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Karl Thieme

 

KIRCHE UND SYNAGOGE

 

 Die ersten nachbiblischen Zeugnisse ihres Gegensatzes im Offenbarungsgeschehen:

DER BARNABASBRIEF und DER DIALOG JUSTINS DES MÄRTYRERS

 

VORWORT

 

Verstockt ist ihr Sinn; denn bis auf den heutigen Tag bleibt bei der Synagogenverlesung des Alten Testamentes die Binde unaufgebunden, welche doch in Christus abgetan ist. (2. Kor. 3, 14)

Barnabas‑Brief und Justin‑Dialog, ältestes, kostbarstes Überlieferungsgut der Kirche aus unmittelbar nachapostolischer Zeit, sind längst von moderner Schulwissenschaft verächtlich beiseitegeschoben: Rabbiner‑Gezänk, was geht das uns an!? –

Heute plötzlich sprechen diese Zeugnisse wieder zu dem ernsthaft suchenden zeitgenössischen Leser, der sich liebevoll geduldig in sie hineinversenkt. Warum?

Zunächst einfach, weil der Schicksalsweg der Christenheit und des Judenvolkes auf einmal wieder eine Wendung genommen hat, die unheimlich jener ähnelt, an der diese Werke einst entstanden, ‑ wenn auch die Rollen diesmal vertauscht sind. In Gestalt des deutschen Schicksals scheint sich 1866‑1945 vor unseren Augen eine Tragödie vollenden zu sollen, die nur mit jener jüdischen vergleichbar ist, die sich von 66 bis 135 vollzog: Der pseudo‑messianische Wahn, es solle an eines zum »Reich« auserwählten Volkes selbstgerechtem Wesen noch einmal die Welt genesen, hat sich nie furchtbarer gerächt als in diesen beiden Fällen, deren Wesensverwandtschaft erschütternd aus den Tatsachen spricht, die unsre Ein. und Überleitung zu berichten hat. (Für das Nähere verweisen wir auf: »Das Schicksal der Deutschen, ein Versuch seiner geschichtlichen Erklärung«, von K. Thieme, im Erscheinen. Folgen soll dem ein Dialog »Nach drei Jahren und einem halben«, worin versucht ist, zu den heutigen Deutschen ähnlich zu sprechen, wie die ersten Christen von Petrus und Paulus bis Justin zu den Juden ihrer Zeit gesprochen haben.)

Sodann aber ist heute das Gespräch zwischen Kirche und Synagoge etwa da wieder angelangt, wo Barnabas und Justin es eröffnet haben, indem sie systematisch zusammenfaßten, was sich an einschlägigen Feststellungen in der neutestamentlichen Offenbarung zerstreut findet: Es geht darum, ob die jüdisch‑buchstäbliche Auffassung von Gottes Geheiß und Verheißung im Alten Bunde richtig ist oder das christlich geistliche Verständnis. Das ist nicht nur auf Grund noch so ideenreicher Neu‑Interpretation der Heiligen Schriften Alt‑Israels zu entscheiden, wie sie uns heute etwa Paul Claudel und Wilhelm Vischer bieten. Dazu müssen wir vielmehr auch und vor allem die Zeugen des altchristlichen Verständnisses jener Heiligen Schriften hören, die Apostel und jene noch fast unmittelbar aus ihrer Schule hervorgegangenen Männer des zweiten Jahrhunderts, welche hier zu uns sprechen. Es ist nötig, auf sie selber ähnlich aufmerksam und ehrfurchtsvoll hinzuhorchen wie auf Gottes eigenes Wort, weil sie dessen allgemein‑christliches Verständnis zur Zeit der Ursprünge auf weiteste Strecken hin authentisch verbürgen.

So wie schon beim Bearbeiten von, »Herders Laien­ Bibel« (Freiburg 1938) und wie etwa in Jakob Fromers vorbildlicher Auswahl‑Übertragung und Erläuterung des babylonischen Talmud (Berlin 1923) ist jedes wesentliche Textstück unter Verzicht auf eine uns heute immer fragwürdiger werdende »Übersetzer‑Freiheit« wortgetreu wiedergegeben, dafür aber auch jedem Abschnitt eine seinen Sinn erläuternde Einführung vorausgesandt, die den Leser auf das hinweist, was der Text gerade uns, heute noch und wieder zu sagen hat. Was aber diese Texte in ihrer Gesamtheit uns bedeuten, das ist im Nachwort entwickelt, welches vielleicht mancher Leser gut tun wird, vorwegzulesen.

Läufelfingen, im Advent 1944

Karl Thieme

 

 

INHALT

 

I. Der Barnabas‑Brief

1. Der Anlaß des Briefes

2. Der Juden buchstäbliche Deutung des Alten Testamentes ist bei den Christen durch geistliches Offenbarungsverständnis abgelöst

3. Sittliche Ermahnung und Verabschiedung der Leser

II. St. Justins Dialog mit dem Juden Tryphon

1. Des Gespräches erster Teil: Alter und Neuer Bund

2. Zweiter Teil: Jesus Christus

3. Dritter Teil: Das alte und das neue Israel

 

 

E I N L E I T U N G

 

»Ich bin in Meines Vaters Namen gekommen, und ihr nehmt mich nicht an; wenn ein andrer im eignen Namen kommen wird, den werdet ihr annehmen.«  (Joh. 5, 43.)

 

»Als Rabbi Akiha den Bar Koseba sah, da hat er gesagt: Dieser ist der Christkönigl!« Rund hundert Jahre nach der Kreuzigung und Auferstehung Jesu von Nazareth war es also wirklich so weit: Eben jene Pharisäer und Schriftgelehrten, die den wahren Messiaskönig Israels verworfen und den Römern als todeswürdigen Staatsfeind denunziert hatten, eben dieselben jubelten einem falschen Messias begeistert zu. Dem Simon, Bar Kosiba, einem Manne, den sie damals, auf die alte Bileamweissagung anspielend , »Sternen‑Sohn«, Bar Kochba, nannten ‑ um ihn später, maßlos enttäuscht, in »Lügen‑Sohn«, Bar Koseba, umzutaufen.

Welches »Zeichen vom Himmel« war geschehen, um den vermeintlichen Messias zu beglaubigen? Scheinbar eben jenes, das Jesus auf der Juden Frage nach seiner Vollmacht hin verheißen hatte, dessentwegen er vors Gericht gezerrt worden war. »Reißt diesen Tempel ein, und nach drei Tagen will ich ihn wiedererstellen!« (Joh. 2,19).

Vierzig Jahre später war der Tempel eingerissen worden ‑ unter Kaiser Vespaeian anläßlich des jüdischen Aufstandes; aber nun, nochmals sechzig Jahre später unter Kaiser Hadrian, war derselbe Tempel im Begriff wiederzuerstehen; wie sollten die Juden etwas andres meinen, als daß die messianische Heilszeit, das Himmelreich auf Erden, wie sie es sich vorstellten, nun endlich angebrochen sei?

Wenn wir den Gegensatz zwischen Christentum und Judentum, d. h. zwischen Kirche und Synagoge, in seiner ganzen Tiefe und Tragweite recht verstehen wollen, dann müssen wir zu dem Bilde, das uns das Evangelium zeigt, auch noch das Gegenbild betrachten, das uns die unmittelbar anschließende letzte Phase der palästinensischen jüdiscben Geschichte entrollt. Um so mehr, als von ihr das Gespräch ausgegangen ist, welches Kirche und Synagoge damals begonnen ‑ und bis heute noch nicht abgeschlossen haben. Sehen wir also näher zu, was eigentlich damals geschehen ‑ und nur so wenigen heute noch bekannt ist!

Das zurückliegende geschichtliche Schicksal der Juden war einzigartig und berechtigte zu den allergrößten Hoffnungen. Schon was Schrift und Überlieferung aus der grauen Vorzeit vom Auszug aus Ägypten, von der Landnahme in Kanaan, von siegreicher Behauptung der israelitischen Eidgenossenschaft unter ihren großen »Richtern« erzählten, trug Verheißungs‑Charakter noch für die Gegenwart. Danach, rund ein Jahrtausend hinter ihr zurückliegend, begann die eigentliche große Zeit des kleinen Bauern- und Hirtenvolks auf dem Gebirge Juda innerhalb Gesamt‑Israels und dann als dessen alleinige unverfälschte Vertretung. Nach dem wechselvollen und zuletzt tragischen Schicksal des Benjaminiten Saul war durch David Juda der führende Stamm in Israel geworden, hatte sich Jerusalem als Haupt­- und Königs‑Stadt erobert und sich unter Davids Sohn Salomo ebenbürtig neben die Großmächte seiner Zeit gestellt, wie dessen Verheiratung mit einer Pharaonen‑Tochter dokumentiert.

Dann zwar waren die nord‑israelitischen Stämme vom Davids‑Hause abgefallen, aber letztlich nur zu ihrem eigenen Schaden. Im Religionsmischmasch versinkend, von Revolutionen erschüttert, dem Wettstreit der Weltmächte nicht gewachsen, war ihr Reich nach kaum mehr als zweihundertjährigem Bestand zertrümmert worden, sie selbst teils verschleppt, teils entartet. Vor Jerusalem dagegen hatte sich die Woge gebrochen, die Nord‑Israel weggeschwemmt; vor seinen unbezwungenen Mauern war das Assyrer‑Heer umgekehrt.

Wieder ein reichliches Jahrhundert später allerdings war dann auch die heilige Stadt von den Babyloniern erobert, der Tempel Gottes zerstört, der letzte König aus dem Davids‑Hause ins Exil geschleppt worden. Aber gerade damit begann erst das Wunder. Anders als die Nordstämme hat sich Juda in der Verbannung behauptet, ja erst eigentlich zu der unzerstörbaren Gemeinschaft konstituiert, als die es seitdem durch die Jahrtausende wandert. Weder seine religiöse noch seine politische Sendung war ihm durch den furchtbaren Schlag, der es getroffen, zweifelhaft geworden. Gottes Propheten hatten ihm die Katastrophe als Strafe für seine Sünden angekündigt; so war sie ein Triumph des eignen Gottes, nicht über diesen einer des babylonischen! Gottes Propheten hatten vollends die Heimkehr aus dem Exil, den Wiederaufbau des Tempels vorausgesagt. Und ihre Prophetie traf ein. Bruchstückhaft zunächst, in viel hescheidnerer Form, als man erwartet hatte; doch unbestreitbar.

Wieder vergingen Jahrhunderte; die Perser, welche Babel besiegt und den neuen Tempelbau gestattet hatten, wurden von den griechischen Makedonen in der politisch‑mihtärischen Herrschaft über Palästina abgelöst, ohne daß sich zunächst an der religiös‑kulturellen Selbstverwaltung der Juden unter ihren angestammten Hohenpriestem aus Aarons Haus etwas Wesentliches geändert hätte. Als aber dann doch die Beherrscher Syrien und Mesopotanüens im Rahmen der Wiederaufnahme des traditionellen Gegensatzes gegen diejenigen Aegyptens auch den vorgeschobenen Posten Judäa religiös »gleichschalten« zu müssen wälmten', war das Resultat ihren Absichten genau entgegengesetzt. Nicht ohne Unterstützung, zunächst von Aegypten, später auch in sehr bescheidenem Umfange von Rom aus, aber letztlich ganz aus eigener Kraft, gelang es Judäa unter den Makkabäern nicht nur, seine religiöse Selbstbestimmung zu behaupten, sondern sich allmählich auch wieder eine politische Freiheit und Macht zu erkämpfen. Schon unter dem Enkel der ersten, im Freiheitskampf zur Königswürde gelangten Makkabäer‑Generation, unter Alexander Jannaios (103‑76), erreichte, ja überschritt zum Teil, die jüdische Eroberung alle Grenzen des Gelobten Landes; was innerhalb derselben wohnte, wurde zwangsjudaisiert

Dann freilich folgten innere Wirren im Herrscherhause, die den Römern Anlaß zum Einschreiten boten. 63 stürmt Pompeius den Tempel; die Macht im Lande geht mehr und mehr an die romhörigen idumäischen »Hausmeier« über, von denen Herodes, »der Große«, sich in Rom zum König ernennen läßt, 37 Jerusalem gegen hartnäckigen jüdischen Widerstand erobert, und die Hinrichtung des letzten Makkabäer‑Sprossen Antigonus durch Mark Anton veranlaßt.

Damit beginnt ein Jahrhundert des ständig wachsenden, immer unauslöschlicheren Hasses gegen Rom, eines Hasses, von dem uns im Neuen Testament nur die Apokalypse eine Vorstellung gibt, besonders mit ihrem erschütternden Triumphgesang über die visionär vorweggenommene totale Vernichtung der Todfeindin »Babylon«:10. Durch Antigonus schmachvolle Hinrichtung war also das Gegenteil des beabsichtigten Zweckes erreicht, welcher nach Strabons Zeugnis gewesen war, daß die Juden den verachteten Edomiter, »den Herodes an Antigonus Stelle als König anerkennten, weil sie nicht einmal durch die Folter dazu gezwungen werden konnten, ihn König zu nennen«. Als aktivistische Träger des religiös begründeten nationalen Widerstandes gegen Rom-Edom wirkten die »Zeloten«, d. h. Eiferer, die von ihren Gegnern als »Banditen« bezeichnet wurden. Zu ihnen hatten von den Aposteln Jesu »Simon Zelotes« nach dem Zeugnis seines Beinamens, sehr wahrscheinlich aber auch Jakobus Alphaei, Judas Thaddäus und Judas Iskarioth gehört; von den sonstigen Figuren im Evangelium: Jesus Bar‑abbas und die beiden »Banditen«, die zur Rechten und zur Linken Jesu gekreuzigt wurden, weil sie wirklich verbrochen hatten, wessen er zu Unrecht angeklagt worden war.

Diesen Zeloten mit ihrer Parole des unermüdlichen Partisanenkrieges standen die »attentistischen« Pharisäer aus Sorge um die Vernichtung unersetzlicher Werte, vor allem des Tempels, milde dämpfend entgegen; die Sadduzäer, die sich zur Erhaltung ihres Ranges und Reichtums völlig auf Rom angewiesen wußten, mit dem Quisling-Entschluß zu gröbstem Einsatz von Terror gegen Terror, wie es ja aus dem Verhalten der Hohenpriestergruppe gegen Jesus Christus und seine Apostel in Jerusalem deutlich hervorgeht.

Trotzdem gewann der Zelotismus immer mehr an Boden. »Das Rabbinat unterlag ihm, weil es auch seinerseits den nationalen Egoismus stärkte«, schreibt treffend Schlatter . Von zwei Gruppen, die dasselbe Ziel haben, setzt sich bei wachsendem Gegendruck stets die nüt den radikaleren Mitteln arbeitende durch. Wenn das dann zur Katastxophe führt, ‑ zum Massenselbstmord totalen Krieges wie 66 n. Chr. bei den Juden, ‑ dann ist es eine faule Ausrede, alle Schuld allein den Terroristen zuzur,chieben, wie es damals der Pharisäer Josephus tat, wenn man selbst den nationalen Hochmut, Fanatismus und unersättliche Rachsucht eifrig geschürt hat und nur zu vorsichtig war, um daraus die letzten Konsequenzen zu ziehen.

Das sollte sich bald genug zeigen, indem die erste große Niederlage ‑ nach zwei Jahrhunderten überwiegend siegreicher Selbstbehauptung ‑, wie sie Vespasian und Titus den Juden beibrachten, nicht etwa ehrliche Umkehr bei ihnen bewirkte, sondern im Gegenteil sie nur erst recht in jene zweite, noch viel totalere Katastrophe hineingetrieben hat. Auch der Rabbinat hat dafür durch jene Stellungnahme seines einflußreichsten Vertreters Akiba die unauslöschbare volle Mitverantwortung übernommen, die wahrlich dadurch nicht geringer wurde, daß es gegen vereinzelte Warner aus seinen eignen Reihen geschah und daß er vergebens zu bremsen suchte, als es zu spät war.

Tragödie Israels, daß sich in seinen Reihen, denen des »Israel nach dem Fleisch«, keiner gefunden zu haben scheint, jedenfalls keiner sich öffentlich durchgesetzt hat, der verstanden hätte, daß nun endlich die totale Umkehr erfolgen müsse! Tragödie Israels, daß auch die zweitekatastrophe denfanatismus nicht aus‑, sondern nur stets tiefer trieb! Aler wir haben vorgegriffen. Zumächst hatte ün ersten jüdischen Krieg das rechtzeitige Ueberlaufen einiger intelligenter Pharisäer zu den siegreichen Römern die Folge, daß sich in Januiia (Jabne, knapp halbwegs zwischen Joppe‑Jaffa und Askalon) nüt ränüscher Duldung ein neues Zentrum des Rabbinats herausbildete, das nun nach dem Wegfall des Tempel‑Priestertums und der ziemlich komplett ausgemordeten Sadduzäer‑Partei sogar noch weit stärkeren Einfluß auf die gesamte internationale Judenschaft hatte als zuvor.

Weit davon entfernt, die Katastrophe des politischen Messianismus als endgültig hinzunehmen, war man dort überzeugt, daß wie der ersten so auch der zweiten Tempel‑Zerstörung nach wenigen Jahrzehnten der Wieder­aufbau folgen werde, diesmal gewiß nüt dem auf Grund von Daniels Jahrwochen‑Prophetie ohnedies schon fälligen universalen Triumph auch des Messias‑Königtums verbunden, der beim ersten Wiederaufbau ja noch ausgeblieben, aber genau so unwiderruflich verheißen war .

Hierüber waren sich alle Juden einig, und die Rabbinen fuhren fort, die Einzelheiten des Opferrituals bis aufs I‑Tüpfelchen durchzudiskutieren, um sofort beim Wiedererstehn des Tempels Gott ein wirklich reines und wohlgefälliges Opfer darbringen zu können, ganz genau so, wie das Gesetz es befahl.

Die taktische Differenz aber zwischen Aktivisten und Attentisten war sofort wieder da. Diese, ein Josephus zum Beispiel, waren für jene Zeloten Dolchstößler und Landesverräter, mochten sie auch noch so eifrig in Rom jüdische Propaganda treiben; und dafiir wurden ün Rahmen dieser Propaganda allein jene Banditen als gewöhnliche Verbrecher, denen gegenüber eben die rönüscheu Prokuratoren zu milde gewesen seien, für den jüdischen Krieg von 66‑70 verantwortlich erklärt.

Bei der ersten Gelegenheit aber kam es wieder zum jüdischen Aufstand. Kaiser Trajan begann im Jahre 114 ein gewaltiges, nur mit dem Alexanderzug vergleichbares Unternehmen gegen das Parther‑Reich, die letzte unbezwungene Großmacht gegenüber Rom. Voll äußerster Spannung verfolgten die Juden, was geschah. Hatten nicht die Parther jenen letzten rechtmäßigen König Antigonus unterstützt, den die Römer dann köpfen ließen? Sollte nicht nach einer verbreiteten, Ueherlieferung Kaiser Nero noch am Leben oder gar wiedererstanden sein und an der Spitze eines Parther‑Heeres nach Rom zurückkehren, um fürchterliche Rache an seinen Feinden zu nehmen"'? »Wenn du ein persisches Roß an die Gräber im Lande Israel angebunden siehst, dann schau aus nach den Fußspuren des Messias«, sagte Rabbi Simeon ben Jochai.

Anfangs freilich schien Trajan Erfolg zu haben. Weiter und weiter drang er siegreich nach Osten, eroberte Nisibis und Ekbatana, ließ sich nach der herbstlichen Rückkehr in Antiochia als »Parthiens« feiern. Frühjahr 116 griff er noch weiter aus, stand bald am persischen Meerbusen und begann sich nach Indien einzuschiffen.

Da plötzlich kommt unbestinunte Kunde von einem furchtbaren Sturm, einer Springflut des Ozeans ‑ wer dächte nicht an das Schilfmeer!? ‑, und schon bricht unter den mächtigen jüdischen Volksgruppen der mesopotamischen Städte der Aufruhr los. Das obersyrische Edessa folgt, die Judenschaft Cyperns, Aegyptens, Cyrenes. Mag der im ganzen seriöse Dio Cassius nüt der Zahl von 220,000 Blutopfern (wie mit Zahlen alle ältere Historik) übertrieben haben, grundlos kann es nicht sein, wenn er berichtet, die dortigen Juden hätten begonnen, »alles, was Römer oder Grieche hieß, niederzumachen. Sie aßen das Fleisch der Gemordeten . . ., durchsägten sie vom Scheitel herab der Länge nach oder warfen sie wilden Tieren vor ... « (Todesarten, die teils römisches Recht jüdischen Rebellen zudiktiert, teils jüdische Legende als Propheten‑Schicksal überliefert hatte.)

Furchtbar wie der Ausbruch der lang ge8tauten Wut war auch ihre Unterdrückung. Trajans Heer war den Naturgewalten keineswegs erlegen. Mit Blitzessehnelle warf sein manretanischer General Lusius Quietus den mesopotan‑iischen Aufstand nieder, so blutig, daß die jüdische Ueberlieferung als nächsten nach dem Timsden Quietm‑Krieg zählt; seinetwegen sei zum Zeichen der Trauer das Tragen eines Brautkranzes bei jüdischen Hochzeiten vom Rabbinat verboten worden.

Ein weiteres Heer unter Mareius Turbo vernichtete, nachdem anfangs der dortige Stattbalter hatte weichen niüssen, in Aegypten die Juden, obwohl sich die cyrenaischen nüt ihnen vereinigt hatten. Auch auf Cypem wurden die Juden, nachdem zuerst sie die gesamte griechische Bevölkerung der Hauptstadt Salanüs ermordet hatten, zuletzt vollständig aufgerieben und ihnen das Betreten der Insel für alle Zukunft untersagt. Schließlieh wurde nach erfolgreicher Abechlachtung der mesopotamischen Juden Lusius Quietus zum Statthalter Palästinas ernannt.

Da kam der Umschwung. Trajan starb plötzlich, ohne schon über die Nachfolge, wofür unter andern Lusius Quietus in Frage kann bestimmt zu haben. Durch eine Palast‑Intrige der Kaiserin wurde Hadrian für des Verstorbenen Adoptivsohn und Nachfolger erklärt, Lusius Quietus aus Palästina abberufen und wenig später unter dem Vorwand geplanten Hochverrates hingerichtet. Das Steuer der Außenpolitik wurde völlig herumgeworfen, alles peisgegeben, was Trajan im Osten erobert hatte, so daß Palästina wieder Grenzland ward; und wohl auch daraus ergab sich das Letzte: den dortigen Juden gegenüber wurde eine Versöhnungs‑Politik eingeschlagen!

Es scheint, daß gerade unter ihnen der Aufstand nicht so weite Ausbreitung gefunden und so fürchterliebe Formen angenommen hat wie ringsum. Das dürfte mit der Haltung des palästinensischen Rabbinats zusammenhängen, die uns überliefert ist. Speziell Akiba hatte sich eindeutig gegen die Beteiligung am Aufstand ausgesprochen und statt dessen empfohlen, in ruhigem Gottvertrauen weiter der Gesetzeserfüllung zu leben. Nun war er glänzend gerechtfertigt. Was an unverbesserlichen Zeloten hatte kämpfen wollen, war nach Ägypten abgezogen, um die anfangs so erfolgreichen dortigen Juden noch mehr zu verstärken. Lusius Quietus hätte zweifellos auch die Zurückgebliebenen für die Schuldigen mitbüßen lassen, um so mehr, als er an einigen Stellen örtlichen Widerstand auch in Palästina gefunden zu haben scheint. Nun war er abberufen und hingerichtet. Das Schicksal der Umgekommenen konnte in Palästina als eine neue Bestrafung des abermals verletzten göttlichen Verbotes einer Verbindung mit »Ägypten« gedeutet werden. Der Rabbinat konnte triumphieren; Gott hatte sein Volk wenigstens im Heiligen Lande wieder einmal vor dem Ärgsten bewahrt.

Und Er schien noch viel mehr mit ihm vorzuhaben. Hadrian schien seiner Versöhnungspolitik die Krone aufsetzen zu wollen. Diese Militärs waren eben ganz falsch mit den Juden umgespnmgen, hatten sie unnötig gereizt und verärgert. Man mußte diese abergläubische Gesellschaft durch milde Duldung ihrer Superstition gewinnen, statt sie durch harte Handhabung der für die Masse der übrigen Völker bestimmten Vorschriften immer neu zu reizen. Warum sollten sie nicht ihren Tempel wiederaufbauen, wenn ihnen so viel daran lag? Erlaubte man ihnen das, so würden sie ruhig werden, brav Steuern zahlen und den Friedenskaiser preisen, der ihrer Not ein Ende gemacht hatte.

Solche Erwägungen mögen es gewesen sein, aus denen heraus Hadrian allem Anschein nach die Erlaubnis zum Wiederaufbau des Tempels gleich zu Beginn seiner Regierungszeit gab oder wenigstens in Aussicht stellte. Nach einer Mitteilung des 200 Jahre später in Palästina aufgewachsenen Bischofs Epiphanius habe der Kaiser damals einen Verwandten, den Proselyten Aquila aus Sinope in Pontus, mit der Überwachung der Bauarbeiten beauftragt.

Nun folgen anderthalb Jahrzehnte, über die wir fast gar nichts Genaueres wissen. Aber wenn wir aus dem Endergebnis auf den Weg schließen, den die Entwicklung dahin durchlaufen haben dürfte, dann muß die glückliche Wendung ihres Schicksals in der palästinensischen Judenschaft ein ständig wachsendes Hochgefühl erregt haben. Je näher der große Tag der abermaligen Tempel‑Weihe heranrückte, desto leidenschaftlicher muß die Überzeugung allgemein, auch bei der weit überwiegenden Mehrheit der Rabbinen, geworden sein: Nun kommt wirklich die messianische Heilszeit; nun wird wirklich unsre Gesetzestreue von Gott belohnt!

Fest steht jedenfalls, daß auch der Proselytismus und die jüdische Intoleranz, vor allem gegen die Christen, in jener Zeit einem Höhepunkt zustrebte, der dann in den blutigen jüdischen Christenverfolgungen unter Bar Kochba erreicht wurde. Vorerst dürften noch friedliche Mittel der Überredung angewandt worden sein: Jetzt seht ihr doch, wer recht hat! Euer Jesus hat den Tempel totgesagt; jetzt ist der Tempel im Wiedererstehen! Begreift doch endlich, daß die wirkliche messianische Herrlichkeit erst noch bevorsteht, und zwar unmittelbar! Schließt euch uns an, bevor es zu spät ist, damit auch ihr am kommenden Heil euern Anteil erhaltet!

Und es gab Christen, die darauf hörten. Jener Proselyt Aquila ist nach Epiphanius in Jerusalem zuerst Christ geworden wie so viele andern Proselyten vor ihm seit Nikolaos; dann aber doch noch Jude. Jedenfalls hat er als solcher die erste bewußt antichristlich geformte Übersetzung des Alten Testamentes geschaffen, in vieler Hinsicht Vorläuferin des letzten solchen aus der Feder Martin Bubers.

Einen geschichtlichen Augenblick lang sah es so aus, als sollte Jesus von Nazareth iin echt behalten, als sollte Seine Kirche durch die Tatsachen selbst widerlegt werden und die Synagoge, von Gott bestätigt, triumphieren.

Fortsetzung folgt.