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Märtyrer in 2009

 

 Märtyrer - Ihre Sehnsucht gilt dem Leben, nicht dem Tod. Sie opfern ihr Leben, weil sie für andere Menschen und Glaubensfreiheit eintreten,

von Dr. Wolfgang Huber

 

Es ist an der Zeit, dem Wort "Martyrium " seine Würde zurückzugeben. Es gibt eine erstaunliche Unkenntnis, was des Wortes eigentliche Bedeutung ist. Muslimische Selbstmordattentäter werden als Märtyrer bezeichnet. Man sagt von ihnen, mit ihrem mörderischen Handeln verbinde sich die Sehnsucht nach dem Paradies. Doch es hat mit einem Martyrium im ursprünglichen Sinn nichts zu tun, andere und mit ihnen auch sich selbst in den Tod zu reißen. Die Sehnsucht nach dem Paradies kann keine Rechtfertigung für mörderische Gewalt sein ‑ es gibt auch im Islam selbst Kritik an dieser Vorstellung.

Im Nordjemen wurden eine Koreanerin und zwei Frauen aus Deutschland entführt und ermordet; eine fünfköpfige Familie aus Deutschland und ein englischer Entwicklungshelfer befinden sich dort seit vielen Wochen in der Hand von Entführern.

In manchen Medien wird ihnen ein Vorwurf daraus gemacht, dass sie ihren Glauben bezeugt haben. Darüber hinaus werden sie auch noch mit sogenannten "Märtyrern“ verglichen. Sie werden mit muslimischen Fundamentalisten auf eine Stufe gestellt. Das erfordert deutlichen Widerspruch. Was ist mit Martyrium ursprünglich gemeint?

Sein Urbild liegt in dem inneren Kampf Jesu im Garten Gethsemane bei Jerusalem. Er betete: "Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst." Kurz vor seinem Tod am Kreuz hat Jesus diese Worte gesprochen. Seitdem haben immer wieder Menschen den Glauben an Gott und die Treue zum Evangelium höhergestellt als ihr eigenes Leben.

Märtyrer sind Glaubenszeugen. Nicht Lebensverachtung, nicht Todessehnsucht, nicht Visionen vom Paradies treiben sie in den Tod. Sie sterben durch die Gewalt derer, denen ihre Überzeugung ein Dorn im Auge ist. Zu Tode kamen Christen im alten Rom, weil ge dem Kaiser Anbetung verweigerten; im Mittelalter, weil sie ihrer Kirche das Evangelium vorhielten; in der Kolonialzeit, weil sie sich weigerten, das Schwert der Eroberer zu segnen. Zu Tode kommen sie bis heute, weil ihre Treue zu Gott und den Menschen der herrschenden religiösen oder staatlichen Ideologie widerspricht.

Am Westportal der Londoner Westminster Abbey erinnert ein Fries an zehn Märtyrer des 2o. Jahrhunderts. Unter ihnen sind Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King und Oscar Romero. Sie stehen für viele Namenlose, die ihre Treue zum Evangelium im Eintreten für die Rechte ihrer Mitmenschen bezeugten. Nicht aus Selbstherrlichkeit taten sie das; oft wurden sie von Zweifeln verfolgt.

"Wer bin ich?", fragte Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis Hitlers und vertraute dem Gedicht seine bohrenden Fragen an. Seine Sehnsucht galt dem Leben, nicht dem Tod. An der Schwelle zu einem neuen Jahr dichtete er:

"Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
 an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann woll'n wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz."

Im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes, heißt es: "Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben." Wenn Menschen heute aus Glaubenstreue in den Krisengebieten unserer Welt Dienst tun, wenn sie sich in Krankenstationen und Flüchtlingslagern, in Elendsvierteln und Notunterkünften für andere einsetzen, leuchtet diese Verheißung auf.

Das Martyrium ist nicht eine Verherrlichung des Todes. Es bezeugt das ja zum Leben. Wer so das eigene Leben einsetzt, ist ein Märtyrer.

Prof. Dr. Wolfgang Huber ist Bischof der Evangelischen Kirche Berlin‑Brandenburg‑schlesische Oberlausitz und Herausgeber des Magazins chrismon.

Entnommen dem Magazin chrismon, Ausgabe 11/2009

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