Mensch, der sich nicht bewährt, bei der nächsten Reinkarnation (Wiederverkörperung) in ein Tier verwandelt wird. Im christlichen Kulturraum finden wir in Dantes "Divina Comedia" Hinweise, daß boshafte und unerlöste Menschen im Hades wie Tiere aussehen. Solche visionären Erlebnisse sind mir auch aus der Seelsorge bekannt.
Im Rahmen einer Erweckung gibt es also durchaus echte charismatische Randerscheinungen, die wir nicht als krankhaft oder schwärmerisch ablehnen müssen. Irreführend werden aber die Nebenwirkungen, wenn Gläubige in krampfhafter Weise ekstatische Erlebnisse wie Visionen, Zungen, Krafterweise erzwingen wollen. Gewöhnlich werden derartig erzwungene Erlebnisse zu einem Einfallstor böser Geister, die nur auf solche offenen Türen warten (Eph. 6,12). Es gilt hier das Gesetz: Was der Heilige Geist von sich aus schenkt, ist natürlich und gottgewollt. Was der nach "Sondererlebnissen" strebende Mensch sich erzwingen will, ist gewöhnlich keine Gabe des Heiligen Geistes, sondern zweifelhaftes Geschenk eines anderen Geistes.
Der Tod aller Erweckungen ist die nach Jahren oder Jahrzehnten eintretende Ermüdung. Es ist eine traurige Erfahrung, daß direkt keine Erweckung ein Jahrhundert überdauert. Die meisten sind aber von viel kürzerer Dauer. Wie steht es damit in Korea?

6. Die Leidenszeit

Die aus der Erweckung entstandene koreanische Kirche geriet von ihrem Anfang an unter politischen Druck. Seit 1905 waren die Japaner im Land, die das koreanische Volk in jeder Hinsicht niederhielten. Sie trieben eine Ausbeutungspolitik im wahrsten Sinne. Das ganze Finanzwesen lag in den Händen der Besatzungsmacht. Kein Koreaner konnte es zu irgendeiner hohen wirtschaftlichen oder politischen Stellung bringen. Das ging so weit, daß nach dem Abzug der Japaner niemand in Korea fremdes Geld umwechseln konnte. Die amerikanischen Missionare waren nicht in der Lage, die wirtschaftlich schwachen Kirchengemeinden zu unterstützen. Das Volk selbst war kaum fähig, die eigenen Bedürfnisse zu decken. Die Japaner hatten ja den Grundsatz verfolgt, Korea nur als Absatzgebiet anzusehen. Es waren nur japanische Produkte zu haben. Eigene koreanische Fabriken gab es nicht.

Auch in kultureller Hinsicht wurde alles japanisiert. Nur die japanische Sprache galt im Amtsverkehr. Wer sie nicht sprechen konnte, mußte sich der Dolmetscher bedienen. Japanisch wurde auch in den höheren Schulen als Schulsprache eingeführt. Das gab im Volk große Spannungen.

Zur größten Not und Gefahr wurde der jungen Kirche der religiöse Zwang. Am Nationalfeiertag hatten alle Koreaner durch eine Zeremonie am Shintoschrein ihre Loyalität den Japanern gegenüber zu bezeugen. Die Christen gerieten dadurch in einen Gewissenskonflikt. Sie fragten sich: "Dürfen wir als Christen uns am Shintoschrein verneigen?"
Die leitenden Pfarrer wurden bei der japanischen Behörde vorstellig und baten darum, daß ihnen um des Glaubens willen diese Zeremonie erspart bliebe. Man erklärte ihnen, dieser Ritus hätte nur politischen und keinen religiösen Charakter. Manche Christen haben sich bei dieser Antwort beruhigt und wohnten seither dieser Feier bei. Auch der Direktor des theologischen Seminars fügte sich, um nicht die weitere Existenz der Schule zu gefährden.
Andere Christen, vor allem solche, die selbständig denken konnten, erklärten: "Es ist nicht nur eine politische Treuekundgebung, da ja alle Gebete, die dabei gesprochen werden, shintoistischen Charakter haben." Durch diesen Zwiespalt gab es unter den Christen Gewissensnöte und Konflikte.

Schließlich wagte es ein treuer koreanischer Pastor, die Shintozeremonie nicht mitzumachen. Was geschah? Die Japaner ließen ihn in der Nähe des Shintoschreines totprügeln. Damit waren klare Fronten geschaffen. Viele Christen besaßen aber nicht diesen Bekennermut, sondern gingen einen Kompromiß ein. Das war der Grund, warum in der japanischen Zeit die Erweckungsbewegung rasch zurückging. Die Verquickung mit der religiösen Shintozeremonie hatte sich zu einer Dämpfung der Wirksamkeit des Heiligen Geistes ausgeweitet.

II. Die zweite Welle der Erweckung

Wesley hat einmal vom zweiten Segen gesprochen. Er meinte damit, daß die Christen sich nicht mit ihrer Bekehrung zufrieden geben sollten. Gott hätte mehr als nur einen Segen für uns bereit. Diese Aussage Wesleys wurde oft mißverstanden und auch von extremen Kreisen zu einem Gesetz erhoben. Gottes Geist handelt aber souverän und darf nicht in eine Schablone gepreßt werden. Es wäre ein armer Gott, der seinen Kindern nur zwei Segen zu geben hätte. Das Leben eines treuen Christen ist reich an tausendfältigen Segnungen. Und doch gibt es einzelne Christen und ganze Bewegungen, die einen speziellen zweiten Segen zu verzeichnen haben. Wir wissen das von Charles H. Finney, von dem Zeltevangelisten Jakob Vetter, von Major Thomas und vielen anderen Männern Gottes.

Die Erweckung auf den Hebriden hat ebenfalls zwei Segenswellen in ihrem Verlauf. Die erste Welle war etwa 1949, die zweite ab 1953. Leider ist diese Bewegung etwas ins schwarmgeistige Fahrwasser geraten.
In der koreanischen Erweckung zeichnen sich ganz eindeutig zwei Etappen ab. Die erste Welle war von 1906 bis 1945. Als die Japaner abgezogen waren, war damit auch der für die Christen unselige Shintokult zu Ende. Die Gläubigen unterzogen sich einem Reinigungsprozeß. Sie sollten aber nicht lange aufatmen können. Neues Unheil und noch größere Verfolgung zeichneten sich am Horizont ab.

1. Der politische Terror in Nordkorea

Die Nordkoreaner nützten die kurze Befreiungspause zwischen dem Abzug der Japaner und dem Einzug der Russen. Unter großen Opfern an Geld und persönlicher Arbeit schufen sie sich Stätten der Verkündigung und des Gebetes. Dieser friedliche Aufbau wurde von seiten der Kommunisten immer wieder gestört.
Geradezu katastrophal wurde die Lage der Christen, als rotchinesische Soldaten ins Land kamen und die Kommunisten sich rüsteten, ganz Korea an sich zu reißen.

Es ist seltsam, daß die Stadt Pjöngjang 1906 Ausgangspunkt der Erweckung gewesen war. Unter den Roten wurde diese Stadt dann das Zentrum der neu aufbrechenden Christenverfolgung. Ob dieser Gegenschlag nicht von der Hölle selbst inszeniert war?

Startschuß für die Verfolgungswelle war die Verhaftung eines führenden Staatsmannes, der ein überzeugter Christ war. Dieser Politiker verschwand spurlos. Niemand rechnet mehr damit, daß er noch am Leben ist.
Das schwere Leid, das über die Christen hereinbrach, wurde von Gott in Segen umgewandelt. Solange die Gottesdienste noch nicht verboten waren, kamen die Christen wieder täglich zum Gebet in die Kirchen zusammen wie in der Erweckungszeit. Da die Räumlichkeiten nicht ausreichten, beteten sie außerhalb. Natürlich blieb den Kommunisten diese Gebetsbewegung nicht verborgen. Sie schlossen darum eine Kirche nach der anderen. Sie konnten aber den Gebetsstrom nicht mehr stoppen. Die Gebetsversammlungen wurden noch gewaltiger als die von 1906/1907.

Die Christen trafen sich vor Sonnenaufgang. Manchmal um 5 Uhr, vielfach auch schon um 4 Uhr. Niemand fragte mehr nach der Witterung. Weder Kälte noch Schnee, noch Regen konnte sie abhalten. Tausende fanden sich ein. Sie beteten gleichzeitig wie in den Tagen, da der Heilige Geist Korea heimgesucht hatte.
Wir kennen aus der Kirchengeschichte kein Beispiel, daß in einer einzigen Gebetsversammlung 10 000 Beter ihr Flehen zum Himmel schickten. Und doch war das noch nicht der Höhepunkt. Führende Christen in Nordkorea sagten aus, es hätte Versammlungen mit 12000 Beter gegeben. Und das, nachdem schon Tausende von Christen nach Südkorea geflohen waren.

Natürlich wurden diese gewaltigen Gebetsversammlungen auch von politischen Spitzeln besucht. Welche Behörde will aber 12000 Beter auf einmal verhaften? Die Kommunisten pickten sich aber führende Männer heraus. Und doch konnte sich der Gebetsgeist nicht durch den roten Terror stoppen lassen.

Unheimliche Terrorakte der Roten ließen viele Christen den Plan fassen, die Flucht nach Südkorea zu wagen. Es sind schreckliche Dinge passiert, die von wahrheitsliebenden Christen berichtet worden sind. Einige Christen wurden von chinesischen Kommunisten tagelang an Kreuzen aufgehängt, bis sie unter Qualen starben. Treuen Zeugen, die nicht abließen, die Botschaft von Jesus weiterzusagen, wurden von den Rotchinesen die Zunge herausgeschnitten. Kinder, die bei einer heimlichen Sonntagsschule erwischt worden waren, wurden taub gemacht. Die roten Unholde schlugen ihnen die Eßstäbchen in die Ohren und zertrümmerten dadurch das Gehör.

Diese Greuel verwandelten die nordkoreanischen Gemeinden in eine Katakombenkirche oder Untergrundkirche, wie man heute sagt. Es wäre gut, wenn die manchmal verblendeten Christen des Westens die Wurmbrandbücher lesen würden. Dieser Autor, der selbst von Kommunisten 14 Jahre lang gefoltert worden ist, hat viele Terrorakte der Kommunisten berichtet. Seine Berichte entsprechen der Wahrheit, wie ich selbst durch gläubige Flüchtlinge feststellen konnte.

Wer von den nordkoreanischen Christen eine Möglichkeit sah, sich nach dem Süden durchzuschlagen, betrat diesen gefahrvollen Weg. Sie schlichen sich durch die Kampf fronten hindurch. Wer von den Kommunisten erwischt wurde, verlor dabei sein Leben. Und doch gelang es vielen, den mit Märtyrerblut getränkten Boden Nordkoreas zu verlassen.

2. Syngman Rhee

In den Jahren 1945 bis 1950, da in Nordkorea die Kommunisten Volk und Land knebelten, hatte Südkorea zwei Chancen.
Zunächst einmal profitierten die christlichen Gemeinden im Süden von dem Zustrom der nordkoreanischen Flüchtlinge. Diese leidgeprüften Christen brachten einen großen Gebetsgeist mit und gründeten vielfach im Süden Gebetsversammlungen. Wir werden noch davon hören, wenn über die Gründung der Young Nak Kirche berichtet wird.

Der zweite günstige Faktor für das christliche Gemeindeleben war die Gestalt des ersten Staatspräsidenten, der ein überzeugter Christ war. Hören wir seine Geschichte.

Korea hat viele einmaligen Dinge. Ich weiß nicht, ob es noch sonstwo in der Welt einen Staatspräsi¬denten gibt, der erzählen kann, wie er zu Christus gefunden hat.

Während der japanischen Besatzungszeit war Syngman Rhee ein großer Patriot. Sein ganzes Bestreben war, sein Land und Volk von der verhaßten Fremdherrschaft befreit zu sehen.

Aus Geldnöten fand er sich bereit, christlichen Missionaren Sprachunterricht zu erteilen. Die Mission war ihm eigentlich zuwider. Die Missionare waren für ihn auch nur Ausländer, von denen er sein Land verschont sehen wollte. Beim Sprachunterricht merkte er aber, daß diese christlichen Männer seinem Volk gut gesinnt waren.
Da Rhee als Widerstandskämpfer auf der schwarzen Liste der Japaner stand, hatte er oft zu verschwinden, um sich einer Verhaftung zu entziehen. Bei einer solchen Flucht fand er bei einem amerikanischen Missionar mit Namen Dr. Avison Unterschlupf. Da ihm die Japaner aber überallhin folgten, hatte er zuletzt ins Ausland unterzutauchen. Er hielt es aber nicht lange in der Fremde aus, da er sich auf Gedeih und Verderb mit Korea verbunden wußte. Er kehrte daher nach Seoul zurück. Kurze Zeit später wurde er dort verhaftet und zum Tode verurteilt.

Man sperrte ihn in die Todeszelle, die nur zwei Meter im Quadrat groß war und eine sehr schlechte Entlüftung besaß. Zu allem Übel wurde er nachts in den Stock geklemmt. Das ist das gleiche Marterwerkzeug, das Paulus und Silas im Gefängnis in Philippi erlebten (Apg.16,24).

Jeden Morgen erwartete Rhee den Henker. Seltsamerweise ließ dieser aber lange auf sich warten. Das ist nicht unverständlich, da Gott seine Hand über ihn hielt, obwohl er noch nicht gläubig war. Die amerikanischen Missionare, die von seiner Verhaftung gehört hatten, beteten viel für ihn, da er ja ihr Sprachlehrer gewesen war.
In der Wartezeit bat er seinen Wärter, er möchte ihm bei den amerikanischen Missionaren eine Bibel und ein Wörterbuch ausborgen. Wiederum war es die Freundlichkeit Gottes, daß der Wärter diese Bitte erfüllte. Man gibt auch sonst in der Welt einem Todgeweihten einen letzten Wunsch frei.
Mit großem Eifer las er die Bibel, die ihn nun in der Einsamkeit der Zelle und in der Todesnähe mächtig ansprach. Er erinnerte sich auch an die Worte der Missionare, die einmal zu ihm gesagt hatten: "Gott erhört Gebet."
Rhee betete zum ersten Mal in seinem Leben und sagte: "O Gott, rette meine Seele und rette mein Land." Unmittelbar danach schien seine Zelle mit Licht erfüllt zu sein. Er wurde mit dem Frieden Gottes erquickt. Von dieser Stunde an war er ein anderer Mann. Sein Haß gegen die Missionare, sein Haß gegen die Japaner war verschwunden.

Der umgewandelte Mann tat das Beste, was ein neugeborener Christ stets tun sollte. Er bezeugte seinen Herrn vor seiner Umgebung. Der Gefängniswärter war aber der einzige Mensch, den er zu Gesicht bekam. Darum erzählte er ihm seine Erfahrung mit Jesus. Als der Bruder des Wärters ins Gefängnis kam, um seinen Bruder zu besuchen, bekannte Rhee auch diesem Mann sein Erlebnis. Die Frucht dieses Zeugnisses war, daß beide Männer sich bekehrten. Auch hierin liegt eine Ähnlichkeit mit der Geschichte im Zuchthaus in Philippi. Auch dort hatte sich der Gefängnisaufseher bekehrt.

Nun waren plötzlich der zum Tode Verurteilte, sein Wärter und dessen Bruder geistliche Brüder geworden. Ihre Kirche war die Todeszelle. Der Wärter handelte von nun an wie jener Kollege in Phi¬lippi, der Paulus die Füße wusch und die Wunden verband. Rhee wurde nicht mehr in den Stock gelegt. Er bekam besseres Essen und wurde in eine freundlichere Zelle umquartiert.

Der Gefängnisleitung blieb die große Veränderung ihres wichtigsten Gefangenen nicht verborgen. Als daher der Mann von der Todesliste darum bat, innerhalb des Gefängnisses eine Schule für die Mitgefangenen zu eröffnen, da wurde es ihm bewilligt. Auch viele weitere Wünsche wurden ihm erfüllt. Er durfte Briefe nach draußen schreiben und erhielt christliche Traktate und Schriften von den Missionaren. So entstand im Gefängnis eine Bibelschule. Die schönste Frucht dieser Gefängniszeit war, dag der Bruder seines Wärters anfing, sich für das geistliche Amt vorzubereiten. Er besuchte ein Seminar in Amerika und wurde Pastor.
Es entsprach dem Plan Gottes, daß Rhee wieder freikam. Und dieser Mann wurde der erste Präsident von Korea, wie wir bereits hörten. Welches Land der Erde hat solche "politischen" Geschichten aufzuweisen?
Syngman Rhee bewährte seine christliche Einstellung auch in seinem hohen Amt. Viele der höchsten Ämter wurden mit treuen Christen besetzt. So war sein Generalstabschef ein treuer Kirchgänger, der keinen Sonntag in der Kirche fehlte. Dazu leitete dieser General nebenamtlich ein christliches Waisenhaus. Viele Pastoren wurden die Distriktsgouverneure Koreas. Überall spürte man im Lande den persönlichen Einfluß des Präsidenten, der in seinem Glauben nicht hochmütig wurde, sondern ein schlichter und treuer Christ blieb bis zu seinem Tode.

3. Der Terror greift nach Südkorea

Syngman Rhee, der 1948 sein hohes Amt angetreten hatte, war es nicht lange vergönnt, eine friedliche Aufbauarbeit zu treiben. 1950 kam der rote Ansturm aus Nordkorea. Das ganze Land geriet in größte Angst, weil man von den nordkoreanischen Flüchtlingen wußte, was zu erwarten war. Mit Zittern sah man dem kommenden Unheil entgegen. Es füllten sich die Kirchen. Überall wurden Gebetsversammlungen abgehalten. Eine der stärksten Betergruppen war in der Young Nak Church. In dieser Gemeinde waren ja die meisten der nordkoreanischen Flüchtlinge vereinigt, die den roten Terror schon einmal hatten durchstehen müssen. Sie ahnten nicht, daß es bei dieser zweiten Bedrohung gar nicht bleiben würde.
Die Rotchinesen nahmen Seoul, die südkoreanische Hauptstadt, ein. Die Regierungsmitglieder hatten sich nach dem Süden absetzen müssen. Viele hochstehende Nordkoreaner befanden sich ebenfalls auf ihrer zweiten Flucht. Sie hatten damit schon zum zweiten Mal alles verloren.
Die Kommunisten hielten hartnäckig ihre Stellungen, bis die UNO Truppe, vorwiegend die Amerikaner, die Roten nach dem Norden abdrängten und hinter die Demarkationslinie zurückjagten. Bei diesen Kämpfen waren es ausgerechnet die amerikanischen Granaten, die am meisten Zerstörung in Seoul anrichteten. Sehr schmerzlich war der Verlust des Bibelhauses, das erst einige Jahre zuvor unter unsäglichen Mühen errichtet worden war und nun ein Raub der Flammen wurde. Es war gerade mit Bibeln und Bibelteilen vollgepackt worden, als dieser unerwartete Schlag es traf. Das Leid schien kein Ende nehmen zu wollen. Viermal wechselte Seoul seinen Herrn, bis es zu einem Waffenstillstand kam. Dieser rote Terror brachte trotz alles Leides Südkorea Segen. Die Christen waren von einem neuen Wirken des Heiligen Geistes heimgesucht worden. Die Jahre nach dem "Koreakonflikt" sind angefüllt von einer ungeheuren Aktivität der christlichen Gemeinden. Die Young Nak Kirche erhielt dauernd Zustrom durch die nordkoreanischen Flüchtlinge. Die christlichen Schulen und Universitäten, die vorher nur wenig Studenten hatten, waren nun mit Tausenden von Studenten gefüllt. Das presbyterianische Seminar allein erhielt 6000 Studenten, die Pastoren werden wollten. Es ist damit zum größten presbyterianischen Seminar der ganzen Welt geworden. Der Bibelklub erreichte im ganzen Land eine Mitgliederzahl von 70.000. Die Kirchen errichteten Witwen- und Waisenhäuser. In der Armee wurden 350 Planstellen für Kaplane geschaffen. Die Auswirkung ist, daß heute die südkoreanische Armee 1.5 Prozent Christen hat, während der Prozentsatz im ganzen Volk nur 7 ist. Seoul, das vorher 30 christliche Gemeinden besaß, hat nunmehr 600. Pusan, die Stadt im Süden, die  12 christliche Gemeinden besaß, hat deren jetzt 200. Von den 150.000 nordkoreanischen Kommunisten, die in Gefangenschaft geraten waren, bekehrten sich 20 000. Das ist in keinem Gefangenenlager des Ersten oder Zweiten Weltkrieges passiert.

Was der Teufel Böses zu bringen trachtete, hat Gott in Segen umgewandelt. Der Herr hat das Schreien seiner Kinder erhört. In Psalm 34 heißt es: “Da dieser Elende rief, hörte der Herr und half ihm aus allen seinen Nöten." Und durch den Propheten Jeremia verhieß der Herr: "Ich will euch zu Hilfe kommen in der Not und Angst unter den Feinden." Koreas Beter hatten das erfahren dürfen.

4. Der heilsame Schock

Nach dem koreanischen Krieg betrat ich zum ersten Mal koreanischen Boden. In Seoul eingetroffen, nahm ich mit der presbyterianischen Kirche am Südtor Kontakt auf. Ich wurde eingeladen, am nächsten Morgen bei der Gebetsversammlung eine kurze Botschaft zu geben. Gern sagte ich zu, war aber nicht wenig erstaunt, als man mir die Uhrzeit nannte: 5 Uhr morgens.
Um 5 Uhr   jagte es durch meinen Sinn  , und das bei dieser Kälte! Wer wird da schon kommen? Ich ging in mein Hotel. Um 4 Uhr rasselte mein Wecker.
Regen klatschte gegen mein Fenster. Die Gebetsstunde fällt aus wegen Regen, war mein erster Gedanke. Ich wickelte mich in die Decke und versuchte weiterzuschlafen. Es gelang nicht. Du mußt wenigstens dein Versprechen erfüllen und dort aufkreuzen, auch wenn nur der Pastor da sein sollte. So zog ich mich schließlich etwas unlustig an und machte mich auf den Weg. Es war nicht gerade ermutigend, daß der Taxifahrer die doppelte Gebühr verlangte. Nun, er hatte ja das Recht, den Satz für Nachtfahrten zu nehmen.
Der Komplex der presbyterianischen Kirche tauchte auf. Ein übernüchterner Bau ohne Verglasung der Fenster. Offene Höhlen starrten mich an, durch die Schnee und Regen in das Innere drangen. Wieder sagte ich mir: Du hast den Weg umsonst gemacht. Bei dieser Kälte und Nässe geht doch morgens um
Uhr niemand zur Gebetsstunde.
Ich stemmte mich gegen den Wind und betrat die Kirche. Was war das? Die Augen wollten mir aus den Höhlen treten. Der Raum war vollgepackt mit Menschen. Keine Bestuhlung. Sie hockten oder knie¬ten auf Strohmatten. Ich war geradezu bestürzt und wandte mich zum Podium. In großer Verlegenheit wandte ich mich an die leitenden Brüder und fragte: "Was soll das bedeuten? Es ist doch unmöglich, daß zum Willkomm eines Missionars die ganze Gemeinde aufgeboten wird."
"Das ist unsere reguläre Gebetsstunde", wurde mir gesagt. "Mitten in der Woche?" fragte ich ungläubig. "Nicht am Sonntag, wenn die Gemeindeglieder Zeit haben?"   "ja, wir kommen doch täglich zusammen", wurde mir erklärt. Wieder verschlug es mir den Atem. "Wie viele Menschen sind denn das?" wollte ich wissen. "Beinahe dreitausend, die ganze Gemeinde." Ich war wie verstört und stellte das Fragen ein.
Einer der Ältesten gab ein Lied an und stimmte sofort an. Es gab keine Orgelbegleitung und keine Gesangbücher. Ein anderes Musikinstrument hatten sie ebenfalls nicht in diesem kahlen Bau, der eher einer verlassenen Fabrik ähnlich war als einer Kirche.
Dann beteten sie. Alle dreitausend Menschen zur gleichen Zeit. Hätte man mir vorher das gesagt, dann hätte ich abgewehrt mit dem Hinweis: "Das ist Schwärmerei!" So aber fühlte ich die Harmonie des Geistes in diesem Beten. Es war keine Unordnung und nicht zu vergleichen mit dem Rumor extremer Richtungen. Beinahe eine Stunde lang wurde gebetet.
Dann bat mich einer der Ältesten um meine Botschaft. Er fügte hinzu: "Bitte eine kurze Botschaft, nicht länger als eine Stunde. Diese Menschen müssen um 7 Uhr zur Arbeit gehen.¬ Eine kurze Botschaft von einer Stunde, echote es in meinem Gehirn. Mit welchen geistlichen Begriffen leben denn diese Christen? In welchem Land der westlichen Welt dürfte der Pastor bei einer Gebetsstunde eine Stunde lang predigen?
Mir war das Predigen bei dem Beten dieser Menschen ohnehin vergangen. Was sollte ich diesen Brüdern und Schwestern sagen? Sie hatten doch mir gepredigt, ehe ich den Mund auftat. Ich kam mir angesichts dieser geistlichen Situation so unsagbar nebensächlich, so winzig und kläglich vor.
Diese Gemeinde braucht doch keine Missionare aus der westlichen Welt. Es sei denn, damit Missionare lernen, was Beten heißt.
Diesen Gedanken sprach ich am nächsten Tag aus, als ich einen Missionar traf. "Was tun wir eigentlich hier?" redete ich ihn an. "Wir sind doch überflüssig." Er verstand mich und gab seine Zustimmung: "Wir sind hier, damit uns gezeigt wird, was neutestamentliche Gemeinde ist."

5. Beten ohne Unterlaß

Der Apostel Paulus schrieb an die Thessalonicher (1:5,17): "Betet ohne Unterlaß!" Nirgends in der Welt sah ich eine solche Erfüllung dieser biblischen Mahnung wie in Korea. Vielleicht ist es heute wieder so in den indonesischen Erweckungsgebieten.

Ich hatte mich von dem Schock der ersten Gebetsstunde noch nicht erholt, da saß ich schon in der nächsten Gebetsversammlung. Ich war nun einmal in den Sog dieser betenden Schar geraten. Zum erstenmal verstand ich, was in Apostelgeschichte 2,46 steht: "Sie waren täglich einmütig im Tempel beieinander." Täglich! Wo sind wir in den christlichen Gemeinden des Westens hingekommen? Wir beten um Erweckung, und es geschieht nichts! Wundern wir uns darüber?

Bei der dritten Gebetsstunde fragte ich die Brüder.
"Wie oft kommt Ihre Gruppe in der Woche zum Gebet zusammen?" Sie antworteten: "Täglich!" Drei verschiedene Gebetskreise, die jeden Morgen zusammenkommen! "Wie lange schon besteht dieser Brauch?"   "Seit fünf Jahren“, war die Antwort. Ich fing an zu rechnen: 365 mal 5 mal 3 gibt 5475 Gebetsstunden mit je 3000 Menschen. Und das soll nicht Gottes Thron erreichen?

Mit dieser Information hatte ich aber noch nicht alles erfahren. Erst im Verlauf eines mehrwöchigen Aufenthaltes bin ich langsam hinter all die wunderbaren Geheimnisse dieser betenden Gemeinde gekommen.
Es bestand ein nächtlicher Gebetsdienst. Jede Nacht betete eine Gruppe von etwa hundert Christen. Natürlich wechselten die Gruppen ab. jeden Abend kamen andere Christen zusammen. Seit fünf Jahren beteten in dieser Gemeinde jede Nacht hundert Menschen bis zum Morgengrauen. Und einmal in der Woche, Samstag auf Sonntag, beteten tausend Christen die ganze Nacht hindurch. Ich verstand damit zum ersten Mal, was in Apostelgeschichte 12,5 steht: "Sie beteten unaufhörlich zu Gott."

Manche Schriftstelle bekam neues Gewicht für mich. In 3. Mose 24, 2 heißt es: "Halte die Lichtflamme dauernd am Brennen.“ Die katholische Kirche hat zwar ein ewiges Licht vor dem Altar. Aber damit ist es nicht getan, daß wir schöne Symbole in unseren Kirchen haben, sondern daß die Herzen der Gläubigen dauernd am Brennen sind, und die Flamme, der Weihrauch des Gebets, nie verlöscht. Die Beter Koreas zeigten mir die Bedeutung von Offenbarung 5, 8: "Goldene Schalen voll Räuchwerk, das sind die Gebete der Heiligen."

6. Sein Name macht stark

Nach der Ausgießung des Heiligen Geistes gingen Petrus und Johannes in den Tempel. An der Tür trafen sie einen Lahmen. Der arme Mann erwartete von den Aposteln eine Geldgabe (Apg. 3, 6). Petrus sah ihn an und sagte: "Silber und Gold habe ich nicht, was ich aber habe, gebe ich dir: Im Namen Jesu stehe auf und wandle!" Dabei ergriff er die Hand des Krüppels und richtete ihn auf. Der Gelähmte wurde sofort geheilt, sprang umher, pries und lobte Gott. Die umherstehenden Menschen staunten über diese Wundertat. Die Apostel nahmen diese Gelegenheit zu einer Botschaft wahr. Sie wiesen alle Ehre von sich ab und verkündigten: "Durch den Glauben an seinen Namen hat diesen, den ihr sehet und kennet, sein Name stark gemacht, und der Glaube durch ihn hat diesem gegeben die Gesundheit vor euren Augen" (Apg.3,16).
Ich hätte nicht gedacht, daß ich selber einmal Zeuge eines solchen Vorganges werden sollte. Bisher war ich der Meinung, dag diese Wunder der Urgemeinde vorbehalten waren. Natürlich war ich in der Nachfolge Jesu nie ein Modernist und Rationalist gewesen, sondern glaubte stets kindlich dem Wort Gottes. Es fehlte mir aber jegliches Anschauungsmaterial. In Korea sollte ich es bekommen.

Diese betenden Gemeinden machten keinen Rumor mit "Zungen und Heilungen". Nur einmal im Monat ist eine besondere Gebetsstunde für Kranke. Ich erlebte eine solche Stunde mit. Es fehlt mir vollkommen der Wortschatz, um das zu beschreiben, was ich dabei empfand. Ich kann nur eines sagen: Anstatt des hektischen Betens und der Zwängerei, wie man es in extremen Gruppen erlebt, war hier eine Offenbarung der Herrlichkeit Gottes.

Ein Gelähmter wurde in die Gebetsstunde gebracht. Einige Koreaner hatten abwechslungsweise diesen Krüppel 80 km weit auf dem Rücken hergetragen. Nun lag er vor den Betern. Das verkrüppelte Bein und der verkrüppelte Arm waren kürzer als die gesunden Glieder. Es wurde über ihm gebetet. Es kam Blut und Bewegung in die verkümmerten Glieder. Der Gelähmte reckte und streckte sich. Er sprang auf die Beine und probierte die geheilten Glieder aus. Die Verkürzungen verschwanden. Die kranken und gelähmten Glieder streckten sich auf die normale Länge der gesunden Glieder. Darüber entstand bei den Betern kein Geschrei, sondern ein wunderbarer Lobpreis Gottes. Ich hätte keinem Berichterstatter das geglaubt, wenn ich es nicht selbst gesehen hätte.

Ein anderer Kranker lag auf einer Tragbahre. Er hatte eine Lungentuberkulose im letzten Stadium. Er war nur noch ein Skelett. Bei jedem Atemzug standen Blutblasen auf seinen Lippen. Ein Bild des Jammers! Man konnte das fast nicht mit ansehen. Sie beteten über ihm und riefen den Namen des Herrn an. Der Kranke erholte sich zusehends beim Gebet. Er konnte seinen Brustkorb kräftig ausdehnen und weiten. Man sah, wie er seine Lungen anstrengte und kräftig atmete. Er wurde durch des Herrn Hand völlig geheilt.
Auch bei diesem Vorgang der Heilung wurden mir einige Bibelworte lebendig. Wie oft hatte ich schon über Markus 2,10 predigen hören: "Des Menschen Sohn hat die Macht." Manchmal hatte mich auch das Wort aus 2. Chronik 20, 6 gestärkt: "In deiner Hand ist Kraft und Macht." Noch nie habe ich aber solche Machtbeweise seiner Hand gesehen wie hier unter diesen Betern.

Ein Junge trat in den Kreis der Gemeinde und bat um Fürbitte. Seine Hand war vertrocknet. Er konnte die Finger nicht bewegen. Er bekannte seine Schuld und lieferte sein Leben Jesus aus. Dann wurde über ihm gebetet. In diesem Augenblick wurde seine verdorrte Hand durchblutet. Man merkte dem jungen die Freude an, seine Hand gebrauchen zu können. Er griff nach Gegenständen seiner Umgebung. Er spielte mit seinen gesunden Fingern. Eine unbeschreibliche Freude lag auf seinem Gesicht. Welch ein Herr, der im 20. Jahrhundert solche Dinge tut. Und welch ein Gericht über die laue Christenheit des Westens, daß wir soweit gekommen sind, daß wir nicht mehr glauben können. Mir ging es ja selbst so. Ich hätte an allem gezweifelt, wenn ich nicht selbst Augenzeuge gewesen wäre.

Bei diesen Ereignissen mußte ich unablässig Buße tun. Die Nähe des Herrn erdrückte mich schier. Es ist doch ein Unterschied, ob man von solchen Wundern im Neuen Testament liest, oder ob man selbst das miterleben darf. Die Sprache reicht nicht aus, um der Heiligkeit und Herrlichkeit des gegenwärtigen Herrn gebührend Ausdruck zu verleihen.

Nach meiner Rückkehr aus Korea erzählte ich einer westlichen Gemeinde meine Erlebnisse. Da bat mich ein Pastor: "Bitte bete mit meinen Kranken und mache sie im Namen des Herrn gesund!" Ich antwortete ihm: "Wie viele Gemeindeglieder haben Sie?" Er erwiderte: "Zweitausend."   "Wie viele Leute haben Sie in den Gebetsstunden?"   "Zwanzig bis dreißig, die einmal in der Woche zusammenkommen." Dann sagte ich ihm: "ich bin bereit, mit Ihren Kranken zu beten, aber nur unter der Bedingung, daß sie fünf Jahre lang mit allen 2000 Gemeindegliedern jeden Morgen um 5 Uhr zum Gebet zusammenkommen." So war es in Korea. Wir quälen uns umsonst ab, solange nicht neu¬testamentliche Zustände in unseren Gemeinden herrschen.
Das Besondere an diesen Krankenstunden war, dag alles ruhig und ohne das übliche Aufpeitschen seelischer Kräfte vor sich ging. Was wird uns alles in den extremen Gruppen als Heilung angeboten. Wird es dann nachgeprüft, dann stimmt es nicht, oder es sind nur wenig dauerhafte Suggestivheilungen.

7. Neutestamentliches Klima

Bevor ich die Krankenstunden miterlebt hatte, war es mir in den Sinn gekommen, der betenden Gemeinde zu sagen, daß die Rettung des Menschen wichtiger ist als seine Heilung. Ich wollte ihnen zurufen: "Predigt das Wort! Vergebung ist mehr als Gesundwerden." Ich habe diesen Vorsatz nicht ausgeführt. Was wir im Westen als gute biblische Theologie anbieten wollen, wird dort bei diesen schlichten Betern praktiziert.
Wie schon erwähnt, war unter 30 Gebetsstunden nur eine Krankenstunde. In den übrigen Gebetsvereinigungen ging es um die Anbetung Gottes und um Fürbitte jeglicher Art.

Ein anderes Merkmal der koreanischen Christen ist ihre große Opferbereitschaft. Sie setzen sich finanziell für die Verkündigung des Wortes Gottes ein, wie ich es sonst nirgends in der Welt gehört habe.
Viele dieser Beter sind Reisbauern. Trotz der biblischen Regel, daß der Bauer zuerst die Frucht seiner Arbeit genießen soll, nehmen die koreanischen Christen diese Freiheit nicht in Anspruch. Sie verkaufen den Reis und kaufen die um die Hälfte billigere Hirse. Den Reinertrag, das heißt 50 Prozent ihrer Arbeit geben sie für die missionarische Arbeit. Sie senden damit Missionare in die umliegenden Länder und verbreiten dadurch das Evangelium. Sie geben also nicht den Zehnten, sondern die Hälfte ihrer Einnahmen.

Dieses Beispiel wird uns satte Christen des Westens in der Ewigkeit vor dem Gericht Gottes Not machen. In welchem Überfluß leben wir im Vergleich zu solchen Opfern.
Wollen wir angesichts einer solchen Treue und Hingabe uns noch wundern, daß die neutestamentlichen Wunder sich in dieser Erweckung wiederholten?

Mit zu den gewaltigsten Erfahrungen im Kreis dieser Beter gehört die Beobachtung, daß die Botschaft vom Kreuz in der Mitte der Verkündigung und des Lebens steht. Deshalb kam mir mein ursprünglicher Plan, diesen Menschen etwas von der Bedeutung des Kreuzes zu sagen, kümmerlich, wenn nicht gar lächerlich vor. Was ich sagen wollte, leben diese Christen aus.

Die koreanische Erweckung hat nichts zu tun mit der "Zungenbewegung" unserer Tage. Sie hat auch nichts gemeinsam mit der sogenannten "Faith Healing Mission" (Heilungsmission) und mit den an¬geblichen charismatischen Strömungen der Gegenwart.

Es geht unter den Christen Koreas nüchtern zu, biblisch klar, ohne ekstatische Randerscheinungen. Der Herr Jesus wird verherrlicht. Der Heilige Geist ist am Werk, ohne daß versucht wird, ihn zu zwingen und unseren frommen Wünschen unterzuordnen. Es herrscht hier das echte pfingstliche Klima der Apostelgeschichte, nicht die Atmosphäre der Schwärmer.

Das Zentrum der Erweckungsbewegung 1907 war Pjöngjang in Nordkorea. Der Mittelpunkt der zweiten Welle der Erweckung war Seoul in Südkorea. Der Geist Gottes weht, wo er will, nicht wo wir planen und es wünschen.
Wie steht es nun aber mit der christlichen Gemeinde unter den Kommunisten in Nordkorea? Wir haben schon einiges darüber gehört. Nehmen wir den Bericht wieder auf.

8. Die Untergrundkirche

In den christlichen Blättern ist in letzter Zeit viel um die Existenz der Untergrundkirche gestritten worden.
So schrieb ein Mann, der vier Wochen in Rumänien weilte, Pfarrer Wurmbrand hätte ein verzerrtes Bild von der Lage gegeben. Es ist doch seltsam, daß ein Mann nach einem vierwöchigen Besuch die Situation des Landes besser kennen will als ein Mann, der 50 Jahre in dem betreffenden Land gelebt hat.

Um Zeugen zu haben, nahm ich mit drei rumänischen Pfarrern, die gläubig sind, Verbindung auf. Ich fragte: "Ist die Situationsschilderung von Wurmbrand richtig oder nicht?" Alle drei bestätigten die Wahrheit der Aussagen von Wurmbrand. Einer dieser drei Rumänen war selbst sieben Jahre in kommunistischen Gefängnissen und hat ähnliche Folterungen wie Wurmbrand erlebt. Der zweite berichtete, daß die Kirche, deren Gemeinde er betreute, von den Kommunisten weggenommen wurde. Sie kommen seither viele Kilometer außerhalb des Ortes unter freiem Himmel zum Gebet zusammen. Der dritte, der sich noch in Rumänien befindet, schrieb mir, daß er sich nicht einmal zwei Tage von seiner Gemeinde entfernen darf, ohne es der Behörde vorher zu melden. Dazu darf er in keiner anderen Gemeinde sprechen als in seiner eigenen, und das nur mit allergrößten Einschränkungen.

Warum wird von diesen "Vierwochenreisenden" die Wahrheit so entstellt? Nun, der Vorgang ist bekannt. Es steht nicht immer böser Wille dahinter. Wie kommen diese Berichte zustande?
Es soll das an einem russischen Beispiel gezeigt werden, das in gewisser Abwandlung für alle kommunistisch beherrschten Länder gilt.

Moskau hat ein theologisches Seminar. Haben wir recht gehört? Jawohl, in der roten Metropole eine theologische Ausbildungsstätte! "Da seht ihr es ja, daß in Rußland eine religiöse Freiheit herrscht, wenn der Staat sogar Priester ausbilden läßt", sagen die ’Vierwochenreisenden’. Was ist aber der eigentliche Sinn dieses Seminars? Verfolgen wir den Zweck. Ein junger gläubiger Russe erlebte seine Bekehrung. Er war so feurig für den Herrn Jesus, daß er Priester werden wollte. In seiner Ahnungslosigkeit meldete er sich bei dem theologischen Seminar in Moskau, um sich ausbilden zu lassen. Er erhielt daraufhin von der Behörde eine abschlägige Antwort, daß nur von der Regierung ausgesuchte Leute dort studieren dürften. Der gläubige Mann, mit dem Namen J. S. aus dem Dorf M., war aber hartnäckig. Er ließ sich nicht so schnell abbringen. Da wurde er kurzerhand verhaftet und zu drei Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Wer begreift einen solchen Widerspruch? Die Touristen verstehen es nicht. Die werden mit Höflichkeit und guter Bewirtung "präpariert", damit sie ihren Heimatländern rosig gefärbte Berichte liefern. Wer aber das System kennt, weiß, was da gespielt wird.

Dieses theologische Seminar ist von Atheisten organisiert. Junge Kommunisten werden dafür abgeordnet, dort Theologie zu studieren. Sie werden dann Priester und offizielle Pfarrer der Kirchengemeinden, um darin theologisch eingepackten Atheismus und Kommunismus zu lehren. Die besondere Tragödie ist, daß sie einen Hauptteil ihrer Zurüstung der modernen Theologie entnehmen. Westliche Theologen schmieden dem Osten die Waffen zur Christenverfolgung. Das läßt sich noch begreifen. Unverständlich ist aber, daß gläubige Touristen aus dem Westen entstellende Berichte in westlichen Blättern veröffentlichen.

Das "Umfunktionieren" der Informationen aus dem Osten ist einer der diabolischsten Vorgänge der Gegenwart. Dazu eine aufschlußreiche Episode aus erster Hand. Zwei westliche Kirchenführer besuchten Rumänien und erhielten vom Kultusminister eine Audienz. Eine ihrer ersten Fragen war: "Für welche Vergehen ist Wurmbrand im Gefängnis gewesen?" Der Erzkommunist antwortete natürlich: "Wegen politischer Vergehen."   Dabei hat dieser Kommunist noch recht! Wenn durch das Zeugnis eines Christen sich kommunistische Funktionäre bekehren, so ist das in den Augen des Regimes ein politisches Vergehen. Man kann diesen Kultusminister bei einer solchen Aussage nicht als Lügner verurteilen.   Haarsträubend ist aber, daß die beiden Männer aus dem Westen die Aussage des kommunistischen Ministers als der Weisheit letzten Schluß im Westen ihren Gemeinden verkünden. Und noch haarsträubender ist, daß es Blätter gibt, die diese Verdrehung als Neuigkeit in die christliche Welt hineinposaunen.

Ein anderes tragisches Beispiel ist die Geschichte der 100 000 Bibeln. Mein Berichterstatter ist ein gläubiger Rumäne, der viele Jahre ähnlich wie Wurmbrand um des Glaubens willen im Gefängnis saß und oft gefoltert wurde. Er unterrichtete mich über den Vorgang des angeblichen Bibeldruckes in Rumänien. Vor der Kommunistenherrschaft hatte die Britische Bibelgesellschaft rumänische Bibeln nach Rumänien geschafft. Nach der kommunistischen Besetzung wurden die Bibelpakete jahrelang zurückgewiesen. Manche kamen aber auch durch. In den letzten Jahren wurde nun zwischen der rumänischen Regierung und der Bibelgesellschaft das Abkommen getroffen, daß die rumänische Regierung den Druck von 100 000 Bibeln erlaubt. Die Bibelgesellschaft habe aber den Versand von rumänischen Bibeln einzustellen. Daraufhin lieferte England das Papier und alles was für den Druck der 100 000 Bibeln nötig war, nach Bukarest. Die Regierung versprach den Druck. Die westliche Welt atmete über die Lockerung des kommunistischen Systems auf. Die christlichen Blätter verkünden frohlockend den Druck von 100 000 Bibeln in einem kommunistischen Land und werten das als religiöse Freiheit. Was steht hinter dieser Aktion? In manchen Gebieten in Rumänien wurden Listen ausgegeben, damit sich jeder eintragen konnte, der eine Bibel wünschte. Diese Aktion wurde zu einem vollen Erfolg, denn der rumänische Geheimdienst besitzt nun die Anschriften dieser Bibelleser. Die Kehrseite der Aktion ist: "Wo sind die 100 000 Bibeln?" Kein Buchladen weist sie auf. Niemand weiß, wo sie zu bekommen sind. Erreicht hat die Regierung lediglich, daß die offiziellen Lieferungen von Bibeln vom Ausland aufgehört haben. Der Kommunismus hat diesen Schachzug gewonnen nur die Harmlosen im Westen haben diese Taktik nicht durchschaut. Es mag nun durchaus sein, daß nach der Veröffentlichung dieser Broschüre, die immerhin in einer Erstauflage von 30 000 erscheint, jetzt einige Bibeln in den Buchläden Bukarests ausgelegt werden, um den Touristen zu zeigen: "Seht, wie bei euch im Westen gelogen wird." Und auch auf dieses Manöver werden die "Vierwochenreisenden" hereinfallen und weiterhin zur Vernebelung des Westens beitragen. Diese Blindheit ist eine Strafe, ja ein Gericht Gottes. Das wird erst erkannt werden, wenn je dem Weltkommunismus die Überrumpelung des Westens gelingen sollte, was Gott verhüten möge.

Ein häufig geäußertes Argument der Verneblungstaktiker ist die Aussage: "Eine Untergrundkirche gibt es nicht." Wie steht es damit? Wer allerdings eine organisierte Untergrundkirche mit Bischof und Konsistorium sucht, der findet sie in der Tat nicht. Das hat es in der Katakombenkirche Roms und anderer Städte des römischen Weltreiches auch nicht gegeben. Als Paulus nach Syrakus gekommen war, hielt er seine Gottesdienste nicht in dem Tempel eines römischen Gottes, sondern in den Wasserleitungen der Stadt, die heute noch zu sehen sind. Die Gläubigen in den kommunistischen Ländern kommen unter der Gefahr der Verhaftung und Verschleppung in Privathäusern, in Kellern, in Heuschobern, in Schlupfwinkeln, in Höhlen, in Wäldern zusammen. Sie haben keine Organisation, aber sie haben den Herrn Jesus in ihrer Mitte. Wenn zwei Sowjetsoldaten sich bekehren und sich heimlich zum Gebet treffen, so ist das nicht die offizielle, kommunistisch kontrollierte Kirche, aber es ist Untergrundkirche, echte Gemeinde Jesu. Diese Untergrundkirche ist unvermeidbar, solange Gottlose, Atheisten und Verleugner über die offizielle Kirche herrschen. Gerade bei der Drucklegung dieses Taschenbuches kam aus Ungarn die Nachricht, daß ein ausgesprochener Atheist Minister für religiöse Angelegenheiten geworden ist. Solche Maßnahmen führen in allen kommunistischen Ländern stets zur Bildung der kleinen illegalen Zellen gläubiger Christen.

Nach dieser grundsätzlichen Vorfühlung kommen wir zur Untergrundkirche von Nordkorea. Wer sind meine Gewährsleute? Ich war bei einer Reihe von nordkoreanischen Flüchtlingen zu Gast. Mein zuverlässigster Berichterstatter ist Dr. Han aus Seoul, der viele Jahre in Pjöngjang in Nordkorea gearbeitet hatte. Er ist ein Freund von Billy Graham, dazu bekanntester Pfarrer von Korea. Bei dem Weltkongreß für Evangelisation 1968 in Singapore war er der Präsident. Er gab am 24. November 1968 in Seoul einen Bericht über die Situation in Ostasien. Sein Sekretär gab mir eine Kopie dieses Berichtes. Es ist ein grandioses Wort über das Thema: Geschlossene und offene Türen (Offb. 3, 8 u. 3, 20).

Dr. Han sagte dazu: "Die Türen für das Evangelium sind weit offen in Südkorea, Japan, Philippinen, Indonesien, Taiwan, Hongkong, Singapore, Australien und Neuseeland. Andere Länder dagegen sind für das Evangelium geschlossen. Dazu gehören: Nordkorea, Rotchina, Burma. In diesen Ländern verriegelten die Kommunisten die Türen. In Nepal verhindert der Buddhismus die christliche Mission. Wenn ein Nepalese zum Christentum übertritt und sich taufen läßt, dann kommt er ins Gefängnis. Auch in Afghanistan hält der Islam die Türen zu. Auf der Bekehrung zu Christus steht die Todesstrafe. In Malaysia und in Singapore machen die Chinesen 40 Prozent der Bevölkerung aus. Sie sind frei, ihre Religion zu wählen. Aber der malaysische Bevölkerungsteil kann nur zum Islam gehören. Indien und Ceylon garantieren die Religionsfreiheit. Und dennoch wird das Christentum nicht von der breiten Öffentlichkeit akzeptiert. In Pakistan stellt der Islam dem Evangelium viele Hindernisse in den Weg."

Das ist der Überblick eines Mannes, der die meisten dieser Länder bereist hat. Wie steht es nun mit Nordkorea?

Schon während des koreanischen Krieges waren die Christen in Nordkorea Repressalien ausgesetzt. Nach Beendigung dieses Feldzuges wurde den Christen jegliche gottesdienstliche Betätigung verboten. Um dem Ausland gegenüber Religionsfreiheit zu dokumentieren, wurde eine Scheinorganisation, die sogenannte "Christliche Allianz", gegründet. Der Vorsitzende, Dr. Kang Nam Ook, steht unter der Kontrolle der Kommunisten. Genau wie in Rußland und anderen kommunistischen Ländern ist die offizielle Kirche der kommunistischen Regierung verpflichtet. War nicht die Weltkirchenkonferenz in Uppsala der beste Beweis dafür? Die Bischöfe aus dem Osten haben mit einer Ausnahme ihren kommunistischen Regierungen die Steigbügel gehalten.

Es gibt aber in Nordkorea auch eine heimliche Kirche, die ihre Knie nicht vor Baal gebeugt hat. Hören wir davon.
1957 war in Nordkorea die Wahl zur Volksversammlung. In der Stadt Yongchun wunderten sich die Beamten bei der Auszählung der Stimmen, daß einige tausend Wahlberechtigte von ihrem Stimm¬recht keinen Gebrauch gemacht hatten. Das war den Stadtvätern peinlich, weil sie damit ihr Soll an abgegebenen Stimmen nicht erfüllen konnten. Obwohl es in Yongchun Christen gab, konnte man doch nicht nachweisen, daß die fehlenden Stimmen auf die Christen entfielen. Sie hatten allerdings beobachtet, daß gewöhnlich an Sonntagen die Wahlbeteiligung so gering war. Darauf gründeten sie ihren Verdacht. Die Geheimpolizei trat in Aktion. Die Christen wurden in ihren Häusern aufgesucht. Sie waren am Sonntag daheim aber nicht anzutreffen. Die Polizei forschte weiter und stöberte zuletzt die Vermißten an entlegenen Plätzen auf, wie sie zusammen beteten.

Nach dieser Entdeckung wurden viele Christen verhört. Es kam dabei heraus, daß allein die Stadt Yongchun etwa 500 solcher Gebetszellen besaß, Die Untergrundkirche hatte also jeden Sonntag einige tausend Gemeindeglieder in den heimlichen Versammlungen. Natürlich war die Geheimpolizei daran interessiert, den Organisator dieser vielen "Zellen" zu entdecken. Einer von den verantwortlichen Männern war Mr. Lee, ein ehemaliger Pfarrer aus einem anderen Distrikt. Er arbeitete auf einer Kolchose. In seiner Freizeit trieb dieser Christ Mission von Mann zu Mann und schloß die gewonnenen Christen zu den erwähnten Gebetszellen zusammen. Lee und einige andere Führer wurden verhaftet und zum Tode verurteilt.

Ein anderer Bericht liegt aus der Stadt Pakchun vor. Eine gläubige Lehrerin unterrichtete in Sprachen, Mathematik und Musik. Während der Musikstunden brachte sie den Kindern nicht nur die vorgeschriebenen kommunistischen Lieder bei, sondern auch christliche Hymnen. Die Kinder sangen daheim mit Begeisterung die christlichen Lieder. Natürlich blieb das nicht verborgen. In der kommenden Verhaftungswelle wurde nicht nur die Lehrerin ins Gefängnis gesteckt, sondern auch Eltern, die ihren Kindern die christlichen Lieder nicht verboten hatten.

Ein weiteres Ereignis verdient unsere Beachtung. In der Stadt Sun Chun tauchte eines Tages ein alter Mann auf. Er wurde Vater Kim genannt. Dieser Greis hatte offensichtlich seinen Verstand verloren. Er wanderte in den Straßen umher und sprach vor sich hin. Eine seiner häufigen Gesten war der Blick zum Himmel und da nn eine Handbewegung nach dem Süden. Die Polizei wurde dadurch auf ihn aufmerksam. Sie forschten in seiner Vergangenheit nach und brachten heraus, daß er ein katholischer Priester gewesen war. Sie verhafteten ihn also. Er wurde zum Tode durch Erschießen verurteilt. Unmittelbar vor der Exekution betete er laut und deutlich: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Dann wurde er erschossen. Wenn die beiden Teile von Korea je einmal vereinigt werden sollten, dann werden wir von vielen anderen Märtyrern hören, deren Geschichte jetzt noch unbekannt ist.
Aus Wonsan wurde ein anderer Vorfall bekannt. Im Duschraum einer Fabrik fiel einem Arbeiter ein kleines Kreuz zu Boden, das er um den Hals getragen hatte. Er wurde denunziert und dann sofort verhaftet. Vor der Geheimpolizei mußte er die Herkunft dieses kleinen Kreuzes angeben. Daraufhin entdeckten diese Henker in Wonsan und Umgebung viele katholische Christen, von denen dann die führenden Männer zur Verantwortung gezogen wurden.
Diese Erlebnisse zeigen uns, daß die Türen in Nordkorea geschlossen sind. Es gibt aber eine leben¬dige Untergrundkirche, Christen, die an verborgenen Plätzen zum Gebet zusammenkommen und sich durch das Wort Gottes für ihren Kampf stärken. Wir können diesen bedrohten und angefochtenen Brüdern und Schwestern kaum helfen. Wir können nur für sie beten und durch den Rundfunk tröstliche Botschaften über den eisernen Vorhang hinweg zu ihnen senden.

9. Neue Wolken

Zwischen meinem ersten und zweiten Koreabesuch liegen 12 Jahre. Inzwischen war der unselige Vietnamkrieg losgebrochen, der dem Koreakrieg ähnlich ist. Der kommunistische Norden gibt keine Ruhe, sondern will Südvietnam unter seine Knute bringen. Die Amerikaner kämpfen wieder für den Süden wie damals in Korea. Die Situation ist allerdings anders. In Korea lagen damals jeden Morgen Tausende von Christen auf den Knien. Das fehlt in Südvietnam, wenn es auch hier kleine treue Christengemeinden gibt.
Südkorea verfolgt mit größter Spannung den Verlauf des Vietnamkrieges, weil sein Ausgang Auswirkungen auf Korea hat. Als der amerikanische Präsident vor zwei Jahren ankündigte, er wolle auf eine weitere Kandidatur verzichten und alles tun, um den Krieg in Vietnam zu beenden, da standen die Südkoreaner wie unter einer Schockwirkung.
Ich befand mich gerade an der Evangelischen Akademie in Seoul, als die Tagespresse diese Nachricht brachte. Dr. Kang, der Akademieleiter, war bei dieser Zeitungsnachricht entsetzt. Er sagte mir: "Auf der ostasiatischen Kirchenkonferenz in Bangkok setzte ich meinen ganzen Einfluß ein, den Brüdern die Gefährlichkeit eines Verzichtes in Südvietnam klarzumachen. Die Russen stellen die Amerikaner als Interventionisten dar. Dabei waren doch sie es, die von Nordkorea aus die Demarkationslinie überschritten und angegriffen haben und nicht die Amerikaner vom Süden her. In Vietnam waren es wieder die Kommunisten, die Vietkong, die Südvietnam angriffen und nicht die Amerikaner. Wenn der Amerikaner Südvietnam im Stich läßt, dann wird nicht nur ganz Vietnam kommunistisch, sondern alle anderen jetzt noch freien Länder Ostasiens folgen in zehn Jahren nach. Ein Friedensschluß in Vietnam bedeutet Krieg gegen die noch nicht kommunistischen Länder Ostasiens und bedeutet vor allem ein entsetzlicher Terror gegen die christliche Kirche. Die Pazifisten des Westens geben mit einem durch die Weltmeinung erzwungenen Friedensschluß in Vietnam den Kommunisten Frieden und allen übrigen Krieg, Unterdrückung und eine unglaubliche Sklaverei. Es ist ein Jammer, daß ein Großteil des amerikanischen Volkes ihrer Regierung in den Rücken fällt."

Dr. Kang ist nicht der einzige in Korea, der so denkt. Er ist nur Sprecher für tausend andere.
Nach der Wahl Nixons und dem auf der Pariser Konferenz eingehandelten teilweisen Abzug amerikanischer Truppen aus Südvietnam wurde das Entsetzen der Südkoreaner noch größer.

Anläßlich eines Vortrages an einem großen College mit etwa 1700 Schülern kam ich mit dem Rektor ins Gespräch. Er sagte: "Wir begreifen nicht die Naivität der Amerikaner. John F. Kennedy, dieser fähige amerikanische Präsident, wurde von dem in Moskau ausgebildeten Kommunisten Oswald getötet. Sein Bruder Robert Kennedy wurde von Sirhan erschossen, der in sein Notizbuch geschrieben hat: ’Der Kommunismus ist das beste soziale System.’ Dr. Martin Luther King wurde von Mr. Ray, einem Werkzeug des Weltkommunismus, umgebracht. Die besten Männer der USA werden von den Kommunisten abgeknallt, und doch können die Amerikaner diese Sprache nicht verstehen."

Dann kam aber das eigentliche Bekenntnis dieses christlichen Lehrers: "Wir koreanischen Christen hatten in all den furchtbaren Wirren der vergangenen Jahre nur unsere Zuflucht zum Gebet. Durch die Politik und durch militärische Aktionen allein wurden unsere Probleme nicht gelöst, sondern durchs Gebet. Das bleibt uns auch für die Zukunft. Wir beten weiter."

Weiterbeten! Das ist keine Beruhigungspille für schwache Gemüter. Wir Christen haben kein anderes Machtmittel als das des Gebetes. Wir wissen, dag Gott sein Kommando nicht abgibt. Er ist kein alter Greis geworden, der die Obersicht verloren hat. Sein langes Schweigen ist nicht Zeichen seiner Schwäche, sondern bedeutet Geduld. Ihm sind die Probleme auch der gerichtsreifen Welt nicht über den Kopf gewachsen. Er bringt seine Gemeinde durch, wenn es auch durch die Katakomben geht. Am Ende alles Leides wird doch erfüllt sein, was in Psalm 29,11 steht. "Der Herr wird sein Volk segnen mit Frieden."

III. Die Young Nak Gemeinde

Nach der großen Zwischenpause zwischen dem ersten und zweiten Besuch Koreas interessierte mich, ob das Feuer der Erweckung noch brannte oder am Erlöschen war. Es ist ja ein unergründliches Geheimnis, daß die geistlichen Aufbrüche stets nach einigen Jahren oder Jahrzehnten abklingen. Die Waliser Erweckung hat nicht einmal ein Jahrzehnt erreicht, obwohl natürlich die Auswirkungen noch viel länger zu spüren waren. Welche Kraft und Ausdauer hat nun die koreanische Erweckung bewiesen?
Untersuchen wir diese Frage an dem Gemeindeleben der Young Nak Kirche, die unter den Hunderten von Kirchen am meisten herausragt.

1. Tradition oder Leben

Dieser Bericht entstand in Seoul. Es war der Sonntag Lätare: Freuet euch! Mit Freude hatte dieser Tag begonnen. Die Tageslese behandelte die Gestalt Abrahams: "Er wußte aufs allergewisseste, daß, was Gott verheißt, das kann er auch tun." "Er zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben, sondern war stark im Glauben und gab Gott die Ehre." Es war eine wunderbare Zurüstung aus Römer 4.

In der zweiten Etappe schien dieser Sonntag keine Freude zu bringen. Um halb fünf Uhr in der Frühe wollte ich das CVJM Hotel verlassen, um zur Gebetsstunde von Dr. Han zu gehen.
Ich wohnte im siebten Stockwerk. Der Fahrstuhl war noch nicht in Betrieb. So stieg ich die Treppen hinab. Zwischen dem sechsten und fünften Stockwerk war eine eiserne Tür, die verschlossen war. Zurück ins Zimmer! Ich telefonierte zur Rezeption. Lange keine Antwort! Endlich eine verschlafene Stimme. "Bitte öffnen Sie mir, ich möchte zur Young Nak Kirche gehen." Ein unwirsches Brummen war die Antwort. Ich wartete, lief wieder zum Fahrstuhl. Nichts rührte sich. Zurück! Ein zweites und drittes Telefonat. Endlich klappte es. Der aus der Ruhe aufgescheuchte Portier ließ mich zur Hintertür hinaus und schloß sofort hinter mir zu. Ich stand auf dem Hof des Hotels.

Zweiter Akt. Alle Türen vom Hof zur Außenwelt waren geschlossen. Der Nachtwächter war nicht auffindbar. Ich fühlte mich wie auf einem Gefängnishof. Hohe Mauern umgaben mich. Ich dachte an die Zeit, da mich der Russe hinter solche Mauern gesteckt hatte.
Da sah ich im Keller Licht. Also runter in das Subterrain, sogar bis in das zweite Untergeschoß! Riesige Heizöfen spuckten Wärme aus. Ein Maschinist saß davor. Ich redete ihn englisch an. Er verstand nichts. Und ich verstand nicht sein Koreanisch. Ich zeigte ihm meine Bibel und bedeutete ihm mit einer Handbewegung, daß ich aus dem Haus gehen wollte. Er zeigte auf das Häuschen des Nachtwächters. Wieder mit Gesten beschrieb ich ihm, daß der Nachtwächter nicht da sei. Er begriff. Er zog los und suchte den Mann mit dem Schlüssel. Wir fanden ihn.

Bei diesem umständlichen Manöver dachte ich: "Was will das im Brandfall werden? Da kommt doch niemand mehr heraus!" In der Tat waren ein Jahr zuvor in einem so verriegelten Großgebäude 29 Menschen verbrannt, wie ich hinterher erfuhr. Ich hatte jedenfalls eine halbe Stunde gebraucht, um aus diesem CVJM Hotel herauszukommen. Zu Fuß hätte ich jetzt die Gebetsstunde nicht mehr erreicht. Ein Taxi hielt an. Zum Abschied betrog mich der Fahrer. Sein Taxameter hatte nicht funktioniert. Das ist häufig so, wenn Asiaten Ausländer zu fahren haben.

Mit zehn Minuten Verspätung schaffte ich es. Gebetsstunde von fünf bis sechs Uhr morgens. Wie oft im Monat? Nun, wir kennen inzwischen koreanische Gebetssitten. Nicht einmal im Monat, nicht einmal in der Woche, sondern jeden Morgen! Es gibt in der westlichen Welt kaum Gemeinden, wo es das gibt. Wirklich? Ich kenne einen Pfarrer, der jeden morgen um 6 Uhr mit Arbeitern in der Kirche zu einer kleinen Morgenfeier zusammenkommt. Diese Feier dauert zehn Minuten. Einstündige Gebetszeiten jeden Morgen entdeckte ich in keiner westlichen Kirchengemeinde.

In der Young Nak Kirche, vielmehr in einem Nebenraum, waren hundert Beter da. Dr. Han selbst leitete diese Gebetsstunde. Am Schluß stellte er mich seinen Betern vor. Beim Hinausgehen dachte ich, nun wäre nach all den Strapazen des Hotelerlebnisses ein Frühstück fällig. Ich bekam es. Worin bestand es? Dr. Han brachte mich in eine andere Kapelle neben seiner großen Kirche. Dort war die zweite Gebetsgruppe, die von 6 bis 7 Uhr zusammen war. Wie oft kommt diese Gruppe zusammen? Genauso jeden Morgen!

Man mag vielleicht denken, das hätte mich ermüdet. Nein, ich verstand kein Koreanisch, aber ich spürte die geistliche Atmosphäre und hatte meine eigene Gebetszeit.

Der Gottesmann erläuterte mir dann die verschiedenen Sonntagsdienste. "Um 7 Uhr ist der erste öffentliche Gottesdienst. Da Sie im Hotel kein Frühstück hatten, unterbrechen Sie bitte die zweite Gebetsstunde und kommen Sie rüber ins Pfarrhaus." Um halb sieben kam dann mein Magen zu seinem Recht.

Um 7 Uhr saß ich dann im ersten Frühgottesdienst. Die Kirche faßt 2000 Menschen. Und sie war schon um 7 Uhr voll. Der zweite Gottesdienst war um 10 Uhr. Wieder staunte ich bei diesem Gemeindewunder. Die Kirche abermals voll! Der dritte Hauptgottesdienst um halb 12 Uhr. Und der Besuch? Kein Platz mehr zu bekommen. Es ist der Gottesdienst, der von Ausländern besucht wird, weil die Predigt über eine Mithöranlage ins Englische übersetzt wird.
Parallel zu den Hauptgottesdiensten finden die Jugendgottesdienste statt, die von rund 2000 Kindern und Jugendlichen, nach Alter getrennt, besucht werden.

Am Abend versammelte sich die Gemeinde zum sechsten Mal. Faßt man alle Gottesdienste einschließlich der Jugendversammlungen an einem einzigen Sonntag zusammen, so ergibt sich in dieser einen Gemeinde ein Besuch von rund 12.000 Menschen. Es gibt in der weiten Welt keine Gemeinde mehr, die das aufzuweisen hat.

Was ist wohl das Geheimnis dieser Gemeinde? Der Zuhörer wird nicht rhetorisch über den Intellekt angegangen, sondern durch den Heiligen Geist in die Gegenwart Gottes gestellt. Das ist die Frucht der koreanischen Erweckung.

Billy Graham hat hier vor Jahren evangelisiert. Beim Weltkongreß für Evangelisation in Berlin äußerte er sich darüber: "Wer die Young Nak Gemeinde noch nicht erlebt und sie noch nicht beten gehört hat, der weiß nicht, was eine Gebetsversammlung ist."
Ist es nicht ein gewaltiges Geschenk Gottes, daß diese Erweckung in Korea jetzt schon über sechzig Jahre anhält? Sie ist noch nicht zur toten Maschinerie, zur leeren Tradition erkaltet. Es ist immer noch blühendes Leben da.
Eine solche Auslegung des Sonntags Lätare hatte ich bisher noch nicht erlebt. Freuet euch!

2. Dr. Kyung Chik Han

Einer der bedeutendsten geistlichen Väter Koreas ist Dr. Han. Bevor ein kleiner Auszug aus seinem Leben gebracht wird, muß unbedingt ein biblisches Warnschild aufgerichtet werden.
Biographien haben es gewöhnlich an sich, daß Menschenverherrlichung getrieben wird. Ober solchen Büchern steht: "Ihr raubt Gott, was sein ist." Ehre allein dem, dem sie gebührt! Ob es Billy Graham in Amerika ist, Peter Oktavian in Indonesien, Dr. Han in Korea   wer sind sie? Doch nur Sünder, die der Herr angenommen und erwählt hat. Wie groß auch das Lebenswerk eines Mannes sein mag, jeder Mann Gottes, jeder Evangelist und Missionar ist der Gefahr der Selbstbespiegelung ausgesetzt, zumal dann, wenn ihm der Herr Großes anvertraut hat.
Wenn wir das verstanden haben, daß alles nur im Blickpunkt auf Jesus gesagt werden kann, dann darf ein Mensch als Werkzeug Gottes herausgestellt werden.
Es will mir scheinen, daß Dr. Hans Leben zwei große Abschnitte hat: sein Werdegang bis zur Gründung der Young Nak Kirche 1945, ferner seine Aufbauarbeit in Südkorea seit dieser Gemeindegründung.

Die Auswahl und Zubereitung des Werkzeuges
Einige Kilometer nördlich von Pjöngjang in Nordkorea ist Dr. Han geboren. Wie schon angedeutet, stellt diese Stadt in der geistlichen Geschichte Koreas ein Extrem dar. 1906 Ausgangspunkt der großen Erweckung und heute das antichristliche Zentrum, der Sitz eines Regimes, das die Christen blutig verfolgt. Für die wenigen Touristen, die dorthin ein Reisevisum erhalten, ließ man eine christliche Kirche offen, um Religionsfreiheit zu demonstrieren. Dem Teufel ist es also gelungen, seine Handlanger in das Wirkungszentrum des Heiligen Geistes zu postieren. Der Triumph ist zu früh. Die Stunde kommt, da Gott dem Untier aus dem Abgrund, das heute Asien tyrannisiert, ein Ende bereitet. Den letzten Schachzug tut der, dem alle Gewalt vom Vater im Himmel anvertraut ist.

Dr. Han kommt also aus dem spannungsgeladensten Teil Koreas. Daß er selber von Gott ausersehen war, in diesem Spannungsbogen Koreas eine entscheidende Rolle zu spielen, das konnte der schmächtige Junge zu Beginn unseres Jahrhunderts nicht ahnen. Zur Zeit der Erweckung war er erst fünf Jahre alt. Direkt hat er von dieser Bewegung nichts mitbekommen, aber indirekt sehr viel, wie wir hören werden.

Zunächst war er ein fideler Junge, der um seiner fröhlichen und zugleich entschlossenen Art willen gewöhnlich der Führer der Gleichaltrigen war. Dieser Fröhlichkeit tat es keinen Abbruch, als er kurze Zeit später durch seinen älteren Vetter vom Christentum und von den Auswirkungen der Erweckung hörte. Sein Verwandter war konfuzianistischer Gelehrter, der sich der Herrschaft des Nazareners gebeugt hatte. Nach dieser Wandlung erfüllte das Evangelium diesen treuen Mann so sehr, daß er allen Angehörigen und Verwandten davon erzählte. Dieser ehemalige Konfuzius Jünger war die Ursache, daß sich in Dr. Han’s Heimatort eine christliche Gemeinde bildete.

Dieser bekehrte Gelehrte war von dem Drang und dem Wunsch beseelt, viele Menschen zu jesus zu führen. Er fing eine Sonntagsschule an, der auch Han beitrat. Zweimal im Jahr wurde diese Sonntagsschule von einem amerikanischen Missionar, Dr. Blair, besucht, der zur Zeit der Niederschrift dieses Berichtes noch lebte. Der junge Han mit seinen lebendigen Augen zog das Interesse von Dr. Blair auf sich. Eine Freundschaft entstand, die nun schon über 50 Jahre dauert. Dr. Blair überwachte den Werdegang seines jungen Freundes und beriet ihn in allen Fragen der Ausbildung. Auf seine Veranlassung hin besuchte Han die Akademie in Chung Joo. Später bezog er das Union Christian College der Presbyterianer in Pjöngjang. Während dieser vierjährigen Ausbildungszeit war er zugleich der Sekretär von Dr. Blair, der ihn in sein Haus aufgenommen hatte.

In dieser Zeit war es, daß der junge Han ein besonderes Erlebnis hatte, das seine fernere Entwicklung entscheidend beeinflußte. Bei einem Spaziergang an der Küste des Gelben Meeres entlang trat ihm der Herr in den Weg. Han warf sich nieder und verharrte einige Stunden im Gebet. Er lieferte sich rückhaltlos jesus aus und wurde sich darüber klar, daß er in die Reichgottesarbeit einzutreten habe.

Dr. Blair vermittelte ihm ein Studium in den Vereinigten Staaten. Zuerst besuchte Han das Emporia College. Kurz vor dem Examen packte ihn eine Grippe, und er hütete zwei Wochen das Bett. Trotzdem bestand er danach sein Examen als einer der ersten. 1926 bis  1929 setzte er seine Studien am Princeton Theological Seminary fort. Auch hier schloß er mit den besten Zeugnissen ab. Das Geld für sein Studium verdiente er sich als Tellerwäscher in den Hotels und Lokalen.

Kurz nach seinem Studium erkrankte er an einer Lungentuberkulose, die ihn für zwei Jahre lahmlegte. Es bestand auf Grund seiner schwachen Konstitution wenig Aussicht auf Heilung. Han mußte sich mit dem Gedanken an den Tod vertraut machen. Und das war gewiß ein schwerer Weg für einen hoffnungsvollen jungen Mann. Er fügte sich in Gottes Willen, bekam aber nach intensivem Gebet die Freudigkeit, von Gott eine Heilung zu erwarten, die dann auch eintrat.

Nach seiner Genesung berief ihn das Soon Sil College in seiner Heimat als Professor für biblischen Unterricht. Die Japaner verhinderten aber diese Berufung. So gab er sich mit einem Pastorat in Shinui Chu zufrieden. Diese Gemeindearbeit bildete die Grundlage für seine spätere Gemeindegründung, um derentwillen er nicht nur in Korea, sondern in der ganzen christlichen Welt bekannt wurde. Er versteht heute diesen Weg, daß ihm damals die Professur durch die Japaner verbaut worden ist. Die Erfahrung der Gemeindearbeit war für seine späteren Aufgaben besser geeignet. Das Ende des Zweiten Weltkrieges war auch das Ende der ersten Lebensstufe im Leben von Dr. Han.

3. Die Aufbauarbeit in Südkorea

Hans Arbeit in Seoul begann nach seiner Flucht aus Nordkorea. Die Kommunisten hatten dort den Pastoren die Arbeit unmöglich gemacht. Dazu ertrug Hans patriotisches Herz nicht diese Unterjochung und geistige Vergewaltigung.
Der Start im Süden war sehr schwer. Gleich den anderen Flüchtlingen wußte Han nicht: wo wohnen   wo arbeiten   wovon leben. Er traf einige Nordkoreaner, die genauso wie er völlig entwurzelt waren. Er schlug ihnen vor, zum Gebet zusammenzukommen. Es waren 20 bis 30 Männer. Nach der Gebetsvereinigung waren sie so getrost, daß sie sich entschlossen, diese Gebetsstunde zu wiederholen. Diese Versammlungen verzweifelter Menschenwaren der Anfang, der Kern der Gemeinde, die entstehen sollte. Im Frühjahr 1946 besaß diese Gemeinde, die sich den Namen Young Nak Kirche gegeben hatte, schon 500 Mitglieder. Im Sommer 1947 war die Mitgliederzahl schon 2000. Sie mußte damit beginnen, sonntäglich mehrere Gottesdienste zu halten, weil der bisherige Raum nicht ausreichte. Im Sommer 1948 mußten schon 3000 Gemeindeglieder betreut werden.
Es blieb aber nicht bei der Sammlung der nordkoreanischen Christen. Die Kinder der Flüchtlinge mußten eine christliche Schulbildung erhalten. So gründeten sie die Tae Kwang Akademie, die heute 1500 Studenten hat. Dr. Han, der von einer amerikanischen Universität und von der Universität in Seoul den Ehrendoktor verliehen bekam, ist der Präsident dieser Akademie.
Die Young Nak Gemeinde wuchs mit den Jahren so an, daß es unerläßlich war, eine eigene Kirche zu bauen. Der Plan wurde 1948 gefaßt und sofort ausgeführt. Die Gemeindeglieder haben sich mit freiwilliger Arbeit geradezu aufgeopfert. Von den Großvätern an bis zu den Enkeln war alles auf den Füßen, um zu helfen. Diese Kirche ist unter viel Gebet und von den hart arbeitenden Händen seiner Gemeindeglieder erbaut worden. Und es ist eine schöne Kirche geworden mit 2200 Sitzplätzen. Wie eine gotische Kathedrale beherrscht sie auf einem Hügel den ganzen Stadtbezirk am Judong. Drei Wochen nach der Einweihung griffen die Kommunisten an, und Seoul mußte evakuiert werden.
Niemand kann ermessen, was diese erneute Flucht für die Nordkoreaner bedeutete. Sie hatten schon einmal alles verloren. Und nun das zweite Mal den Roten ausgeliefert sein? Dazu der Schmerz um die gerade fertiggestellte Kirche!
Dr. Han blieb zunächst in Seoul. Einige Älteste hielten ihn verborgen. Als die Roten einmarschiert waren und systematische Hausdurchsuchungen begannen, wurde ihm die Flucht dringend nahegelegt. Er fügte sich und setzte sich in wochenlanger Fußwanderung nach Taegu ab.
Die UNO Truppen und die Amerikaner eroberten dann das verlorene Gebiet zurück und befreiten sogar Pjöngjang in Nordkorea. Han wir dicht hinter den Truppen. So konnte er den Befreiungsgottesdienst halten. Was hatten die nordkoreanischen Christen alles an Leid zu erzählen! Nur die, die sich hatten verbergen können, waren am Leben geblieben. Die anderen waren von den Roten massakriert worden. Nordkorea allein hat Tausende von Märtyrern. Und dann spielten die Bischöfe und die Präsidenten der Weltkirchenkonferenz in Uppsala die Ahnungslosen und akzeptierten die Friedensschalmeien der "rotinthronisierten" Kollegen aus dem Osten. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß natürlich zugegeben werden, daß es einige wenige hohe Würdenträger der östlichen Kirche gibt, die nicht Hirten von kommunistischer Gnade sind.

Der Dankgottesdienst von Dr. Han in dem befreiten Pjöngjang war verfrüht. Die Chinesen sandten große Kontingente an Soldaten, die rasch vor¬drangen und bis Weihnachten wieder Seoul erreichten. Zum dritten Mal machten sich die Nordkoreaner auf die Flucht.
Einen Tag vor Weihnachten wurden die Waisenkinder der Kirche nach dem Süden geschickt. Es ist ein Ruhmesblatt der Amerikaner, daß ihre Luftwaffe 1000 Waisen nach der Insel Chejudo wegflogen und in Sicherheit brachte. Dr. Han hielt mit 500 Gemeindegliedern, die zurückgeblieben waren, den Weihnachtsgottesdienst. Es war der bewegteste Gottesdienst seines Lebens.
Nach dem Gottesdienst wurde Dr. Han von dem Präsidenten Syngman Rhee gerufen. Er hatte den Erlaß der Regierung zu verlesen, daß die Stadt abermals evakuiert werden müßte. Dieser Auftrag zeigt, welche Stellung Dr. Han in der Öffentlichkeit einnahm und welches Vertrauen er bei der Regierung und beim Volk genoß. Obwohl die Roten in Seoul übel gehaust hatten, blieb doch die Young Nak Kirche außer einigen Treffern verschont. Das war für die Tausenden von Betern eine Erhörung ihres Flehens. Die Kirche konnte schnell repariert werden.

Es hat keinen Sinn, die ganze Kriegsgeschichte zu wiederholen. Dr. Han wurde angeboten, er solle nach Japan gehen und dort eine Gemeinde übernehmen. Er lehnte ab mit den Worten: "Ich kann in diesen Zeiten der Not mein Volk und meine Gemeinde nicht im Stich lassen."

Gott gebrauchte diesen Mann in Korea. Und wie er ihn segnete und als sein Werkzeug verwandte, ist kaum zu ermessen. Was ist nicht alles unter seinen betenden und arbeitenden Händen entstanden! Ein Waisenhaus, ein Witwenheim, ein Bibelklub, eine höhere Schule, die schon erwähnte Akademie wurden finanziert. Die Ausbildung von 23 Evangelisten und Missionaren wurde möglich gemacht und ihre Besoldung übernommen. Die Synode der Kirche von Korea wählte Dr. Han zu ihrem Moderator. Darüber hinaus sitzt er in vielen Gremien, die sonst normalerweise den geistlichen Tod der großen Männer herbeiführen. Hat Dr. Han die Schlagseite der religiösen Aktivisten bekommen?

Dr. Han sitzt nicht nur im Vorstand vieler Organisationen, er sitzt vor allem seit 25 Jahren   jeden Morgen   um 5 Uhr in der Gebetsstunde seiner Gemeinde. Ich konnte mich selbst davon überzeugen. Sein Sekretär hat es mir auch bestätigt.

Es ist im Leben oft so, daß die verantwortungsvollen Männer ihrem großen Umtrieb geistlich erliegen. Trotz des geistlichen Amtes werden sie herrschsüchtig, fallen ihrer Umgebung zur Last, werden Opfer der Selbstgefälligkeit   und sie merken es nicht. Nur die sie umgebenden Menschen spüren es und seufzen darunter. In welchem Licht sieht die Young Nak Gemeinde ihren Pfarrer?
Viele Charakteristiken wurden mir gegeben. Man rühmt Dr. Han nach, daß er alles mit Gebet regelt. Spricht er mit jemand, so sagt er stets: "Laßt uns zuvor beten!" Das ist das Geheimnis seiner Vollmacht, mit der er jeden Sonntag auf der Kanzel steht. Man sollte fast nicht meinen, daß aus einem so schwachen Leib eine solche Stimme erschallen kann. Aber nicht die Gewalt der Stimme macht es, sondern Gottes Geist, der über dieser Gemeinde schwebt.

Andere rühmen Dr. Han als einen Mann, der noch nie zornig gesehen wurde. Einige wollten ihn schon absichtlich reizen, um ihn zu testen. Es ist ihnen nicht gelungen. Dr. Han blieb auch diesen Versuchern gegenüber freundlich.
Bekannt ist auch sein ausgereiftes, abgewogenes Urteil. Er gilt als ausgesprochen weise, schwierige Probleme zu erfassen und zu klären.

Nicht zuletzt ein wichtiger Punkt. Dr. Han ist nicht geldgierig. Sein Sekretär sagte mir: "Dieser Mann weiß nicht, was er verdient. Seine Frau holt stets das Gehalt ab und sorgt treu für ihn. Das ist bei ihm nötig, denn er gibt alles weg, was er in der Tasche hat. Wird er unterwegs angebettelt, dann greift er in die Tasche und holt alles heraus. Dann geht er zu Fuß weite Wege heimwärts, weil er kein Geld für ein Verkehrsmittel mehr besitzt."

Wenn man mich fragt, was mich am meisten an dieser Young Nak Kirche gepackt hat, dann bekenne ich:
1. Das Wehen des Heiligen Geistes über dieser Gemeinde.
2. Dieser bescheidene, stille Beter Dr. Han, der so gar kein Wesens aus seiner Person macht. Diese Priesterseele, die jeden Morgen mit seiner Gemeinde vor dem Thron Gottes weilt.

Er ist ein Mann, in dem Christus Gestalt gewonnen hat. Wir wollen diesen Mann als einen geistlichen Vater und Führer Koreas achten und ehren, noch mehr aber den, der sich durch ihn verherrlicht: den Herrn Jesus selber.

Korea ist noch nicht am Untergehen. Seine Christen sind auf dem betenden Posten. Solange Mose in der Amalekiterschlacht (2. Mose 17) betend die Arme hob, siegte das Volk Israel. Solange Koreas Christen am Beten sind, werden die Kommunisten nicht siegen, selbst wenn sie das Land im Süden einnehmen sollten. Militärische Gewalt und parteipolitischer Terror können die Gemeinde Jesu nicht auslöschen. Der Endsieg gehört dem Gekreuzigten und seiner betenden Schar.

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