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Das Kruzifixurteil PDF Drucken E-Mail

Günter Rohrmoser

 

Das Christentum und die Zukunft der Demokratie

 

Über die Entfernung von Kruzifixen in den Schulen – Veranstaltung in der Stadthalle von Memmingen im Jahre 1995

 

 

Vorwort

Emst Bloch, der bedeutende marxistische Philosoph war von der Sorge umgetrieben, daß, wenn der Sozialismus einmal alle seine Ziele verwirklicht haben sollte, daß dann die Gefahr bestehen würde, daß er an der von ihm selbst erzeugten Banalität des Lebens zugrundegehen könne. Ernst Bloch hat daraus den Schluß gezogen, daß der Marxismus Theologie brauche. Die Ironie der Geschichte will es, daß zum gegenwärtigen Zeitpunkt zwar der Sozialismus zusammengebrochen ist, aber die innere Bedrohung unserer gesellschaftlichen Ordnung durch die allgemein erzeugte Banalität für unsere liberale Republik sich erfüllen könnte. Auch die Herausgeberin der ZEIT, Gräfin Dönhoff, hat ähnliche Befürchtungen geäußert.

Es war daher doch eine große Sache, daß sich das Volk von Bayern in Bayern und wohl auch darüber hinaus mit einer solchen Einmütigkeit gegen die Entfernung der Kruzifixe in den Schulen gewehrt hat. Das Volk hatte offensichtlich das Empfinden, daß es hier um mehr ging, als um eine Frage, die juristisch entschieden werden kann. Die Veranstaltung in Memmingen hatte daher zum Ziel, diesem Empfinden breiter Schichten unseres Volkes zur Sprache und zum Ausdruck zu verhelfen. Mehr als 700 interessierte Zuhörer hatten sich zu diesem Anlaß in der Stadthalle in Memmingen versammelt, und wir kommen einem vielfach geäußerten Wunsche nach, diese Veranstaltung und alle Vorgänge in ihrem Vorfeld und um sie herum zu dokumentieren.

 

Erzbischof Dr. Josef Stimpfle, emeritierter Bischof von Augsburg

Sehr verehrte Damen und Herren. An der Schwelle des dritten Jahrtausends geht der Blick der Völker und der Menschen, besonders der Christenheit, zurück auf ihren Ursprung und in die Zukunft auf ihren Auftrag in der Welt von heute und von morgen. An der säkularen Wende vom zweiten zum dritten Jahrtausend "könnte man beinahe sagen, daß die Menschheit und das Evangelium ihre Kindheit verlassen", sagte Jean Marie Cardina Lustiger, der Erzbischof von Paris. Die christliche Frohbotschaft hat die ganze Völkerwelt inzwischen erreicht. Sie tritt in eine Epoche der "universalen Kommunikation" ein und diese bietet die Chance einer weltweiten Evangelisation. Es gilt, den Kairos zu nützen und den Völkern das Erbe des jüdisch‑christlichen Gottes‑ und Menschenbildes anzubieten, den Völkern, die in ein freiheitliches, friedliches, demokratisches Jahrtausend aufbrechen. Die Demokratie steht und fällt mit der Wertordnung, die im Glauben an den lebendigen Gott und an Jesus Christus, den Retter und Herrn der Welt, verankert ist.

Was hat die Christenheit anzubieten, um die Zukunft der Demokratie zu gewährleisten? Keinesfalls den Versuch der Restauration eines "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation". Das Gottesgnadentum der Könige und Kaiser gehört der Vergangenheit an, nicht aber die in Gott gründende Autorität der legitimen Regierung. Immerhin hat das erste Reich Deutscher Nation tausend Jahre bestanden, während das zweite, das preußische Kaiserreich, von 1881 mit dem Ende des Ersten Weltkrieges und das sogenannte Dritte Reich nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges untergegangen ist. Denn die beiden letzteren Reiche waren nicht auf dem Felsengrund der Anerkennung der Königsherrschaft Gottes und Jesu Christi, sondern auf dem Triebsand irdischen Machtstrebens gebaut.

Die demokratische Ordnung, die vom Sinai‑Gesetz und vom Geist Christi durchdrungen ist, achtet die personale Würde des Menschen, veredelt die vielfältigen Talente der Völker und bietet eine gute Grundlage zum Zusammenleben der Nationen in Frieden und Freiheit. Für die Integrierung der Völker in eine freiheitliche, demokratische und internationale Völkergemeinschaft ist der Glaube an Gott und an Jesus Christus das bleibende Angebot der jüdisch‑christlichen Religion und das solide Fundament für Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden im Dritten Jahrtausend. Gott ist ein verläßlicher Fels, heißt es im Alten Testament immer wieder. Wer auf Gott baut, hat auf keinen Sand gebaut. Eine Demokratie und jedes politische Machtsystem ohne Gott werden vom Prophetenwort getroffen: "Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht" (Jes 7,9).

Die politischen Ideologien des nationalsozialistischen Rassismus oder des kommunistischen Sozialismus, die Gott aus dem Leben ihrer Völker ausschalten wollten, haben dem Abbild Gottes, dem Menschen, das Lebensrecht verweigert. Unsere demokratische Gesetzgebung hat sich in diesem Jahre nicht gescheut, in der Neuregelung des Abtreibungsparagraphen 218 den Rubikon zu überschreiten und endgültig die Tötung des Kindes im Mutterschoß in einer Weise zu legalisieren, die einer Ablehnung Gottes und seiner Oberherrlichkeit gleichkommt.

Ich denke, der Widerstand, der sich im Volk gegen das sogenannte Kruzifix‑Urteil des Bundesverfassungsgerichts und gegen andere Urteile des höchsten deutschen Gerichts erhoben hat, ist ein hoffnungsvolles Zeichen. Die Geister sind wach geworden und mahnen die Verantwortlichen, mit ihrer gottgegebenen Autorität das allgemeine Wohl besonnen zu fördern und in der Ehrfurcht vor Gott zuversichtlich in die Zukunft zu gehen. Das Christentum und die Zukunft der Demokratie hängen zutiefst miteinander zusammen. Wer dieses fundamentale Band zerreißt, muß sich ins Gewissen reden lassen; denn er muß wissen, daß er die Zukunft der Demokratie aufs Spiel setzt. Eine allumfassende Anerkennung der Würde des Menschen und seiner Rechte kann nur auf dem unzerstörbaren Felsengrund verankert und gesichert werden, der Gott ist.

 

Dr. Oswald Seitter, Präsident der evangelischlutherischen Landessynode in Württemberg

Verehrte Damen und Herren, liebe Schwestern, liebe Brüder. Vor acht Wochen habe ich etwas ganz anderes erlebt, daß man nämlich ein Kreuz wieder aufgehängt hat. Das war in der Ukraine in Sarata. Die Deutschen wurden vertrieben. Man hat aus einer schönen Kirche zunächst ein Offizierscasino gemacht und dann eine Discothek. Vor acht Wochen wurde die Kirche neu geweiht. Ich war dort, zusammen mit dem Präsidenten der Synode von Bayern, Herrn Dr. Dieter Haack. Nach diesem sehr eindrücklichen Ereignis haben wir uns auch darüber unterhalten, was jetzt auf uns zukommt mit dem Kruzifix‑Urteil. Und er hat zu mir gesagt: Bruder Seitter, es ist schade, daß ihr Schwaben da so schweigsam seid. Ich habe ihm zugesagt, daß wir uns gern äußern, wenn wir aufgefordert werden. Ich habe mich gefreut, daß ich heute abend kommen kann und möchte gern dazu meine Meinung sagen. Ich möchte sie so zusammenfassen:

Ein weltanschaulich neutraler Staat ist eine gefährliche Illusion! Wir alle kennen das Wort, daß der Aberglaube durch die Tür ins Haus komme, wo der Glaube aus dem Fenster geworfen wird. Man hat da und dort den Glauben aus dem Fenster geworfen. Die Folgen kennen wir. Zur Zeit kommen Millionen von Menschen zu uns nach Deutschland, etwa als Asylanten. Und das ist nur die Spitze eines Eisberges. Im Grunde genommen würden es gerne Milliarden sein. Täuschen Sie sich nicht, diese Menschen, ich kenne viele unter ihnen, die kommen zu uns nicht nur wegen des Wohlstandes, sie möchten etwas von den Früchten des Baumes haben, und diese Früchte heißen: Rechtsstaat, Sicherheit, Humanität, Liebe, Gemeinsinn. Aber viele dieser Menschen und auch viele unter uns wissen nicht mehr, welcher Baum solche Früchte bringt, Früchte, in denen sich die Menschen wohl fühlen, die aber alles andere als selbstverständlich sind. Ich meine, daß man nicht nur auf die Früchte sehen darf, sondern man muß auf die Wurzel sehen. Dieser Baum durch die Jahrtausende hat eine Wurzel und diese Wurzel ist letztendlich das Kreuz. Leider ist dieses Bewußtsein aus vielen Herzen entschwunden, leider auch aus vielen intellektuellen Herzen, denn nur so kann ich mir dieses Urteil erklären. Wir Juristen können manches so oder so auslegen. Wo das Herz steht, das ist aber entscheidend. Als unsere schwäbischen Väter 1820 nach Südrußland gingen, war das Land wüst und leer. Sie haben es mit Gottesfurcht bepflanzt und es wurde ein blühendes Land. Man weiß, was das Kreuz verändern kann. Wenn dieses Wissen verloren geht, dann wird es auch einmal an den Früchten fehlen. Ich kann Ihnen nur gratulieren, daß Sie hier in Bayern so viele tapfere Leute haben, die dieses Kreuz verteidigen. Nehmen wir doch diese symbolische Zeit zum Anlaß, ganz neu über das Kreuz nachzudenken. Stehen wir ganz hinter denen, die jetzt an der Front stehen und oft lächerlich gemacht werden! Es geht um mehr, es geht um die Zukunft unserer Kinder, es geht um die Zukunft unseres Volkes, es geht um unseren Glauben, und den wollen wir verteidigen.

 

 

Günter Rohrmoser - Das Christentum und die Zukunft der Demokratie

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes hat eine reichhaltige juristische Kommentierung erfahren. Sehr bemerkenswert finde ich die Einmütigkeit, in der nicht nur die Christen in Bayern  plädiert haben, daß die Kruzifixe in den Schulen hängenbleiben und der Staat auch das Recht haben sollte, diese aufzuhängen. Diese weit über die Konfessionsgrenzen hinausgehende Empörung kann nicht nur durch das Urteil selber verursacht sein. Die Menschen haben offenbar den Eindruck, daß es hier um mehr geht als nur um ein strittiges Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Viele, mit denen ich darüber diskutiert habe, sagen: "Wir können uns doch nicht von dem Erbe und den Wurzeln unserer Geschichte abschneiden lassen, denn was wäre ein Volk ohne seine Geschichte, ohne Tradition und ohne Erinnerung? Ein solches Volk wäre mit einem Sandhaufen zu vergleichen, der von den Winden des Zeitgeistes hin‑ und hergetrieben wird.“ Die Menschen haben begriffen, daß in dem Urteil eine entscheidende Zäsur in unserem Verständnis über das Christentum zum Ausdruck kommt.

Wenn man sich einmal die Frage stellt, ob es ein deutsches Gericht in den Jahren nach 1945 fertig gebracht hätte, die Entfernung der Kreuze aus den Schulen anzuordnen, dann leuchtet jedem die hier hervortretende eklatante Veränderung unseres Bewußtseins ein. Ich halte es nämlich für völlig unvorstellbar, daß die Generation, die kurz zuvor noch unter dem Hakenkreuz gelebt hat und die Zeit des Nationalsozialismus heil überstanden hat, für die Entfernung des christlichen Symbols, des Kreuzes, eingetreten wäre.

Daher verstehe ich auch die Atheisten und Nichtchristen, die das Kreuz an den Schulwänden erhalten wollen, denn sie haben eine entscheidende Erfahrung gemacht: Wenn man das Kreuz aus der Schule und aus anderen Räumen des öffentlichen Lebens entfernt, dann ist es eine reine Illusion, zu glauben, daß der Platz frei bleibt. Der Platz der Religion bleibt nämlich nicht frei. Die Lehre, die wir aus der jüngeren Geschichte und aus der ganzen Menschheitsgeschichte ziehen können, besteht darin, daß es auf Dauer kein religiöses Vakuum gibt. Wenn sich eine Kultur von ihrer Herkunftsreligion trennt, macht sie den Platz nur für etwas anderes frei, was vielleicht noch nicht einmal den Namen "Religion" verdient.

In der Begründung dieses Urteils, das mich lange und tief beschäftigt hat, heißt es, daß der liberale Staat sich in religiösen Fragen als neutral versteht. Unser Staat hält sich für so neutral, daß er meint, ein christliches Symbol wie das Kreuz in den Schulen nicht mehr dulden zu können. Es mag ein juristisch brauchbarer, vielleicht sogar ein sinnvoller Begriff sein, daß der Staat sich als überparteilich versteht und daß er das Ge­samtinteresse gegenüber Einzelinteressen vertreten will. Dies gehört in der Tat zu unserem Begriff von Staat. Aber in der hier angesprochenen Angelegenheit kann kein Staat neutral sein: Nur weil ein Vater meint, daß der Anblick des christlichen Kreuzes für sein Kind psychisch von Nachteil sei und langfristig negative Wirkungen hätte, kann doch nicht von einem Volk verlangt werden, daß es mit einer in Generationen gewachsenen Lebenskultur bricht. Das Kreuz ist nicht irgendein Symbol, es ist ein Kultursymbol und das große Geschichtssymbol für Europa. Wenn daher die Menschen in Bayern wegen eines einzigen, noch dazu mit einer fragwürdigen und problematischen Begründung aufwartenden Dissentierenden mit ihrem Brauch brechen sollen, dann werden sie diesen Staat nicht mehr als neutral empfinden, sondern als einen Staat, der gegen ihre Identität und gegen die elementaren Formen ihres Selbstverständnisses und Lebensinteresses entscheidet. Unser Staat ist nicht so stark, daß er sich ein solches Vorgehen, auch im Blick auf unsere Geschichte, so ohne weiteres leisten könnte.

Der zweite Begriff, der in dem Urteil zur Sprache kam und der mich tief beunruhigt hat, ist der der "negativen Religionsfreiheit". Religionsfreiheit ist ohne Zweifel ein hohes Gut. Wenn das Christentum der Aufklärung etwas verdankt, dann dies, daß durch die Philosophie und durch die Bewegung der Aufklärung die Reilgionsfreiheit zu einem selbstverständlich anerkannten Gut auch für die Christen geworden ist. Aber was meint Religionsfreiheit? Religionsfreiheit heißt, daß keiner zu einem Glaubensbekenntnis oder Glauben gezwungen werden darf, das er nicht teilt oder den er nicht hat. Religionsfreiheit bedeutet zweitens, daß keinem Staatsbürger aus der Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft in seinen beruflichen, gesellschaftlichen und staatsbürgerlichen Rechten irgendwelche Nachteile erwachsen dürfen. Mit der Anerkennung, dieser Religionsfreiheit steht und fällt auch die Demokratie. Es ist die große Frage, ob diese Religionsfreiheit heutzutage noch in einer Weise gewährleistet wird, daß niemandem in seiner bürgerlichen und politischen Existenz Vor‑ oder auch Nachteile aus seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft erwachsen. Ich will das jetzt nicht untersuchen, sondern einfach einmal dahingestellt sein lassen. Aber der Begriff der "negativen Religionsfreiheit" ist in meinen Augen ein ebenso fragwürdiger Begriff wie der des "neutralen Staates": Der Staat kann zwar diese Neutralität postulieren. Wenn wir aber konkret hinsehen, dann sehen wir, daß er sie nie einlösen kann. Negative Religionsfreiheit würde bedeuten, daß keiner durch die Symbole oder durch die bekenntnishafte Aussprache zu einem Glauben bedrängt werden darf, den er nicht hat und den er auch nicht annehmen will.

Aber es ist doch sehr die Frage, ob jemand durch den Anblick des Kreuzes tatsächlich in seiner Freiheit eingeschränkt wird. Ein evangelischer Bischof hat den Vorschlag gemacht, wir sollten doch in denjenigen Schulklassen, in denen es auch türkische Schüler gibt, neben das Kreuz auch den Halbmond aufhängen. Ich wäre sofort mit diesem Vorschlag einverstanden, wenn ich mir vorstellen könnte, daß dann in einem islamischen Land das Kreuz in den dortigen Schulen hängen dürfte. Das aber wäre in den islamischen Staaten ein undenkbarer Vorgang. Ich erinnere nur daran, daß während des Golfkrieges die Saudis den Anblick des roten Kreuzes auf den Rot‑Kreuz‑Wagen als unerträglich und unzumutbar empfanden. Dabei waren diese Wagen dazu bestimmt, den Saudis den von Nächstenliebe getragenen Beistand in diesem Kriege zu leisten. Den Beistand wollten sie, aber nicht das Kreuz! Das ist die Einstellung, die eine der großen Weltreligionen den Symbolen des Christentums gegenüber zeigt.

Das Kruzifix‑Urteil hat ein Vater bewirkt, der meinte, sein Kind vor dem Anblick des Kreuzes bewahren zu müssen; er ist damit bis zum Bundesverfassungsgericht vorgedrungen und hat auch noch Recht bekommen. Daraus ergibt sich die ernsthafte Frage: Was zerstört denn die Seelen unserer Kinder? Ist es der Anblick des Kreuzes in den Schulen oder ist es nicht vielmehr die pausenlose Berieselung der Kinder mit Sex, Gewalt, Pornographie und der dazugehörigen Propaganda? Ist denn jemand zum Bundesverfassungsgericht gegangen, um die Seelen der unschuldigen Kinder vor dieser üblen Dauerberieselung zu bewahren und zu verschonen? Offensichtlich nicht. Offenbar sind die wirtschaftlichen Interessen, die dahinter stehen, so mächtig, daß keiner ‑ auch nicht die CSU ‑ dazu den Mut hat. Dabei könnte man eine solche Klage durchaus mit Aussicht auf Erfolg anstrengen, ist doch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland vor Gott gegeben und zur Wahrung der menschlichen Würde und zur Einhaltung des natürlichen Sittengesetzes bestimmt. Die Rede vom "natürlichen Sittengesetz" ist keine konservative Erfindung, sondern dieser Begriff findet sich im Grundgesetz. Wir sollten diesen Vorgang, wonach der Anblick des Kreuzes als schädlich und gefährlich für die kindliche Seele dargestellt wird, zum Anlaß nehmen, dafür zu sorgen, daß auch die Einhaltung des Gesetzes der natürlichen Sittlichkeit, wie problematisch der Begriff im übrigen auch sein mag, zur Anerkennung und zur Durchsetzung verholfen wird.

Meine Damen und Herren, sollen wir unsere Kinder vor dem Anblick des Kreuzes bewahren? Kann und soll es denn vor dem Anblick des Schreckens, des Leidens und des Schmerzes bewahrt werden? Nehmen wir einmal den Fall an, dieser Vater wird schwer krank und das Kind wird mit dem Anblick seines schwer leidenden und kranken Vaters konfrontiert. Soll dann dieses Kind vor dem Anblick des eigenen leidenden Vaters auch bewahrt werden? Diese Forderung wäre doch die logische Konsequenz, wenn wir der Meinung sind, daß der Anblick des Negativen, des Leidens und des Schmerzes für die psychische Entwicklung von Kindern schädlich ist.

Die weitere Frage, die sorgfältig bedacht werden muß, ist die, ob das Kreuz ein Kultursymbol oder ein Glaubenssymbol ist? Es kann gar kein Zweifel darüber bestehen, daß das Kreuz ein Kultursymbol ist, in welchem die übergreifende Identität Europas wahrnehmbar wird. Freilich ist das Kreuz aber auch ein Glaubenssymbol. Es ist beides. Es ist die Sache eines unangemessenen Rationalismus, wenn wir die Einheit von Glaubens‑ und Kultursymbol auseinanderreißen und trennen wollten.

Aber was ist schon ein Symbol? Wenn ich ein Kreuz oder ein anderes Symbol an die Wand hänge, kann zunächst jeder mit diesem Symbol beliebige Gedanken und Auslegungen verbinden. Ein Symbol als solches läßt alle denkbaren Interpretationen zu. Man kann dann im Blick auf das Symbol des gekreuzigten Christus der Meinung sein, daß hier an die Nachtseite des menschlichen Lebens erinnert werden soll. Das Kreuz erinnert uns an das Leiden, das zu jedem menschlichen Leben dazugehört, es erinnert uns an die Grausamkeiten, die Menschen anrichten können. Dieses Symbol kann als Symbol gar keinen Zwang ausüben. Jeder kann sich auf ein Symbol, auch auf dieses, einen beliebigen Reim machen.Ohne eine Auslegung und Deutung ist das Symbol einer beliebigen Interpretation fähig. Zum Symbol muß also eine Auslegung hinzukommen. Damit sind wir bei der zentralen Herausforderung, die mit diesem Urteil verbunden ist. Denn wir kommen nun nicht daran vorbei, die Frage zu stellen: "Wie steht es denn mit unserem Verständnis und unserem Verhältnis zu der christlichen Auslegung und Deutung des Kreuzes"?

Wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben. So heftig der Protest gegen das Urteil auch gewesen sein mag, dürfen wir deshalb nicht glauben, daß Deutschland noch ein christliches Land sei. Vielmehr kehrt in diesem Vorgang eine Interpretation des Kreuzes wieder, die wenige Wochen zuvor Michel Friedman vorgenommen hatte, als er forderte: "Nehmt Jesus vom Kreuz." Friedman begründete diese Forderung damit, daß das Kreuz ein unerträgliches Symbol der Inhuma­nität sei und daß es die Erinnerung an einen menschenfeindlichen und grausamen Willkürgott hervorrufe. Das Christentum müsse und solle sich daher von diesem Kreuz befreien, damit es auf dem Boden eines gemeinsamen Verständnisses von Humanität mit allen anderen Religionen und mit allen anderen humanen Glaubensbekenntnissen kommunizieren könne. Ausgerechnet Rudolf Augstein hat gegen Friedman die richtige Antwort gegeben. Augstein hat nämlich gesagt:

"Entfernen wir das Kreuz aus dem Christentum, dann ist das Christentum am Ende." Daher die Frage: Was hängt denn nun am Kreuz?

Wenn wir nüchtern und ehrlich die Frage stellen würden, welche Bedeutung das Kreuz heute noch für die gläubigen Christen und auch innerhalb der christlichen Verkündigung und Lehre hat, würde man feststellen, daß es keine gemeinsame Überzeugung vom Sinn und von der Notwendigkeit des Kreuzes mehr gibt. Die Menschen sind heute bereit, fast alles am Christentum zu akzeptieren. Wenn es aber einen Punkt gibt, an dem sie innehalten und sich abwenden, dann am Faktum des Kreuzes. Und wir müssen sofort hinzufügen, daß diese Reaktion durchaus der christlichen Intention entspricht, hat doch bereits Paulus den Glauben an die weltversöhnende und rettende Bedeutung des Kreuzes als „moria und scandalon" bezeichnet. Der christliche Glauben war für die Griechen eine Torheit und für die Juden ein Skandal. Diese Etikettierung der Kreuzesverkündigung als "scandalon und moria" ist m. E. eine angemessenere Reaktion als die gängige Gleichgültigkeit und das lautlose Eliminieren des Kreuzes.

Warum hängt im Christentum alles am Verständnis des Kreuzes? Warum gehört es denn eigentlich zum Zentrum des Glaubens? Lassen Sie mich hierzu auch als Nichttheologe einige Sätze sagen:

1. Das Kreuzesgeschehen ist bis heute das zentrale Ereignis, auf dem das ganze Christentum steht: Es ist nämlich das Ereignis, durch das Gott die Welt mit sich versöhnt hat. Nicht wir versöhnen uns mit Gott, das schaffen wir gar nicht, sondern Gott hat die Welt im Kreuzesgeschehen mit sich versöhnt. In der Tat, es ist doch beinahe unglaublich, wie dieses Heilsgeschehen die Welt verändert hat. Noch Hegel war sich darüber im klaren, daß das Kreuzesgeschehen die Achse ist, um die sich die ganze Weltgeschichte dreht. Alle Geschichte ist Geschichte auf dieses Ereignis hin und von diesem Ereignis her. Die universale Bedeutung des Kreuzes geht damit weit über das hinaus, was die Theologen und Kirchen noch zu realisieren bereit sind.

2. Wir müssen im Zusammenhang des Kreuzesgeschehens bedenken, daß dieser christliche Gott nicht als ein tyrannischer Willkürgott mit dem Schicksal der Menschen spielt, sondern daß er in Jesus Christus selbst in das Leiden eingetreten ist. Darum ist das Kreuz als das Symbol für den leidenden Gott die Bedingung dafür, daß wir verstehen, warum die Verkündigung der Liebe Gottes im Mittelpunkt des Christentums steht.

3. Diese Liebe Gottes und sein Leiden an der Welt tritt uns in der Gestalt dieses grauenhaften Ereignisses entgegen, in dem der Gottessohn nicht irgendeinen Tod, sondern den Verbrechertod am Kreuze stirbt und auferweckt wird. Dies geschieht, weil sich Gott trotz aller Liebe zu den Menschen nicht von seiner Gerechtigkeit abbringen läßt. Das Kreuzesgeschehen ist das Ereignis, in dem etwas geschieht, was kein Mensch, keine Kirche, kein Theologe und auch kein gläubiger Christ jemals zustande bringen kann, nämlich die Einheit von Liebe und Gerechtigkeit.

Wir wissen, daß sich diese Welt ohne Liebe in die Hölle verwandeln kann. Aber wir wissen auch, und daran sollte uns das Kreuz erinnern, daß diese Welt ohne Gerechtigkeit zugrunde geht. Wir schulden der Welt nicht nur die Predigt, daß Gott die Liebe ist. Gott ist nicht nur dazu da, zu vergeben. Nein, dieser Gott ist auch der Richter und daher müssen wir alle vor dem Richterstuhl Christi erscheinen, wo jedem zuteil wird, was er getan und unterlassen hat. Wenn unsere Welt eine rettende Botschaft braucht, dann die, daß die Welt nicht nur die Liebe braucht, sondern auch die Gerechtigkeit. Ein Christentum dagegen, das sich der Welt anpaßt und das den Menschen nicht mehr sagt, daß Gott auch richten wird, trägt durch die Absolutsetzung der verkündeten Liebe selbst zur Zerstörung der Welt bei. Das Jahr 1945 hat uns die Chance gegeben, das wieder zu lernen.

Die Politiker und die Karlsruher Richter, die das Kruzifix‑Urteil gesprochen haben, sollten sich bewußt werden, daß der religionsneutrale Staat schon einmal in unserer Geschichte, nämlich in der Weimarer Republik, für seine eigene Zerstörung verantwortlich war. Der Staat in der Weimarer Republik war so neutral, daß er sich sogar zu sich selbst und zu seinen Prinzipien neutral verhalten hat. Dadurch hat der Weimarer Staat seinen nationalsozialistischen Feinden die Tür geöffnet, durch die sie im Rahmen einer demokratisch legalen Revolution eintreten konnten und die sie anschließend verschlossen haben. Das Verhängnis begann also nicht 1933, wie uns Altbundespräsident Richard von Weizsäcker immer wieder glauben machen will, sondern mit der Weimarer Republik. Ohne die Krise und den Zusammenbruch des Liberalismus in der Weimarer Republik hätte es Hitler nicht geben können. Es konnte Hitler nur deshalb geben, weil der Liberalismus nur noch ein leerer, formaler Regelmechanismus war. Dieser neutrale Staat stand somit jedem zur Disposition, der sich dieses Staates bemächtigen wollte, um ihn als Instrument zur Durchsetzung seiner Zwecke zu mißbrauchen. Sowohl der Nationalsozialismus wie auch der kollektivistische Kommunismus, waren keine wertneutralen politischen Systeme. Die Kräfte, die sich eines solchen innerlich entleerten Staates bemächtigen und ihn instrumentell benutzen könnten, um eine ganz andere Republik zu gründen, stehen auch heute wieder vor unserer Tür. Ich habe große Sorge, ob wir trotz der seit 50 Jahren anhaltenden Ermahnungen die Lektion von Weimar eigentlich gelernt haben. Vielleicht wird uns die Geschichte nur noch einen Augenblick geben, das nachzuholen, was wir bisher versäumt haben.

Es könnte Selbstmord bedeuten, wenn sich unser Staat von seiner Herkunftsreligion trennt. Gräfin Dönhoff hat jüngst in der ZEIT einen Vortragstext veröffentlicht, den sie auf einem Kongreß unter dem Thema „Liberalisieren wir uns zu Tode?" vorgetragen hat. Gräfin Dönhoff, die langjährige Chefredakteurin der ZEIT, also des Flaggschiffs des deutschen Liberalismus, drückt in diesem Referat die Überzeugung aus, daß sich durch die metaphysische Leere, die heute in unserer materialistisch orientierten Welt eingetreten sei, eine solche geistige Öde ausbreitet, die für die Menschen unerträglich werden könnte. Sie prophezeit, daß aufgrund des Druckes, der von dieser metaphysischen Leere ausgeht, vielleicht schon in zehn Jahren Veränderungen unserer Demokratie eintreten können, daß wir sie nicht mehr wiedererkennen. Das sagt sie heute, nachdem gerade ihre Zeitung die nihilistische Kulturrevolution von 1968 unterstützt hat. Seit zwanzig Jahren behaupte ich, daß unsere Demokratie, die vielleicht die vorbildlichste in der ganzen Welt ist, mit dem Wiederaufbau nach 1945 eine der ganz großen Leistungen des 20. Jahrhunderts zustande gebracht hat und daß wir einen Sozialstaat von einer Perfektion entwickelt haben, der ebenso einmalig in der Welt ist. Ich war aber auch immer der Überzeugung, daß die geistige Leere und die um sich greifende Orientierungslosigkeit eines Tages das Faktum sein könnte, an dem diese großartige Republik scheitern könnte.

Es ist viel dazu gesagt worden, was denn das Kreuz als Symbol unseres Glaubens und als Symbol unserer Kultur und unserer Geschichte bedeutet. Dadurch entstand aber der Eindruck, als sei das Kreuz eine ehrwürdige Sache der geschichtlichen Vergangenheit, die wir uns noch bei dem Marsch in die Zukunft bewahren sollten. Wir vergessen dabei, daß der Sozialstaat und die Werte, die der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland zugrunde liegen, von Voraussetzungen leben, die ihren Grund im Christentum haben. Was uns heute noch trägt, sind die Sedimente des Christentums, die in unserer Moral zum Ausdruck kommen.

Wenn man diese Werte und die Moral von diesem christlichen Nährboden trennt, werden sie einer ernsthaften Probe nicht standhalten können. Leider machen wir uns das nicht ausreichend klar. Wir hören immer wieder Appelle zur Solidarität der Starken mit den Schwachen, der Reichen mit den Armen, der Glücklichen mit den weniger Glücklichen. Das verstand und versteht die deutsche Sozialdemokratie seit jeher unter Solidarität. Große Sozialdemokraten sind bekennende Christen gewesen, weil ihnen der Zusammenhang von Christentum und Solidarität noch klar gewesen ist. Woher kommt denn die Evidenz, daß der Reiche dem Armen, der Starke dem Schwachen, der Gesunde dem Leidenden zur Seite stehen und helfen soll? Lösche ich das Christentum aus, werden wir den Sozialdarwinismus in Reinkultur bekommen, den zu kultivieren wir sowieso schon auf dem Wege sind. Es gibt dann nur noch den Kampf, in dem die Stärkeren überleben.

Wer sich dieser Realität stellt, der muß begreifen, daß der Rechtsstaat die Axt an die eigene Wurzel legt, wenn er die millionenfache Tötung ungeborenen Lebens unter bestimmten Bedingungen möglich macht. Ein Rechtsstaat, der vorgeblich für die Schwachen eintritt, der gleichzeitig aber die Schwächsten, die Unschuldigsten und die Ohnmächtigsten unter uns, die ungeborenen Kinder, im Mutterleib millionenfach zerstückeln läßt, der kann nicht für sich in Anspruch nehmen, daß er den Nationalsozialismus und dessen menschenfeindlichen Ungeist überwunden hätte. Im Gegenteil, wir müssen begreifen, daß dieser Ungeist sich weiter entwickeln kann, auch wenn die politischen Formen und Ideologien sich wandeln.

Und damit bin ich beim dritten Punkt. Nach der bayerischen Verfassung hat der Freistaat das Recht, die Erzichungsziele für die Schule vorzugeben und für ihre Durchsetzung zu sorgen. Wenn nun die Bayern eine christliche Erziehung in ihren Schulen wollen, und das scheint mehrheitlich der Fall zu sein, dann muß natürlich nach dem Grund gefragt werden, auf dem die Erziehung in den Schulen aufbauen soll. Wenn dieser Staat den Auftrag hat, christliche Erziehung in den Schulen zu gewährleisten, dann muß er auch darauf bestehen können, daß dort die Kreuze hängen bleiben. Dieser Gedanke der christlichen Erziehung, ja der Erzichung überhaupt, löst bei vielen Repräsentanten des Zeitgeistes freilich große Unruhe aus. Wir wissen heute nämlich nicht mehr, wozu eigentlich erzogen werden soll. Überall bekommen wir die technokratische Antwort, wonach die Menschen für die Bedürfnisse der Gesellschaft und für die dort geforderten Qualifikationen fit gemacht werden sollen. Aber das hat mit Erziehung nichts zu tun. Warum tun wir uns so schwer, auf die Frage, wozu denn eigentlich erzogen werden soll, zu antworten? Weil wir nicht wissen, was ein Mensch ist. Die Voraussetzung von Erziehung liegt im Wissen über das in der Natur angelegte oder auch von Gott aufgetragene wahre Menschsein. Ohne eine solches Bild vom Menschen und seiner Bestimmung können wir nicht erziehen. Dann gibt es nur noch die Konditionierung und die Abrichtung auf die Befriedigung der Bedürfnisse der Gesellschaft. Das größte Unglück unserer Gesellschaft besteht nun darin, daß wir uns nicht mehr auf das Fundament der Erziehung und der Kultur einigen können.

Welche kulturelle Lebensform sehen wir als menschengemäß an? Das Schlimme an diesem Kruzifixurteil ist, daß hier ein wichtiger Teil einer kulturellen Lebensform zerbrochen und in Frage gestellt worden ist. Das Recht auf die eigene Lebenskultur ist aber das älteste aller europäischen Rechte. Der Rechtsstaat wird sich auf Dauer nicht behaupten können, wenn er dieses Recht nicht anerkennt und wahrt. Von diesem Recht spricht schon Sophokles in der Antigone, die er uns als die größte Tragödie hinterlassen hat. Kreon, der machtbesessene Politiker, will darin Antigone nicht gestatten, ihren toten Bruder zu beerdigen, wie es die Sitte und der Brauch vorschreibt. Wir wissen doch, daß alle menschliche Kultur mit dem Begräbnis beginnt. Mit Menschen haben wir es seit jeher dann zu tun, wenn sie ihre Toten nicht dem Fraße der Vögel überlassen, sondern sie beigesetzt und bestattet haben. Die Wurzel aller Kultur ist die Grabkultur, d. h. das Gedenken an die Toten. Antigone widersetzt sich darum der Macht und dem Willen des Kreon und setzt ihren Bruder bei. Sie beruft sich dabei auf ein Gesetz, das älter ist und weiter reicht als alle Gesetze, die durch einen Staat oder ein Machtsystem festgesetzt wurden. Dieses älteste aller europäischen Rechte ist das Recht der Menschen, ihre Lebensform zu verteidigen und jeden intervenierenden Eingriff als Tyrannei und als Willkür abzulehnen und zu bekämpfen. Wenn wir dieses Recht, das die Menschheit erst menschlich macht, vergessen oder uns nehmen lassen, und sei es durch drei Juristen des Bundesverfassungsgerichtes, dann wird es wieder einmal um uns geschehen sein.

 

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