Karl Dinges

GESCHICHTE DER EVANGELISCHEN RAMSAU AM DACHSTEIN

  -  Im Rahmen der gesamtösterreichischen Kirchengeschichte  -

 

 

Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben: ihr Ende schauet an und ihrem Glauben folget nach

Hebräer 13 Vers 7

 VORWORT

Wenn ich mich entschlossen habe, in der abzusparenden Zeit ein Buch über die „Geschichte der evangelischen Ramsau im Rahmen der gesamtösterreichischen Kirchengeschichte“ herauszugeben, dann wahrhaftig nicht, weil ich mich gerne zu der Gilde der Bücherschreiber zählen möchte. Ich finde, daß viel zuviel geschrieben wird. Wer kann sich heute auch nur durch den Büchermarkt eines einzigen Fachgebietes durcharbeiten und wer hätte noch die Zeit dazu? Gar nicht zu reden von den Neuerscheinungen auf dem gesamten Büchermarkt, welche mit einem Meer zu vergleichen sind, das auszuschöpfen auch viele Menschenalter nicht genügen würden. Der Schriftsteller William Faulkner hat das treffende Wort gesagt: „Wenn man die Berge bedruckten und beschriebenen Papiers sieht, liegt der Gedanke nahe, daß Gott bei der nächsten Sintflut nicht Wasser, sondern Papier verwenden wird.“

Zwei brennende Nöte waren es vielmehr, die mich zur Herausgabe dieses Buches drängten: Erstens wollte ich meinen Ramsauern, die auch der Verweltlichung anheimzufallen drohen und die Verbindung mit ihren Vorfahren mehr oder weniger verloren haben, die leidgeprüfte und heldenhafte Geschichte ihrer Glaubensväter neu zur Kenntnis bringen und ihnen zurufen: „Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schauet an und ihrem Glauben folget nach!“ Ein Garten, der nicht mehr bebaut wird, verwildert, und ein Glaube, den man kaum noch pflegt und um den man nicht mehr ringen muß, geht unrettbar verloren. Vielleicht ist es in unsern Tagen zu leicht, evangelisch zu sein? Was die „Seligmacher“ in der Zeit der Gegenreformation durch unsagbares Leid, Trübsal, Verfolgung und Verschickung ins Exil nicht zuwege gebracht haben, das bringt heute die vielgerühmte und doch so gründlich mißverstandene evangelische Glaubens‑ und Gewissensfreiheit fertig. Vielleicht sind es auch die Güter dieser Welt, die früher unsern Gebirgsbauern nur in geringem Maß zur Verfügung standen und heute in weit größerem Umfang erworben werden können, die den Blick und das Verlangen der Ramsauer viel mehr in Anspruch nehmen. Daß sie fleißige Leute sind, dieses schöne Zeugnis muß ihnen jeder ausstellen. Aber daß diese Güter, die uns alle einmal aus der Hand geschlagen werden, uns unendlich viel Arbeit und Sorgen bringen und uns die wenigen stillen Minuten, die wir so notwendig brauchen und die uns noch geblieben sind, ganz wegnehmen, das ist sicherlich den allerwenigsten noch zum Bewußtsein gekommen.

Und der zweite Grund und die zweite Not, die mich zur Herausgabe dieses Buches veranlaßten, betrifft die vielen tausend Sommer‑ und Wintergäste, die jedes Jahr in die Ramsau kommen, um in unserm stillen Tal und in unsern schönen Bergen Erholung zu suchen und auch zu finden. Sie wollen ja nicht bloß abgespeist werden und unsere herrliche Bergwelt bewundern und besteigen, sondern sie haben auch geistige und geistliche Interessen. Sie wollen Land und Leute und vor allem die Geschichte dieses Lan­des kennenlernen. Sie sind zumeist sehr darüber verwundert, in dem katholischen Österreich auf einmal in unsern Bergen eine geschlossene evangelische Insel zu finden, und die erste Frage, die immer wieder an mich gestellt wird, ist die: „Sagen Sie, Herr Pfarrer, wieso kommt es, daß in dem katholischen Österreich hier oben am Fuße des Dachsteins eine geschlossene evangelische Insel zu finden ist? Das muß doch seine geschichtliche Ursache haben?“ Diese Frage löst einen kirchengeschichtlichen Vortrag aus. So muß ich denn jedes Jahr nicht nur vielen Einzelpersonen, sondern auch vielen Freizeitgruppen ungezählte Vorträge über die Geschichte der Ramsau halten, die mich mit vielen Menschen in Verbindung bringen. Aber es wird auch immer wieder die Frage laut: „Existiert kein Buch über die Geschichte der Ramsau?“ Ich kann dann nur auf das ganz hervorragende Büchlein eines meiner Amtsvorgänger, des Herrn Pfarrers Friedrich Traugott Kotschy: „Gedenket der vorigen Tage“, hinweisen, das dieser 1881 bei der Hundertjahrfeier des Toleranzpatentes herausgegeben hat und das eine wahre Fundgrube für die Geschichte des oberen Ennstales ist. Leider ist dieses Büchlein längst vergriffen, und so scheint es nur noch in wenigen Häusern der Ramsau au£ Ich weise auch gerne auf das lesenswerte Büchlein hin, das ein langjähriger Sommergast der Ramsau, Herr Dr. Perl, Religionsprofessor in Graz, über die Geschichte der Ramsau geschrieben hat und das im Buchhandel oder beim Fremdenverkehrsverein in der Ramsau zu haben ist. Aber wenn sich der Autor auch ehrlich Mühe gibt, die Geschichte der Ramsau objektiv darzustellen, so ist sie doch von katholischer Warte aus geschrieben, was jedem Leser alsbald auffallen muß. So soll dieses Buch eine schmerzlich empfundene Lücke, die längst hätte ausgefüllt werden müssen, schließen helfen. Ich möchte ihm den Wunsch und die Bitte mit auf den Weg geben: Möge es den Ramsauern zur Neubesinnung und zur Nacheiferung in ihrem evangelischen Glauben dienen, den Gästen aber die Augen dafür öffnen, mit wieviel Blut und Tränen die Geschichte unserer kleinen evangelischen Diasporakirche in Österreich geschrieben wurde, und daß die Kirche Jesu Christi immer eine Kirche unter dem Kreuz bleiben wird und muß.

Ramsau, im Januar 1967                                                                         Der Verfasser

 

 

 

Lieber Leser!

Als Pfarrer der höchstgelegenen und geschlossensten evangelischen Bergbauern‑ und Toleranzgemeinde in Österreich darf ich Dich auf das herzlichste begrüßen. Einer meiner Amtsvorgänger pflegte oft scherzhaft zu sagen: „Ich bin der höchstgestellte Pfarrer in ganz Österreich.“ Geschlossene evangelische Inseln gibt es nur wenige in Österreich. Die Ramsau ist eine davon. 89 Prozent der Bevölkerung dieses Landes, das sind zirka 6 Millionen Menschen, gehören der römisch‑katholischen Kirche an, während sich nur etwa 6 Prozent der Bevölkerung, das sind etwa 420.000 Seelen, zur evangelischen Kirche bekennen. Daß um das Jahr 1600 herum das Konfessionsbild genau umgekehrt gewesen ist, wissen wohl die wenigsten. Wenn ich die im Vorwort erwähnte und mir immer wieder gestellte Frage nach dem Grund des evangelischen Bekenntnisstandes der Ramsau beantworten soll, dann muß ich mit Dir, lieber Leser, einen Ausflug durch die interessante, aber leidvolle und mit viel Blut und Tränen geschriebene Geschichte unserer kleinen evangelischen Diasporakirche in Österreich machen, die auch das wechselvolle Schicksal unserer evangelischen Gemeinde in der Ramsau widerspiegelt.

Der große österreichische Dichter Grillparzer sagte nach dem Konkordat von 1855: „Gebt uns eine zweihundertjährige Geschichte als protestantischem Staate und wir sind der mächtigste und begabteste deutsche Volksstamm.“ Und zu Kaiser Joseph I. sagte einer seiner Minister: „Welche Machtfülle könnte das Haus Österreich erringen, wenn es den neuen Glauben angenommen hätte.“ Es ist nicht so, daß das Evangelium und die neue Lehre der Reformation vor den Toten Österreichs haltgemacht haben. Auch hierzulande war die alte Kirche an Haupt und Gliedern reformbedürftig, und das Lied der „Wittenbergischen Nachtigall“ wurde auch in Österreich gerne gehört. Handwerker, Kaufleute und vor allem Bergleute waren es, die zu Botenläufern der Reformation in Österreich wurden und die die Schriften Luthers, die Bibeln, die Gebets‑ und Andachtsbücher in dicken schweinsledernen Folianten in ihren Buckelkörben in das Land und in unsere Berge brachten und hier für gutes Geld verkauften. Und gerade diese Schriften sollten später, in der Zeit der Gegenreformation, eine bedeutende Rolle spielen.

 

EIN NEUER GLAUBENSFRÜHLING ZIEHT DURCH DAS LAND

Die Reformation in Wien und Niederösterreich

Die Reformation in Österreich begann eigentlich schon im Mittelalter, als die Waldenser gerade in diesem Land Fuß faßten und als sich hier mehr als hunderttausend treue Zeugen zu ihnen bekannten, was von dem Wahrheitsstreben und von dem Heilsuchen gerade des österreichischen Menschen Kunde gibt. Wenn die katholische Kirche gerade noch mit viel Not über diese Bewegung Herr werden konnte, mit der Reformation ist sie bis heute noch nicht fertig geworden.

Es war auf dem berühmten Wormser Reichstag 1521, als der damalige Reformationskaiser Karl V. die österreichischen Erblande seinem Bruder Ferdinand I. überließ, der den österreichischen Kaiserstuhl bis 1564 innehatte. Als Söhne Philipps des Schönen waren beide Brüder am spanischen Königshof streng im katholischen Glauben erzogen worden, und beide wollten auch die Einheit der katholischen Kirche in ihren Landen unter allen Umständen erhalten und gesichert wissen. Aber welch verschiedene Wege mußten beide Brüder und ihre Nachfolger in ihren Landen um des Glaubens willen gehen! Während Kaiser Karl V. sein Lebenswerk am Ende seiner Jahre scheitern sah, muß aufs Ganze gesehen von den österreichischen Erblanden gesagt werden: Durch die Hausmachtpolitik der Habsburger, die mit einer einzigen Ausnahme streng katholisch gesinnt waren und bis zum unglückseligen Ausgang des ersten Weltkrieges den österreichischen Kaiserstuhl für sich in Anspruch nahmen, ist der Gang der Reformation und vor allem der Gegenreformation in Österreich ein ganz anderer gewesen, als dies im Mutterland der Reformation der Fall war. Ferdinand I. gab bereits im Jahr 1523 das erste Verbot der Verbreitung und des Lesens lutherischer Schriften heraus, und viele Tausende solcher Schriften wurden dem Feuer übergeben. Schon im nächsten Jahr sollte um des Evangeliums willen Märtyrerblut in Österreich fließen.

Und zwar war es der ehrsame Wiener Bürger Kaspar Tauber, der durch eigenes Studium der Heiligen Schrift zur Erkenntnis der evangelischen Wahrheit kam und manche Irrlehren und Mißbräuche in der römisch‑katholischen Kirche hart angegriffen hat: Wandlung in der Messe, Zwang zur Ohrenbeichte, Anrufung der Heiligen usw. Er wurde deswegen von der erbosten Wiener Geistlichkeit dem Kaiser zur Anzeige gebracht. Dieser ließ ihn in den Kärntner Turm werfen, vielen Verhören und Quälereien unterziehen, bis er anscheinend zum Widerruf bereit war. Man hatte sich folgende Bußstrafe für ihn ausgedacht: Er soll an drei Sonntagen hintereinander vor der Dompforte zu St. Stephan barfuß und barhaupt, in Lumpen gehüllt, mit einer brennenden Kerze in der Hand und mit einem Strick um den Hals erscheinen und öffentlich seine ihm nachgesagten sieben Ketzereien widerrufen, noch ein Jahr im Gefängnis sitzen, die Prozeßkosten zahlen, eine ansehnliche Geldsumme erlegen und sein Leben lang als abschreckendes Beispiel ein schwarzes Kreuz auf seinem Gewande tragen.

Am 8. September 1524 sollte das Schauspiel beginnen. Man führte ihn auf ein Holzgerüst, das zu diesem Zweck vor dem Stephansdom errichtet worden war. Aber anstatt zu widerrufen, beteuerte Kaspar Tauber, sich an die Volksmenge wendend, seine Unschuld. Man habe ihm keinen einzigen Irrtum aus der Heiligen Schrift nachgewiesen. Auch fordere er, vor ein öffentliches Gericht gestellt zu werden, und nicht vor ein Gericht, wo seine Ankläger zugleich seine Richter seien. Man stieß ihn vom Gerüst herunter, folterte ihn, legte ihn in Ketten und verurteilte ihn zum Tod. Als man ihm das Todesurteil verlesen hatte, rief er aus: „Unüberwunden, ja auch ungehört, muß ich verurteilt sein. Aber wenn ihrer auch achtzigtausend Doktoren wären, könnten sie mir nichts abgewinnen, weil Gottes Wort auf meiner Seite ist. lm Dunkeln haben sie mit mir gespielt. Sie schämen sich ihrer Handlung, und darum hassen sie das Licht; über dem Worte Gottes will ich verharren, sterben und genesen.“ Als man ihn ins Schergenhaus führte, rief er der versammelten Volksmenge zu: „Ihr lieben Brüder und Schwestern! Schreibt’s in alle Lande, daß man mit mir so unchristlich handelt und gar eine unredliche Tat begeht. Damit segne euch Gott!“

Am 17. September 1524 war sein Todestag gekommen. Man führte ihn in einem Wagen hinaus an den Erdberg bei Wien. Vor ihm saß ein katholischer Priester mit einem Wachstäfelchen in der Hand, auf das ein Kruzifix und ein Marienbild gemalt waren. Hinter ihm saß der Scharfrichter, und neben dem Wagen liefen die Stadtknechte. Draußen angekommen, fragte ihn der Priester, ob er nicht noch beichten und seine Seele versorgen wolle. Er lehnte es ab mit den Worten: „Ich habe Gott, meinem himmlischen Vater, gebeichtet und meine Seele schon versorget; und wenn ich auch achtzigtausend Seelen hätte, so wären sie heute alle durch diesen meinen Glauben an Gott versorgt.“ Sein letztes Gebet war:

„O Herr Jesu Christo, der du um unseretwillen und für uns gestorben bist, ich sage dir Dank, daß du mich Unwürdigen erwählt und würdig erachtet hast, um deines göttlichen Wortes willen zu sterben.“ Seine letzten Worte waren die Worte Jesu am Kreuz: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Dann schlug ihm der Scharfrichter den Kopf ab, und sein Leichnam wurde verbrannt auf dem Scheiterhaufen. - Ist es nicht eine Ironie des Schicksals, daß in der Ferbergasse, in der Kaspar Tauber wohnte, in der heutigen Dorotheergasse, die evangelische Kirche in Wien, Innere Stadt, steht, in der man ihm zu Ehren an seinem 400. Todestag eine schlichte Gedenktafel angebracht hat?

In demselben Jahr, als das geschah, stand der nächste Märtyrer um des Evangeliums willen vor seinem bischöflichen Richter in Passau. Es war der ehemalige Kaplan Leonhard Kaiser, der die Pfründe seines Passauer Domherrn in Waizenkirchen in Oberösterreich zu verwalten hatte. Ihm wurde zur Last gelegt, er habe die Schriften Luthers gelesen und danach gepredigt. Sein bischöflicher Richter war ihm gnädig und versprach ihm die Freiheit, wenn er ihm das Versprechen gebe, dies nicht mehr zu tun. Er war noch jung, sein Leben war ihm lieb, und so legte er dieses Versprechen ab. Aber kaum auf freien Fuß gesetzt, ließ ihm sein Gewissen keine Ruhe, das ihm sagte: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ So trieb ihn sein unruhiges Gewissen nach Wittenberg, und er wurde ein begeisterter Schüler Luthers, der ein und ein halbes Jahr zu seinen Füßen saß und die evangelische Lehre aus erster Hand kennenlernen durfte. Anfang 1527 wurde er in seine oberösterreichische Heimat zurückgerufen: sein Vater liege im Sterben. So eilte er nach Hause und konnte gerade noch seinem sterbenden Vater die Augen zudrücken. Nachdem er aber nun selber krank geworden war, mußte er sich länger als vorgesehen in der Heimat aufhalten. Und so fand sich denn auch bald ein zweiter Judas, der ihn neuerdings seinem bischöflichen Richter in Passau zur Anzeige brachte. Er wurde ausgehoben, in die Feste Oberhaus bei Passau ins dunkle Verlies geworfen und wiederum vor Gericht gestellt. Als Luther davon erfuhr, schrieb er ihm einen trostreichen Brief ins Gefängnis, in dem es wörtlich heißt:

„Gnade, Tapferkeit und Frieden in Christo! Gefangen ist dein alter Mensch, mein Leonhard, nach dem Willen Christi, deines Erlösers, der auch seinen neuen Menschen für dich und deine Sünde in die Hände der Gottlosen gab, um dich mit seinem Blute wieder zu erkaufen. Wir trauern um dich, versuchen und beten, daß du frei werdest, nicht nur für dich, sondern für andere zu leben.

Wenn es aber im Himmel beschlossen ist, daß du nicht frei wirst, so siehe zu, als frei im Geiste, tapfer und standhaft die Schwäche des Fleisches zu besiegen, in der Kraft Christi, der mit dir im Gefängnis ist und in jeder Trübsal sein wird, wie er verheißen. Rufe ihn an, richte dich auf mit Trostpsalmen, im Wüten des Satans, damit du nicht schwächer werdest, nicht den Übermut Satans fürchtest, sondern verlache seine Wut, dessen gewiß: Wenn Gott für uns ist, wer ist wider uns?“

Diesmal blieb Leonhard Kaiser standhaft und bekannte: Was in der Heiligen Schrift geschrieben stehe, das könne er nicht widerrufen. Was aber nicht in der Heiligen Schrift geschrieben stehe, das widerrufe er hiermit. Auch ihm wurde der Prozeß gemacht, und er wurde zum Verbrennungstod auf dem Scheiterhaufen verurteilt, der dann an einem schönen Sommertag, am 16. August 1527, auf einer Insel im Inn bei Schärding in Oberösterreich vollstreckt wurde. Als er zur Richtstätte schritt, forderte er die versammelte Menge auf, mit ihm das Lutherlied zu singen „Komm, Heiliger Geist, Herre Gott!“, was dann auch geschah.

Aus den auflodernden Flammen hörte man ihn noch ein paarmal rufen: „Herr Jesu, ich bin dein, mach mich selig!“ Dann erstickten ihn die Flammen und der Rauch die Stimme, und auch Leonhard Kaiser hatte seinen evangelischen Glauben mit dem Märtyrertod besiegelt. Als Luther von dem gewaltsamen Tod seines Schülers hörte, rief er aus: „Ja, er heißt billig nicht ein König bloß, sondern ein Kaiser. Er ist ein rechter Leonhart, das ist Löwenherz.“ Und es wird uns auch berichtet ‑ und die Dichtung jenes Liedes fällt auch in diese Zeit ‑, daß Luther im Anschluß an den Märtyrertod seines Schülers Leonhard Kaiser sein berühmtes Schutz­- und Trutzlied „Ein’ feste Burg ist unser Gott“ gedichtet haben soll. An derselben Stelle, an der Leonhard Kaiser verbrannt worden ist, erhebt sich seit seinem 400. Todestag ein schlichtes Denkmal aus oberösterreichischem Granit, bei dessen Errichtung auch katholische Christen mitgeholfen haben. Man sieht Flammen emporzüngeln, aus deren Mitte ein Kreuz emporragt. Darauf ist eine Dornenkrone und darüber stehen die Worte: „Ein’ feste Burg ist unser Gott“, darunter: „Leonhard Kaiser, Prediger und Märtyrer des Evangeliums Jesu Christi, verbrannt am Gries bei Schärding, 16. August 1527. Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das Himmelreich ist ihr.“

Aber trotz dieser Glaubensverfolgungen gleich zu Beginn der Reformation trat die neue Lehre ihren Siegeszug durch ganz Österreich an, und zwar in einem Maße, daß um 1590 herum fast ganz Österreich evangelisch war. Es gab in Städten wie in Klagenfurt, Villach und Graz nur noch wenige altgläubige Familien. Überall im Land blühte evangelisches Leben auf, wurden evangelische Kirchen gebaut oder von der alten Kirche übernommen, waren Prädikanten am Werk, wurden evangelische Schulen eingerichtet. Da die Habsburger immer wieder in auswärtige Kriege verwickelt waren, gegen die aufständischen Böhmen, Ungarn, vor allem aber gegen die Türken, mußten sie immer wieder gute Miene zu einem für sie „bösen Spiel“ machen und die stillschweigende Ausbreitung des Protestantismus über ganz Österreich dulden. Ferdinand I. lag es vor allem daran, die Mängel und Gebrechen in der eigenen Kirche zu beheben, um dann umso besser und umso leichter gegen die lutherische Lehre vorgehen zu können. Dem diente auch ein Mandat vom 17. November 1528. Aber der hohe und niedere Klerus, der innerlich faul und untauglich geworden war, ließ ihn im Stich. Die weiteren Erfolge der Reformation und der Nürnberger Religionsfriede von 1532 ermutigten den niederen Adel in Ausnützung seiner Vogtei‑ und Patronatsrechte (die er unter keinen Umständen preisgeben wollte), seine Pfarrstellen mit Anhängern der Reformation zu besetzen. Dazu wollten die adeligen Herren auch noch die landesfürstliche Bestätigung erlangen, die freilich immer wieder hinausgeschoben wurde. Da außerdem Ferdinand I. immer wieder auf Geldbewilligungen seitens der Reichsstände angewiesen war, waren ihm zumeist die Hände gebunden, und so konnte er keine durchgreifenden Maßnahmen gegen die Anhänger der neuen Lehre verhängen.

Die Abfallsbewegung von der Papstkirche nahm zu, Klöster standen leer und Pfarreien blieben aus Mangel an Priestern unbesetzt. Der Kaiser mußte bereits durchgeführten Reformen seitens des Adels tatenlos zuschauen. Ein Erzbischof klagte: In Österreich seien wenig Leute zu finden, an denen nicht einiger Geruch der neuen Lehre zu verspüren sei. In Märkten und Städten wurde ungescheut evangelischer Gottesdienst gehalten und das heilige Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht. Aber diese Lage änderte sich grundlegend, als Ferdinand I. 1551 die Jesuiten ins Land rief, die von den Fürstenhöfen Besitz ergriffen und für die streng katholische Erziehung des jungen fürstlichen Geschlechtes Sorge trugen. Sie wurden auch mit ihrem blinden Gehorsam im Blick auf das Papsttum die Wegbereiter der Gegenreformation, und sie schmiedeten in dem späteren Ferdinand II., dem Sohn Karls von Innerösterreich, den eigentlichen Ketzerhammer. Noch forderten die Herren und Ritter im Jahre 1556 vom Kaiser, ehe sie zu Geldbewilligungen bereit waren, die Einverleibung in den Augsburger Religionsfrieden. Aber da nach diesem Vertrag der Landesfürst die Religion seiner Untertanen zu bestimmen hatte, konnte Ferdinand dieses Verlangen leicht abschlagen. Um die Neugläubigen zu gewinnen, hob Ferdinand am 20. Februar 1556 das Verbot des Laienkelches auf, zog sich aber dadurch den Zorn des Papstes Paul IV. zu. Nun setzte Ferdinand seine ganzen Hoffnungen auf das Konzil zu Trient. Er betrieb vor allem die Gewährung der Priesterehe und des Laienkelches und reiste zu diesem Zweck 1563 nach Innsbruck, um den Verhandlungen auf dem Konzil näher zu sein und ihnen mehr Nachdruck zu verleihen. 1563 verlangten die Adligen vom Kaiser die Freigabe des Evangeliums. Er sagte weder zu noch ab, sondern versprach, sich so zu verhalten, daß sich niemand zu beklagen habe. Die letzten Lebensjahre des Kaisers, die gekommen waren, waren von schwerer Sorge um die Ketzerei nicht nur im ganzen Land, sondern vor allem im eigenen Hause getrübt.

Sein ältester Sohn, der 1527 in Wien geborene, reich begabte Erzherzog und Thronfolger Maximilian, war von seinem Erzieher Wolfgang Severus für den lutherischen Glauben gewonnen worden. Der Vater reagierte mit der Verschickung seines ungehorsamen Sohnes nach Spanien, erreichte freilich genau das Gegenteil von dem, was er erreichen wollte. Die Abneigung gegen die „spanischen Pfaffen“ und gegen alles welsche  Wesen wurde bei dem Sohn nur noch größer. Dieser wollte sogar eine Zeitlang ins “Reich“ flüchten. Aber was ihn an den evangelischen Fürsten auf die Dauer Anstoß nehmen ließ, waren ihre Uneinigkeit und ihre fortgesetzten dogmatischen Streitereien. Ferdinand I. sah ‑ ebenso wie sein Bruder Kaiser Karl V. ‑ sein Lebenswerk mehr oder weniger scheitern: die Einheit der römisch‑katholischen Kirche wenigstens in seinem Land zu erhalten. Maximilian mußte noch seinem schwerkranken Vater das feierliche Versprechen geben. Als er nicht konvertierte, was er auch gehalten hat. Aber bevor Ferdinand I. nach dem Empfang des heiligen Abendmahls in beiderlei Gestalt am 25. Juli 1564 die Augen schloß, teilte er aus Mißtrauen gegen seinen Thronfolger die österreichischen Erblande unter seine drei Söhne auf: Maximilian II., der ihm in der Kaiserwürde folgte und von 1564 bis 1576 regierte, erhielt außer der deutschen Krone das Hauptland Österreich samt Böhmen und Ungarn, sein Bruder Karl bekam Innerösterreich ‑ dazu gehörten Steiermark, Kärnten und Krain ‑, und der dritte von den Brüdern, Ferdinand, der Gemahl der reichen Patrizierstochter Philippine Welser, erhielt Tirol, Vorarlberg und einige Besitzungen in Deutschland. Während nun Maximilian II. die Ausbreitung der Reformation in seinen Landen duldete und förderte, gingen seine Brüder daran, die Gegenreformation in ihren Landen durchzuführen. Maximilian selbst blieb der Schwankende und Hinhaltende. Er wollte es mit keiner Seite verderben. Einerseits fühlte er sich den evangelischen Herren und Rittern in Nieder‑ und Oberösterreich gesinnungsmäßig verwandt, er wollte es aber auch auf der andren Seite nicht mit dem Papst und mit seinem katholischen Vetter auf dem spanischen Königsthron zum Bruch kommen lassen. Außerdem schwebte ihm das Ziel vor Augen, die beiden Konfessionen entweder miteinander zu vereinigen oder wenigstens einander nahe zu bringen. Unfruchtbarer Theologenstreit, wie der der Flacianer, die darum stritten, ob die Erbsünde zum Wesen des Menschen hinzugehöre oder nicht, und wie er bald zur Sprengung der lutherischen Kirche geführt hätte, war ihm in der Seele zuwider. Nur mit großer Erbitterung sah der Kaiser diesem wütenden Treiben zu. Zu dem in Glaubenssachen vor Gewalt nicht zurückscheuenden Bischof von Olmütz sagte er die treffenden Worte: daß Glaubenssachen nicht mit dem Schwert gerichtet werden sollten und daß der sich vermä, auf Gottes Thron zu steigen, wer über die Gewissen der Menschen herrschen wolle. Als er aber dann zur Abtragung seiner durch die Türkenbekämpfung groß gewordenen Schuldenlast dringend Geld benötigte, sah er sich zu Zugeständnissen an die niederösterreichischen Herren und Ritter veranlaßt und gewährte ihnen am 18. August 1568 die „Religionskonzession“. Sie dürfen „auf und in allen ihren Schlössern und Häusern und Gütern für sich selbst und ihr Gesinde und ihre Angehörigen, auf dem Lande aber in ihren zugehörigen Kirchen zugleich auch für ihre Untertanen“ ihre Gottesdienste gemäß der Augsburgischen Konfession nach einer zu schaffenden Agende halten. Die Städte und Märkte waren ausgenommen. Der Adel legte diese Verordnung, die zu allerhand Streitigkeiten Anlaß bot, nach eigenem Gutdünken aus und hielt auch in seinen Wiener Stadthäusern evangelische Gottesdienste. Der Rostocker Professor D. David Chyträus wurde mit der Abfassung der notwendigen Agende betraut, die schließlich nach einigen Abänderungen vom Kaiser angenommen wurde.

Durch die am 14. Januar 1571 erteilte Assekuration wurden die vor drei Jahren vom Kaiser gemachten Zugeständnisse bestätigt. Der Adel mußte die Gottesdienste in seinen Wiener Privathäusern einstellen, aber dafür erstattete der Kaiser die Abhaltung lutherischer Gottesdienste im Wiener Landhaus. Als erster Landschaftsprediger wurde der aus Regensburg wegen seines Flacianismus vertriebene Superintendent M. Josua Opitz bestellt, der ein gewaltiger Redner war und ungeheuren Zulauf zu verzeichnen hatte. Leider fehlte dem niederösterreichischen Kirchenwesen die einheitliche Leitung, und der Kaiser war auch nicht mehr zu bewegen, ein nach der Kirchenordnung vorgesehenes Konsistorium zu bewilligen und einen Superintendenten zu bestellen. Der Kaiser war durch all die schmerzlichen Erfahrungen mißtrauisch geworden, und der päpstliche Legat Commendone dürfte durch sein Ränkespiel das Seine zu dieser Haltung des Kaisers beigetragen haben. So abstoßend der häßliche Theologenstreit auch gewesen sein mag, das Lob, daß diese streitbaren Männer ein blühendes Schulwesen in Wien, Horn, Krems, Waidhofen an der Ybbs und m anderen Orten aufgebaut haben, kann ihnen nicht versagt werden. Die duldsame Zeit für den niederösterreichischen Protestantismus war vorbei, als Maximilian II. 1576 nach standhafter Verweigerung der römischen Sterbesakramente seine Augen schloß. Wir aber dürfen sagen: Er war der einzige unter den Habsburgern, von dem wir mit Recht behaupten können, daß er evangelisch gesinnt war.

Sein Sohn Rudolf II., der von 1576 bis 1612 die österreichische Kaiserkrone trug, war wieder am spanischen Königshof nach katholischer Rechtgläubigkeit und Unduldsamkeit erzogen worden. Schon bei seinem Regierungsantritt trat der Gegensatz zwischen seinen Anschauungen und denen des niederösterreichischen Adels klar zutage. Bisher war es der Brauch, daß der Landesfürst zuerst die Privilegien des Landes und seiner Stände zu bestätigen hatte, um sich dann huldigen und den Treueid leisten zu lassen. Rudolf II. hielt sich an diesen Vorgang nicht, er forderte vielmehr den Treueid seiner Untertanen und weigerte sich überdies, die Konzessionen von 1568 und 1571 anzuerkennen, die private Abmachungen seines Vaters mit dem Adel seien. Der Adel beugte sich nach dem lutherischen Verständnis des Gehorsams gegenüber der Obrigkeit unter den Eigenwillen des Kaisers und verzichtete auf jede Gewaltanwendung. Aber gerade dieses Verhalten sollte ihm zum Verhängnis werden, denn er hatte es mit einem Gegner zu tun, der seinerseits vor Gewalt und Wortbruch nicht zurückscheute. Die Stände leisteten am 1. Oktober 1577 die Huldigung und fanden sich mit einer mündlichen Zusicherung seitens des Kaisers ab, die Konzession nicht aufheben zu wollen. Aber bald zeigte er sein wahres Gesicht. 1578 wurde der evangelische Gottesdienst in den Städten verboten, das Wiener‑Landhaus-Exercitium eingestellt. Opitz und die andern Prediger mußten bei „scheinender Sonne“ die Stadt und innerhalb 14 Tage die Erblande verlassen. Die Bitte des Adels, den Protestanten Prediger auf ihre Kosten zu belassen, wurde abgeschlagen. Der menschenscheue und argwöhnische, gelehrte und der Sterndeuterei ergebene Kaiser zog sich auf den Hradschin in Prag zurück und setzte seinen Bruder Ernst als Statthalter ein. Der holte im Bunde mit den Jesuiten, die immer mehr Einfluß auf die Regierungsgeschäfte erlangt hatten, nach, was sein Bruder „versäumt“ hatte. Er verbot den evangelischen Gottesdienst in Wien und um Wien. Auch das „Auslaufen“ der Bürger zu solchen Gottesdiensten nach Inzersdorf und Hernals, wo die Herren von Geyer lutherische Prediger hielten, wurde untersagt. Die Einberufung eines neuen Landtages nahmen 5000 Wiener Bürger zum Anlaß, sich am 19. Juli 1579 vor der Hofburg in Wien zu versammeln, vor Ernst die Knie zu beugen und mit aufgehobenen Händen um die Freigabe des lutherischen Bekenntnisses zu bitten. Aber diese „Herausforderung“ mußten viele bitter büßen. Ihre Rädelsführer wurden verhaftet, zum Tode verurteilt, aber dann zu Landesverweisung begnadigt. Zu all diesem Unglück kam noch ein weiteres hinzu. Fand sich unter den zwölf Aposteln ein Judas, warum sollte nicht auch unter den Evangelischen Wiens ein solcher zu finden sein? Die Jesuiten hatten sich in Melchior Klesi, dem Sohn eines evangelischen Bäckermeisters in Wien, den sie zum katholi­schen Glauben bekehrt hatten, ein hervorragendes Werkzeug geschmiedet. Dieser „Judas von Wien“ tat sich nicht nur in der Verfolgung der Evangelischen besonders hervor, und er zog auch nicht nur mit den Reformationskommissionen durch das Land, um die Evangelischen zur Rückkehr zum katholischen Glauben oder zur Auswanderung zu zwingen, sondern er stieg auch auf der Stufenleiter des Erfolges zu hohen Würden empor. 1582 wurde er Hofprediger, 1598 Bischof, 1616 Kardinal. Die evangelischen Schulen lieferte er den Jesuiten aus. Aber da der Verrat zumeist den Verräter schlägt, blieben auch ihm bittere Enttäuschungen in seiner Kirche nicht erspart. Im Stephansdom zu Wien hat er seine letzte Ruhestätte gefunden. Alle Einsprüche der Stände und auch verweigerte Geldbewilligungen konnten an der Haltung der Regierung nichts ändern. Die Rechte des Adels wurden immer mehr beschnitten.

Durch die Regierungsunfähigkeit Rudolfs II., der ein verhängnisvolles Erbe seiner spanischen Urgroßmutter Johanna der Wahnsinnigen zu tragen hatte, kam es schließlich zum „Bruderzwist im Hause Habsburg“, der mit der Übernahme der Regierungsgeschäfte in Österreich, Mähren und Ungarn durch den Bruder Matthias endete. Noch einmal konnten die niederösterreichischen Herren und Ritter für kurze Zeit ihre alten Rechte und Zugeständnisse erzwingen, aber als dann Matthias 1619 das Zeitliche segnete und der Sohn Karls von Innerösterreich, Ferdinand II., die ganzen österreichischen Erblande wieder in seiner Hand vereinigte, begann die Gegenreformation in großem Stil.

 

Die Reformation in den andern Bundesländern

b) Oberösterreich

 

Das Hauptbollwerk des Luthertums wurde das Landl ob der Enns, in dem sich nicht nur der Adel und die Ritter, sondern auch die Bürger und die Bauern zum weitaus größten Teil zum evangelischen Glauben bekannten und in dem die Gegenreformation die schwerste Arbeit zu verrichten hatte. Hier war es vor allem der Landeshauptmann Wolfgang Jörger auf Schloß Toller im Hausruckviertel, der bereits 1521 seinen Sohn Christoph nach Wittenberg schickte, um von Luther im Glauben unterwiesen zu werden. In umgekehrter Richtung schickte Luther den Jörgers den ehemaligen Mönch Michael Stiefel als Seelsorger auf Schloß Tollet. Der Landeshauptmann selbst hatte mit mehreren Adligen, darunter seinem Nachfolger Cyriak von Polheim, am Wormser Reichstag teilgenommen und von dort entscheidende Eindrücke von der neuen Lehre mitgebracht. Auch mit Bartholomäus von Starhemberg stand Luther im Briefwechsel, ebenso mit dessen Sohn Erasmus. Ein Enkel von Bartholomäus Starhemberg, Heinrich, war später Schüler von Melanchthon und wurde sogar Rektor der Hochschule in Wittenberg. Auf den Schlössern im Lande wurden evangelische Prediger gehalten. Die Städte wollten hinter dem Adel nicht zurückbleiben. Vor allem Steyr wurde das erste „Ketzernest“, wo schon 1520 der Barfüßer Patricius in der Stadtkirche lutherisch predigte. Er wurde deswegen von den Dominikanern in ihrer Klosterkirche heftig befehdet.

Auch in Gmunden, Enns, Wels und Linz hielt die neue Lehre ihren Einzug. Besonders in der Landschaftsschule in Linz sollte sich ein blühendes Schulwesen entwickeln, an der auch der berühmte Astronom Johannes Kepler von 1612 an tätig war, bis ihn die Gegenreformation­ 1626 vertrieb. Selbst in den Klöstern erfolgte der Einbruch der Reformation. „Die vielen widerwärtigen Predigten und Lehren, die fälschlich als Wort Gottes gelehrt wurden“, wurden als Ursache für den 1525 entstandenen und schnell niedergeworfenen Bauernaufstand bezeichnet und die freie Predigt des Evangeliums gefordert. Der Adel und die Städte, die treu in dieser Sache zusammenstanden, beriefen auch vielerorts lutherisch gesinnte Prädikanten, um dem Wunsch der Mehrheit der Bevölkerung Rechnung zu tragen. Selbst die Adligen traten in den Dienst der Evangeliumsverkündigung, wo solche Prediger nicht zu haben waren. Eine 1527 durchgeführte Visitation zeigte, wie weit die Reformation bereits vorgedrungen war. Die Priesterehe in der alten Kirche war an der Tagesordnung. Maximilian II. bemerkt 1566 in seinem Tagebuch, daß es keinen unverheirateten Prälaten im Lande gäbe. Das berühmte Kloster St. Florian ließ seine Novizen in Wittenberg ausbilden. Über 600 lutherische Prediger sollen den Kirchendienst im Land versehen haben, unter denen sich auch manche Flacianer befanden. Während der Regierungszeit Maximilians II. konnte sich das lutherische Kirchenwesen in Oberösterreich ungehindert entfalten, deshalb legte man auch auf eine gesicherte Rechtslage wenig Wert. Wohl wurden den Herren und Rittern und den sieben landesfürstlichen Städten Linz, Steyr, Wels, Enns, Freistadt, Gmunden und Vöcklabruck mit der Resolution vom 7. Dezember 1568 gewisse Zugeständnisse in Religionssachen gemacht, aber eine Assekuration, wie im Nachbarland, war sie nicht. Auch in Linz wurde nach der Fertigstellung des neuen Landhauses daselbst ein evangelischer Gottesdienst eingerichtet.

Mit Rudolf II. änderte sich die Lage der Evangelischen im Lande grundlegend. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen dem neuen Herrscher und dem Adel und den Städten. Letztere ließen sich nicht voneinander trennen und baten den Kaiser, sie „um ihres Seelenheils willen“ in ihrem Glauben zu belassen. Sie huldigten ihrem Kaiser, der ihnen nur allgemeine, mündliche Zusagen in Religionssachen machte. Vorerst ließ sie der Kaiser auch in Ruhe. Aber Ende der achtziger Jahre mußten die Bauern zum Schutze ihrer Prediger den „Sierninger Bund“ schließen, weil die Regierung die frei werdenden Pfarrstellen immer mehr mit katholischen Priestern besetzte. Dazu wurden die Bauern mit immer größeren Lasten seitens ihrer Grundherren belegt. Das alles führte 1594 zu einem neuerlichen Bauernkrieg, der sich in wilden Übergriffen gegen die Pfaffen und Klöster entlud. Das im Mühlviertel von den Bauern aufgestellte Programm forderte: „Alle Papisten müssen verjagt, alle Klöster und Schlösser dem Erdboden gleich gemacht werden.“ Ein Vermittlungsversuch schlug fehl, weil die Rechte der Bauern mißachtet wurden. Ein von Weikart von Polheim befehligtes Ständeheer hatte bei Neumarkt eine schwere Niederlage von den Bauern hinnehmen müssen. 5000 Bauern belagerten die Stadt Steyr, die verloren schien. Aber schließlich warf Gotthard von Starhemberg mit grausamer Härte den Aufstand nieder. Um irdischer Rechte und Besitztümer willen hatte der Adel das gemeinsame Bekenntnis vergessen. Aber das sollte sich noch bitter rächen. Das „Rudolfinesche Interimale“ vom 8. Mai 1597 gewährte zwar den Bauern einige Erleichterungen, aber der Zwiespalt war da, und die Hunderte von Gerichteten und Eingekerkerten vergaßen die Bauern nicht. Dieses Vorgehen des Adels hatte der Gegenreformation des Kaisers Wasser auf die Mühlen geschüttet. Der katholische Landeshauptmann Jakob Löbl stand dem Kaiser zu Diensten, und dieser schickte dem Landeshauptmann den kaiserlichen Kommissar Dr. Paul Garzweiler mit Truppen zur Hilfeleistung. Die Prädikanten wurden innerhalb acht Tagen des Landes verwiesen, Herren und Ritter, die solche nicht entlassen wollten, mit schwersten Geldstrafen belegt. In den Städten wurden evangelische Magistrate durch katholische ersetzt. Das niedere Volk, die Bauern, die Salzarbeiter und die Holzknechte waren es einmal wieder, die sich in der Bekenntnistreue auszeichneten und die sich der Rekatholisierung widersetzten. Prädikanten kehrten heimlich zurück, die Regierung wurde von einsichtigen Männern gewarnt, die Bürger von Linz und Wels setzten sich zur Wehr, ebenso die Bauern auf dem Lande. Es regnete Geldstrafen und schließlich mußten Truppen die Ordnung wiederherstellen, wobei der Erzbischof Wolf Dietrich von Salzburg wertvolle Hilfe leistete. Als der „Bruderzwist im Hause Habsburg“ einsetzte, stellten sich die oberösterreichischen Protestanten auf die Seite des Matthias und erlangten noch einmal für kurze Zeit Religionsfreiheit. Die Prädikanten kehrten zurück, die evangelischen Schulen wurden wieder eingerichtet, das Land wurde wieder evangelisch. Aber nicht lange! Denn Ferdinand II., der 1619 die österreichischen Erblande wieder in seiner Hand vereinigte, war auch hier der Ketzerhammer, der ganze Arbeit verrichtete.

 

c) Innerösterreich

Auch in Innerösterreich, dazu gehörten Steiermark und Kärnten ‑ die Krain mußte 1918 an Jugoslawien abgetreten werden ‑, nahm die Reformation einen ähnlichen Verlauf wie in Ober­- und Niederösterreich. Auch hier standen an der Spitze der Reformbewegung, der Adel und die Städte. Auch hier bekannte sich der Landeshauptmann Siegmund von Dietrichstein mit seiner Familie, ebenso wie sein Nachfolger Freiherr Hans Ungnad von Sonneck, zum evangelischen Glauben. Besonders das obere Ennstal, dann Graz und Bruck an der Mur in Steiermark und Klagenfurt in Kärnten wurden die Hochburgen des Protestantismus. An vielen Orten Innerösterreichs entwickelte sich bald ein blühendes evangelisches Leben. Mönche und Nonnen verließen die Klöster und traten ins bürgerliche Leben zurück. Kaufleute und Bergleute brachten in ihren Buckelkörben die Schriften Luthers, die Bibeln und die Predigtbücher ins Land, für die sie überall dankbare Abnehmer fanden. Im ganzen Land waren Prädikanten am Werk, die das lautere Evangelium und die Lehre Luthers verkündigten. Die Türkennot spielte gerade in der Steiermark eine bedeutende Rolle, und die war es auch hier, die Ferdinand die Hände banden und zu Zugeständnissen bereit machten. Er konnte auch hier die Ausbreitung der Reformation nicht hindern. So machte er schließlich dem Landeshauptmann Freiherrn Hans Ungnad von Sonneck den Vorwurf, daß er mitschuldig sei an der immer weiter fortschreitenden Hinwendung des Landes zum Protestantismus. Er forderte von ihm die Durchführung der gegen die Neuerer erlassenen Gesetze. Als dieser sich weigerte, gegen seine Glaubensgenossen vorzugehen, forderte der Kaiser von dem Landeshauptmann seine persönliche Rückkehr zur alten Kirche. Der Landeshauptmann wies diese Erklärung mit den Worten zurück: er hätte mit Freuden gehorchen können, wenn der Befehl seines Fürsten seine zeitlichen Güter betrogen hätte; da er aber sein Gewissen und seiner Seele Seligkeit beträfe, dürfe er keinen Gehorsam leisten. Der Landeshauptmann legte 1556 sein Amt nieder, übergab seine steirischen Güter seinem ältesten Sohn und ging ins Exil nach Urach in Württemberg. Hier förderte er tatkräftig die Bibelüber­setzung ins Kroatische und ins Slowenische, damit das Evangelium über den Balkan bis nach Konstantinopel vordringe.

In Innerösterreich wendete sich das Blatt, als 1564 Karl, der Sohn Ferdinands I., in Graz die Regierungsgeschäfte übernahm. Er klagte, daß er nur noch die Reliquien der alten Kirche vorgefunden habe. Was Weiberherrschaft und jesuitische Erziehung und Intoleranz auszurichten vermögen, das haben die Protestanten Innerösterreichs hart genug zu verspüren bekommen. Schon auf dem Landtag 1565 zu Graz verlangte Karl die sofortige Einstellung aller Neuerungen. Auf den folgenden Landtagen wurde zäh und verbissen seitens der Landstände um Religionsfreiheit gerungen. Diese dachten nicht daran, etwas von ihren Errungenschaften auf religiösem Gebiet aufzugeben. Ungewollt kam den Evangelischen einmal wieder die Türkennot zugute. Karl war von seinem Bruder, dem Kaiser, mit der Türkenabwehr betraut worden und war einmal wieder auf Geldbewilligung angewiesen. Er mußte dem immer heftiger werdenden Drängen des Adels unter der Führung des Erasmus von Windischgrätz nachgeben und erteilte ihm auf dem Grazer Landtag vom 24. Februar 1572 die Zusicherung: Die Herren und Ritter dürfen samt ihren Familien, Gesinde und evangelischen Untertanen völlig frei den evangelischen Gottesdienst halten und ihre kirchlichen Vogtei‑ und Lehensrechte ausüben, solange sie sich gegen den Landesherrn der gebührenden Bescheidenheit befleißen und die katholischen Einwohner unbetrübt lassen würden.

Die Herren und Ritter hatten auf ihren Gütern schon längst die Pfarrstellen mit evangelischen Predigern besetzt. An dem neuerworbenen „Eggenberger Stift“ hatten sie ein blühendes Schulwesen eingerichtet und tüchtige evangelische Lehrer und Prediger berufen. David Chyträus aus Rostock wurde 1574 aus dem Nachbarland nach Graz berufen und mußte auch hier eine Kirchenordnung und Agende ausarbei­ten, die ebenfalls angenommen und verwendet wurden. Zum ersten Superintendenten wurde der aus Hessen stammende D. Jeremias Homberger berufen, der die Führung des Kirchenministeriums übernahm. Damit war aber auch schon der Höhe‑ und Wendepunkt in der Geschichte des evangelischen Kirchenwesens gekommen. 1571 heiratete Karl seine Nichte Maria von Wittelsbach, eine fanatische Katholikin, der „dürftige Bildung und große Beschränktheit“ nachgesagt wird. Unter ihrem Einfluß wurden die Jesuiten nach Graz berufen, die daselbst eine Lateinschule errichteten, die schon 1585 in den Rang einer Universität erhoben wurde. Nun fielen die Würfel schnell.

Die Protestanten bekamen die Anwesenheit der Jesuiten bald zu verspüren. Noch war es zwar den Herren und Rittern unter der tatkräftigen Führung des Adligen Hans Hoffmann von Grünbühl und Strechau, des „Königs des Ennstales“, auf dem Generallandtag in Bruck am 9. Februar 1578 gelungen, nach schwierigen Verhandlungen die Pazifikation zu erlangen, die die Zusicherung von 1572 bestätigte. Aber dieses Zugeständnis an die Evangelischen, die ihrem Landesherrn treu ergeben waren und ihre Treue sogar zum Teil mit dem Tod vor dem Feind besiegelten, die den Gehorsam und die Unterordnung unter die Obrigkeit bis hin zum Gewissenszwang übten, sollte Erzherzog Karl seitens des Papstes und seiner bayerischen Verwandten bitter und hart zu verspüren bekommen. Er wurde mit dem päpstlichen Bann bedroht, und die bayerischen Schwäger machten ihm die schwersten Vorwürfe. Und so ließ er sich auf der Münchener Konferenz im Oktober 1579 zum Wortbruch und zur Ungesetzlichkeit verleiten. Er hob die Pazifikation heimlich und einseitig auf und stimmte einer schrittweisen Gegenreformation zu. In den Städten erlaubte er nur noch katholischen Gottesdienst, schloß die Stiftskirche und gewährte nur noch lutherischen Gottesdienst für den Adel im Landhaus.

Alle Proteste waren um­sonst, auch Fußfall half nichts. Besuch verbotener Gottesdienste wurde mit hohen Geldstrafen belegt. Sogar Fürsprachen vor dem Reichstag in Augsburg waren vergeblich. Auf dem Lande ging man in ähnlicher Weise vor. 1583 kam es bereits zur Ausweisung führender Protestanten und Prediger. Güterenteignung, Einkerkerung und Verschickung ins Exil für verbotenen Gottesdienstbesuch kamen immer häufiger vor. Ähnlich wie in Wien überreichte auch in Graz am 21. Mai 1583 eine Abordnung der Regierung eine Bittschrift um Belassung beim Evangelium, während 5000 Bürger, Männer und Frauen und Kinder, im Burghof auf den Knien lagen. Der wortbrüchige Fürst ließ ihnen durch einen Diener mitteilen: „Und wenn sie Tag und Nacht auf den Köpfen stünden, würden sie doch nichts erreichen.“ Die Hetzerei ging weiter und die Verfolgung wurde nur noch ärger. Es kam zu Gewalttätigkeiten, Friedhofsverweigerungen und zur Ausweisung des Superintendenten Homberger. An gehässigen Streitschriften der Jesuiten, auf die keine Erwiderungen im Lande gedruckt werden durften, fehlte es nicht. Die Bischöfe von Seckau und Lavant, Martin Brenner und Georg Stobäus, wurden die Hauptstreiter der sich immer rücksichtsloser gebärdenden katholischen Kirche. War schon der Nuntius Malaspina, „des Teufels General“, wie er auch genannt wurde, ein gewaltiger Hetzer, der Titularbischof Andreas Britonoria übertraf ihn noch an Streitsucht. Schon wurde 1587 eine „Reformationskommission“ zusammengestellt, die die obersteirischen Bauern wieder katholisch machen sollte ‑ denn das verstand man unter Reformation ‑, aber da stieß man auf harte Köpfe und da war ohne Gewalt nichts zu machen. Der Betrieb in der berühmten Stiftsschule, an der auch ein Johannes Kepler wirkte, wurde immer wieder gestört und die Schüler vom Besuch dieser Schule abgehalten. Bei einem Tumult in Graz vom 4. bis 6. Juni 1595 konnte nur mit Mühe Blutver­gießen vermieden werden.

In dieser wildbewegten Zeit schloß Karl am 7, Juli 1590 für immer die Augen. Bei seinem Tod war sein Sohn und Nachfolger, der eigentliche Ketzerhammer, Ferdinand II., erst zwölf Jahre alt, so daß zum Leidwesen der Erzherzogswitwe Maria die Regierungsgeschäfte zuerst dem Erzherzog Ernst und dann dem Erzherzog Maximilian übertragen wurden. Noch einmal glaubten die Evangelischen die Freiheit erlangt zu haben, aber schon 1595 erfolgte die Einrichtung der provisorischen Regierung Ferdinands II. Maria im Bunde mit den Jesuiten und ihrem Kanzler Schranz bekam wieder die Oberhand. Die Pazifikation wurde nicht nur von dem letzteren gefälscht, sondern als erzwungen und ungültig bezeichnet. Die Jesuiten stellten die fragwürdige Behauptung auf: Ketzern brauche man keine Treue zu halten, und Ruhe im Lande würde erst dann einkehren, wenn der Rest der Prädikanten Graz verlassen habe. Über das, was nun kommt, müssen wir die Worte „Gegenreformation“ und „Ferdinand II.“ schreiben. Sie sind mit das dunkelste Kapitel in der Geschichte Österreichs.

 

d) Salzburg

Das Land Salzburg war bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts geistliches Fürstentum. Der Erzbischof war oberster weltlicher Herr in seinem Land, und weit über das Land hinaus bis tief ins Steirische hinein besaß er auch die geistliche Gewalt. Den Einbruch der Reformation in seine Domäne mußte der prachtliebende, rücksichtslose und habgierige Protestantenhasser, der Erzbischof Matthäus Lang, von 1510 bis 1540, über sich ergehen lassen. Sein Hofprediger war eine Zeitlang der Provinzial des Augustinerordens in Deutschland und zugleich der Beichtvater Luthers, Johann von Staupitz, der im Sinne der Reformation schrieb und predigte. Nach ihm war es Dr. Paul Speratus, der Dichter des Liedes „Es ist das Heil uns kommen her“, der ebenfalls das reine Evangelium und die Lehre Luthers verkündigte. Er wurde deswegen auch ausgewiesen und wandte sich nach Wien, wo er am 15. Januar 1522 im Stephansdom über die Rechtfertigung des Sünders allein durch den Glauben, ohne Verdienst der Werke, predigte, und daß der eheliche Stand allen Menschen frei und erlaubt wäre. Erzbischof Lang war von der Reformbedürftigkeit seiner Kirche und von der Zuchtlosigkeit seiner Priester überzeugt, so daß er zunächst nichts gegen die Reformation unternahm. Aber schon 1522 forderte ihn der Herzog von Bayern ernstlich auf, gegen das Eindringen des Luthertums vorzugehen. Er war es dann auch, der einen Priester Matthäus, weil er lutherisch gepredigt hatte, ins Exil nach Mittersill bringen ließ, den aber Salzburger Bauern befreiten, um sich umzudrehen und den Erzbischof auf seiner Feste Hohensalzburg zu belagern. Er war es auch, der mit besonders grausamer Härte die Wiedertäufer in seinem Lande verfolgte, ertränken und hinrichten ließ, um sich an ihren Gütern zu bereichern. Vor allem waren es die Bergknappen, aber auch die Bürger und die Bauern, die sich im Lande Salzburg der neuen Lehre zuwandten. Aber auch sie bekamen die starke Hand ihres Erzbischofs zu verspüren. Dieser ließ 1528 den ehemaligen Franziskaner Georg Schärer, weil er in Radstadt lutherisch gepredigt hatte, enthaupten und zahlreiche weitere Bekenner des Evangeliums aus dem Lande jagen. Unerschrocken und frei hatte Schärer bekannt: „Ist es eine Ketzerei, das Sakrament in beiderlei Gestalt zu empfangen, so sind alle Priester Ketzer. Verwerflich ist die Messe als Opfer um Geld. Die Seligen bedürfen keiner Fürbitte, den Verdammten hilft sie nichts. Sollten wir durch unser Werk selig werden, so wäre Christi Werk umsonst.“

Vor allem das Gasteiner Tal wurde einer der Mittelpunkte der Reformation, wo sich die vermögenden Gewerkenfamilien der Weitgasser, Zott, Strasser usw. der lutherischen Lehre anschlossen. Als man auch ihnen Schwierigkeiten machte und das Abendmahl in beiderlei Gestalt verweigerte, wandte sich der Gasteiner Bergmann Martin Lodinger in seiner Seelennot 1532 an Luther und bat ihn um Rat. Dieser antwortete ihm: „Friede in Christo! Mein lieber Freund! Wider Gewalt ist kein Rat. Weil ihr nun wisset, daß es recht sei, das Sakrament ganz und nicht halb zu empfangen, ist es ratsamer, ihr entbehrt seiner ganz und gar und befehlt euch dieweil mit dem Glauben und Begierde zum ganzen Sakrament, welches heißt ’geistliche Empfangung’. Wollt ihr’s aber je auch leiblich ganz empfangen und eure Obrigkeit will nicht, so müßt ihr das Land räumen und anderswo suchen, wie Christus sagt: Flieht in eine andere Stadt, wo sie euch in einer verfolgen! Sonst ist hie kein Rat. Befehle euch hiemit in die Gnade Christi. Amen.“

Er hat dann auch um seines Glaubens und Gewissens willen die Heimat verlassen. Matthäus Lang war ein kluger Mann, er hatte mit der Macht Freundschaft geschlossen, und wie er dachte, das sagte er auf dem Augsburger Reichstag 1530 zu Philipp Melanchthon: „Mein Domine Philippe, wir Pfaffen sind noch nie gut gewesen“, und: „Was willst du viel disputieren? Wir wissen wohl, daß wir unrecht haben.“ Aber er versuchte auch Melanchthon davon zu überzeugen, daß „nie jemand den Pfaffen könne etwas abgewinnen“ und daß der Kaiser nie würde “Deutschland verunruhigen um der Gewissen willen“. Er sagte ihm, es gäbe nur drei Wege, die kirchliche Spaltung aus der Welt zu schaffen, nämlich, daß die Katholiken, die Lehre der Evangelischen annehmen würden, was sie ebensowenig tun wollten, wie umgekehrt die Protestanten dem katholischen Glauben zufallen könn­ten. Der dritte Weg wäre, „daß sich beide Teile vertragen und vergleichen ließen. Das ist unmöglich, denn kein Teil will dem andern weichen. Darum muß ein Teil den andern ausrotten.“ Der Kardinal schloß mit den Worten: „Euer ist wenig, unser aber viel; wollen sehen, welcher den andern ausbeißen wird.“ Das war eine klare Sprache, wie sie selten ein Kirchenfürst zum Ausdruck gebracht hat.

Er hatte das Luthertum in seinem Land nicht mehr ausbeißen können, ebensowenig wie sein Nachfolger, der Wittelsbacher Herzog Ernst, der von 1540 bis 1554 das Erzbistum Salzburg innehatte und der die Schäden und die Verfallserscheinungen seiner Kirche sehr wohl erkannte. Dessen Nachfolger war Michael Graf von Khünburg, von 1554 bis 1560, der allerdings eine Anzahl von Protestanten „hinausgebissen“ hat, die sich im Schwabenland ansiedelten. Der nächste in der Reihe der Erzbischöfe war JohannJakob Khuen von Belasy, von 1560 bis 1586, der unter dem Druck der Verhältnisse seinen Untertanen den Laienkelch gewähren mußte. Ihm war das Lesenkönnen der Leute ein Dorn im Auge, und er versuchte die Landschulen aufzuheben. Aber er konnte es dennoch nicht verhindern, daß das lautere Evangelium von den Prädikanten sogar unter freiem Himmel den Leuten verkündigt wurde.

Der nächste geistliche Fürst in Salzburg war der bekannte Wolf Dietrich von Raitenau, von 1587 bis 1612, der großartige Bauten aufführte und der den Grundstein zum neuen Dom in Salzburg legte. Von ihm ist vor allem bekannt, daß er mit der Bürgerstochter Salome Alt in geheimer Ehe lebte und daß seine zehn unehelichen Kinder von Kaiser Rudolf in den Adelsstand erhoben wurden. Zuerst ging er noch gegen die Evangelischen vor und verwies sie, allerdings ohne besonderen Erfolg, des Landes. Aber dann rühmte er die Evangelischen als gute Untertanen, gestattete sogar den Gewerken und den Bergleuten im Gasteiner Tal 1602 freie Religionsausübung. Diese Haltung den Evangelischen gegen­über erregte freilich den Zorn der Bayern und führte zu seinem Sturz. Er wurde sogar festgenommen und zuerst in Werfen und dann auf der Hohensalzburg einige Jahre eingekerkert.

Den Stuhl eines geistlichen Fürsten in Salzburg bestieg nun Markus Sitticus, Graf von Hohenems, von 1612 bis 1619, der den Evangelischen weniger freundlich gesinnt war und während dessen Regierungszeit es ohne Ausweisung von Protestanten nicht abging. lm übrigen war sein Herz der Baulust ergeben, und Hellbrunn mit seinen Wasserspielen legt heute noch davon Zeugnis ab.

Sein Nachfolger Erzbischof Graf Paris von Lodron, von 1619 bis 1653, baute im Dreißigjährigen Krieg Hohensalzburg zu einer uneinnehmbaren Festung aus, vollendete 1628 den Dom bis zu den Türmen und gründete 1625 die Universität. Unter seiner und seines Nachfolgers Guidobald Graf Thuns Regierungszeit, von 1654 bis 1668, ging es den Protestanten gut; sie genossen fast eine stillschweigende Duldung. Aber auch diese Jahre gingen zu Ende, und was bisher im Blick auf die einsetzende Gegenreformation versäumt wurde, das holte zum Teil der Nachfolger Graf Thuns, der harte und willkürliche Jesuitenzögling Max Gundolph Graf von Khuenberg, von 1668 bis 1687, nach.

Mit ihm beginnt die Gegenreformation im Salzburger Land, die hier etwas später eingesetzt hat als in den übrigen Ländern Österreichs. Er hat die Vertreibung der Protestanten des Defereggentales, zwischen dem Puster‑ und Salzachtal, auf dem Gewissen, oder sagen wir einmal so: Er glaubte damit seiner Kirche einen wertvollen Dienst zu leisten. Er vertrieb mitten im Winter 1685 an die tausend Bewohner dieses Tales, „die sich nicht getrauten, im Papsttum selig zu werden“. Sie hatten Bücherverbrennungen nicht stillschweigend zur Kenntnis genommen und bekamen deswegen zuerst eine Kapuziner- und später eine Soldatenabordnung ins Tal gelegt. Einer Petition der Deferegger beim Corpus Evangelicorum in Regensburg und einer Bittschrift an den Erzbischof um Glaubensfreiheit folgte Ende 1684 der Ausweisungsbefehl, dem zufolge 1685 die Deferegger ihre Heimat verlassen mußten. Die Kinder unter 15 Jahren wurden zurückbehalten und in katholische Anstalten gesteckt. Den bereits Weggezogenen wurden auf der Brennerhöhe von nachgeeilten Soldaten die mitgeführten Kinder und Säuglinge noch entrissen. Kein Wunder, daß sich etliche Mütter entschlossen, wieder zurückzukehren und den Religionseid abzulegen. Jahrelang wurde um diese Kinder gerungen. Der Fürstbischof erklärte, die Bestimmungen des Westfälischen Friedens hätten auf die Deferegger kein Anwendungsrecht, da diese weder Lutherische noch Reformierte seien, sondern “Sektierer“.

Nach den Deferegger Protestanten kamen die Beamten und Knappen des Salzbergwerkes im alten“ Tyrnberg“ oberhalb Hallein an die Reihe. Auch sie mußten 1686 zum Wanderstab greifen und zogen unter der Führung ihres geistigen Oberhauptes Josef Schaitberger ins Exil. Dieser Schaitberger, der in Nürnberg Zuflucht fand und dort als Drahtzieher und Holzhauer sein tägliches Brot verdiente, wurde der eigentliche Tröster der Zurückgebliebenen, der eine reiche schriftstellerische Tätigkeit entfaltete und mit seinen „Sendbriefen“ vielen ein geistlicher Vater wurde. Neben einer Reihe von andern geistlichen Schriften des 17. Jahrhunderts sind vor allem die „Sendbriefe Schaitbergers“ in manchen Ramsauer Bauernhäusern zu finden. Von ihm stammt auch das bekannte Exulantenlied, das in unser Gesangbuch Aufnahme gefunden hat: „Ich bin ein armer Exulant, also tu ich mich schreibe. Man tut mich aus dem Vaterland um Gottes Wort vertreibe.“ Unter den nächsten Erzbischöfen, Johann Ernst Graf Thun, von 1687 bis 1709, und Franz Anton Graf Harrach, von 1709 bis 1727, kam es nur zu vereinzelten Ausweisungen. Aber nun stehen wir auch im geistlichen Fürstentum Salzburg vor der eigentlichen Gegenreformation großen Stils, die Erzbischof Anton Leopold Eleutherius Freiherr von Firminian durchgeführt und die alles evangelische Leben auch in diesem Land mit Stumpf und Stiel ausgerottet hat.

e) Tirol und Vorarlberg

In Tirol und Vorarlberg hat die Reformation am ersten Eingang gefunden, in diesen Landen wurde sie aber auch mit dem Täufertum zuerst wieder zunichte gemacht. Durch dieses Land führten schon damals die wichtigsten Verbindungsstraßen nach dem Süden, und die Botenläufer und Schriftenträger der Reformation konnten hier leicht Fuß fassen, zumal die geistlichen Orden stark verweltlicht waren und der niedere Klerus in Zuchtlosigkeit und Unwissenheit dahinlebte. Auch waren im Tiroler Bergbau viele Knappen aus Luthers Heimat tätig, die das Ihre zur Durchsetzung der Reformation beitrugen. In Rattenberg wirkte der Augustiner Agricola im lutherischen Geist, und in Bad Hall verkündigte unter großem Zulauf der ehemalige Baseler Professor Dr. Jakob Strauß schon 1521 das Evangelium. Auch der Nachfolger von Strauß, der gewesene Augsburger Domprediger Urbanus Rhegius, entpuppte sich als ein Anhänger Luthers. In diesem Land hatte Ferdinand I. mit der Entweltlichung der Geistlichkeit und mit der Vermeidung der größeren Anhäufung kirchlichen Besitzes mehr Glück. Bei der Erbteilung 1564 hatte sein zweitältester Sohn Ferdinand, von 1564 bis 1595, der mit der evangelisch gesinnten Patrizierstochter Philippine Welser aus Augsburg verheiratet war, die Regierungsgeschäfte in diesem Lande übernommen. Er bemühte sich unablässig, die Gegenreformation in seinem Land durchzuführen, fand aber bei dem höheren und niederen Klerus wenig geeignete Hilfe. Viele Adlige beugten sich, andere verbargen ihre wahre Gesinnung. Den Bergleuten mußte man Konzessionen machen, um die Bergherren vor schweren wirtschaftlichen Schäden zu bewahren. Auch in diesem Land hat der Jesuitenorden seiner Kirche und der Gegenreformation wertvolle Hilfsdienste durch Visitationen, Bücherverbrennungen, Überwachung der Gottesdienst‑ und Beichtbesuche und auch der Schulen geleistet.

Wer von Tirol und der Reformation spricht, der darf die Täuferbewegung nicht außer acht lassen, die gerade in diesem Land eine bedeutende Rolle gespielt hat. Wenn über Österreich ein Märtyrerbuch geschrieben würde, dann müßte den Wiedertäufern der oberste Platz eingeräumt werden. Besonders bei den kleinen Leuten fand diese Bewegung besonderen Anhang. Auch Geistliche und Adlige, auch ein Bergrichter und Ingenieur Marpeck aus Rattenberg, eine Frau von Freiberg und zwei Herren vom Geschlecht derer von Wolkenstein schlossen sich dieser Bewegung an. Aber bald loderten die Scheiterhaufen in diesem Lande auf, der Scharfrichter bekam Arbeit, Frauen wurden ertränkt. Der tiefe und heilige Ernst der Lebensführung dieser Taufgesinnten übte auf die Bevölkerung eine große Anziehungskraft aus. Ihr Führer wurde der aus Welsberg im Pustertal stammende Jakob Huter, der 1536 in Innsbruck verbrannt wurde. Als die Verfolgung der Wiedertäufer in Tirol zu heftig wurde, zogen die „Huterischen Brüder“ nach Mähren, wo sie lebensfähige Gemeinschaften und Bruderhöfe gründeten. Aber auch dort und in der Slowakei wurden sie durch die Gegenreformation vertrieben oder wieder rekatholisiert. So ist Tirol nicht nur am ehesten wieder katholisch gemacht worden, sondern es ist bis auf den heutigen Tag das katholischste Land in Österreich geblieben.

Um keines der Bundesländer zu übersehen, müßte nun das Burgenland noch betrachtet werden. Da aber dieses Bundesland jahrhundertelang zum Königreich Ungarn gehört hat und seine Geschichte auf das innigste mit der Ungarns verbunden war, mögen einige Hinweise genügen. Auch die Reformationsgeschichte dieses Landes ist wild bewegt, schwankt zwischen Verboten und stillschweigenden Duldungen, zeigt ein ähnliches Gepräge wie die Geschichte des benachbarten Niederösterreich und der Steiermark. Besonderes Verdienst um die Ausbreitung der Reformation erwarben sich die aus Kärnten stammenden Herren von Weisbriach, die die Herrschaften Landsee, Kobersdorf und Forchtenstein innehatten. Der katholische Gottesdienst wurde da und dort eingestellt, und Prädikanten versahen ihren Dienst. Um 1560 herum waren ungefähr zwei Drittel der Bevölkerung Ungarns evangelisch. Aber auch hier fehlte es an der notwendigen Einigkeit der streitbaren Theologen, so daß es Rudolf II. im Bunde mit dem Bischof von Raab, Georg Draskovitsch, und mit den Jesuiten nicht allzu schwer hatte, gegen die neue Lehre vorzugehen und die Gegenreformation auch in diesem Lande durchzuführen. Durch den Bruderzwist im Hause Habsburg geriet Ungarn in das Lager des Matthias und konnte noch einmal für kurze Zeit 1606 volle Religionsfreiheit erlangen. Aber durch die rücksichtslosen Bekehrungsversuche des jesuitischen Graner Erzbischofs und späteren Kardinals Peter Pázmány ging eine Reihe von Adligen mit fliegender Fahne ins katholische Lager über und wurde dafür reich belohnt. Unter ihnen auch Nikolaus von Esterházy, der Freiherr und Graf wurde und die Herrschaften Eisenstadt und Forchtenstein erhielt. Unter jesuitischem Einfluß wurde das Versprechen der Religionsfreiheit gebrochen und mit Hilfe der Konvertiten den Evangelischen schwerer Schaden zugefügt. Was noch an evangelischem Leben in Ungarn vorhanden war, vernichtete Leopold I., von 1655 bis 1705, mit brutaler Grausamkeit. Er hat ein Stück protestantischer Märtyrergeschichte sondergleichen in Ungarn geschrieben. Erst das Toleranzpatent Josephs II. brachte auch den Protestanten in Ungarn Religionsfreiheit.

f) Die Ramsau und das obere Ennstal

Daß die Geschichte der evangelischen Ramsau nur in den Rahmen der gesamtösterreichischen Kirchengeschichte hineingestellt werden kann und daß sie das gleiche Schicksal des österreichischen Protestantismus teilen mußte, liegt auf der Hand. Hier waren es neben Kaufleuten vor allem Bergknappen, die die Botschaft der Reformation und ihre Schriften in ihren Köpfen und Buckelkörben in unsere Berge brachten. Sie kamen zum großen Teil aus Sachsen und fanden in den Silber‑ und Kupferbergwerken im Giglachgraben bei Schladming Brot und Arbeit. Um das Jahr 1500 sollen hier ebenso viele Bergleute tätig gewesen sein. Diesen Bergleuten verdankt auch die Stadt Schladming ihre Blütezeit. Aber auch sie wurde schon sehr frühzeitig in den Strudel und in das Mißgeschick der Reformbewegung hineingezogen. Diese Stadt, die schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts von Elisabeth, der Gemahlin des Kaisers Albrecht II., zur Stadt erhoben wurde, sollte mit ihrer Umgebung im Jahr 1525 ein schreckliches Strafgericht erleben: Der Salzburger Erzbischof Matthäus Lang, ein erbitterter Gegner der Protestanten, ließ einen katholischen Priester mit Namen Matthäus wegen aufrührerischer Predigten verhaften und nach Mittersill ins Gefängnis führen. Unterwegs befreiten ihn evangelisch gesinnte Bauern aus dem Lande Salzburg, kehrten um, um den Erzbischof auf seiner Feste Hohensalzburg zu belagern.

In seiner Not bat der Erzbischof den Kaiser Ferdinand I. um eine Entsatztruppe. Dieser wiederum gab einen solchen Auftrag an den Landeshauptmann Siegmund von Dietrich­stein in der Steiermark weiter. Dieser zog, nachdem er in Graz die Entsatztruppe zusammengestellt hatte, mit 3000 Mann, die ihn zum Teil wieder verließen, mit wenig Glück und Begeisterung über Bruck an der Mur nach Leoben und dann durch das Paltental. Bei Gaishorn erlebte er den ersten Zusammenstoß mit den evangelisch gesinnten Bauern dieses Tales, die ihm den Weg versperrten. Der Landeshauptmann zog sich mit seinen Soldaten nach Mautern zurück. Aber als er Hilfstruppen aus Kärnten und aus Krain erhielt brachte er schließlich Rottenmann und Irdning in seine Hand. Auf seinem weiteren Vormarsch verweigerte ihm die Stadt Schladming den Durchzug. Er wurde angegriffen und verlor an die 500 Mann an Toten und Verwundeten. Nach einem abermaligen Angriff gelang es ihm schließlich am 24. Juni 1525, auch diese Stadt in seine Hand zu bekommen. Aber es sollte nur ein Pyrrhussieg für ihn werden. Vor den Toren Schladmings warteten 5400 Salzburger Bauern, die von Schladminger Bürgern nächtlicherweise in die Stadt eingelassen wurden und die unter der großenteils schlafenden Soldateska ein Blutbad anrichteten. Der Landeshauptmann konnte mit einigen Getreuen nur mit knapper Not dem Tod durch die Flucht nach Werfen entrinnen.

Auf dem Fuß sollte nun für die Stadt Schladming und ihre Umgebung ein schreckliches Strafgericht folgen. Ein gewisser Graf von Salm, der auch in den Türkenkriegen eine bedeutende Rolle gespielt hat, wurde von Erzherzog Ferdinand beauftragt, die Stadt Schladming zu schleifen, dem Erdboden gleichzumachen und die Schuldigen zu bestrafen. Dieser Auftrag wurde gründlich durchgeführt. Alle, die aus der brennenden Stadt flüchten wollten, wurden niedergemacht. Nachher wurde auf dem Marktplatz der Galgen errichtet, wo man die Rädelsführer hinrichtete. Viele flüchteten in die Berge, wurden aber mit dem Versprechen zurückgelockt, daß sie straffrei ausgehen sollten und daß sie von ihrem Hab und Gut wieder Besitz ergreifen könnten. Die diesem Lockruf folgten, wurden festgenommen und justifiziert.

Damals kam auch über die Ramsau das Verhängnis. Sie wurde gebrandschatzt und zum Teil dem Erdboden gleichgemacht. Wenn nun von anderer Seite behauptet wird, daß deswegen die Ramsau evangelisch geworden sei, dann ist das zweifellos unrichtig und eine eigene Geschichtsauslegung. Die alten Schriften, die Bibeln und Gebetbücher aus der Reformationszeit, die heute noch in verschiedenen Bauernhäusern der Ramsau aufliegen, reden eine andere Sprache. Daß dieses traurige Ereignis der alten Kirche geschadet und zur weiteren Ausbreitung der Reformation im oberen Ennstal sicherlich viel beigetragen hat, liegt im Wesen der Sache und dürfte zweifellos richtig sein. Wer wollte alle die Orte im Enns‑, Palten‑, Liesing‑ und Murtal aufzählen, in denen sich evangelisches Leben entwickelt hat und in denen Prädikanten am Werk gewesen sind?

In Schladming war „der Großvater der Prädikanten“, wie er genannt wurde, „ein böser und in der Ketzerei verstockter Mann“, Hanns Steinberger, viele Jahre am Werk, bis man ihn nach Graz brachte und ihm das Handwerk legte. Mitterndorf und Bad Aussee waren zum großen Teil lutherisch. In Au bei Neuhaus (Trautenfels) war die evangelische St.‑Jakobs‑Kirche errichtet worden. Pürggwar ein besonders verrufenes Ketzernest, wo die Reformationskommissionen harte Arbeit zu verrichten hatten. Zu Rottenmann hatte ein Herr Christoph in des Matseers Haus lutherisch gepredigt, und dort waren auch unkatholische Schriften gefunden worden. Zu St. Lorenzen im Paltental, in den Pfarren Oppenberg, Lassing, Liezen und auch in Irdning sah es nicht besser aus. In Göß, St. Michael, Kammern, Mautern, Kalwang und Wald wurden „geringe Verirrungen“ festgestellt. Selbst Valentin Abel, der Abt vom Stift Admont, welcher seit längerer Zeit mit Luther im Briefwechsel stand, wandte sich der neuen Lehre zu und mußte sein Amt niederlegen. In St. Ruprecht vor Bruck stieß man auf „ketzerische Unordnung“, in Leoben hatte sich ein lutherischer Vikarius, ein Herr Paul, ein Eheweib genommen. Im Murtal waren Judenburg, Knittelfeld, Oberwölz, Groß- und Klein‑Lobming, Neumarkt, Unzmarkt, Weißkirchen, Lind, Teufenbach, Murau ganz oder teilweise dem evangelischen Bekenntnis zugetan.

Aber das Hauptketzernest befand sich zweifellos auf Schloß Strechau und Grünbühl bei Rottenmann, wo Johann Friedrich Freiherr Hofmann als warmer Anhänger und eifriger Förderer der Reformation lebte und wirkte. Die „Hofmännische Religion“ wurde das evangelische Bekenntnis im Paltental von dessen Gegnern genannt. So blühte auch im oberen Ennstal, wie überall im Land, evangelisches Leben auf, über das wir ungezählte Berichte aus vielen Gemeinden besitzen. Und Menschen, denen es wirklich um die Sache Gottes zu tun ist, hätten doch dafür dankbar sein müssen, auch wenn sie selbst dabei Unrecht bekämen. Aber einsichtige Menschen wie jener Gamaliel, der im Hohen Rat aufstehen und sagen konnte: „Laßt ab von diesen Menschen und laßt sie fahren. Ist der Rat oder das Werk aus Menschen, so wird’s untergehen; ist’s aber aus Gott, so könnt ihr’s nicht dämpfen; auf daß ihr nicht erfunden werdet, als die wider Gott streiten wollen“, gibt es wenige, oder sie werden nicht gehört. Es ist immer verhängnisvoll, wenn eine totale Macht auftritt und die Wahrheit für sich allein beansprucht. Und so kam, was kommen mußte.

Die Ramsau war damals ein stilles, abgelegenes Gebirgstal, das noch von keinen Gästen heimgesucht war und deren Bewohner zähe Gebirgsbauern und arme Lehensträger waren, die sich noch mit dem kärglichen Ertrag ihres Grund und Bodens begnügen mußten und noch dazu hohe Abgaben ihren Lehnsherren und Großgrundbesitzern zu entrichten hatten. Das Sicht­bare und Vergängliche konnte die Augen und die Herzen dieser armen und bescheidenen Menschen noch nicht gefangennehmen, aber dafür hatten sie noch Zeit, ihr inneres Auge auf das bleibende Heil und auf die ewige, göttliche Wahrheit zu richten, die ihnen niemand nehmen noch in Frage stellen konnte. Sie tranken noch aus der Urquelle allen Lebens, die ihnen wunderbare Kraft gab und die sie nachher so notwendig brauchten. Denn auch für das obere Ennstal kam die Gegenreformation.

 

DIE GEGENREFORMATION IN ÖSTERREICH

Auf die schöne Maienblüte der Reformation war in Österreich ein rauher Reif gefallen: die Gegenreformation. Was die Vorgänger Ferdinands II., des Sohnes Karls von Innerösterreich, begonnen hatten, das führte er meisterhaft fort und dem setzte er die Krone auf. Er war von seinen Meistern, den Jesuiten, gelehrt worden, „daß halbe Maßnahmen gewöhnlich den Keim des Verderbens in sich tragen“. Er war darum auch als der eigentliche Ketzerhammer in Österreich fest entschlossen, die katholische Religion in seinen Erblanden von Grund auf wiederherzustellen. Als ein Jüngling von 18 Jahren hatte er im Jahre 1596 die Regierungsgeschäfte in Graz übernommen. Im Frühjahr 1598 unternahm er eine Wallfahrt nach Loretto, von wo aus er sich nach Rom begab, um mit dem damaligen Papst Clemens VIII. die Maßregeln zur Vertilgung des Protestantismus in Österreich zu besprechen. Er hatte seiner Generalissima, der Mutter Gottes, gelobt, „lieber über eine Wüste zu regieren, bei Wasser und Brot zu leben, mit Frau und Kind betteln zu gehen und seinen Leib in Stücke hauen zu lassen, als die Ketzerei in seinem Lande zu dulden“. Ihm war die Ausrottung „der Ketzerei“ religiöse Gewissens­pflicht. Und wenn er auch sonst keiner der Fähigsten unter den Habsburgern gewesen ist, dieses Gelübde hat er in die Tat umgesetzt. Er hat am Ende seiner Regierungszeit zum Teil über eine Wüste regiert.

Der beste Adel ‑ allein in Innerösterreich 800 solcher Familien ‑, auch viele Bauern und Bürger, haben ihr Hab und Gut für einen Spottpreis verkauft und sind um ihres Glaubens willen nach Siebenbürgen, nach Ungarn und nach Deutschland ins Exil gezogen, dorthin, wo sie frei ihres Glaubens leben konnten. Nach seiner Rückkehr in die Heimat ging Ferdinand II. alsbald unter dem Schatten des päpstlichen Segens an sein beschlossenes Werk. Die Prädikanten und Lehrer wurden verjagt und mußten das Land verlassen, evangelische Bücher und Schriften wurden zu Tausenden verbrannt, evangelische Kirchen wurden da und dort in die Luft gesprengt oder in den Besitz der katholischen Kirche zurückgegeben, ja sogar evangelische Friedhöfe wurden eingeebnet und an ihrer Stelle der Galgen errichtet. Bürger und Bauern erhielten den strengen Befehl, entweder zur katholischen Kirche zurückzukehren oder aber auszuwandern. Im Jahr 1599 wurde in Graz die erste „Reformationskommission“ ‑ im Volksmund hießen sie die „Seligmacher“ ‑ zusammengestellt, die unter militärischer Bewachung von Ort zu Ort und von Stadt zu Stadt zog und die gefürchteten „Religionsexaminationen“ unter der Bevölkerung durchführte. Die Eisenerzer Bergknappen mußten sich beugen, die Ausseer kehrten „freiwillig“ zur Mutter Kirche zurück, die Neuhauser Kirche wurde zerstört, und der Großvater der Prädikanten, Hanns Steinberger, wurde von Schladming nach Graz in die Gefangenschaft geführt. In Wald am Schoberpaß und in Kalwang besetzte die Kommission die von den evangelischen Predigern bereits verlassenen Pfarrstellen mit katholischen Priestern.

Schon im nächsten Jahr zog eine neue Kommission unter der Führung des „Ketzerhammers“ Fürst­bischof Martin Brenner ebenfalls unter militärischer Bewachung wieder durch das Land und vollbrachte „ganze“ Arbeit. Viele kehrten, um allen Schwierigkeiten zu entgehen, wieder in den Schoß der „allein seligmachenden“ Kirche zurück. Den Unentschlossenen wurde eine sechswöchige Bedenkzeit gewährt, innerhalb der sie sich entscheiden mußten. Die ersten „Transplantationen“ fanden statt für die, die sich nicht beugen und die nicht „,reumütig“ in den Schoß der Kirche zurückkehren wollten. In Leoben allein wurden bei dieser Gelegenheit 12.000 Bücher verbrannt. Nur das böse Schladming und seine verketzerte Umgebung ließen noch keine Besserung verspüren. Alle Ermahnungen an 110 Knappen und Landleute sowie an 23 Bürger blieben hier auch diesmal ergebnislos: sie alle beschlossen auszuwandern. So konnte auch die zweite Kommission nach vollbrachter Arbeit und nachdem sie viele Städte und Ortschaften wieder katholisch gemacht hatte, wieder in die Landeshauptstadt zurückkehren.

Von Graz aus hatte die Gegenreformation ihren Anfang genommen, hier fand sie auch ihren Abschluß. Am 13. September 1598 hatte Ferdinand II. allen Prädikanten anbefohlen, innerhalb 14 Tagen die Stadt und das Land zu verlassen, wenn sie nicht Leib und Leben aufs Spiel setzen wollten. Am 31. Juli 1600, als die Gegenreformation in der Provinz durchgeführt worden war, mußten die Bewohner der Landeshauptstadt in der Stadtkirche erscheinen, um in Gegenwart des Erzherzogs den Bischof anzuhören. Die Bürger wurden einzeln vorgerufen und auf ihre Gesinnung examiniert, wobei sich die allermeisten für katholisch erklärten und am 8. August den geforderten Religionseid leisteten. Am Abend desselben Tages wurden vor dem Paulustor zehntausend „unkatholische“ Bücher verbrannt und an derselben Stelle der Grundstein für ein Kapuzinerkloster gelegt. „Dieses Kloster“ ‑ so schreibt Pfarrer Friedrich Kotschy in seinem her­vorragenden Büchlein „Gedenket der vorigen Tage!“, „welches nach Aufhebung durch Kaiser Joseph II. zu einem Irrenhaus eingerichtet wurde, bezeichnet den Schlußstein zu dem Werke Ferdinands II., der Unterdrückung des Protestantismus in der Steiermark.“

Es kann im Rahmen dieses kurzgefaßten Berichtes nicht meine Aufgabe sein, alle Drangsale und Verfolgungen, Geld‑ und Gefängnisstrafen, Transplantationen und Güterenteignungen, aufzuzählen, die die evangelisch gesinnte Bevölkerung da und dort im ganzen Land Österreich über sich ergehen lassen mußte. Das würde zu weit führen, und darüber sind schon viele Aufsätze und Bücher geschrieben worden, die der Lektüre wahrhaftig wert sind. Die heiligen Schriften, denen man nachspürte und auf deren Fund ungefähr die Strafe des Wertes einer Kuh stand, mußten in hohlen Dachsparren, unter hohlen Fußböden, in Krautfässern und dergleichen wohl versteckt gehalten werden. Und wer zählt die Namen all derer, die um ihres Glaubens willen die Heimat verließen, um in Siebenbürgen, Ungarn, Deutschland frei ihres Glaubens leben zu können?

Zu ihnen zählt auch ein Ehepaar aus St. Martin im Ennstal. Von ihm wird uns berichtet: „Am Vorabend der Abreise gingen Mann und Weib noch einmal über die Felder, auf denen besonders diesmal der Segen Gottes recht üppig und reich stand. Des Mannes Herz begann zu wanken, allein das Weib ermahnte: Wer die Hand an den Pflug leget und schauet zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes. Den andern Morgen reisten sie fröhlich und wohlgemut mit noch andern Emigranten in die Ferne.“ Im oberen Ennstal war im besonderen Dechant Schmutz ein eifriger und mit viel Erfolg gekrönter Visitator. Ihm fielen viele verbotene Bücher bei seinen Hausdurchsuchungen in die Hände und er brachte viele Glaubensverdächtige zur Anzeige. Er war es auch, der in einem Bericht an seine vorgesetzte Behörde Emigration oder öffentliche Kirchenbuße, als „öffentliches Stehen vor der Kirche oder beim Altar mit einem Kruzifix oder mit einer Rute in der Hand, auch am Halse angehängter beschriebener Anzeige des Verbrechens“ forderte.

Aber wie es um des Evangeliums willen in Österreich stand und welch harte und brutale Mittel zur Ausrottung des Protestantismus in dieser Zeit der Gegenreformation angewendet wurden, mögen uns zwei dunkle Blätter aus der Geschichte jener Zeit beweisen, die schlaglichtartig die schwierige Lage des Protestantismus in Österreich aufzeigen. Das erste dieser beiden Blätter wurde im Jahr 1625 im Landl ob der Enns (Oberösterreich) mit Blut und Tränen geschrieben, also in dem Land, das das Hauptbollwerk des Luthertums in Österreich genannt werden mußte, weil sich dort nicht nur der Adel, sondern auch die Bürger und Bauern zum allergrößten Teil zum evangelischen Glauben bekannten. Um alle Feinde des Evangeliums abzuwehren und um ihre evangelischen Prediger zu schützen, die durch katholische Priester ersetzt werden sollten, schlossen die oberösterreichischen Bauern den „Sieringer Schutz‑ und Trutzbund“ und erhoben sich gegen ihre Gewaltherren im ersten Bauernkrieg von 1594 bis 1597. Nur einige soziale Erleichterungen konnten sie erlangen, aber Religionsfreiheit wurde ihnen nicht gewährt. Die Herren und Ritter, die ihre evangelischen Prediger nicht entlassen wollten, wurden mit hohen Geldstrafen belegt.

Durch den Bruderzwist im Hause Habsburg, durch den der arbeitsscheue und kränkliche Rudolf II. abdanken und die Regierungsgewalt seinem Bruder Matthias überlassen mußte, konnten die evangelischen Stände, auf deren Unterstützung er angewiesen war, einige Religionsfreiheiten erlangen. So konnten die evangelische Kirche in Oberösterreich und auch ihre Schulen noch einmal eine kurze Blütezeit erleben. Diese Lage aber änderte sich radikal, als 1619 Ferdinand von Innerösterreich die ganzen österreichischen Erblande als Kaiser Ferdinand II. in seinen Händen vereinigte. Die Stände verweigerten ihm zwar ihre Huldigung, weil er ihnen ihre Rechte nicht bestätigen wollte, aber das half ihnen nichts. Das Landl ob der Enns wurde von Ferdinand II. an Herzog Maximilian von Bayern verpfändet, und zwar für dem Kaiser gegen die aufständischen Böhmen geleisteten Kriegsdienste. Dieser schickte Adam Graf Herbersdorf als Statthalter mit seinen bayrischen Soldaten ins Landl, der alsbald ein hartes Regiment daselbst aufrichtete und das Landl wieder mit Gewalt katholisch machen wollte. Die evangelischen Prediger und Lehrer, die noch da waren, wurden binnen acht Tagen des Landes verwiesen. Die Bauern bekamen den Auftrag, innerhalb Jahresfrist wieder zur katholischen Kirche zurückzukehren oder auszuwandern.

Auch in diesem Land ging es nun hart auf hart, auch hier mußten nun viele um ihres Glaubens willen die Heimat verlassen und ins Exil ziehen, während andere es vorzogen, den Geheimprotestantismus zu pflegen und ein Katakombendasein zu führen. Und so geschah es nun, daß am 1. Mai 1625 in Frankenburg ein katholischer Priester mit Gewalt in sein Amt eingeführt werden sollte. Die Bauern dieser Gegend rotteten sich zusammen und verjagten kurzerhand diesen Priester. Aber diese Tat sollte ihnen teuer zu stehen kommen. Ein schreckliches Strafgericht war die Folge. Die männliche Bevölkerung von Frankenburg und Umgebung wurde zur großen Linde auf dem Haushammerfeld zwischen Vöcklamarkt und Pfaffing bestellt, und Graf Herbersdorf erschien am 14. Mai mit 1200 Mann Soldaten und dem Henker daselbst. Der Statthalter hielt eine Rede an sein Volk und versprach ihnen, Gnade vor Recht ergehen zu lassen, wenn sie sich bekehrten und innerhalb Jahresfrist in den Schoß der römisch-katholischen Kirche zurückfinden würden. Die Rädelsführer müßten freilich bestraft werden. Und so mußten nun 36 Gemeindevorstände, die man herausgesucht und von bayrischen Soldaten umstellt hatte, buchstäblich um ihr Leben würfeln.

Es fand das in die Geschichte eingegangene Würfelspiel am Haushammerfeld statt, das heute noch jedes Jahr durch eine Laienspielgruppe den Gästen in Frankenburg zur Darstellung gebracht wird. Wer von zweien die höhere Nummer warf, ging frei aus, wer die niedere Nummer warf, wurde an der Linde oder an den Kirchtürmen ringsum aufgehängt. So mußten 17 Mann vor den Augen der versammelten Bauernschaft, die nichts zu ihrer Befreiung tun konnte, ihr Leben lassen. Aber dieses Blutgericht am Haushammerfeld war mit die Ursache zu dem blutigen Bauernkrieg, der dann im Frühjahr 1626 in Oberösterreich losbrach. Mit Dreschflegeln und Sensen und wenigen Musketen bewaffnet, zogen die oberösterreichischen Bauern gegen die wohl ausgerüsteten und ausgebildeten bayerischen Soldaten zu Feld. Auf ihre Fahnen hatten sie den Schlachtruf geschrieben:

„Von Bayerns Joch und Tyrannei
und seiner großen Schinderei
mach uns, o lieber Herrgott, frei!
Weil’s gilt die Seel und auch das Gut,
so soll’s auch gelten Leib und Blut,
o Herr, verleih uns Heldenmut:
Es muß sein!“

Zwei oberösterreichische Bauern, Stefan Fadinger und Christoph Zeller, waren die Oberhauptleute, die die Bauern anführten, die aber dann später bei Linz gefallen sind. Bei Peuerbach brachten die Aufständischen den bayerischen Soldaten und ihrem Grafen Herbersdorf im ersten Ansturm eine empfindliche Niederlage bei. Aber sie nützten ihren Sieg nicht entsprechend aus, ließen dem Grafen Herbersdorf zuviel Zeit, so daß er Verstärkung aus Bayern hereinholen konnte. Der Reitergeneral von Pappenheim kam mit seiner Reiterei ins Land und übernahm den Oberbefehl über die bayerischen Soldaten, die dann auch im Herbst 1626 den oberösterreichischen und zugleich evangelisch gesinnten Bauern bei Gmunden eine vernichtende Niederlage beibrachten. Noch heute wird in der Nähe von Gmunden der sogenannte „Bauernhügel“ gezeigt, wo Tausende oberösterreichische Bauern fielen und ihre letzte Ruhestätte fanden. Nun zog erst recht der Henker durchs Land und hielt grausame Ernte. So wurde aus einem blühenden evangelischen Land wieder ein katholisches gemacht, und so fiel auch dieses Landl ob der Enns der Gegenreformation zum Opfer.

Das zweite dunkle Blatt, das aus der Geschichte Österreichs und unserer evangelischen Kirche nicht ausgelöscht werden kann, wurde einhundert Jahre später im geistlichen Fürstentum Salzburg mit viel Not und Tränen geschrieben. In diesem Land, das als geistliches Herrschaftsgebiet völlig unabhängig war, setzte die Gegenreformation erst später ein. Nach der gewaltsamen Emigration der Protestanten des Defereggentales sollte hier die eigentliche Vertreibung der Salzburger Protestanten im großen Stil durch den Erzbischof Anton Leopold Eleutherius Freiherr von Firminian erfolgen, der selber ein Jesuitenzögling die Jesuiten ins Land rief, um die Evangelischen ausfindig zu machen und „auf den rechten Weg“ zu führen. Er verrichtete wahrhaftig ganze Arbeit. Er hatte das Wort geprägt: „Lieber Dornen und Disteln auf meinen Äckern als Protestanten in meinem Lande.“

1728 setzten die Jesuitenkonversionen ein. 35 Führer der Salzburger Protestanten wurden auf der Hohensalzburg eingekerkert. Auch die Miliz wurde eingesetzt, um die Protestanten gefügig zu machen. In ihrer großen Not schlossen 150 Bauern in Schwarzach am 15. Juli 1731 den „Salzbund“, bei dem sie mit ihren Schwurfingern in das Salzfaß griffen und ihrem evangelischen Glauben Treue gelobten. Am Reformationsfest, am 31. Oktober 1731, unterschrieb Firminian sein berüchtigtes „Emigrationspatent“, das die evangelischen Salzburger zur Auswanderung zwang, um die Ketzerei im Lande „gänzlich und von der Wurzel aus zu vertilgen und auszureuten“. Zur Begründung wurde angeführt, daß die Betroffenen Rebellen seien.

So zogen zwischen 20.000 und 30.000 Salzburger Protestanten, 4000 kinderreiche Familien, ungefähr der fünfte Teil der Gesamtbevölkerung des Landes Salzburg, mitten im strengen Winter des Jahres 1731/32 in 32 Zügen aus ihrer geliebten Heimat fort, um einer dunklen und ungewissen Zukunft entgegenzugehen. König Friedrich Wilhelm I. von Preußen nahm sich aus Barmherzigkeit und um des Glaubens willen dieser Exulanten mit dem „Einladungspatent“ vom 2. Februar 1732 an und wies ihnen eine neue Heimat in Ostpreußen zu. Preußische Kommissäre regelten den anfangs planlosen Durchzug, möglichst durch evangelische Reichsgebiete. Wieviel diese Emigranten zu leiden hatten, wie hart es ihnen erging und wie schwer sie sich in der neuen Heimat zurechtfanden, bringt das geflügelte Wort zum Ausdruck: „Die ersten fanden den Tod, die zweiten die Not, und erst die dritten fanden das Brot.“

Sie mußten auf ihrer Wanderschaft viel Hohn und Spott über sich ergehen lassen, aber im Aufblick zu Gott schöpften sie Trost und neuen Mut und sangen sie Schaitbergers Exulantenlied: „Ich bin ein armer Exulant“, oder sie sangen Luthers Schutz und Trutzlied: „Ein feste Burg ist unser Gott“. Wenn es ihnen ganz schwer ums Herz wurde, dann stimmten sie Paul Gerhardts Trostlied an:
„Warum sollt’ ich mich denn grämen?
Hab’ ich doch Christum noch!
Wer will mir den nehmen?
Wer will mir den Himmel rauben,
den mir schon, Gottes Sohn, beigelegt im Glauben?“

Evangelische Glaubensbrüder nahmen sich ihrer freundlichst an und wetteiferten geradezu miteinander in Hilfsleistungen. So fanden die Salzburger Emigranten in Ostpreußen ihre zweite Heimat, wo sie sich vor allem im Raum um Gumbinnen ansiedelten. Der Preußenkönig sorgte für ihr leibliches und seelisches Wohlergehen. Freilich, nicht alle erreichten dieses Ziel, sondern blieben auf der Strecke oder fanden in einem andern Gebiet und Land eine liebevolle Aufnahme. Die Nachkommen dieser Salzburger Emigranten, die in Ostpreußen Zuflucht fanden, lebten dort bis zum unglückseligen Ausgang des zweiten Weltkrieges, wo sie nun auch ihre zweite Heimat verlieren mußten und viele auf der Flucht zugrunde gingen. Andere flüchteten unter Zurücklassung ihres ganzen Hab und Gutes ins Elend und leben heute noch als Flüchtlinge irgendwo in Westdeutschland. Ich habe unter unseren vielen tausend Sommer- ­und Wintergästen schon so manchen kennengelernt, der mir gesagt hat: „Herr Pfarrer, ich bin auch ein Nachkomme von diesen Salzburger Emigranten.“ Ich habe auch schon so manchem unter ihnen helfen können, seinem Stammbaum nachzugehen und den Ort im Salzburger Land ausfindig zu machen, von dem aus seine Vorfahren ins Exil gezogen sind. So wurde ein weiteres Land in Österreich rekatholisiert und so ist auch das geistliche Fürstentum Salzburg der Gegenreformation zum Opfer gefallen. Es darf daher als eine schöne Geste bezeichnet werden, wenn der jetzige Erzbischof von Salzburg die evangelischen Brüder um Verzeihung für das Unrecht gebeten hat, das jenen Salzburger Emigranten angetan worden ist.

 

DIE GEGENREFORMATION IN DER RAMSAU

Daß mit der Gegenreformation auch für die Ramsau eine schwere Zeit der Entscheidung gekommen war, liegt auf der Hand. Sie hatte zwar mit andern Gebirgsbauerngemeinden das seltene Glück, daß sie ein abgelegenes Gebirgstal war, in dem das Evangelium am besten überwintern konnte und in dem die Bewohner am ehesten dem Zugriff dieser „Seligmacher“ entzogen waren. Dazu kamen die langen Winter und die weit ausgedehnte Zerstreuung der Gemeinde, die die Arbeit dieser „Reformationskommissionen“ nur erschwerten. Das war ihr großer Vorteil, denn für die Ramsauer ging es ja um Glaube und Heimat. Als zähe Bergbauern hingen sie an ihren Bergen und an ihrer heimatlichen Scholle, von denen sie unter keinen Umständen lassen wollten. Aber ebensowenig wollten sie ihren evangelischen Glauben, der ihnen lieb und teuer geworden war, preisgeben. So mußten sie nun das tun, was ihnen von katholischer Seite zum Vorwurf gemacht wird. Sie mußten sich nach außen hin der Gewalt beugen, scheinbar gute Katholiken sein, das katholische Kirchlein in St. Rupert am Kulm zwangsweise besuchen und an der Messe teilnehmen. Aber in ihrem Herzen blieben sie das, was sie waren: evangelische Christen, und sie gaben ihren evangelischen Glauben ohne Seelsorger und ohne Katecheten durch 180 Jahre Gegenreformation auf Kind und Kindeskind weiter.

Nun trat das ein, was nach meiner tiefinnersten Überzeugung für alle Zeiten und für alle Völker so ungeheuer wichtig ist: daß das christliche Elternhaus funktionierte, daß der Hausvater der Seelsorger und Katechet seiner Familie sein konnte, daß er seinen evangelischen Glauben kannte und in der Bibel zu Hause war, daß Gottes Wort und das Gebet die Familie miteinander verbanden und die Kraft ihres Lebens waren. Jetzt kamen auch die evangelischen Schriften, die Bibeln und die Gebetbücher, die Andachts und Predigtbücher sowie die Schriften Luthers, die die Bergleute und Kaufleute schon zum Teil zu Beginn der Reformation in unsere Berge gebracht und für gutes Geld verkauft hatten, zu hohen Ehren. Sie bildeten die einzige Seelenspeise für die damalige Bevölkerung und Geheimprotestanten. Und so finden wir denn auch heute noch in den einzelnen Bauernhäusern wertvolle evangelische Bücher und Schriften aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert.

Es war mir im 62er Jahr anläßlich der Hundertjahrfeier der evangelischen Kirche in Schladming die Aufgabe zugefallen, ein Diözesanmuseum einzurichten. Ich konnte dies zumeist mit Büchern und Schriften tun, die ich aus den einzelnen Bauernhäusern der Ramsau zusammengetragen hatte. Nur wenige davon möchte ich aufzählen, um einen kleinen Einblick in das heute noch vorhandene evangelische Schrifttum zu gewähren: Die älteste Bibel in der Ramsau aus dem Jahr 1536 wird beim Wieserbauer am Vorberg als eine Kostbarkeit aufbewahrt und von Generation zu Generation weitergegeben. Sie wurde noch gedruckt von Hans Luft in Wittenberg und ist somit eine der ältesten Lutherbibeln, wenn man bedenkt, daß Luther erst 1534 mit der Übersetzung des Alten Testamentes und damit mit der ganzen Bibel fertig ge­worden ist und die ganze Bibel erst dann in Druck gegeben werden konnte.

Diese Bibel hat übrigens in der Zeit der Gegenreformation eine merkwürdige Geschichte erlebt, über die wir lächeln mögen: sie wurde mit anderen heiligen Schriften im Stall unter einer störrischen Kuh vergraben, die sie zu bewachen hatte und die jeden Fremden, der in den Stall kam, mit gesenkten Hörnern empfangen hat. Die zweitälteste Bibel aus dem Jahr 1557, von Hans Luft in Nürnberg gedruckt, ist im Besitz des Forsterbauers in der Ramsau. Und da aller guten Dinge drei sind, darf ich noch auf eine dritte Bibel aus dem Jahr 1562 hinweisen, die in Oberösterreich die Gegenreformation überdauert und die Herr Schuldirektor Mayer mit in die Ramsau und mit in die Ehe gebracht hat.

Ein handgeschriebenes Gesangbuch aus dem Jahr 1580 mit alten Liedern aus der Reformationszeit fand ich am Berlehnerhof. Erwähnenswert sind weiter die vielen Predigt und Andachtsbücher, Bibelauslegungen und Gesangbücher aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert, die noch in größerer Anzahl in den einzelnen Bauernhäusern aufbewahrt werden, wie z. B.: johann Arndts „Sechs Bücher vom Wahren Christentum und Paradiesgärtlein“, Josef Schaitbergers „Sendbrief“, M. Christian Scrivers „SeelenSchatz“, D. Joh. Jakob Rambachs „MoralTheologie“, der alte „Moleri“, ein bekanntes und vielgelesenes Predigtbuch aus dem 18. Jahrhundert, dann eine weitere Zahl von Predigtbüchern und Erklärungen der sonntäglichen Evangelien, eine große Anzahl von Katechismen und Gesangbüchern aus verschiedenen Ländern und Jahrhunderten. Diese mußten natürlich auch in der Ramsau in den verschiedensten Verstecken aufbewahrt werden. Hätte man an einem Hof sieben oder acht solcher Schriften gefunden - und man hätte weit mehr finden können , dann wäre dieser Hof wirtschaftlich ruiniert gewesen.

Wichtig waren für die Gemeinde die geheimen Zusammenkünfte am Pre­digtstuhl, oberhalb des Mayerhofergutes, wo die verbotenen Gottesdienste stattfanden und wo die Lagebesprechungen durchgeführt wurden. Aber noch wichtiger waren für die einzelnen Familien die verbotenen Hausandachten, die wohl in jedem Haus abgehalten wurden und bei denen die des Lesens Kundigen als Laienpriester fungierten. Pfarrer Heinrich Haupter, der von 18’5 bis 1824 Pfarrer in der Ramsau war, schreibt im Blick auf jene schwere Zeit der Verfolgung so schön:

„Die Eltern waren Lehrer, Katecheten und Priester ihrer Kinder und Familien fort und fort. Die Bibel, einige Erbauungs und Gesangbücher bildeten den ganzen Fond ihrer Belehrung und Erbauung. Was doch der Geist Jesu vermag! Kam da der Samstagabend, wurden Türen und Fenster sorgfältig verschlossen, der Hausvater holte seine Bücher aus dem Versteck und setzte sich mit priesterlichem Ernst an den Ehrenplatz des Tisches. Alle Hausgenossen versammelten sich um ihn. Dann las jener ein Kapitel aus der Heiligen Schrift und eine Predigt vor und erklärte solches in heiliger Einfalt den Seinen, unterrichtete, tröstete und stärkte sie und pflanzte Mut, Treue und Gottseligkeit in ihre Seelen. Zum Schluß wurde gebetet und gesungen. Da war heilige Sabbatfeier; da ward die Stube zum Tempel, der Tisch zum Altar, die Familie zur Gemeinde, der Vater zum Seelsorger. Der, welcher verhieß: Wo zweie oder dreie versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen, (Matth. 18, 20), ja, er war mitten unter ihnen und er hauchte sie an mit seinem Geiste, der sie in alle Wahrheit leitete; er war in den Schwachen mächtig, die sich an seiner Gnade genügen ließen.

Doch wehe den Armen, wenn sie von den vielen aufgestellten Spähern bei einem solchen Gottesdienste betreten wurden, oder wenn man bei ihnen auch nur ein evangelisches Buch fand! Geld und Kerkerstrafen waren die bitteren Folgen, welche im Wiederholungsfalle zur Verbannung aus dem Vaterlande gesteigert wurden...“

So fand auch der erfolgreiche Visitator Dechant Schmutz bei Hausdurchsuchungen beim Hold in Mauterndorf 16 ketzerische Bücher unter einem Bodenladen, beim Töltl auf der Leiten trug er neun solcher Bücher fort, beim Stürzer auf dem Rohrmoos entdeckte er 14, beim Pruggreiter und beim Christandl fielen ihm ebenfalls 14 solcher Bücher in die Hand. Bei Martin Reiter auf dem Rohrmoos konnte er 18 und beim Royer im Thal ein Stück solcher Bücher davontragen. Die Bewohner des Ederbauern in der Ramsau wurden beim verbotenen Fleischessen erwischt. In einem hierüber erstatteten Bericht empfiehlt der Dechant als Mittel zur Abhilfe die Ausweisung der hartnäckigen Sektierer, genaue Überwachung und Unterweisung der Zurückgebliebenen und Anstellung eines eigenen Kuratus auf der Ramsau. Einem allfälligen Aufruhr könnte mit 50 hier liegenden Soldaten oder Kroaten sattsam begegnet werden.

Am 28. Januar 1746 sandte Dechant Schmutz nachfolgendes Verzeichnis von Verdächtigen an seinen Bischof ein:
1. Jakob Boll und sein Eheweib,
2. Hans Meurer vom Stürzergut in Rohrrnoos,
3. Stefan Meißlinger im Pruggreit,
4. Philipp Landl vom Christandlgut,
5. HinterEder auf der Ramsau,
6. Hans Stocker am Ahlgute in Unterthal,
7. Konstantin Mayerhofer vom Mayerhofergut in Ramsau,
8. Mathias Pilz am Gföllergut in Unterthal,
9. Andreas Steiner vom Heißengut in Pichl. Auch Georg Schrempf vom Goglgut und Peter Perner vom Töltlhäusel in der Ramsau waren zur Anzeige gebracht worden. Ebenso waren Leonhard und Margaretha Walcher am Frechengut als hartnäckige Ketzer ermittelt worden.

1714 wurde durch einen Salzburger Soldaten die Pest in die Ramsau eingeschleppt, die arg wütete und in einem Jahr gegen 80 Opfer forderte. Aber merkwürdigerweise machte diese gefürchtete Krankheit am Forster­-und Minzlgut halt und drang nicht weiter in die Ramsau vor. Aus Dankbarkeit haben diese Bauern an der Durchzugsstraße eine Pestsäule errichtet, an der man noch heute das Schriftwort lesen kann: „Bis hierher und nicht weiter.“

Hochinteressant sind die Ausführungen, die der verstorbene Geschichtsschreiber der Steiermark, Professor Paul Dedic, in dem Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich aus dem Jahr 1941 über den „Geheimprotestantismus in den Vikariaten Schladming und RamsauKulm in den Jahren 1753I760“ macht. Dechant Mayerhofer berichtete 1754 über die Ramsauer an seine vorgesetzte Behörde: „Höflich sind sie alle. Nur mit kniebeugender Reverenz treten sie ins Zimmer‚ vergessen nie den frommen Gruß, greifen nach dem Weihwasser, schlagen ein Kreuz. Spricht man über Glaubenssachen mit ihnen, so werden sie wohl etwas verlegen, reden aber, so gut es geht. Nur wenn man vom Papst spricht, zeigen sie eine Scheuchen, wie die Kinder vor dem Teufel.“ . . .

Der Ausbruch des Siebenjährigen Krieges zwang die Regierung zur Zurückhaltung in Religionssachen. Mit Sittenlehr‑ und Glaubenspredigten ohne Beimischung von Kontroversen sollen die Irrgläubigen unterwiesen und mit Milde behandelt werden. Von weiteren Transimigrationen sei Abstand zu nehmen. Innerhalb von zwei Monaten sollen die verbotenen Bücher abgeliefert und durch katholische ersetzt werden. Wer weiterhin solche Bücher zurückhalte, solle auf einen Monat oder länger ins Zuchthaus nach Graz wandern, die Ledigen der Miliz zum Militärdienst übergeben werden. Dem Angeber solcher Bücher sollten für jedes Buch, das gefunden werde, zwei Gulden gegeben werden. Die Salzfuhrleute und die Pinkafelder Öl‑ und Schwefelträger sollen genau überwacht werden. Die Er­richtung eines neuen Konversionshauses im oberen Ennstal lehnte die Herrscherin ab. Der Kommissar von Weingarten wollte sich mit dieser Neuordnung keineswegs abfinden. In einer Eingabe an die Repräsentation vom 10. September 1756 schrieb er: Die Kaiserin gedenke jetzt den Weg der Milde einzuschlagen; allein unter den dortigen Ketzern seien einige „so arglistig und heuchlerisch, daß ohne Separation und Inquisition nichts Fruchtbares geschaffen werden könne“. Da aber die Herrscherin den andern Weg wünsche, müsse man fragen, ob es denn nicht überhaupt besser wäre, die weltlichen Inquisitionskommissäre ihres Amtes zu entbinden und alles der Geistlichkeit zu überlassen. Dem Pfleger wurde beschieden, daß er sich an die Weisungen der Herrscherin zu halten habe. Nach der Niederlage der Österreicher gegen die Preußen am 1. Oktober 1756 bei Lobositz war die Furcht vor preußischen Emissären ungeheuer groß.

Johann Zechmann hatte unter vielen anderen auch einen Hans Walcher, Buchbinder am Pehabgut, der vom Glösgut stammte, zur Anzeige gebracht. Mit der Festnahme dieses Mannes hatten die Religionskommissäre wiederum einen guten Fang getan, weil dieser in seiner Buchbinderei nicht nur die meisten Ramsauer bedient hatte, sondern auch viele aus der ganzen Umgegend. Bei seinen Verhören verlegte er sich nicht sehr lange auf das Leugnen, sondern als überzeugter „Ketzer“ gab er frei seine Meinung kund. Als man ihn über die sattsam bekannten 22 Glaubenspunkte befragte, gab er unumwunden zu: vom Kreuzeszeichen halte er nichts, ebenso von der Anrufung der Heiligen; das Halten der Gebote der Kirche sei seiner Meinung nach nicht nötig; es gäbe nur zwei Sakramente; das heilige Abendmahl müsse in beiderlei Gestalt gereicht werden; die Messe halte er für kein Opfer, glaube auch nicht an ihre göttliche Einsetzung; viele den Heiligen zugeschriebene Wunder geschähen durch den bösen Feind oder auf natürliche Weise; das Fegefeuer lehne er ab; Christus sei das Haupt der Kirche ‑ und nicht der Papst; er halte den lutherischen Glauben für den rechten, und den katholischen Glauben verwerfe er.

Er legte seinen Kommissaren auch eine in der Haft verfaßte und erhalten gebliebene Bekenntnisschrift vor, die große Bibelkenntnis verrät und in der er sich hart mit der katholischen Kirche und ihren angewandten Methoden auseinandersetzt. Drei Säcke mit verbotenen Büchern, die zum Teil ihm gehörten oder ihm zum Binden übergeben worden waren, wurden am 5. Dezember 1754 im Krautschweller gefunden. Dieser Mann war es wert, von einem Jesuitenpater mit Namen Wolfrum in einen Bekehrungsunterricht genommen zu werden, der, immer wieder aus der Haft und aus Ketten vorgeführt, über zwölf Monate dauern sollte. Aus diesem Unterricht ging Hans Walcher nicht nur als ein völlig „bekehrter“ Katholik hervor, sondern 170 einzelne Anzeigen aus 81 Ramsauer Häusern hatte er in dieser Zeit zu Protokoll gegeben. Damit waren drei Viertel der Ramsauer Besitzer zur Anzeige gebracht worden. Wer will die Arbeit, die langwierigen Verhöre und die Hausdurchsuchungen ermessen, die nun auf die Religionskommissare warteten und die durch den erwähnten kaiserlichen Befehl erschwert wurden? Noch nicht einmal die von Zechmann angezeigten Fälle waren bisher behandelt und erledigt worden, geschweige die von Hans Walcher. Die Kommissare hatten aber nun ein völlig klares Bild von der wahren Gesinnung der Ramsauer, das sich mit den Vermutungen des Dechanten Mayerhofer deckte.

Unübersehbar ist die Zahl derer, die im Dienerhaus des Pflegamtes in Haus festgehalten und sich dort harten Verhören unterziehen mußten. Aber noch größer dürfte die Zahl derer sein, die ins Konversionshaus zu Rottenmann eingeliefert und nach erfolgter „Bekehrung“ wieder entlassen wurden. Es ist unmöglich, an dieser Stelle von all dem großen Leid und den schweren Drangsalen zu berichten, die arme und einfältige, aber von der Wahrheit ihres evangelischen Glaubens überzeugte Christenmenschen erdulden mußten. Man staunt auch bei der Unmenge von angezeigten und vorgefundenen verbotenen Büchern, die alle vernichtet wurden, wie viele noch übriggeblieben sind und die fast zweihundert Jahre Gegenreformation überdauert haben. Am 10. Januar 1757 wurden zwei Salzburger Petriner, Franz Hofer und Josef Wegerer, als Missionare in die Ramsau geschickt. Am 29. März berichteten sie über den Erfolg dieser Mission an ihre vorgesetzte Behörde in dem etwa 1360 Seelen zählenden Ramsauer Vikariat hätten sie in der Kirche wie in jedem Hause Katechesen gehalten. Die dortige Gemeinde sei sehr verdächtig, habe man doch noch im vergangenen Herbst und Winter dort an 300 lutherische Bücher entdeckt. „Die Andacht während des sonntäglichen Gottesdienstes sei blutschlecht, Beichten nur zweimal und nur Brauchs halber, manche wissen selbst nicht‚ ob sie katholisch oder lutherisch seien, weil sie keinen Glauben verstehen.“

Aber worinnen ihr Herz gefangen war und für welchen Glauben sie die größten Opfer zu bringen bereit waren, das zeigten die Ramsauer zwei Jahrzehnte später, als auch in ihre Berge die Botschaft von dem Toleranzedikt Kaiser Josephs II. kam.

 

RÜCKBLICK UND AUSSCHAU

Wenn ich diese leidvolle, mit viel Blut und Tränen geschriebene Geschichte unserer Glaubensväter in Österreich betrachte, dann drängt sich mir eine Erkenntnis auf und dann wird mir eines gewiß: unsere evangelische Kirche in ihrer Gesamtheit muß dem Evangelium Raum in der Welt verschaffen, jeder an seinem Platz und gegen wen es auch sei. Wir können nicht bloß ‑ wie Luther auf seinem Denkmal in Worms ‑ mit ausgestrecktem Finger auf das teure Bibelbuch hinweisen und das übrige mehr oder weniger dem Herrgott überlassen, sondern hier gelten die Paulusworte:

„Wachet, stehet im Glauben, seid männlich und seid stark“, und „Kämpfe den guten Kampf des Glaubens!“

Das soll nicht heißen, daß dies unsere Vorfahren nicht getan hätten. Sie waren zweifellos groß im Kämpfen und noch größer im Leiden; das beweist ihre Geschichte zur Genüge. Aber wir Lutheraner sind nach Röm. 13 oft nur zu sehr geneigt, uns jeder Obrigkeit um des Gehorsams willen zu beugen und lieber zu leiden, anstatt denen ins Rad zu springen, die in ihrem Fanatismus dabei sind, Verbrechen zu begehen und schwerste Schuld auf sich zu laden. Leider mangelt es auch nur zu oft an der notwendigen Nächstenliebe. Wir überlassen die leidenden Brüder ihrem eigenen Schicksal, anstatt die Gemeinschaft im Glauben durch die helfende Tat zu beweisen. Wir brauchen als evangelische Christen alle etwas mehr Zivilcourage, die sich an die Öffentlichkeit wagt, wie uns auch die Nazizeit zur Genüge bewiesen hat, sonst können die Not und das Leid um des Glaubens willen riesengroß werden.

Und noch ein anderes: Wir schreiben diese Geschichte unserer Glaubensväter nicht, um damit Propaganda zu treiben. Das haben wir nicht notwendig und das entspricht auch dem Wesen unserer evangelischen Kirche nicht. Auch stehen uns die Massenmedien und Propagandamittel: Presse, Rundfunk, Fernsehen, weltliche Macht, Kirchenzucht, Glaubens‑ und Gewissenszwang, und damit auch die öffentliche Meinung, nur in geringem Maß zur Verfügung. Wir haben auch keinen Kirchenstaat und keinen Papst, die wie eine Weltmacht in Erscheinung treten, die ihre Diplomaten in die Hauptstädte der ganzen Welt schicken und von dort wiederum beglaubigte Diplomaten empfangen. Wir haben keine Zentralstelle, wo die Fäden politischen und religiösen Geschehens in der Welt zusammenlaufen. Wir sind nur, wenn wir unsern Auftrag recht verstehen, Diener am Worte Gottes, Seelsorger an unsern Mitmenschen, Gehilfen am Bau des Reiches Gottes. Aber wir haben dafür mit dem Evangelium von Jesus Christus ein so kostbares Gut zu hüten und zu bewahren, daß wir damit nicht genug „Propaganda“ machen können, um nicht untreu zu werden.

Und gerade aus diesem Grunde tut es dringend not, diese Geschichte unserer Glaubensväter nicht der Vergessenheit anheimfallen zu lassen und sie denen zum Bewußtsein zu bringen und ins Herz zu schreiben, die sich ihrer Glaubensvorfahren wert und würdig erweisen sollen. Wir wollen damit auch nicht anklagen. Diese geschichtlichen Er­eignisse gehören der Vergangenheit an und sie werden sich in dieser Form in der Zukunft kaum mehr wiederholen. Nein, wir möchten als eine kleine evangelische Diasporakirche mit unsern katholischen Glaubensbrüdern im besten Frieden leben, in der Erkenntnis dessen, daß wir heute mehr denn je ein gemeinsames Glaubensgut einer säkularisierten Welt gegenüber zu verteidigen haben, so verschiedene Wege wir auch um der biblischen Wahrheit willen gehen müssen.

Und noch ein Drittes muß hier klar herausgestellt werden: Wir leben in einer Zeit der Unität und der Uniformität. Viele erblicken in beiden und in der Gleichschaltung der christlichen Konfessionen das Heil der christlichen Kirche. So würde ihre Schlagkraft und ihr Einfluß in ihrer Gesamtheit ein viel größerer und gewaltigerer in der Welt sein. Auch die Theorie von dem einen Hirten und der einen Herde würde für viele, denen dieser Wunsch der Vater des Gedankens ist, ganz anders zur Darstellung kommen. Daß wir aber damit in der großen Gefahr stehen, einem Synkretismus, einer Religionsmengerei, zum Opfer zu fallen, kommt vielen dabei gar nicht zum Bewußtsein. Wir müssen in allem Ernst fragen: Geht es wirklich darum und wäre eine solche Einheit nicht zu teuer erkauft?

Das Zweite Vatikanische Konzil hat uns gezeigt, daß es nicht bloß um die Reform der römisch-katholischen Kirche geht, die darum schwer zu verwirklichen ist, weil Reformation ein Geschenk Gottes ist und bleibt und nicht einfach „gemacht“ werden kann, sondern daß man mehr denn je ‑ heute auf eine andere Weise ‑ um die „getrennten Brüder“ wirbt. Nach dem Wesen der „allein seligmachenden Kirche“ geht es dabei nicht um die Wiedervereinigung der christlichen Kirchen, sondern um die Rückkehr des „verlorenen Sohnes“ in den Schoß der Mutter Kirche. So erfordert es der Absolutheitsanspruch der römisch‑katholischen Kirche, dieser sichtbaren Heilsanstalt, außer der es kein Heil gibt, die auch von ihrer Glaubenslehre und ihrem großen Dogmengebäude nicht das mindeste preisgegeben hat noch kann, weil sie sich dann selbst aufgeben und widersprechen würde. Es wird uns evangelischen Christen darum auch eine große Sehnsucht nach der Einheit der Kirche in das Herz und in den Mund gelegt, die zweifellos da und dort auch vorhanden sein mag, aber bei diesen unvollkommenen, nach Macht und Herrschaft strebenden Menschen schwer zu verwirklichen ist. Darum müssen wir auch ins katholische Lager hinüberfragen: Hat man dort noch nicht erkannt, daß die Einheit nie auf Kosten der Wahrheit zu erreichen ist?

Schon in der Frage nach der biblischen und geschichtlichen Fundierung des Papsttums gehen doch unsere Wege weit auseinander, gar nicht zu reden von den vielen andern Glaubensunterschieden, an denen wir um der biblischen Wahrheit willen festhalten müssen. Wir müssen sogar noch einen Schritt weitergehen und sagen: Nicht in der Einheit, sondern in der Vielgestaltigkeit der christlichen Kirchen liegen ihr Reichtum und ihr Segen beschlossen. Gott ist in seinen Schöpfungswerken niemals einförmig, sondern immer vielgestaltig. Er macht keine Dutzendware, sondern alle seine Werke sind einmalige Neuschöpfungen, die seine Allmacht, seine Schöpferherrlichkeit und seine Ehre verkünden. Es wäre darum auch eine lohnenswerte Aufgabe, einmal anhand der Geschichte nachzuprüfen, inwieweit sich die christlichen Kirchen im Laufe der Jahrhunderte gegenseitig befruchtet haben, wieviel sie voneinander gelernt haben. „Die eine Herde und der eine Hirte“, der nach evangelischer Überzeugung nur Jesus Christus selbst sein kann, sind zwar schon da, repräsentieren sich aus der Gemeinde der wahrhaft Gläubigen in dieser Welt in ihrer Verbindung mit dem lebendigen Herrn der Kirche, aber sichtbar werden sie erst in der Endzeit in die Erscheinung treten. Wir dürfen der „triumphierenden Kirche“ nicht mit irdischem Reichtum, mit weltlichen Machtmitteln, auch nicht mit vergänglichem Glanz und mit zur Schau getragener Herrlichkeit auf die Beine verhelfen wollen, sondern diese Darstellung der Verherrlichung der Kirche Jesu Christi wollen wir lieber dem wiederkommenden Herrn selbst überlassen.

Inzwischen bleibt es bei der Verheißung, die der Herr der Kirche den Seinen gegeben hat: daß sie die kleine, verachtete und leidende Herde ist und bleibt, die auf alle äußere Macht und Glanz verzichten muß, der aber die Verheißung gegeben wurde: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn es ist des Vaters Wohlgefallen, euch das Reich zu geben.“ Kein Geringerer als der große Kirchenpräsident Hermann Bezzel hat 1915 das schöne und prophetische Wort niedergeschrieben, an dem wir festhalten dürfen: „Darüber habe ich mir nie das Herz zerbrechen müssen, daß meiner Kirche die Zukunft und das Ende der Zukunft gehört. Die nächste Gegenwart, die nächste Zukunft gehört der Kirche nicht. Sie wird die Kirche in der Wüste werden, etliche einfache Bekenner, etliche arme Theologen, eine kleine, irrende, unscheinbare Gemeinde, während die andere Kirche mit Brokatgewändern, mit Gold und Diadem geschmückt ist. Aber die letzte Zukunft, wenn alles bricht und fällt, wenn es zum Sterben der Welt geht, wenn an dem großen Weltengrab alles zagt, sich ängstigt und verzweifelt, wird der Kirche gehören, die den Saum seines Gewandes im Glauben berührt hat, und das ist die Kirche der Armut.“

Als evangelische Christen in Österreich, die wir Rom aus erster Hand kennengelernt haben, wissen wir sehr wohl was wir von dort erwarten können und was wir nicht erwarten dürfen. Aber trotz alledem freuen wir uns von ganzem Herzen, daß die verhärteten Fronten aufgebrochen sind, daß wir miteinander über den Zaun hinweg auch über Glaubensfragen reden können, daß wir uns auf das Gemeinsame in unserm christlichen Glauben besinnen dürfen und daß wir bereit sind, die Liebe Jesu Christi zum Leitmotiv unseres gegenseitigen Handelns und Verstehens zu machen. Ich darf es ganz offen aussprechen: Mir ist ein gläubiger und überzeugter Katholik lieber als ein säkularisierter und gleichgültig gewordener Protestant, der seiner Kirche praktisch abgestorben ist und nur noch als ein Taufscheinchrist am Rande seiner Kirche lebt. Wir freuen uns auch, wenn heute die römisch‑katholische Kirche mehr denn je Bibelmission treibt, also das Buch der Bücher ihren Leuten in die Hand drückt. Das war vor dreißig Jahren noch eine verbotene Sache und vor dreihundert Jahren das verfolgteste und gefürchtetste Buch. Und daß unsere schönen Glaubenslieder von Paul Gerhardt, Matthias Claudius, Christian Fürchtegott Gellert usw. in der katholischen Kirche Eingang gefunden haben und dort fröhlich mitgesungen werden, gereicht diesen Glaubensmännern und unserer evangelischen Kirche nur zur Ehre. Aber das alles kann sich die katholische Kirche ruhig, leisten ‑ und das müssen wir evangelischen Christen wohl bedenken ‑, ohne evangelisch zu werden, dank ihres geschlossenen Kirchenbegriffs, der ihre Stärke und ihre Schwäche zugleich ist und dem wir nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen haben. Wir sind vielmehr der Meinung: jede Gemeinschaft auf dieser Erde, auch die Kirche, hat teil an dem Sündenfall und seinen Folgen, kann nur in der Buße leben und muß sich immer wieder neu nach Christus ausrichten. Ob wir evangelische Christen uns ähnliche Dinge umgekehrt leisten könnten, ohne katholisch zu werden, das wage ich zu bezweifeln.

Aber nach diesem kurzen Ausflug in die Gegenwart und in die Apologetik darf ich wieder in die Geschichte unserer kleinen evangelischen Diasporakirche in Österreich zurückkehren. Man hat noch unter Maria Theresia, die von 1740 bis 1780 den österreichischen Kaiserstuhl innehatte, alles evangelische Leben ausgerottet und im Keim erstickt. Sie widersetzte sich zwar den Übergriffen des Papsttums und des Klerus, verbot sogar den Jesuitenorden, war aber sonst ein treues und ergebenes Glied der römisch-katholischen Kirche. Wo sie der Evangelischen habhaft werden konnte, hat sie sie gerne in die Miliz gesteckt und in die Kriege geschickt, die sie in großer Zahl zu führen gezwungen war. Ihrem Sohn Joseph II., ihrem späteren Thronfolger, dem Herausgeber des Toleranzpatentes, gewährte sie in innenpolitischen Fragen wenig Einfluß. Erst als sie 1780 die Augen für immer geschlossen hatte, sollten der neuen Zeit, die in Europa bereits angebrochen war, auch neue Taten folgen.

 

DAS TOLERANZPATENT UND DIE TOLERANZZEIT IN ÖSTERREICH

„Freiheit, die ich meine,
die mein Herz erfüllt:
komm mit deinem Scheine,
süßes Engelsbild!“

Keine Macht auf dieser Erde kann auf die Dauer auf ihren Bajonetten sitzen, und auf brutalen Gewissenszwang folgt für gewöhnlich die Sturmflut der Freiheit, die freilich auch manches wertvolle Gut mit sich fortreißen kann. Das Zeitalter der Aufklärung war angebrochen, und es wehte freiheitliche Luft durch Europa, der sich auch die österreichische Monarchie nicht verschließen konnte. Durch 180 Jahre Verfolgungszeit konnte man die Evangelischen in Österreich nicht ausrotten. Sie hielten treu an ihrem Glaubensgut in aller Stille fest und gaben es auf Kind und Kindeskind weiter. Die Glut unter der Asche schwelte und wartete auf den Tag, da ein frischer Windzug die Asche wegfegen sollte. Wohl hatten Ungezählte in dieser schweren Zeit den leichteren und bequemeren Weg gesucht und auch gefunden und waren „reumütig“ in den Schoß der Mutter Kirche zurückgekehrt, wäh­rend andere Ungezählte in diesen Jahren um ihres Glaubens willen die Heimat verließen und in die Verbannung zogen, um im Exil frei ihres evangelischen Glaubens leben zu können.

Aber die, die keinen dieser beiden Wege gehen wollten, denen es um Glaube und Heimat ging, blieben im Land und pflegten den Geheimprotestantismus. Sie hielten ihre verbotenen Hausandachten und kamen zu ihren geheimen Versammlungen und Gottesdiensten zusammen. Wohl waren viele Zehntausende von Bibeln, Andachts- und Gesangbücher und Schriften Luthers den Spitzeln und „Seligmachern“ zum Opfer gefallen und dem Feuer übergeben worden, aber viele dieser Schriften haben auch in ihren Verstecken überwintert und werden heute noch in diesen alten Toleranzgemeinden in den einzelnen Häusern als wertvolles Glaubensgut aufbewahrt und an die nächsten Generationen weitergegeben. Das war die religiöse Lage der Geheimprotestanten in Österreich, als das Morgenrot eines neuen Tages heraufzog.

Auf Maria Theresia, die am 29. November 1780 für immer die Augen schloß, war ihr Sohn Joseph II. gefolgt. Glaubensverfolgungen und Blutvergießen um der religiösen Überzeugung willen waren ihm in der Seele zuwider und widersprachen seinem innersten Wesen. Der Preußenkönig Friedrich der Große war ihm zum mindesten auf diesem Gebiet Vorbild, der die markanten Worte geprägt hatte: „Alle Religionen sollen tolerieret werden“ und „jeder soll nach seiner Fasson selig werden“. Er war ein Mann, der einen hochgebildeten Geist mit einem warmen Herzen verband, das offen war für die Nöte und Bedürfnisse seines Volkes. Mit seiner Thronbesteigung setzten die freiheitlichen Reformen auf dem Gebiete des Staats‑ und Kirchenwesens ein, die unter dem Namen „Josephinismus“ zusammengefaßt werden und die von den einen lebhaft begrüßt und von den andern hart abgelehnt und bekämpft wurden, je nach ihrer inneren Einstellung.

Joseph II. ließ mittels Hofdekretes vom 30. Juni 1781 das „Religionspatent“ aufheben und ordnete damit an, daß hinfort in keinem Stücke ‑ außer daß den Evangelischen kein öffentliches Religionsexercitium gestattet sei ‑ ein Unterschied mehr zwischen katholischen und protestantischen Untertanen gemacht werden solle. Aber schon dreieinhalb Monate danach wurde auch diese Schranke aufgehoben, und Joseph II. erließ sein von den Evangelischen mit Tränen der Freude begrüßtes, von der katholischen Geistlichkeit Wiens abgelehntes, in die Geschichte eingegangenes Toleranzpatent vom 13. Oktober 1781. Dieses Datum müssen wir evangelischen Christen Österreichs mit goldenen Buchstaben schreiben, denn mit diesem Edikt wurde zum erstenmal in der Geschichte den Evangelischen in Österreich freie, wenn auch noch beschränkte Religionsausübung gestattet.

Wo sich hundert evangelische Familien zusammenfanden, durften sie eine eigene Gemeinde bilden, durften Bethäuser bauen ohne Glocken und ohne Turm und ohne runde Fenster. Auch durften sie auf ihre Kosten einen eigenen Seelsorger bestellen, eigene Schulen bauen, auch ihre Toten mit Beistand ihres Geistlichen begraben. Es durften eigene Lehrer für die zu errichtenden Schulen angestellt werden. Diese Schulen aber mit ihrem lebenden „Inventar“ unterlagen der Aufsicht der zuständigen Schulbehörde. In Mischehen bei einem katholischen Vater mußten die Kinder katholisch getauft und erzogen werden. War aber der Vater evangelisch, dann folgten die Söhne dem Vater und die Töchter der Mutter im Bekenntnis. Das sei, nach der Meinung des Toleranzpatentes, als ein Prärogativum der dominanten Religion gegenüber zu betrachten. Die Stolgebühren für die von dem evangelischen Geistlichen durchgeführten Amtshandlungen mußten an den zuständigen katholischen Ortspfarrer abgeliefert werden.

Die Emigranten durften wieder in ihre Heimat zurückkehren, aber ihre im Lande verbliebenen katholisch erzogenen Kinder durften ihnen nicht zurückgegeben werden, weil sie sonst in Verführungsgefahr geraten würden. Bei Anstellung von öffentlich Bediensteten solle nur noch auf deren Befähigung und auf deren guten Lebenswandel geachtet werden. In den meisten Erbländern wurde dieses Toleranzpatent alsbald oder mit einiger Verspätung veröffentlicht. Nur in Tirol legte man es in die Schublade, obwohl es auch für dieses Land seine Gültigkeit besaß, weil Tirol das katholischste Land Österreichs sein und bleiben wollte. Und doch, die Kunde von dieser Glaubensduldung war wie ein Lauffeuer durch ganz Österreich gezogen, die Geheimprotestanten durften sich zu ihrem Glauben bekennen und in die Listen der Evangelischen einschreiben lassen. Es konstituierten sich die ältesten evangelischen Toleranzgemeinden in Österreich, die in ihrer Existenz bis auf die Reformationszeit zurückgehen, die als Geheimprotestanten in ihrem Glauben überwinterten und darum auch in abgelegenen Gebirgstälern der Steiermark, Oberösterreichs und Kärntens zu finden sind, wo sie dem Zugriff der „Seligmacher“ noch am ehesten entzogen waren. Vor allem um den Dachstein herum finden wir solche alten Toleranzgemeinden. Daß es bei der Bildung dieser Gemeinden oft merkwürdig zuging, beweist uns die Entstehung der noch heute zu 90 Prozent evangelischen Gemeinde auf der Nordseite des Dachsteins, der Gemeinde Gosau. Auch dorthin war die Kunde von dem kaiserlichen Duldungsedikt gekommen. Die Gemeinde hatte sich am zweiten Weihnachtstag, am Tag des ersten christlichen Blutzeugen Stephanus, in der Kirche zur Messe versammelt und hatte gehofft, der Priester würde, wie sonst üblich, des Kaisers neueste Verordnung verlesen. Das geschah aber nicht, sondern der Priester sagte nach dem Gottesdienst nur kurz und mürrisch, es sei noch ein Befehl des Kaisers da, die Ketzer betreffend. Wen es angehe, der solle sich in die Schule begeben. Sie eilten alle dorthin und hörten mit Freudentränen in den Augen die frohe Botschaft des Kaisers. Sie wurden aber unsicher, als der Gerichtspfleger sagte: Sollten sich unter den Anwesenden, was er jedoch nicht glauben und hoffen wolle, lutherische Ketzer befinden, so mögen sie ihm zur Eintragung ihrer Namen auf das Gericht folgen. Wohl begab sich die ganze Gemeinde auch dahin; nur der Priester, der Mesner sowie einige Wirte blieben zurück. Aber als es dann ans Einschreiben ging, wollte keiner den Anfang machen. Sie trauten der Sache nicht recht, sie waren ja in den hinter ihnen liegenden Jahren an manche Hinterlist und Heimtücke gewöhnt worden. Sie vermuteten hinter dem Gehörten einen neuen Hinterhalt, um der Geheimprotestanten in der Gosau habhaft zu werden. So zögerten sie und so schauten sie einander verlegen an. Da war es eine alte Botenfrau, die Brigitta Wallnerin, der zu Ehren heute ein Freizeitheim in der Gosau steht, die den Bann brach. Sie trat vor und sagte zu dem Gerichtspfleger: „Schreibt’s mich auf! Von mir weiß es ohnehin jedes, daß ich eine Lutherische bin. Dreimal bin ich schon wegen meines Glaubens eingesperrt gewesen. Müßt’s mich halt ein viertes Mal einsperren, wenn’s nicht wahr ist, was Ihr da sagt.“ Der Bann war gebrochen. Nun trat einer nach dem andern vor und ließ sich in die Liste der Evangelischen eintragen. So ist damals fast die ganze Gosau evangelisch geworden.

Daß diese ersten Toleranzgemeinden,die sich im ganzen Lande bildeten, bettelarme Gemeinden waren, weil wir sie in Gebirgstälern und abgelegenen Gegenden Österreichs suchen müssen und weil man ihnen die Rückgabe des den Emigranten enteigneten Gutes verweigerte, liegt auf der Hand. Man gebrauchte von ihnen das Gleichnis von dem armen Lazarus, „der nach 180 Jahren aus dem Grabe kroch, dem aber die Grabtücher an Händen und Füßen nicht vollständig gelöst und das Schweißtuch auf dem Angesicht nicht ganz abgetan war“. Im ersten Jahr 1782 ließen sich in ganz Österreich 73.000 in die Listen der Evangelischen einschreiben. Das war der katholischen Regierung zuviel, und neue Beschränkungen wurden eingeführt. Die gruppenweise Anmeldung zum Eintritt in die evangelische Kirche wurde untersagt und die persönliche Einzelmeldung bei den eingesetzten geistlichen Kommissären gefordert. Mit Beginn des Jahres 1783 wurden keine Anmeldungen mehr entgegengenommen. Viele Übertrittswillige, die noch zugewartet hatten und die mißtrauisch waren, mußten nun einen sechswöchigen Übertrittsunterricht mitmachen, nicht beim evangelischen Pfarrer, sondern beim katholischen Priester. Wer diese Hürde überspringen konnte, dessen Ansuchen mußte berücksichtigt werden.

Der erste evangelische Gottesdienst in Wien fand am 3. August 1783 in der dänischen Gesandtschaftskapelle statt. Der Gesandtschaftsprediger J. G. Fock, der diesen Gottesdienst hielt, wurde vom Kaiser zum ersten Superintendenten von Wien und Innerösterreich ernannt. Am 30. November 1783 wurde das Toleranzbethaus in der Dorotheergasse seiner Bestimmung übergeben. Auch im ganzen Land, in Oberösterreich, Kärnten und Steiermark, entstanden die ersten Toleranzbethäuser ohne Glocken und Turm und wurden die ersten Toleranzpfarrer aus Ungarn und Süddeutschland berufen. Diese Pastoren brachten, je nachdem, aus welchem Land und aus welcher Kirche sie kamen, verschiedene Gottesdienstordnungen und Gesangbücher ins Land, so daß wohl lebendige Gemeinden entstanden, aber keine einheitliche Kirche. An die Spitze der Kirchenleitung wurde vom Kaiser ein Konsistorium gestellt, das von Teschen nach Wien übersiedelte und dessen Führung in den Händen eines katholischen Juristen stand. Ihm waren fünf lutherische und drei reformierte Superintendenzen untergeordnet. Das Verhältnis zu den Katholiken war ganz verschieden, je nach den Bischöfen und Priestern, mit denen es diese Gemeinden zu tun hatten. . . . Der Tod Josephs II. im Jahr 1790, des einsamen und von vielen verlassenen Herrschers, wurde von den Evangelischen zutiefst betrauert; waren sie ihm doch zu großem Dank verpflichtet.

Unter der kurzen Regierungszeit seines Bruders und Nachfolgers Leopold II. von 1790 bis 1792 änderte sich für die Evangelischen nicht viel. Er hielt am Toleranzpatent fest. Auch Kaiser Franz I., von 1792 bis 1835, ließ am Toleranzpatent nicht rütteln. Er gründete sogar 1821 die Evangelisch‑theologische Lehranstalt in Wien, weniger aus Liebe zu den Evangelischen, sondern um den theologischen Nachwuchs im eigenen Lande sicherzustellen und den Geist der deutschen Burschenschaften von seinem Land fernzuhalten. Er war es auch, der 1829 wieder den Jesuitenorden in Österreich zuließ, der sich vor allem vieler Schulen im Lande bemächtigte.  . . .

Unter Ferdinand dem „Gütigen“, von 1835 bis 1848, sollte Österreich mit der Vertreibung der 440 Zillertaler Protestanten im Jahr 1837 noch einmal einen bedauerlichen Rückfall in die Zeit der traurigsten Intoleranz erleben. Den Zillertaler Protestanten wurde die Bildung einer eigenen Gemeinde versagt, die Übertrittswilligen wurden nicht in den sechswöchigen Übertrittsunterricht genommen, statt dessen setzte eine große Hetze der Geistlichkeit des ganzen Landes gegen diese Abtrünnigen ein, die die Glaubenseinheit Tirols stören wollen. Auch der Tiroler Landtag beschäftigte sich in ablehnender Weise mit dieser Sache, und am kaiserlichen Hof eiferte man gegen diese Zillertaler Protestanten: „Besser das kranke Glied abtrennen, als daß das ganze Land dahinsieche; besser die Zillertaler verjagt, als ein lutherisches Tirol.“

Es fand nun ein Kesseltreiben gegen die Zillertaler statt: man machte ihnen die Dienstboten abspenstig, verweigerte ihren Kindern die Taufe, verscharrte ihre Toten ohne Einsegnung außerhalb der Friedhöfe, die Gegenvorstellung der Bedrängten wurde mit Stockhieben und Arrest bestraft, die Gerichte verweigerten die Eintragung von Käufen in das Gerichtsprotokoll. Mit der kaiserlichen Erklärung vom 2. April 1834 wurde den evangelischen Zillertalern jede Hoffnung zunichte gemacht. Kaiser Franz entschied, daß er der Bildung einer evangelischen Gemeinde im Zillertal nicht zustimmen könne, doch stünde ihnen frei, in ein anderes Erbland zu übersiedeln, wo es akatholische Gemeinden gebe. Viele Tiroler triumphierten, und der Salzburger Erzbischof Fürst Schwarzenberg erklärte: „Dieser bösartige Krebs müsse ausgeschnitten werden, um den gesunden Körper zu retten.“  . . .

Der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. wurde von den Exulanten gebeten, an seinen Tiroler Glaubensgenossen die gleiche Barmherzigkeit zu üben wie sein Ahnherr an den Salzburgern. Nach längeren Verhandlungen wurde auch die Zusage erteilt. Man war in Wien und Innsbruck bestrebt, den peinlichen Eindruck, den der Auszug der Zillertaler Protestanten überall erregte, durch allerlei Entgegenkommen und Reiseunterstützungen abzuschwächen. Die Zillertaler fanden auf der Domäne Erdmannsdorf in Schlesien eine neue Heimat, wo sie nach ihrer Ankunft Neuzillertal gründeten. Einige wenige fanden in Wald am Schoberpaß Aufnahme, einige in Gnesau und Gmünd in Kärnten, während zwanzig über das Meer nach Chile auswanderten. Dort leben ihre Nachkommen bis auf den heutigen Tag.

Im Revolutionsjahr 1848 wurde Ferdinand vom Thron gefegt. Ihm folgte noch als Jüngling Franz Joseph I., von 1848 bis 1916. Wenn er auch überzeugter Katholik war, so war es doch sein ehrliches Bestreben, den Andersgläubigen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Mit der Urkunde vom 25. April 1848 wurde allen Staatsbürgern Glaubens‑ und Gewissensfreiheit zugesichert. Eine „freie Konferenz von evangelischen Geistlichen und Laien“ arbeitete mit Genehmigung des Ministeriums vom 3. bis 11. August eine Kirchenverfassung auf synodaler Grundlage aus. Mit Entschließung vom 30. Januar 1849 wurden den Evangelischen weitere Zugeständnisse gemacht: Anstatt mit „Akatholiken“ wurden sie jetzt mit „Evangelische A. u. H. K.“ bezeichnet. Der Übertritt in die evangelische Kirche war jetzt mit dem vollendeten 18. Lebensjahr nach zweimaliger Vorstellung vor dem katholischen Seelsorger mit zwei selbstgewählten Zeugen möglich. Die Zahlung von Stolgebühren der Evangelischen an die katholische Kirche fiel weg. Den evangelischen Geistlichen wurde die rechtsgültige Matrikenführung zugesichert. Das Aufgebot evangelischer Paare konnte nun im evangelischen Gotteshaus vorgenommen werden. Die religiöse Erziehung von Kindern aus Mischehen wurde nicht geändert. Die nun folgende Verfassung vom 4. März 1849 gestattete sogar den Bau von evangelischen Kirchen mit Glocken und Turm, so daß nun die alten Toleranzgemeinden darangehen konnten, ihre eigenen evangelischen Kirchen zu bauen. Da aber die meisten dieser Gemeinden arme Bergbauerngemeinden waren, stellten sie neben ihr Toleranzbethaus einfach einen Glockenturm, von dem sonntags die Gemeinde zum Gottesdienst gerufen wurde. Der Religionsunterricht wurde den zuständigen Kirchen übertragen und der Erwerb und Besitz von Anstalten, Stiftungen und Fonds im Rahmen der staatlichen Bestimmungen auch der evangelischen Kirche erlaubt. Die häusliche und öffentliche Religionsausübung auch für die evangelische Kirche wurde ausdrücklich festgestellt.

Freilich, das nun folgende Konkordat vom 18. August 1855 bedeutete einen gewaltigen Rückschlag für die evangelische Sache und einen Sieg des ultramontanen Katholizismus. Die Angst, das Alte könnte stürzen und eine Auflösung der bisherigen Ordnung bringen, spielte immer eine gewaltige Rolle. Die Unterrichts‑ und Ehegesetzgebung wurde der katholischen Kirche ausgeliefert, die eine Art Nebenregierung ausübte. Der Josephinismus schien den Todesstoß empfangen zu haben. Das Wort „Duldung“, das es eigentlich im katholischen Wörterbuch nicht gibt, spielte nur noch eine untergeordnete Rolle.

 

GLEICHBERECHTIGUNG

Nachdem die klerikale Reaktion auf den Schlachtfeldern Italiens zusammengebrochen war, kehrte man in Österreich zur alten Verfassung zurück. Nun wurde zum erstenmal in der Geschichte den Evangelischen mit dem Protestantenpatent vom 8. April 1861 Gleichberechtigung mit der römischkatholischen Kirche gewährt. Dieses Protestantenpatent sicherte den Evangelischen die volle Freiheit des Bekenntnisses und der öffentlichen Religionsausübung „für immerwährende Zeiten“ zu. Die kirchlichen Angelegenheiten durften nun auch von den Evangelischen selbst geordnet und verwaltet werden. Es sah einen presbyterialsynodalen Aufbau der Kirche vor. Alle Beschränkungen der bürgerlichen Rechte der Evangelischen wurden aufgehoben, die Abgaben an den katholischen Klerus fielen weg. Die Evangelischen durften eigene Schulen errichten und Lehrer berufen. Die Gemeinden erhielten das Recht der Eigentumserwerbung, der Besuch ausländischer Lehranstalten wurde gestattet, auch evangelische Vereine konnten gegründet werden. Für den 22. Mai 1864 wurde die erste Generalsynode einberufen, die eine eigene Kirchenverfassung zu beraten hatte. Diese erste Kirchenverfassung wurde am 23. Mai 1866 in Gültigkeit gesetzt. Das Land der Glaubenseinheit Tirol lief, wie es nicht anders zu erwarten war, gegen dieses Protestantenpatent Sturm. Sein Landtag ließ die Gründung evangelischer Gemeinden in diesem Lande nicht zu und wollte nur die private Religionsausübung zubilligen. So wurde noch im Jahr 1875 der Bildung der Innsbrucker evangelischen Gemeinde seitens der Salzburger, Brixener und Trienter Kirchenfürsten und seitens des Tiroler Landtages heftiger Widerstand entgegengesetzt.

Die Theologische Lehranstalt in Wien wurde 1861 in eine vollwertige Theologische Fakultät mit Promotionsrecht umgewandelt, aber sie wurde erst am 20. Juli 1922 in den Verband der Universität aufgenommen. Durch die interkonfessionellen Gesetze vom 25. Mai 1868, die von Papst Pius IX. als „abscheulich und ungültig“ bezeichnet wurden, wurde die Ehegerichtsbarkeit wieder den weltlichen Behörden unterstellt. Den Eltern wurde in gemischten Ehen das Recht eingeräumt, das Bekenntnis der Kinder vertraglich zu regeln. Vor dem siebenten und nach dem vierzehnten Lebensjahr konnten die Eltern die Konfession ihrer Kinder selbst bestimmen. Dem den gemischten Brautpaaren vor dem kirchlichen Aufgebot vorgelegten Revers für katholische Kindererziehung wurde die staatsrechtliche Anerkennung versagt.  . . .

Durch den Zusammenbruch des ersten Weltkrieges und durch den Anschluß des Burgenlandes an Österreich wuchs die evangelische Kirche in unserm Land um mehr als zwei Dutzend Gemeinden. Daß dann in der christlich-sozialen Ära, jener katholisch‑ultramontanen Partei, vor allem unter den Bundeskanzlern Dollfuß und Schuschnigg, wieder eine gewaltige Übertrittsbewegung zur evangelischen Kirche aus nationalen und religiösen Gründen erfolgt ist, darüber könnte sich nur der wundern, der es heute nicht begreifen will, daß man aus Südtirolern nicht einfach Italiener machen kann. So ist unsere evangelische Kirche in Österreich in den letzten sechzig Jahren von etwas mehr als hunderttausend Seelen um das Vierfache auf rund 420.000 Seelen angewachsen. Die Jahre des Nationalsozialismus können wir ruhig übergehen, weil der Atheismus und die Christusfeindschaft dieser Partei beide christlichen Kirchen gleichmäßig getroffen hat. Im Zuge der Neuordnung der Kirchen nach dem zweiten Weltkrieg wurde der evangelischen Kirche anläßlich der Hundertjahrfeier des Protestantenpatentes im Jahr 1961 ein neuer Staatsvertrag zuteil, der ihr größtmögliche Freiheit und völlige Eigenregelung ihrer kirchlichen Belange zusichert. Dazu genießt sie ebenso wie die katholische Kirche den Schutz und die Anerkennung eines bewußt christlichen Staates, wenn sie auch neben dieser ein Schattendasein zu führen hat und der öffentlichen Propagandamittel mehr oder weniger entbehren muß.

 

Soweit ein Auszug (Seiten 1-90, von 180 S.) aus dem Buch GESCHICHTE DER EVANGELISCHEN RAMSAU, von Pfr. Karl Dinges.  Das komplette Buch in digitalisierter Form ist beim mir erhältlich, unter  Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Die Hervorhebungen im Text habe ich vorgenommen. Horst Koch, Herborn, im Februar 2012

www.horst-koch.de